Lea Givo

Imanuels Vater war Spanier, Chemiker von Beruf und hatte sich mit dem Studium offizinaler Pflanzen befaßt. In Indien und Südamerika hatte er Plantagen besessen, in einer deutschen Hafenstadt sein Lager und eine Fabrik zur Verwertung der Rohprodukte mit umfangreichem chemischen Betrieb. Seine schwankende Gesundheit war durch Seereisen gefestigt, als er sich noch mit fünfzig Jahren ein zweites Mal zur Ehe entschloß. Er heiratete Lea Jakobs. Ihr Vater war Holländer, die Mutter eine Norddeutsche, in Hamburg begütert. Amos Givo war ein Mann von seltener Schönheit gewesen. Immanuel erinnerte sich mit Andacht des schwarzen Feuerblickes unter weißen Brauen, der edlen elastischen Gestalt, der klangvoll starken Stimme, deren Ausdruck unvergeßlich war. Lea war achtzehn Jahre alt gewesen, kaum ihrer Glaubensschule entwachsen, als der Bund geschlossen ward. Die Eheleute der Sekte, deren Givos Eltern angehörten, heirateten nur selten nach der Staatsreligion, zu der sie sich bekannten, und wenn dies geschah, so hatte diese formelle Trauung nur den Zweck, alles zu vermeiden, was die geheime Sekte gefährden könnte. Ihren Vorschriften nach blieb die Ehe frei und ward ohne jegliches Gelübde geschlossen. Ihre Verpflichtungen waren religiöser und seelischer, nicht gesetzlicher Natur. Die Heirat bedeutete bei ihnen die Verschmelzung des Lichtes mit der Erde, die Vereinigung von Geist und Blut, die Verklärung der Leidenschaft, sie war nicht Schwur einer Frau und eines Mannes einander zu dienen und Treue zu bewahren, sie war unlösliche Vermischung ohne äußeren Zwang und erzwungenes Gesetz, eine elementare Verbindung, deren Vollzog rein innerlich ist. Der Himmel, in dem diese Ehen geschlossen werden, ist das Weltenlicht, das die Erde durchdringt.

Lea Jakobs war siebenunddreißig Jahre alt, als ihr Mann starb. Ihre Liebe für ihn war exstatischer Überschwang, die Treue nach seinem Tode nährte den Glauben an ihre gemeinsame Lehre. Manuel war damals 17 Jahre alt. Sein Vater hatte vor seinem Tod alle Liegenschaften verkauft, um den Sohn nicht an Geschäfte zu binden, ihm volle Freiheit für das erwählte Studium der Astronomie zu gewähren. Der Jüngling reiste zwei Jahre lang, traf dann seine Mutter in Spanien, wo sie gemeinsam die Familien der Sekte besuchten, die dem Vater verwandt oder nah befreundet waren. Imanuel lernte Uhari, einen Weisen und zugleich Leidenschaftlichen, kennen, mit dem er seit seinem vierzehnten Lebensjahr in Briefwechsel gestanden hatte. Er liebte ihn mit ehrfurchtvoller Glut. Doch lange war ihm die Freundschaft mit diesem Mutigsten der Sekte nicht vergönnt. Eine tückische Krankheit raffte zugleich den noch jungen Mann und seine Frau hinweg. Die Glaubensgenossen vermuteten einen Giftmord und hielten sein Andenken wie das eines Märtyrers ihrer Lehre. Uhari hinterließ eine Tochter Zora, die zur Zeit, als Givo Arabella in sein Leben nahm, in die Glaubensschule eingekleidet werden sollte, nachdem sie unter Lea Givos Wohltaten herangewachsen war.

Fünf Jahre nach dem Tode ihres Mannes, als Imanuel in Paris und Greenwich studierte, erbte Frau Givo nach ihrer Mutter deren Villa in H., ein ehrwürdiges Haus am stahlblauen Wasserbecken, in dem schon der Wellenschlag des Meeres sich kräuselt und die weißen Mövenschwärme sich wiegen. Samtene Rasenflächen senkten sich vor dem Hause zu einer vornehmen Straße herab. Hinter alten Bäumen stand das Gebäude, Lea Givos einsamer Wohnsitz. Manuel war fern. Er hatte sein Wirken in der Welt angetreten.

Lea ging durch die Straßen, niemand kannte sie. Ihre Nachbarn wußten nicht, ob das Haus bewohnt sei, so still blieb es. Sie war noch schön und wußte es im Spiegel der fremden Blicke. Ängstlich versenkte sie sich in den Glauben, ihr begehrendes Blut zu beruhigen, und es war ihr, als müsse sie um des neugläubigen Sohnes willen ihrer alten frommen Lehre getreuer sein. So fand sie auch unter den Genossen wenige, die ihren Eifer in gleichem Maße teilten.

Givo bat in jedem Briefe, sie möge ihren Starrsinn lösen und seinen Wohnsitz teilen, und obwohl sie nichts heißer ersehnte als den Sohn, entschloß sie sich nur schwer ihn zu besuchen, Kämpfe fürchtend. All ihre Liebesfähigkeit hatte sich in ihren einsamen Stunden in die selbstvernichtende Sucht ergossen, ihn allein zu besitzen, ihn nicht zu teilen mit anderen Frauen. Heimlich hatte sie ihm Uharis Waise, Zora, ihren Schützling, zur künftigen Frau erwählt. Diese würde sie nicht berauben, da sie ihr alles verdankte, was sie genoß. Zuweilen kam Imanuel und sie reisten. Sie hatten in allen Ländern Verwandte wohnen und die Sippen der geheimen Glaubensgemeinschaft. Einmal besuchten sie gemeinsam Zora Uhari in Dresden, wo diese in einem Pensionat lebte. Als Givo dann nach Frankreich zurückkehrte, wurde sie ihm zur Begleitung nach Lausanne anvertraut. Sie saß ihm gegenüber, trotzig, schweigsam, eine Welt von Geheimnissen hinter der bleichen Stirn und den verschleierten, mandelförmigen Augen. Sie war schön wie ein „Bild“, eine Schönheit ohne Wort und Geste. Es war ein unlösliches Schweigen in ihr, als hätte der jähe Tod der Eltern ein trauerndes Standbild in ihr und sie schien auf ihren Schultern jene Knechtschaft zu tragen, gegen die ihr Vater sich nutzlos aufgelehnt, um daran zugrunde zu gehen. War jemals der Verdacht jenes Giftmordes zu ihr gedrungen, hatte der in ihr das Lachen, die Jugend in der Seele erstickt? Aber Givo ahnte: sie liebte die Lehre nicht, ja ihm war, als haßte sie ihre Besonderheit und er erschauerte, ihres Vaters gedenkend, der ihr Held gewesen war. Sie schrieben einander nicht und er erfuhr auch vorerst nichts von seiner Mutter Absicht sie zu vereinen. Diese meldete ihm nur, daß Zora das Schweizer Pensionat verlassen hatte, um in die Glaubensschule einzutreten. Am Wege würde sie bei ihr ausruhen, dann werde sie ihm wohl noch mehr von Zora zu erzählen haben. Der nächste Brief aber enthielt nichts von Zora. Er lautete: „Mein Manuel, Du hast mich tief betrübt mit Deiner Nachricht. Ich habe es immer gefürchtet, daß Deine neuen Anschauungen Dich auf Abwege führen werden. Du mußt von dem fremden Mädchen lassen. Glaub mir, es ist nur ein Betrug Deiner Wünsche, daß Du in ihr ein Wesen siehst, das unsere Schauung ohne die Lehre so tief erlebt haben soll. Bei vielen findest Du ähnliches, aber das ist dennoch nicht unser Glauben. Ich quäle mich ab, daß ich Dich nicht strenger in der Altgläubigkeit gehalten habe und nun der Fluch auf mich Mutter fällt. Warum bin ich nicht bei Dir geblieben in der verwirrenden Stadt und habe Dich bewahrt? Nun liege ich wie gelähmt vom Schrecken und kann nicht zu Dir, Dich Herz an Herz zu beschwören von diesem Wesen zu lassen, das ich niemals lieben kann. Du hast sie zu Deiner Frau, sagst Du, zu Deiner Geliebten gemacht? Und das sollte ein Grund sein, sie für Dein Leben zu wählen, wo unsere Vorschriften verlangen, daß der Geist sich mit der unberührten Erde vermählt! Ist dieses Mädchen eine Jungfrau gewesen? Ich will sie gern bewundern, wenn Du sie würdig hältst, aber als die Frau, die Du in ihr erhoffst, verabscheue ich sie und hasse sie, denn Du mißachtest darin Deiner Lehre vornehmste Gebote. Weißt Du nicht, daß Frauen nur als Kinder unserem Glauben eingekleidet werden können, damit nur die Töchter der Sekte gewählt werden? Wie stünde es um unsere Gemeinschaft, wäre dem nicht so? Die fremden Frauen hätten sie längst vernichtet. Ich beschwöre Dich, mein Sohn, komm zu mir. Ein fremder Mann ist nicht von gleichem Übel, lehrte Makar Hildar, aber die Erde darf nicht Fremdland sein, in die Du säest. Lege Deine Hände auf die Wunden, die Du geschlagen hast. Bring mir das gute Licht des Glaubens, wie Du es an Deines Vaters Bahre geschworen als sein Vertreter im Geist, der die Leuchte des Hauses hält. Komm, denn ich liege gelähmt und fürchte für meine Genesung. Ich bin in Verzweiflung Deine

Mutter Lea.“

Sie lag im verdunkelten Gemach, der alten Magd weiße Haube leuchtete im Raum. Ab und zu plätscherte das Wasser im Kupferbecken, wenn Minka die Kompressen auf der Herrin Stirn wechselte. Eine große Balkontüre, halb von wildem Wein verhangen, stand offen. Vom Hafen her kam der Ruf der Dampfpfeifen wie angstvoller Aufschrei. Frau Lea Givos Qual war in dem Wehruf, der in die Unendlichkeit des Meeres klagte. Sie lag und rührte kein Glied. Sie hatte sich’s verschworen, wie lahm zu liegen, bis daß der Sohn ihr wieder Ruhe und Zuversicht brächte. Sie wartete auf ihn. Flog nicht sein leichter Schritt über den Kies? Der Abend kam, die Amseln lärmten im Garten. Schlaflose Nacht senkte sich mählich herab. Die alte Minka war im hohen Armstuhl eingeschlafen.

„Und wo sich abwandten unsere Brüder —“

Als Givo früh am Morgen Vögelchens Zimmer verlassen hatte, um das seine aufzusuchen, begegnete ihm auf der halbdunklen Treppe Mannsthal. Sie standen einander gegenüber, der Ältere mit flüchtigem Lächeln, der Jüngere mit verhaltener Abweisung. „Sie wollen zu Arabella?“ fragte Givo nach der Begrüßung, ohne Wärme, ohne des anderen Lächeln zu erwidern.

„Ja, ich erfuhr abends, daß sie sich noch hier aufhalte, und wollte nicht, daß sie wieder allein fährt.“

„Sie wird nicht allein fahren,“ sagte Givo. „Darf ich Sie bitten, sie jetzt nicht aufzusuchen. Es würde ihr die Ruhe rauben, die sie kaum erst wiedergefunden hat. Wollen Sie mir die Ehre erweisen, mit mir zu frühstücken?“

Mannsthal folgte Givo in das Gastzimmer hinab. „Vielleicht haben wir einander noch einiges zu sagen,“ sprach er. „Frau von Twede ist wohl?“ fragte Givo. „Darf man vorsprechen?“

„Frau Mannsthal empfängt jetzt nicht gern. Sie wissen wohl: sie erwartet ein Kind. Sie würde zwar Ihnen gegenüber gern eine Ausnahme machen. Wollen Sie heute kommen?“

„Ich will nicht lästig fallen. Verzeihen Sie überdies, ich wußte nicht, daß Angele sich wieder verheiratet hat. Ihre Stieftochter war auch nicht verständigt?!“

„Ich hatte Arabella erst vorbereitet. Über unsere Verheiratung unterblieb aus Rücksicht für den Legationsrat jede öffentliche Mitteilung. Angele wollte Ihnen indes selbst Mitteilung machen.“

„Es wird mich sehr glücklich machen von ihr Nachricht zu erhalten. Sie wissen, ich schätze sie über die Maßen. Wie froh bin ich, daß sie ein Kind haben wird. Es empfiehlt sich wohl doch nicht, daß ich sie besuche. Es wird besser sein, wenn Arabella nicht einer Peinlichkeit ausgesetzt ist, und ich möchte gerade vor Angele nicht mein Hiersein bemänteln. Ich bin gewiß, daß Arabella nur Freundliches für Angele empfindet und diese für sie, aber lassen wir erst Gras über diese aufgewühlte Erde wachsen.“

„Sie haben wahrscheinlich recht und ich sehe, daß ich keinem gewissenhafteren Freund Vögelchen anvertrauen könnte.“

„Noch eines möchte ich zur Sprache bringen,“ unterbrach Givo. „Sie wissen, daß Arabella sich zufolge eines Briefes jenes Studenten, den ich schon beruhigt glaubte, um ihre Mutter abquält. Halten Sie eine Vereinigung der beiden Frauen für möglich?“

„Vögelchen hat keine Mutter,“ sagte Mannsthal kühl.

Givo runzelte die Stirn.

„Diese Dame hat Arabella gegen eine sehr hohe Summe an mich abgetreten, auch ihr Mann wurde von mir bezahlt. Nennen Sie mich einen Verbrecher, weil ich sie kaufte und so Mutter und Kind getrennt habe, aber fragen Sie sich selbst, ob eine Mutter, die diesen Namen verdient, sich ein Kind abkaufen ließe! Sie hat ihre Mutterschaft veräußert. Unser Vertrag war vor Gericht nichtig. Sie hat es aber nie zu einem Prozeß kommen lassen, weil sie sich zu unsicher fühlte.“

„Bien, aber sie hat es bereut, sie wünschte das Kind zurückzugewinnen. Sie haben es verweigert, weil Sie selbst es nicht lassen wollten. Jetzt aber?“ Givo war blaß, er neigte sich vor, die Antwort rasch aufzufangen. Er selbst wünschte nicht Vögelchen an die ihr fremde Mutter zu verlieren.

„Jetzt aber fände Arabella an dieser Mutter eine in ihrer zweiten Ehe glücklich verankerte Frau, die im Grunde nur ein Kind hat, das sie ihrem zweiten Mann geboren. Daß sie sich nach Vögelchen sehnt, ist eine Erfindung dieses Verrückten, der Arabella in seine Heimat zurücknötigen will. Ich bin gewiß, daß Frau Gunter beruhigt war, als sie erfuhr, daß ich ihre Tochter nicht heiraten werde und daß sie zufrieden unter gutem Schutze lebt. Am Tage meiner Verheiratung habe ich Arabella eine lebenslängliche Rente ausgesetzt, die ihr erlaubt in bestem Wohlstand zu leben. Dies habe ich Frau Gunter mitgeteilt und sie hat seither ihrem Pariser Vertreter geschrieben, daß er nunmehr seine Nachforschungen, die ihr wohl auch zu kostspielig geworden sind, nicht weiter verfolge. Würden Sie selbst Arabella raten sich in dieses fremde Heim einzudrängen?“

Givo hatte den Kopf in die Hand gestützt. Er empfand in diesem Augenblick eine grenzenlose Liebe für das Mädchen, das seine Geliebte war und dem er Obdach und Zuflucht sein wollte. Hatte er aber nicht das Unrecht gehäuft, wenn er es als Unrecht empfand, daß der Mann ihm gegenüber das Kind besessen, der Mann, dessen Schutz sie noch unterstellt war. Oh, daß er sie nicht für alle Zeiten jedem fremden Anrecht entreißen konnte! Das Bild seiner zelotischen Mutter stand säulenhaft aufgereckt vor ihm auf und drängte die Worte in seine Kehle zurück. Noch konnte er sie nicht zur Frau verlangen.

„Nun, lieber Givo,“ sagte Mannsthal, der nicht mehr auf Antwort wartete. „Ich halte es für besser, wenn ich Ihren Rat befolge, mich jetzt zu entfernen. Sie reisen —?“

„Morgen in der Früh —“

„Auf Wiedersehen, cher Givo — bis — wie sagten Sie doch, Gras über der aufgewühlten Erde steht. Und — — ich würde Ihnen danken, aber Sie — ja selbst Sie verachten mich ja —“

Givo sah fragend in Mannsthals Blick. Spottete er oder war er ernst? „Ich achte Sie als den Gatten Angeles,“ sagte er. „Ich liebe Sie als einen, der gelitten hat.“ Mannsthal reichte ihm die Hand, Givo berührte sie leicht, er geleitete ihn zur Türe. Dann ließ er sich Papier geben und schrieb an seine Mutter.

Celia hielt Andachtsstunde in der Glycinenlaube.

„Ich will euch vom heiligen Coemgen, dem Gründer und Vorsteher des Klosters Glendalough, erzählen,“ sprach sie. „Der war schon ein Greislein geworden, ging vornübergebeugt wie die Bauern, denen lange Arbeit den Rücken gekrümmt. Der heilige Coemgen war auch ein emsiger Ackersmann gewesen, er hatte Liebe gesäet sein Leben lang. Nun war er hochbetagt, da überkam ihn Wanderlust. Als er Wiesen und Wälder durchschritt, öffnete sich ihm eine moosige Zelle und der heilige Einsiedler Barban trat hervor und sagte: „Wohin, Mann Gottes? Was wanderst du umher statt still an Ort und Stelle abzuwarten, bis sich die Unruhe in dir löst. Oder hast du jemals vernommen, daß ein Vögelchen seine Eier im Flug ausbrütet?“ Heilsam beschämt kehrte Coemgen zurück gegen Glendalough. Am Wege aber wollte er noch den blinden heiligen Berchan besuchen. Der ließ dem staubbedeckten Pilger ein laues Bad bereiten und, als nun die beiden heiligen Männer beisammen saßen, da rief der Blinde, als wäre er sehend geworden: „Was sitzt denn auf den Schuhen dieses frommen Pilgrims? Ich glaube gar, es ist ein Dämon! Hinweg, du Ausgeburt, wie wagst du es, den Schuh des Abtes zu berühren! Fort mit dir!“ Aber das Teufelchen auf dem Holzschuh rief: „Wir haben uns lange abgeplagt und konnten dem Braven nichts anhaben. So mußten wir es versuchen, ihn unter dem Schein des Guten aus seiner heiligen Ruhe zu locken. Ich schlüpfte in seinen Schuh und habe ihn zu dieser Pilgerreise verführt.“ So sprach das Teufelchen und verschwand. Der heilige Coemgen gelangte nach Glendalough und verharrte fortan in Frieden, bis er verstarb. Das Schuhteufelchen aber blieb am Leben und jüngst hat es seinen Besuch in Chaly gemacht. Da gefiel ihm ein kleines Stiefelchen aus schwarzer Seide an einem zierlichen Füßchen, das viel kleiner war als der Holzschuh des heiligen Coemgen, in den schlüpfte es und hieß es davoneilen, ohne Beratung. Wohl ihm, daß es auf dem Wege Schutz gefunden hat und klüger zurückgekehrt ist nach seinem Glendalough.“

Das war alles, was Celia über Arabellas heimliche Reise sprach. Vögelchen aber wartete, bis die anderen gegangen waren, dann kniete sie vor Celia hin und küßte ihre Hand und obwohl Givo im Hause war, blieb sie um Alphi beschäftigt und all die versäumten Vorfälle seines kleinen Lebens, die ihr Helene berichtete, schienen ihr von größter Wichtigkeit. Givo aber saß wie an jenem ersten Abend, da er Vögelchen zu Celia gebracht, im Bücherzimmer beim Abendtee mit der Freundin allein.

„Du mußt deiner Mutter Widerstand besiegen,“ sagte sie. „Oder willst du sie nicht aufnehmen in dein Leben um des einen willen, das sie dir teuer gemacht hat, daß sie rein durch das Laster gegangen ist?“

„Ich will sie aufnehmen in mein Leben, sobald du sie mir zuführst,“ sagte er.

„Ja, nun ist sie unter meinem Schutz und soll es noch eine Weile bleiben. Du magst um sie werben.“

„Wie soll ich das! Mein Glaube kennt keine Vermählung in Gotteshäusern. Was verlangst du an äußeren Zeichen?“

„Daß du sie hältst wie deine Frau und niemals mit einer anderen wohnst, daß du sie nicht verlassest oder ihr Schmerz bereitest, der ihr die Heimstatt verstört. Daß du ihr die Ruhe des Verweilens schenkest ohne sie fühlen zu lassen, daß du einen Teil deiner Freiheit um ihretwillen aufgegeben hast. Nichts ist beschämender für die Frau, als wenn der Mann mit der Sklavenkette klirrt. Denn wisse, Frauen, deren Rechte nicht in den Gesetzesbüchern der Menschen stehen, sie können nur vor Gott hintreten, wenn sie verletzt werden. Und sie müssen ihres Besitzes weit sicherer sein als die Ehefrauen, die das äußere Band stützt und hält, wenn sie für ihr Glück fürchten könnten. Und oft ist uns das nicht haltenswert, um das wir fürchten müssen aus fühlbarer Rechtlosigkeit.“

„Celia,“ sagte Givo, „Arabella ist nicht vom Dämon des Stolzes heimgesucht. Du warfest einst ein Glück von dir, weil du meintest, es sei dir nur gnädig zugemessen bis auf Widerruf.“

„Ja, ich fühlte die Stunde des Abschiedes in jedem Kusse bis zur Unerträglichkeit. So warne ich dich denn: gib ihr die Ruhe des Bleibens. Wenn du erwogen hast, daß du dies kannst, dann nimm sie in deine Tage und Nächte, Manuel!“

„Wie schlicht du es siehst. Es gibt Bündnisse, die uns erwählen, ein solches ist das unsrige, es ist bedingungslos geschlossen und Gott hat den Schlüssel zu sich gesteckt. Ich wollte, er behielte ihn und waltete unseres Friedens. Dir hat er ihn einst zurückgegeben, vielleicht zur Probe nur, da liefst du hin und befreitest dich. Ob nicht der andere sich umschlossen fühlt von der Erinnerung! Warum kommt er niemals, den kleinen Neffen zu sehen, Vögelchens Liebling? Er fürchtet sich vor dem lebendigen Bild. Wirst du niemals versuchen Gott den Schlüssel wiederzugeben?“

„Vorbei,“ sagte Celia und legte die Hände vor die Augen. „Es ist nicht gut den Stolz der Frau zu versuchen. Wozu die Kraftprobe, da ihr euch doch die Starken nennt!“

„Ach, Celia, ihr wäret nicht stolz, wüßtet ihr immer das Ende. Aber ihr glaubt, wenn ihr geht, man holt euch zurück und ihr habt es dann besser denn je,“ sagte er.

„Hüte dich davor, Vögelchens Stolz zu reizen!“ rief sie.

„Warum sagst du das, Celia? Sie ist nicht stolz. Das liebe ich an ihr. Sie ist vor allem selbstlos.“

„Aber die Selbstlosen sind die Leichtestverletzlichen. Ihr Einsatz ist immer größer als der der anderen.“

„Wenn eine Frau von mir ginge, die ich an mein Herz geschlossen habe, ich folgte ihr nicht, ich riefe sie nicht.“

„Aus Stolz, du, Manuel?!“

„Nein,“ sagte er lächelnd, „wie kann man stolz werden an Besitz, der sich nicht erweist. Ich habe kein Besitzgefühl, das hat die Frauen oft glauben gemacht, sie wären mir wertlos. Und dies Gefühl, ihrer nicht wert zu sein, läßt mich oft die Gesellschaft der Dirnen suchen. Da fühle ich mich freier und entbehre doch nicht das Weib. Ja, ja, Celia, ich weiß, was du sagen willst, ich bin nicht undankbar. Frauen, wie du und Angele es sind, gibt es wenige. Was mich bei euch freier machte, verpflichtete mich auch. Ich konnte nur nehmen und nicht leicht nahm ich, konnte nie fordern und halten, was sich wenden wollte.“

Die Türe wurde aufgerissen, Gaston, der Sechzehnjährige, stand auf der Schwelle, er wurde rot vor Scham, als Celia erschrocken aufstand.

„Ich dachte, du wärest allein, Tante Cecile,“ sagte er. Er würdigte Givo keines Blickes.

„Das dachtest du, Gaston? Wolltest mir wohl Gute Nacht sagen?“ fragte Celia mit Milde. „Ein anderes Mal stürm’ nicht so, Gaston.“ Er küßte ihre Hand, vor Givo verneigte er sich und ging.

„Eifersucht,“ sagte Celia lächelnd. „Ich nenne ihn Nemidh mit der reinen Hand. Kennst du die Legende von der heiligen Brigitta, die einen jungen eleganten Kleriker zur Bescheidenheit bekehrt und ihm verheißt, daß er ihr die letzte Ölung spenden werde. Er hütete sich die Hand zu verunreinigen, die einst seiner Heiligen das Salböl reichen sollte, daher erhielt er diesen Namen „Nemidh“.“

„Ich fürchte, er ist ganz weltlich in dich verliebt,“ sagte Givo lachend.

„Sein Vater, der Bildhauer, ist im Zuchthause,“ sagte sie. „Man hat ihn verurteilt, weil er angeblich seine eigene Geliebte getötet. Ich war zu jener Zeit mit ihm verlobt. Gaston weiß das. Begreifst du, daß seine kindische Liebe mir heilig ist, daß ich diesen Unglücklichen niemals kränken werde!“

„Oh, du liebe Gute,“ sagte Givo und freute sich, daß Celias Hand die seine warm umfing, dem alten Bund zur Bekräftigung.