Die Frage

Als sie gegen Balogne fuhr, wandten sich ihre Gedanken wieder bewußt dem Zweck ihrer Reise zu. Die Frage, die sie an Mannsthal stellen wollte, begann sie von neuem zu beängstigen. Ungeduld und Grauen auch trieb sie an ihn wieder zu sehen, den Zauberer. Sie dachte nicht daran, daß er selbst nicht den Wunsch geäußert hatte, sie in den Sommermonaten aus dem Asyl zu rufen. Er hatte vor einigen Monaten wieder begonnen, ihr zu schreiben, freundlich scherzhafte Briefe, in denen er auch zuweilen nach ihren Wünschen fragte. Sie hatte keine. Sie war mit allem reichlich versorgt, ja, sie schämte sich ihres Überflusses. Von Angele reihte er Grüße an. Von einer Veränderung, die er plane, schrieb er ihr und die er zu rechter Zeit ihr mitteilen würde. Was mochte er gemeint haben? Während sie sann, drängten sich einige Fahrgäste an die Fenster. Die Bahn überschritt die Somme. Sie selbst erhob sich, sie sah die Dünen und, durch einen Einschnitt ward das Meer sichtbar. Unendlich blau und still, ein Ebenbild des Himmels schien es dort wie eine riesige Wiese zu planen. Balogne wirkte gegen Louvais wie ein Variete gegen ein Passionsspiel. Ein geschäftiges modisches Treiben und die Emsigkeit, die aus dem Räderwerk der Stahlfederfabriken auszulaufen schien, umgaben sie. Bald war ein Wagen gefunden, aber als sie an die Dünen kam und der Kutscher ihr den Weg nach Quesnon zeigte, dessen Villen schon hinter einem schmalen Band von Bäumen auftauchten, sprang sie rasch aus dem Wagen und bezahlte. Sie wollte allein sein mit dem Meer. Der Sand war da und dort zu Hügeln aufgewirbelt. Auf einen solchen setzte sie sich und ließ das Wunder der See auf sich zuschreiten. Es war ein Sonnenwunder. Milliarden weißblitzender Fünkchen tanzten auf blauen Wasserhügeln, die in unabsehbaren Reihen aus unendlichen Fernen auf das Ufer zueilten. War es möglich, daß das große Meer nur ein Teil der Welt, ein Teil eines Teiles war? Die Luft, das Reich des Lichtes, war unendlicher noch, sie sah in den Himmel hinauf, wie ein Abgrund war die Höhe, sie war von seligster Bläue und diese Bläue nur war die Unendlichkeit. Ihr war, als wenn sie längst gestorben wäre und selbst durchsichtig wie Luft und Wasser, ein Teil der unfaßlichen Unendlichkeiten, hinzöge ins Maßlose. Und sie fühlte Givo in sich, wie sie ihn trug auf Flügeln ihrer Seele, wie er sie trug, wie sie wie ein Libellenpaar hinschwebten über Meere, Welten — Welten, Meere, Himmel — Unendlichkeiten. Eine Nebelpfeife weckte sie. Sie sprang auf, eilte den Bäumen zu. Landsitze standen dort in Gärten, spärliche Anlagen, dem Dünenland abgetrotzt. Sie wußte nicht, in welchem Haus Adalbert wohnte, aber sie vermutete, daß es das war, das auf festgefügtem Steindamm gegen die Dünen stand, den Blick frei auf das Meer gerichtet, während seitlich ein großes Stück Gartenland sich an die Felder und Anlagen schloß, die die Villenanlage von dem Ort trennte, dessen ländliche Kirche hinter kleinen Häusern sichtbar wurde. Vögelchen sah den Gasthof, ein breitspuriges Gebäude mit dicken Mauern, hinter denen es wohnlich aussah. Einige Tische standen vor dem Hause, Landleute und bescheidene Reisende saßen und standen davor. Auch sie setzte sich hin und bestellte ein Frühstück. Außer dem Brot der Ursulinerinnen hatte sie seit dem Mittagessen des vorigen Tages nichts mehr zu sich genommen. Sie aß Eierkuchen, trank dicke Milchcreme. Oh, wie hungrig hatte sie die Seeluft gemacht! Hier hätte sie Adalberts Wohnung erfahren, aber wer weiß, unter welchem Namen er im Ort bekannt war. Eine Scheu hielt sie ab, nach dem Haus zu fragen, das das einzige war, das sie allenfalls als ihr Vaterhaus bezeichnen konnte. So ging sie und spähte hinter Hecke und Zaun. Sie hatte nicht fehlgeraten, das stattlichste gegen Sturm und Winter geschützte war Vas Wohnstatt. Denn — ihre Hände griffen in die Eisenstäbe des Gitters, da ging zwischen bunten Vervenenbeeten eine hochgewachsene blonde Frau: Angele. Sie war schwanger. Sie sah kräftig aus und um vieles jünger in ihrem rosafarbenen Morgenkleid, das keinen Zweifel über die Veränderung ihrer schlanken Gestalt ließ. Adalbert, auch er war verjüngt wie vor der Krankheit, ein wenig stärker vielleicht. Er kam aus dem Hause wie zum Ausgehen bereit, küßte die Hand der Frau, umfing sie sanft, streifte ihr Haar aus der Stirn. Vögelchen erschrak, sie kannte diese Geste. Er lächelte dankbar einem Wort aus ihrem Munde. Dann kam er dem Ausgang zu. Vögelchen stand und es schüttelte sie, als hätte sie Fieber. Die Vergangenheit trieb ihr Blutwellen ins Antlitz beim Anblick ihrer Nachfolgerin, die die Frucht dieser Nachfolgerschaft so sichtbar trug. Weh ihr, wo sollte sie sich verbergen? Aber im selben Augenblick ging das Tor und Mannsthal stand vor ihr. Er erbleichte. Nun aber ersah sie seine Züge, seine Augen, seinen Mund, wußte, fühlte es wieder, daß er sie besessen, wußte um das, was in ihr im Dämmerschlaf gelegen, um jenes Leben der verebbten Sinnenlust. Sie hatte ihre Frage vergessen, sie fühlte nur jenes andere, fühlte den Zauberer. Aber auch er überwand seine erste Erschrockenheit und fragte mit Besorgnis: „Kind, warum bist du da? Ist Dir etwas geschehen? Allein diese Reise?!“ Er legte die Hand um ihre Schultern, wie er es eben bei Angele getan. Diese Bewegung brachte sie zu sich, rüttelte sie wieder zurück in die Erniedrigung, die sie empfunden hatte.

„Nicht da hinein,“ sagte sie. „Komm weg von hier,“ und sie entfernte sich eilig. Er folgte ihr.

„Du hast sie gesehen,“ sagte Adalbert mit warmem Bedauern in der Stimme, etwas Mildes klang mit, das neu war in ihr. „Bist du ihr denn böse, mein Liebes, Kleines, du? Verzeih mir, Kind, verzeih mir. Aber es mußte sein, das brachte mich dem Leben zurück, das abzuwarten. Das allein half mir meine Krankheit zu überwinden. Vielleicht wirst du das alles einmal verstehen.“ Schon war es Vögelchen, als spräche ein Fremder zu ihr. Es schmerzte, daß sie ihn als Fremden empfand, den ihre Augen, ihr Blut so gut kannten. Und jenes Haus, jene Frau ward ihr eine fremde Stätte, aus der sie ausgeschlossen und in die übrige, unendlich große Welt gestoßen war! Jetzt, ja jetzt mußte die Frage gestellt werden. Sie stieß sie unvermittelt hervor: „Wo ist, wer ist meine Mutter?“ Er fühlte es wie Rache und seine Antwort sollte mit gleicher Münze zahlen.

„Oh, eine gute, langweilige Frau, die dich wenig fesseln würde. Ich schätzte sie leidlich, als sie jung war und vor allem nur deinetwillen. Ich habe dich ihr abgekauft, als sie zu einem anderen und bald dann auch zu einem zweiten Manne ging. Das heißt, es war ihr vierter, falls dein Vater ihr erster gewesen, was wahrscheinlich ist. Dein Vater war ein Kranker, ein Dichter und Träumer. Deine Papiere waren nicht in Ordnung. Es war nicht schwer für mich dich als Tochter anzuerkennen.“ Als Mannsthal nun Vögelchens leichenblasses Gesicht sah, sagte er besänftigend: „Deine Mutter war nicht schlecht, nur völlig willenlos und sehnte sich nach einer Heimat bei einem Mann, der nicht zu viel und nicht zu wenig von ihr wollte. Jetzt hat sie ihn seit vielen Jahren und einen Sohn dazu. Ich war nicht gerade aufopfernd gegen sie — das will ich dir gestehen, aber sie lebt jetzt in glücklicher Ehe und verdankt diese Ehe dem Umstand, daß ich dich behielt. Du wärest eine Fremde dort. Bist du nun gekommen, mich anzuklagen? Bist du mir böse geworden, weil ich an dir Mutterstelle vertreten habe? Du warst doch recht zufrieden bei mir. Oder solltest du bereuen, daß wir, daß es — war es nicht schön? Sag“ — er faßte sie leidenschaftlich an — „war es nicht schön? Nichts, nichts konnte mir das, kann mir jemals das verschaffen. Hast du es abgeschüttelt wie eine Schande, weil es die stumpfen, heuchlerischen Menschen so nennen würden, wenn sie wüßten, wie glücklich wir gewesen sind in unserer Leidenschaft. Und nun hast du ja deine Schwärmerei und eine heilige noch dazu. Ich trete dich ab an Imanuel Givo. Bist du’s zufrieden?“

Vögelchen atmete schwer. Es war zu viel, dies alles zu bewältigen. „Sie ruft nach mir — diese Frau,“ sagte sie schließlich mühselig.

„Sie wird sich beruhigen, wenn sie erfährt, daß ich mich mit Frau von Twede vermähle,“ erwiderte Mannsthal. „Erspar’ dir also eine Enttäuschung und vertrau’ mir. Was hat dich denn getrieben, wer hat dich verhetzt? Givo schrieb, du wärest so glücklich in dem Heim!“ Sie waren in den Dünen draußen in der Einsamkeit und in die Stille sprach nun das Meer mit seinem rieselnden Raunen und Rauschen. „Du hast es nie gesehen, nicht wahr?“ sagte Mannsthal, als er sah, wie sie von der Gewalt des Elementes ergriffen wurde. „Ich denke oft an dich, wenn ich hier sitze, sehne mich nach deinem Plaudern, nach deinem kleinen Körper auch. Du bist sehr wohl, nicht wahr? Siehst frisch aus trotz der Reise und der überflüssigen Aufregungen, in die du dich versetzt hast.“ Er nahm ihre Hand in die seine und drückte sie heftig. „Komm, setzen wir uns hierher. Ist es nicht einzig, das Meer?“

„Ich will jetzt zurück in den Gasthof,“ wehrte sie. „Dort habe ich meine Sachen gelassen und erwarte Briefe. Ich will auch heute noch zurück. Fräulein Gloriot könnte mir böse sein.“

„So rasch willst du fort und willst nicht deine Scheu überwinden und zu Angele kommen?“

Vögelchen schüttelte den Kopf. „Es ist zu viel auf einmal,“ sagte sie und setzte sich müde hin. Er war gleich bei ihr, kniete zu ihr hin, küßte ihre Hände. „Mein kleines, mein geliebtes Kind! Laß dich nicht verwirren. Gehören wir denn zu den anderen, mit denen du vergleichst? Oh, du Liebes, du Schönes, du!“ Er bog sie zurück, er küßte sie, er liebkoste sie, er flüsterte ihr vergessene Worte ins Ohr. „Ist es nicht wie ein Wunder, es ist heute Nacht ein Jahr gewesen. Denkst du daran, jene Nacht, in der Rosina starb. Unsere schönen, heißen Nächte, Vögelchen!“

Nonnengesang hatte sie an diesem Morgen geweckt. Sie sah das fast blödsinnige Lächeln der Priorin, das aus einer Welt heiliger Einfalt zu kommen schien. Dort im Gasthof erwartete sie vielleicht eine Antwort von Givo oder er selbst. Sie sah die schwangere Frau im Garten und in der Ferne eine Familie, die sie fremd ansah, während sie auf eine Frau zutrat und Mutter sagen wollte. Wahnsinn grinste sie an. Aber dazwischen sang das Meer das ewige Lied, das alles Einzelne in seiner Unaufhaltsamkeit aufsaugt, alles Zeitliche in seiner Ewigkeit verschlingt. „Laß mich,“ sagte sie ohne Abscheu und Hast. Sie reichte ihm zum Abschied die Hand.

„Ich bringe dich zurück nach Chaly,“ sagte er.

„Jetzt will ich in den Gasthof und allein sein,“ erwiderte sie. Ihr Gesichtchen verzog sich, aber sie schämte sich der Tränen des Mitleides über sich selbst und gleich darauf zieh sie sich der Undankbarkeit gegen Givo, der sie unter seinen Schutz genommen. So eilte sie hinweg. Mannsthal stand auf, ihr zu folgen. Aber sie wandte sich und hob beschwörend die Hände. Nun schien sie über die Dünen zu fliegen. Sie entschwebte ihm. Seine Gewalt war gebrochen.

Sie lag im Gasthof zu Quesdon, dumpf, zerbrochen. In die gesteiften Vorhänge des Bettes schlug der Meerwind. Die Türe ging auf und Givo trat ein. Sie rührte sich nicht, sah nur in hilfloser Dankbarkeit zu ihm auf. „Warum hast du es getan, ohne mich?“ sagte er. „Es wäre alles besser, leichter gewesen.“ Er sah, daß sie gelitten hatte. Er streichelte sie. Ihr Atem wurde ruhiger. Sie sprachen lange. Aber als sie dann ihm, ja selbst ihm nicht alles sagen konnte, kam wieder Verzweiflung über sie. Sie lag wie abgestorben. Da wuchs seine Angst um sie, da wollte er mit ihr fühlen, daß es kein Traum war, daß sie zu einander gehörten. Er wollte sie wärmen mit dem Zustrom seines Gefühles, mit seinen Küssen ihre Erstarrung lösen und sie schloß die Arme um seinen Hals und hielt ihn und er wollte spüren, daß ihr Herz pochte, an seine Lippen sollte es schlagen. Er löste ihre Kleider in Zärtlichkeit, er fühlte sie wie eine lose Blüte duftend in seinem Arm verhangen, keine Abwehr war in ihr, wissend sog sie sich seinen Wünschen entgegen. Aber dann hielt er sie nur warm an sich, wagte nicht, sie ganz an sich zu nehmen, und selig spürte er, wie sie den Schmerz vergaß über der drängenden Sehnsucht sich ihm zu schenken. Lange lagen sie in sinnenraubenden Flammen regungslos verschmolzen, bis er, seiner nicht mehr mächtig, in sie eindrang. Da wußte er nebelhaft im Rausche, daß sie nicht mehr Jungfrau war. Sein Schmerz erstickte in Mitleid und Erstaunen überwältigte ihn, daß sie in Liebeskünsten gewandt wie Courtisanen und doch unbewußt war wie ein Kind und verklärt in ihrem Feuer. Während er sie besaß, stürzten Tränen heißer Trauer aus seinen Augen, während er sie glühend an sich riß, entsagte er seinem liebsten Traum. Aber Vögelchen wußte nicht mehr, daß sie ein anderer besessen, ahnte nicht, daß es eine Jungfräulichkeit gab, die geraubt werden konnte, und daß nicht Givo allein genommen, was sie einzig für ihn besaß. Viel später erst erfuhr sie, durchschauert von der Ungeheuerlichkeit ihrer kindlichen Vergangenheit, in einem zufälligen Gespräch die Veränderung vom Mädchen zur Frau. Und dennoch hatte Givo sie, die nicht mehr Jungfrau war, in anderem Sinne vom Kind zur Jungfrau gemacht, denn am Morgen nach jener Liebesnacht trafen Dr. Felix Blancs Voraussagungen ein. Givo schrieb an Celia, daß er in einigen Tagen erst Vögelchen ihr wiederbringen würde. Er ließ sie ruhen und umsorgte sie mit andächtigem Gefühl.