Ein Ende und ein Anbeginn

Es war Jeanne Cochard, Konrads Tischgenossin, gelungen Heimarbeit zu bekommen. Nun konnte sie den Kleinen und sich ernähren. Sie bot Konrad um geringes Geld einen guten Mittagstisch. So nahm er denn von Frau Calou dankenden Abschied und entschwand ihrem Kreise. Die Arbeit für Tallandre ging ihrem Ende entgegen. Sein deutscher Verleger lud ihn zu mündlicher Aussprache und versprach einen schönen Vorschuß für seinen Heiligen Bernhard. Er hatte sparsam gelebt: das Honorar für die Übersetzung und für das neue Werk würden für Heimreise und ein halbes Jahr Lebensunterhalt reichen. Dann würde man weiter sehen. Von Arabella hatte er einen Brief bekommen, der bedeutete Abschied: „Es freut mich, lieber Konrad, daß es Ihnen wieder gut geht. Ich glaube, es ist ganz richtig, wenn Sie in die Heimat zurückfahren. Ich kann nicht mit Ihnen, weil mich nichts abzieht von hier, wo ich gern bin. Ein Mensch wacht über mich, der ist mir gut und ich habe nur einen Gedanken, ihm wert zu sein und seine Nähe zu verdienen. Sagen Sie der Frau, die Sie meine Mutter nennen, falls es wahr ist, daß sie nach mir verlangt, ich fürchte, wir sind einander fremd und ich möchte nicht fort von hier. Warum hat sie mir niemals geschrieben? Sie hätte Wege gefunden wie Sie, auch wenn man sie gehindert hätte. Nun bin ich nicht mehr das ängstliche Kind, das sich nach ihr sehnte und sich schämt allein zu sein. Vielleicht war sie es, nach der ich manchmal weinte in all meiner Unwissenheit. Jetzt habe ich es verwunden und sie würde mich mit einer plötzlichen Liebe erschrecken. Haben Sie Dank für die Sorgen um mich und fahren Sie nun ruhig zurück. Ich bin nicht Ariel, ich bin nur ein dummes Mädchen, das Ihnen seltsam erschienen ist, weil niemand es in seinen Träumen und Ängsten gestört hatte. Aber auch das ist vorbei. Es soll jetzt ein neues Leben werden. Auch für Sie, Herr Prediger. Darum nichts mehr von unseren Narrheiten!

In Freundschaft Ihre

Arabella.“

Er las ihn oft und oft diesen Brief und, wenn er den Kopf in die Hand stützte und seine Augen feucht wurden, fuhr ihm Jeanne Cochard durchs Haar und scherzte ihm den Kummer hinweg. Wurde er dann zärtlich, so hielt sie seine Hände fest und in ihren Augen war ein Flehen. Sie fürchtete sich vor Männerliebe. Es kam ein Tag, da blieb Konrad aus. Zu Mittag wartete sie hilflos, dann noch einen weiteren Tag, schließlich ging sie zu seiner Vermieterin. Sie erfuhr, daß er sich elend gefühlt und fortgegangen sei, ohne seither wiedergekommen zu sein. Dann wäre ein Bursche da gewesen und hätte etwas Wäsche für ihn abgeholt. Jeanne fühlte, wie eine eiserne Hand ihr Herz zusammenkrampfte. Sie schüttelte den Kopf mit dem aschblonden Haar, das Konrad so gern hatte. Sie wußte nichts von Marguerite. Sie ging Frau Calous Rat erbitten. „Ich gebe Ihnen Nachricht,“ versprach diese. Sie schickte zu Marguerite, die verweigerte die Auskunft, aber der Kundschafter erfuhr von der Hausmeisterin, daß Konrad bei ihr sei und im Fieber läge. Frau Calou hatte Mitleid mit Jeanne, sie ahnte den Sachverhalt: Konrad war krank und glaubte Ursache zu haben sich dessen zu schämen. Er hatte sich zu Marguerite geschleppt, der alles Menschliche menschlich war. Sie pflegte ihn ohne viel zu fragen und sie, die ihn geschlagen, wenn sie in Zorn geriet, war nun sanft und gut, weil er bedauernswert war und einen Makel trug. Nun war er ihresgleichen. Was sollte nun Frau Calou Jeanne antworten? Sie vertröstete sie. Aber wenige Tage später ging sie selbst zu Marguerite, da hieß es, Konrad wäre im Spital. Es wäre ein böser Fall. „Dieses schmutzige Tier,“ fluchte Marguerite: „Er hat es sich auf der Reise geholt.“ Frau Calou schickte Jeanne ins Spital, aber als diese nach Konrad fragte, führte die diensthabende Nonne sie an die Schwelle der Totenkapelle und mit weinseliger Stimme erzählte sie. Der Arzt hatte wenig Hoffnung auf eine baldige und völlige Genesung gegeben und als das Fieber gestiegen, hätte der Ärmste sich des Nachts draußen im Waschraum erhängt. Schwester Philiberte hatte Nachtdienst gehabt, da konnte eben dergleichen geschehen. Die ängstliche Jeanne trat nicht ein in die Kapelle, sie fragte auch nicht nach Konrads Krankheit. Eine andere Frau kam und schob sie gleichgültig beiseite. Es war Marguerite, die einen Kranz brachte. Jeanne ging nach Hause, wo sie der Kleine erwartete. Währenddem sie ihm den Brei kochte, tropften die Tränen über ihre blassen Wangen in das Gefäß. Der Junge sah es und er fürchtete sich vor dem seltsamen Salz, das ihm die Mutter in die Speise träufelte. „Wo ist Herr Konrad?“ fragte er. Da weinte sie laut auf. Die Milch lief zischend über.

Marguerite ging allein hinter Konrads Sarg. Custove war betrunken. Sie hatte ihn beredet zu Hause zu bleiben. In Konrads Brieftasche hatte man eine verblaßte Blume gefunden, eine Enzianblüte. Sie war in ein Papier gewickelt, darauf hatte er sich angemerkt: Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur. Marguerite nahm es an sich. Weiß Gott, wie man das Zettelchen noch brauchen konnte!

Und wie die Schwester es erfuhr:

In Heiligenstadt bei Wien, unweit der Villenstraße, die heute den Namen Springsiedelweg führt, stand im Glanz der Abendsonne stadtwärts blickend ein einsamer Spaziergänger. Immer wieder ergötzte sich sein Schauen an der feinen Silhouette des Stephansturmes, der goldig umnebelt über die Häuser der Wiener Stadtbezirke ragte. Der Mann lüftete den Hut, ließ das graugemengte Haar frei, weitete sein Samtjackett, als wollte er hier auf der Höhe mit allen Poren Luft schöpfen. Dann wandte er sich und wie unter ein Joch sich zu beugen, das er plötzlich stärker zu verspüren schien, schritt er geduckt, ein frühzeitig Alternder, gegen den Beethovengang, wo einst gleich ihm ein sonderbarer Junggeselle gewandelt war, unsterbliche Harmonien im Klang des Baches erlauschend. Als er so hinschritt, vernahm er das Säuseln der fallenden Blätter und gedachte des entschwundenen Sommers. Es war ihm, als hätte er in Verbannung gelebt, wiewohl er ihn im eigenen Heim verbracht hatte. Ein Landhaus an einem See tauchte in seinem Erinnern auf, ein feines Blondwesen ging dort elfengleich über die Wege, dann wieder sah er Flammen, nächtliche Kahnfahrt, einen rollenden Berg, dem, unheilbringend, eine Circe entstieg. Seine Sommerheimat lag verwüstet. Immer wieder brach die Wunde auf, wenn er sie eben schon verharrscht glaubte, und ärgerlich über die eigene Weichlichkeit, machte er nun kehrt und stieg in das Dorf hinab. An dem Hause kam er vorbei, in dem einst sein Vater Meister Grillparzer besuchte, nebenan hörte er im Heurigengarten das halb wehmütige, halb lustige Gefiedel des „Schrammelquartetts“, Fiaker und „Zeiserlwagen“ standen die Straße entlang. Die Wiener Melodien schmolzen ihm die Bitternis in der Brust und es blieb ihm nur eine lächelnde Traurigkeit, als er sein Gartentor an der Probusgasse erreichte. Wie er nun dem alten Haus entgegenschritt, trat aus der rotverhangenen Weinlaube eine junge Frau in die Abendsonne heraus. Ihr Haar schimmerte rötlich, sie hielt den Florentiner Hut in der Hand, ein kleiner Junge stand hinter ihr.

„Verzeihen Sie, daß ich störe. Sie sind ja wohl Herr Doktor Urbacher? Ich bin Hedwig Torn, die Malerin.“

„Sie sind die Torn,“ sagte er, sich verbeugend, „die den Prater so schön malt? Und der da hier, ist das auch ein eigenes Werk?“ Er deutete auf den Jungen, der wie verzaubert im fremden Garten stand.

„Er kann wohl hier bleiben, indes ich Sie um eine Auskunft ersuche?“ fragte sie.

„Gewiß, gnädige Frau, darf ich Sie ins Haus bitten? Er fürchtet sich doch nicht, Bube?“ Hedwig schritt voran. „Eine hübsche Frau und wie bescheiden sie sich gibt trotz dieses Könnens! Was mag sie wollen,“ dachte Urbacher und öffnete die Türe zum Flur.

„Wie schön er es hat,“ dachte hier wieder Hedwig, als sie die Diele durchschritten, in der angedunkelte Bilder über alten Truhen hingen. Eine Uhr aus der Maria-Theresien-Zeit mit bemaltem Zifferblatt tickte laut in der Stille. Er öffnet eine Türe, dann aber, wohl einer kleinen Eitelkeit gehorchend, führte er sie weiter in den Gartensaal und nun hätte Hedwig fast vergessen, welch trauriger Anlaß sie hergeführt. Hier waren die Wände des großen Raumes über und über bedeckt mit den herrlichen Miniaturen der Urbacherschen Sammlung, aus Vitrinen lugten ihre besonderen Kostbarkeiten. Sie erblickte alte Möbel, seltene Bücher; durch die Bogenfenster grüßten die bunten Herbstbäume: zu viel für das Auge der Malerin, um sogleich ihrer Frage sich zu besinnen.

„Ich stehe zu Ihren Diensten,“ hatte Urbacher gesagt. Sie ließ sich in den grünen Ripsfauteuil nieder und, indem sie zur Entschuldigung vorbrachte, daß all dies Schöne sie geradezu verwirre, suchte sie nach Worten.

„Es handelt sich um eine Adresse. Mein Bruder, ein Student, ist nach Paris gefahren, eines jungen Mädchens wegen, das Sie kennen. Nun habe ich seit Wochen keine Nachricht von ihm. Alle Briefe kommen zurück. Ich bin voll Sorge. Ich möchte diesem Fräulein Mannsthal schreiben, sie weiß vielleicht, wo er sich aufhält, was vor sich geht — —“

„Seltsam,“ dachte Urbacher. „Nun kommt eine Fremde und spricht ihren siebenfach versiegelten Namen. Die Schwester jenes Menschen ist sie?!“ „Ja, ich habe von Ihrem Bruder gehört. Mein Freund Mannsthal hat mich vor einem Jahr etwa gebeten Schritte einzuleiten, um den jungen Mann, der ihm lästig war, in seine Heimat zurückbefördern zu lassen. Ich wollte mich an Ihren Vater wenden, erfuhr aber, daß der junge Mann schon großjährig sei. Ich hatte auch wenig Lust mich einzumengen. Kurze Zeit nachher verheiratete sich Herr Mannsthal und seine Tochter kam in ein Pensionat. Seither habe ich keine Nachrichten.“

„Mein Bruder hat sich lächerlich aufgeführt. Weiß Gott, wie ihm sein Dämon mitgespielt hat. Er ist von jeher ein unglücklicher Mensch gewesen. Es ist mir sehr peinlich — —“

„Ungewöhnliche Verhältnisse,“ beschwichtigte Urbacher. „Das hat ihn wohl auch verwirrt. Leider kann ich Ihnen mit der gewünschten Adresse nicht dienen. Ich kenne sie nicht.“ Seine Züge verkrampften sich, als er dies sagte. Es wurde still im Raum, Musik schwirrte herein, aus einem der Heurigengärten ins Zimmer getragen. Hedwig stand auf, bedrückt und von böser Ahnung befallen. Sie sah nun zum ersten Mal in Urbachers Gesicht — die Umgebung hatte sie bislang davon abgelenkt und mit dem feinen Instinkt der leiderfahrenen Frau erriet sie, daß auch er irgendwie verstrickt war in diese „ungewöhnlichen Verhältnisse“.

Er fühlte Wärme aus diesem Blick und er brauchte sie an diesem Abend. Rasch legte er seine Hand auf Hedwigs Arm und sagte: „Bleiben Sie.“ Dann schritt er zu einem kleinen Kästchen, entnahm ihm eine Dose, deren Deckel ein auf Elfenbein gemaltes Bildnis trug, und hielt es vor sie hin.

„Dies ist Arabella,“ sagte er. „Können Sie ihn nun verstehen, den Bruder?“ Seine Hand zitterte. Er hatte etwas getan, das ihn selbst überraschte und wie Verrat schien. „Das ist sie,“ sagte er und atmete schwer. „Ein schönes Kind, ein armes Kind,“ sagte Hedwig ergriffen.

Er gewann die Frau lieb, die dies sagte, er gewann wieder die reife, verstehende Frau lieb, und mit einem Male stand das Ungeheuerliche, das Unnatürliche mit beschämendem Schmerz vor seiner Seele, daß er um ein Kind sich in Qualen verzehrt hatte, sich weichlich ihnen hingegeben hatte. Wie ein Engel, der ihn aus Trübnis erweckte, erschien ihm Hedwig. Das Gefühl, das ihn plötzlich zu ihr hinzog, machte ihn wieder zum Manne, der sich des Weibes besinnt. Leise faltete er die mit Schildpatt gefütterte Dose auseinander, eine blonde Flechte lag darin. Unendlich fern schien ihm die, der sie angehörte, ein Traum, ein Wahn!

„Ich will nach Paris an einen Bekannten schreiben, daß er sich erkundige,“ sagte er und räumte die Dose weg. „Wohin darf ich Ihnen dann Antwort senden?“ Sie nannte die Adresse.

„Was mag ihm zugestoßen sein?“ entfuhr es ihr.

„Beunruhigen Sie sich nicht. Allen Anschein nach ist das ein sonderbarer Kauz, Ihr Bruder. Weiß Gott, was für Grillen er eben fängt. Ich freue mich, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben. Hoffentlich kann ich Ihnen bald Nachricht geben.“

„Ich bin Ihnen von Herzen dankbar. Und diese Dame, ihre Mutter, sollte ich nicht zu ihr, vielleicht weiß sie etwas von ihm? Er war mit ihr in Verbindung,“ sagte Hedwig.

Urbacher biß die Lippen zusammen, eine Frage zu unterdrücken. Es tat ihm weh, daß dieser Mensch, der gleich ihm dieses Kind vergötterte, Verrat trieb. Und dennoch focht ihn Neugier an zu erfahren, was jener erkundschaftet hatte. Mannsthal hatte ihm geschrieben, ehe er sich verheiratet hatte. „Verzeih mir, um Arabella,“ schrieb er. „Jetzt bin ich selbst nur mehr ihr ferner Schutzgeist, soweit ich selbst dieses nicht verscherzt habe. Sie hat einen Beschützer gefunden, der besser ist als wir, einer, der eines Menschen Seele und Willen in seine Seele und seinen Willen aufnimmt.“ Das war alles, was er wußte. „Laß es begraben sein,“ sagte er sich immer wieder.

„Der Bub,“ rief nun Hedwig erschrocken und sprang auf.

„Ja, was die Mutter betrifft,“ sagte Urbacher, sich ihrer Frage besinnend, die ohne Antwort verklungen war, „da bin ich nun noch weniger unterrichtet. Aber mir will scheinen, als ob man sie nicht zu oft erinnern sollte an ihre Tochter. Wunden brauchen oft Jahre, um zu vernarben, und ein Wort kann mühseliges Heilen ungeschehen machen. Auch diese Frau wurde verwirrt in diesen — Verhältnissen. Lassen wir ihr das späte Glück, das über diesem Grabe blüht. Ich sah sie jüngst vergnügt mit Mann und Kind auf dem Kahlenberg. Gibt es einem Hoffnung, daß man auch wieder sorglos werde.“

Er geleitete Hedwig hinaus. Der Garten lag erloschen. Herbst feuchtelte aus den Büschen. Der Bub kam ihr entgegengelaufen und klammerte sich an sie.

„Der braucht Sie! Beneidenswert, ein Kind zu haben,“ sagte er. „Ein Muttersöhnchen, was? Versteckt sich gar!“

„Er hat nur mich,“ sagte Hedwig. Sie sprach ihr tiefstes Leid aus, den ängstlichen Kleinen zu rechtfertigen.

„So, so,“ sagte Urbacher. Seine Stimme war ganz weich, als wollte sie ein Frauenherz streicheln. „Ich bringe Sie zum Stellwagen, zum Rauschinger hinüber. Wird Ihnen ein wenig die Seele herausrumpeln, das alte Gefährt. Lassen Sie sich’s nicht verdrießen und kommen Sie wieder.“

Aber wenige Tage später klomm er selbst in Hernals die schmale Stiege empor zu dem Photographen-Atelier, das Hedwig als Werkstatt diente. Sein Pariser Kunstfreund hatte ihm geantwortet, er werde sogleich die gewünschte Nachforschung einleiten. Das genügte als Vorwand die Frau aufzusuchen, die nun seine Gedanken beschäftigte. Maler gingen bei ihm ein und aus, er hätte einen oder den anderen nach der Kollegin fragen können. Aber schon hielt ihn die Scheu zurück, die ein ernstes Gefühl ankündigt. Der ehemalige Nervenforscher wußte über sich und andere Bescheid und gleich stellte er sich an den Pranger, als er sich dabei ertappte, der Einschichtigkeit dieser Frau nachspüren zu wollen.

„Da sind sie alle gleich sprungbereit, die Herren Böcke, ich natürlich mit inbegriffen,“ sagte er zu sich. „Aber immerhin ist das noch besser als Kindern nachzulaufen, die sich nicht wehren, weil sie unsere Niedertracht nicht kennen.“ Er läutete. Es wurde nicht gleich geöffnet. Er hörte erregte Stimmen und wollte schon wieder gehen, als die Nachbarin, die Hedwigs Türe mit ihrer Neugier bewachte, sich einmengte.

„Warten S’, ich läut’, es ist der ihrige drin,“ und ehe der Erschrockene es verhindern konnte, versetzte sie die alte Ziehglocke in stürmische Bewegung.

Im selben Augenblick öffnete sich die Tür und ein junger Mensch mit zorngerötetem Gesicht stürmte an Urbacher vorbei. Peinlich berührt stand der da und schon sagte er sich: „Da hast du wieder einmal Pech, du unverbesserlicher Narr“ — als Hedwig zum Vorschein kam. Er erkannte sie kaum wieder. Sie war in diesem Augenblick geradezu — schön. Auch ihr Antlitz war gerötet, in ihren Augen schimmerte noch eine Träne, aber sie lächelten Urbacher zu. Obwohl ihr Mund noch wie in Spott und Geringschätzung sich kräuselte.

„Ach Gott, Sie haben geläutet,“ rief sie — sie bemerkte die Nachbarin, schlug ihr die Türe vor der Nase zu und geleitete den Gast in das Atelier, das ihr und dem eben abwesenden Buben auch als Wohnstatt diente. „Nun werden Sie eine schöne Meinung von mir haben,“ sagte sie noch mit erregter Stimme. „Dieser junge Mensch der eben an Ihnen vorbeigestürmt ist, hat mich beleidigt und ich habe ihm die Türe gewiesen.“

„Da muß ich Unglücksmensch Ihnen gerade in den Weg laufen.“

„Nein, nein, Sie kamen eben recht. Ihr Sturmläuten hat mich aufgerüttelt, noch schnell das letzte, das entscheidende Wort zu sagen. Wenn wir noch lange herumgeredet hätten, wäre am Ende wieder eine Versöhnung zustande gekommen. Wissen Sie, was er gesagt hat, dieser Mensch? Er könne nicht mit mir ausgehen, ich sei ihm zu simpel gekleidet. Und da, da,“ sie hieb mit ihrer kleinen Faust auf den Tisch, „da hat er mir Geld hergelegt, einen Hunderter. Der ist ihm aber rasch an den Kopf geflogen. Andere Künstlerinnen nehmen auch von ihren Geliebten Geld an, hat er gesagt, der unverschämte Grünschnabel.“ Sie besann sich, wurde feuerrot und trat ans Fenster, Urbacher den Rücken kehrend. „Sie werden sich was Schönes denken, Herr Doktor,“ sagte sie leise. „Der Bruder ein Landstreicher und die Schwester — — Aber wissen S’ (sie begann in der Erregung im Dialekt zu sprechen), man ist doch noch jung und man kann nicht all’weil allein sein. Der da ist der Hausherrnsohn vom Fünfer-Haus. So ganz aus der Art g’schlagen ist er, malt auch ein bissel und war lieb zum Buben. Da bin ich halt mit ihm gangen. Und wegen der paar Busseln wird er jetzt frech und legt mir ein’ Hunderter hin. ‚Angabe‘, hat er gesagt und hat dabei g’lacht, daß ich ihm eine hätt’ geben können, daß ihm die Zähne“ — sie mußte selbst über ihren neuerlichen Zornausbruch lachen und unterbrach sich — „um seine Zahnderln wär’ schade g’wesen, aber sonst ist kein Schad’ um ihn. Bin froh, daß alles aus ist, hat mir schon lang nicht gepaßt.“

Urbacher dachte: „Zum Fressen ist sie, wenn sie zornig ist.“ Er ging die Wände entlang, die Bilder betrachtend: „Ihr einschichtigen Frauen habt es ja noch schlechter als wir,“ sagte er. „Warum kauft ihr der Tölpel nicht die Bilder ab statt ihr Geld anzubieten,“ dachte er. „Hören Sie, Frau Meisterin, dieses Bild aus Grinzing müssen Sie mir überlassen. Das ist ein feines Stück,“ rief er aus.

„Beschämen Sie mich nicht, Herr Doktor, das ist schon eine alte Arbeit. Aber wie lieb von Ihnen, daß Sie selbst gekommen sind! Haben Sie am Ende schon Nachricht? Sie haben mich letzthin so beruhigt. Aber nun ist mir auf einmal wieder bange.“

„Ich habe von meinem Bekannten die Zusicherung bekommen, daß er sich sogleich aufmacht, in der Wohnung, die Ihr Bruder zuletzt bewohnt hat, nachzufragen. Das wollte ich Ihnen vorläufig melden.“

„Danke, danke! Wenn nur nichts passiert ist.“

„Wo ist der Junge?“ fragte Urbacher, der sich fast fürchtete, mit ihr allein zu bleiben. „Nun will ich aber gehen. Ich komme wieder, wenn ich Nachricht habe. Dann sprechen wir auch von dem Bild. Schreiben Sie aber gleich darunter ‚Angekauft‘. Oder läßt sich’s gleich machen? Dreihundert Gulden biet’ ich dafür.“

„200 ist schon zu gut bezahlt, Herr Doktor, und gar für die Umgebung, in die es kommt. Da sollte man mit der Ehre vorlieb nehmen.“ Nun setzte er sich auf ihr Drängen wieder hin.

„Sie sollten sich nicht aufregen, Frau Meisterin; sehen Sie, das Äderchen, das Ihnen da angeschwollen ist.“ Er nannte einen lateinischen Namen. „Schonen sollen Sie sich. Sie haben gewiß schon viel mitgemacht!“

„Das erraten Sie?“

„Ja, wenn mir das nicht geblieben wäre von meiner Nervendoktorei!“ sagte er.

„Warum haben Sie es aufgegeben, das Doktern?“

„Es hat mich aufgegeben. Ich war zu neugierig, wissen Sie. Ich bin jedem Fall nachgegangen bis in seine tiefsten Ursprünge und darüber bin ich ins Philosophieren geraten.“ Er wunderte sich, daß er ihr so schlicht erklären konnte, was einst so viel Verwirrungen in ihm angerichtet hatte.

„Und die Miniaturen?“

„Die waren die Erholung, die Betäubung, der gefeite Boden sozusagen, wo nicht gekämpft wurde. Denn da drinnen,“ er zeigte auf seinen Kopf, „sah es aus wie auf einem Schlachtfeld.“

„Auf dem schließlich ein Sieg erfochten wurde?“

„Der steht noch aus,“ sagte er. „Ich brauchte halt Hilfe.“ Er lächelte ungeschickt. Das rührte sie.

„So, so, nun da stell’ ich mir vor, daß sich jemand finden könnte.“

„Glauben Sie?“

„Ja.“ Sie sagte es mit den Augen.

Und als er dann die böse Nachricht erhielt, ging er zu ihr. Er hörte sie mit dem Buben lachen. Da hatte er nicht das Herz es ihr zu sagen. Weggehen wollte er auch nicht. Er trat ein und log, er wüßte noch nichts, wäre nur wegen des Bildes gekommen, sie möchte es selbst hängen, draußen in seinem Haus. Sie fuhren zu ihm, im Fiaker, in dem er gekommen war. Der Bub saß auf dem kleinen Klappbänkchen. Da hatte sich ihm ein Traum verwirklicht, dessen Erfüllung er erst mit der Firmung erwartete, auf einem Klappbänkchen im Fiaker zu sitzen. Bei der „Linie“, die jetzt schon tief im Weichbild der Stadt ist, mußte der Wagen stehen bleiben, vom Zollbeamten angerufen. Hedwig verschloß ihr Bangen um Konrad und war fröhlich mit dem Buben. Bei einem Heurigen beschlossen sie den Abend. Wochenlang schob er es auf, von Begegnung zu Begegnung, ihr die Todesnachricht zu sagen. Eines Abends schlug er ihr vor mit dem Buben zu ihm zu ziehen, das Haus ihm zu leiten. Als sein Entschluß gefestigt war, nicht länger ihr die traurige Wahrheit vorzuenthalten, schwoll seine Zuneigung zu unaufhaltsamem Begehren. Er nahm sie zu eigen. Längst hatte auch sie ihn liebgewonnen, den sanften Spötter. Er würde dem Kleinen ein Vater sein, das fühlte sie, obwohl er oft selbst wie ein Kind war, das sie schützend sich in ihren Schutz begeben. Am Morgen ihrer Vereinigung sagte er ihr, daß der Bruder tot sei. Nun hatte sie ein Heim, darin ihr Schmerz sich mählich auflösen konnte in ein stilles Glück.