Zora Uhari
Ein Wagen hielt vor Frau Givos Haus. Ein junges Mädchen sprang ab, schlug den Reiseschleier zurück, lugte durch das Gartengitter und setzte die Türklingel in Bewegung. Oben schreckte die alte Magd auf. Die Herrin schlief. Minka sah über den Balkon hinab, sah das Gefährte, von dem der Kutscher eben Koffer und Schachteln abräumte. „Gott sei gelobt, der junge Herr!“ Aber als sie unten mit dem Gärtner zusammenstieß und der Gast eben in den Garten trat, sah sie, daß es Zora Uhari war, Zora, die sie als kleines Mädchen gekannt. Wie groß war sie geworden, wie schön! Zora umarmte die alte Minka und drehte sie im Kreise umher.
„Ach, ich bin froh, bei euch zu sein; schläft die Tante?“
Die Alte hatte mit glücklichem Erschrecken des jungen Mädchens Ungestüm abgewehrt. Schläft und ist krank, sehr krank, böse Zeiten. Gut, daß du gekommen bist! Oder muß ich schon Fräulein sagen?
„Versteht sich,“ sagte Zora. „Aber sag doch, was ist’s mit Tante? Ja, das ist ja schrecklich, Minka,“ und leise flüsterte sie der Alten hinter die Haube. „Ich bin um zwei Tage früher abgefahren. Die Vorsteherin wollte, daß ich auf Begleitung warte. Da wird Tante nun am Ende noch böser sein!“
„Nein, nein, gut, daß du da bist. Wir erwarten auch den jungen Herrn und er kommt nicht. Sie spricht ganz irre. Eine böse Zeit, eine böse Zeit!“
Minka hatte Zora in das Zimmer geführt, das für sie vorbereitet war. Die legte nun Hut und Mantel ab. Man sah es ihr an, es fiel ihr schwer sich der drückenden Atmosphäre anzupassen. Sie hatte sich ihrer Freiheit gefreut. „Also sprich doch, was ist geschehen? Oder soll ich’s nicht wissen? Gehör ich denn nicht zu euch?“
„Ja, Zorachen, das ist es ja, das ist es ja,“ sagte die Alte geheimnisvoll.
„Minka, ich zwicke dich, wenn du nicht endlich ’rausrückst. Ich verkomme ja vor Angst und Neugierde.“
„Ein Brief ist gekommen.“
„Von wem?“
„Vom Manuel, er will heiraten. Nicht dich, Zorachen, keine von euch, eine Fremde! Und da liegt die Frau wie lahm, ißt kaum und horcht nur, ob er nicht schon kommt und wieder zurücknimmt, was er geschrieben hat. Leg dich hin, Kind, und ruh dich aus. Bist ja so weit hergekommen. Ich will wieder zu ihr, wachen.“
„Bleib weg,“ sagte Zora. „Ich wasch mich nur, dann löse ich dich ab. Ich will sie schon beruhigen.“
„Vielleicht erschrickt sie, wenn sie dich so plötzlich sieht.“ Die alte Frau trippelte zur Tür und sah leise ins Zimmer, in dem die Herrin schlief. „Sie schläft fest, der Brief liegt neben ihr. Ich kann nicht lesen. Was wohl alles drinnen steht!“
„Geh schlafen,“ sagte Zora. „Ich bleibe bei ihr und rufe nach dir, wenn sie dich braucht.“ Sie schob sanft und kräftig zugleich die Dienerin hinaus. Leise trat sie ins Gemach, in dem nur ein gelbliches Nachtlicht brannte. Die Tante lag da, wie steinern war ihr Gesicht, es sah nicht mehr gütig aus, wie Zora als Kind es ehemals kannte. Sie setzte sich in den Stuhl, den die Alte verlassen. Einen Augenblick griff dies alles nach ihr wie ein Traum, der Abschied vom Pensionat, den sie gewaltsam erzwungen, die Tränen ihrer Freundin, der Rosenstrauß des jungen Musikprofessors, dann die Reise, die zu ihrem Leidwesen ganz uninteressant verlaufen war. Die Hand der Tante hielt einen Brief. Sie erkannte Givos eigenartige Schrift. Der eine Teil des Blattes war herabgebogen. Was Zora im schwachen Licht der Nachtlampe lesen konnte, lautete: „.... unmöglich abkommen, dann aber kann ich Monate bleiben. Aber wie soll ich vor dich hintreten mit leeren Händen? Ich kann nicht widerrufen, was ich sagte. Ich habe dies Kind in mein Herz geschlossen und es hat vielleicht niemanden auf Erden als mich. Vernichtung bedeutete es, verließe ich es, indes ich die Frau nicht kenne, die du mir gewählt hättest. Wäre dein Herz nicht vor allem das einer Mutter, imstande die Qual, die der Sohn ihm schuf, um seiner tieferen Pflicht willen zu verwinden? Lasse ruhiger werden den Widerstreit, denn ich will kommen, ihn ganz zu besänftigen. Oh, kenntest du sie, ihr Antlitz zart wie ein fernes Bild, über das noch ein Schleier sich breitet, nur die Augen durchdringen ihn mit himmlischer Klarheit —“ Zora Uhari lächelte. Wie er sie liebt, die Fremde, das hätte sie ihm gar nicht zugemutet, dem Heiligen! Sie war verliebt in Givo, obwohl sie immer trotzig gegen ihn gewesen, aber nun hatte ihr ja der junge Geiger einen Rosenstrauß zum Abschied geschenkt und ihr heimlich geraten, sie sollte sich für Musik ausbilden. Der herrschte nun an erster Stelle. Daß die Tante sie mit Manuel verheiraten wollte, das wußte sie aus untrüglichen Zeichen, aber sie hatte das niemals ernst genommen. Vor allem war sie gewiß, daß sie mit ihrem Trotz Givos Zutrauen verscherzt hatte, und er wußte es ja als der Einzige, daß sie sich nicht freudig der geheimen Gemeinschaft einordnete, der ihre Eltern zum Opfer gefallen waren. Sie schämte sich der frommen Umständlichkeiten aus einer tiefen Keuschheit und Herbheit der Seele. Sich sichtbar zu Abseitigem bekennen, erschien ihr wie eine Entblößung heiligster Gefühle. War nicht Heirat auch das offene Eingeständnis des Beischlafes, der Schwangerschaft, das Kind die schamlose Schaustellung seines Vollzuges? Zora Uhari war wissend und wach, sie war nicht naiv und rein im Denken, aber ihr Gefühl hüllte sich vor dem eigenen Wissen in den Mantel der Keuschheit. Nein, Manuel brauchte nichts von ihrer Seite zu fürchten. Sie selbst würde seine Verbündete sein im Kampfe gegen die Mutter. Er sollte nur sehen, wie klug sie war und wie treu, wenn er sie auch noch für ein dummes Kind hielt, sie, die eine geheime Freundschaft mit einem Musiker hatte, der schon einmal in Genf öffentlich konzertiert hatte. Nein, sie wollte nicht heiraten und auch nur ein Jahr in der Glaubensschule bleiben, dann würde auch sie sich ganz dem Geigenspiel widmen. Viel Geld würde sie verdienen und niemandem gehorchen in der Welt als ihrer Kunst. Daß sie eine Waise war und es immer gewußt, das hatte sie stark gemacht und auf sich gestellt. Sie trat auf den Balkon, horchte auf das Plätschern der Alster. Ein süßes Gefühl der Freiheit strömte durch ihre Glieder, ihre jungen starken Muskeln dehnten sich wohlig. Vor ihr lag das Leben weit beschiffbar wie das Meer, das sie in einer Brise grüßte. Es war nichts Rätselvolles, was sie mit dem Atem der Freiheit einsog, nichts Ängstliches, und sie spürte auch das, daß es nichts Geheimnisvolles für sie gab. Die Tante quälte sich, arme eigensinnige Frau, dachte sie, aber sie fühlte ihre eigenen Wünsche viel zu stark, um eines anderen Leid in eigenes zu verwandeln. Minkas Stimme weckte sie aus ihrem Denken.
„Zora ist angekommen, euer Gnaden, Zorachen. Wo ist sie nun?“
Zora trat ein und küßte die Tante.