Doppelleben
Arabella erfuhr nichts von Konrads Tod. Und noch ahnte sie nicht, daß sich eine willensstarke Frau um ihres Sohnes willen gegen sie verschworen, um mit zäher Sicherheit ihr die neue süße Ruhe zu rauben. Sie hing mit großer Zärtlichkeit an Cecile und, da Clothilde das Asyl verlassen hatte und Anna auf einige Zeit in ihre Heimat gereist war, nahm sie allerlei Pflichten auf sich und wurde ein brauchbarer Mensch in den täglichen Anforderungen des Lebens. Wenn Alphi schlief, beteiligte sie sich mit Inbrunst an den der Musik gewidmeten Stunden und las mit Helene die wertvollen Bücher aus Ceciles Bibliothek. Givo kam ein, auch zwei Mal des Monats, blieb den Sonntag und gab noch ein oder zwei Tage dazu. Er sah mit Kummer, daß Ceciles Gesundheit immer gebrechlicher wurde und beriet sich mit Dr. Blanc. Den drückte noch eine andere Sorge. In Chaly begannen Stimmen laut zu werden, daß man im Asyl ketzerisch lebe, niemals sei von seinen Bewohnern jemand in der Messe zu sehen. Da machte sich Givo auf und ging mit Arabella zum Segen. Stickig war es und finster in der Kirche, ernst, fast drohend stiegen die gotischen Pfeiler auf, ohne Tröstung. Die Menge schien zusammengeschweißt im Gebet, wie ein Leib waren ihre knieenden Leiber, wie Murmeln eines Einzelnen ihre Zwiesprache mit Gott. Über all das Dunkel streckten sich die vielfarbigen Fenster und spannen blumige Lichtgarben zu einander. Arabella, die selten nur eine Kirche besuchte, war ergriffen. Die Orgel begann ihr erlösendes Spiel. Sie stand neben Givo aufrecht zwischen den Knieenden und hielt ihr Herz zu Gott hinauf inmitten der inbrünstigen Ströme der Fugen. Dank kam über sie und Demut des Gebetes. Sie kniete hin und ließ die Seele mitjauchzen im Gesang, der aufrauschte aus der Menge. Givo sah, wie sie ohne sich zu besinnen niedergekniet und tief versunken war. Wieder war er von zärtlicher Rührung übermannt und wieder mischte sich dieser, wie so oft schon, ein Gefühl schicksalschweren Wissens über dieses in seiner Hingebung wehrlose Wesen, das seinem Schutze anvertraut schien und das er dennoch nicht würde bewahren können vor der allzu großen Last der Liebe. Ja, vielleicht würde er selbst sie beschweren! Schon war alle Freiheit verwirkt, sie konnten einander nicht lassen. Givo war froh, als sie aus der Kirche traten. Zu dick war ihm dort die Luft. Aber er hatte Cecile geholfen und dem Asyl. Man hatte Arabella gesehen, wie sie in aufrichtigem Beten kniete. Ihre Andacht sicherte, ohne daß sie selbst den Sachverhalt ahnte, den Bestand des Asyls auf weitere Zeit. Denn nun schwiegen die bösen Zungen.
Als Vögelchen Manuel zur Bahn geleitete, hielt er sie lange im Dunkel des Weges im Arm. Schwer nur gestand er ihr, daß er auf längere Zeit verreise, zu seiner Mutter, in den Norden Deutschlands. Arabella nahm erschrocken seine Hand: „Nimm mich mit zu ihr, nimm mich mit! Ich will sie lieb haben.“ Da trieb es Manuel die Tränen in die Augen.
„Nein, Kind, es geht nicht. Aber wenn ich wiederkomme, hol’ ich dich zu mir, ganz zu mir!“ Vögelchen sagte kein Wort mehr. „Es geht nicht,“ sprach es immer wieder in ihr, es geht nicht! Zum ersten Male hatte er sie verwundet, sie, die kaum geheilt war von altem Leid.
Zora hatte an Givo geschrieben. Er kannte die Schrift nicht. Es war der erste Brief, den er von ihr empfing. Sie schrieb ihm, daß die Mutter schon etwas gesprächiger sei und nun stündlich seine versprochene Ankunft erwarte. Er möchte nur getrost kommen und nicht allzusehr erschrecken, wenn er erführe, wer die Braut sei, die ihm erwählt worden. Denn diese wäre ja fest entschlossen niemals zu heiraten, da sie einzig ihrer Geige Treue geschworen. Und er, Givo, der Heilige, werde doch nicht ein Zigeunermädchen aus Hispaniens Fluren ehelichen, das nichts Schöneres sich erträumte als sich heimatlos durch die Welt zu geigen. Er sollte der Mutter nicht trotzen, die von ihr erwählte Braut würde ihm Treue bewahren, indem sie sich weigere seine Frau zu werden. So hätte er denn weniger zu fürchten, als wenn die Zukunft ihm eine Willfährige entgegenführte. Nur eilig kommen möge er, denn sie wolle die Tante nicht verlassen, ehe er nicht eingetroffen sei, und jeder Tag, den sie später eintrete in die Glaubensschule, bedeutete Aufschub ihrer späteren Freiheit. Er möge ihr beistehen, schon in einem halben Jahre die Schule verlassen zu dürfen, um bei einem berühmten Geiger in die Lehre zu treten. Als Givo in Hamburg ankam, war Zora des Morgens heimlich abgereist. Sie hatte der Tante einen Brief hinterlassen, in dem es hieß, es dränge sie nicht eine Stunde mehr zu zögern, da ja nun Manuel sie entbehrlich machen würde. Geheimnisvoller Ruf wäre an sie ergangen ohne Abschied in ihr Kloster zu eilen.
„Wie fromm sie ist,“ sagte Frau Givo, die aufrecht saß, aber noch immer nicht das Bett verließ. „Ich bedaure es aber, daß du sie nicht gesehen hast. Sie ist schön geworden: eine Jungfrau.“ Sie betonte das Wort. Weder sie noch Manuel erwähnten Vögelchens Namen. Die Mutter schwieg und verlangte nichts und er ließ sein letztes Briefwort bestehen, daß er nicht lassen würde von Arabella. Zwei Monate blieben sie beisammen ohne Vorwurf und Zank, aber das Schweigen lag oft schwer zwischen ihnen und hemmte die alte Vertrautheit. Als Givo abgereist war, verfiel Frau Lea wieder in tiefes Brüten. Sie versuchte zu gehen, sie hatte es beinahe verlernt. Sie schien um vieles gealtert, als sie nach viermonatiger Weltflucht wieder auf die stille Straße trat, ihren Wagen bestieg, um ihre Glaubenswerke zu üben.
Eine ganz kleine Türe hatte sich in Vögelchens Herzen geöffnet und ließ Angst ein. Sie war manchmal fest verschlossen, wie von guten Geistern gehütet, dann wieder sprang sie auf. Über ihrer Einfriedung stand: es geht nicht. Da war eine große düstere Frau, die ging aus und ein und sagte: „Er gehört mir, mir allein.“ Fremde Frauen mit wehenden Federn am Hute nickten ihr aus Karossen, in denen sie mit dem Herzensfreund saßen und riefen: „Sieh, Kleine, wer mein Ritter ist!“
Givo blieb lang aus. Als er wiederkam, schloß sich die kleine Tür und die guten Geister hielten vor ihr Wache.
Arabella schrieb an Adalbert: „Lieber Va, ich wohne von nun ab bei Imanuel Givo. Er hat ein kleines Haus in St. Cloud gemietet. Willst Du mir erlauben die Möbel meiner Zimmer, die wohl noch im Magazin eingestellt sind, dahin schaffen zu lassen? Du wirst Dich nicht wundern, daß ich nicht Givos Namen haben werde. Er sagte mir, daß dies vielleicht erst in einer späteren Zeit möglich sein könnte. Ich glaube zu ahnen weshalb und Du wirst es wohl ebenso deuten können. Seine Mutter will mich nicht als seine Frau. Wir wollen jetzt ganz still für uns leben. Später besuchen wir Dich einmal. Frau Angele möchte doch auch an mich schreiben, falls sie Rat braucht, wenn das Kind geboren ist. Ich habe Alphi Tallandre gepflegt und weiß Bescheid um die Kleinen. Der Abschied wird mir schwer von ihm. Er ist so niedlich und fängt schon an zu plaudern. Aber Manuel erlaubt, daß Helene und der Kleine uns im Frühling besuchen. Ich habe Cecile Gloriot viel zu danken und ich hoffe, sie weiß, wie ich sie liebe. Aber wie kann ich gut sein und bei ihr bleiben, um ihr zu helfen, wenn ich mit Givo leben will, und das muß ich von ganzem Herzen. Hab auch Du Dank für Gutes und Böses.
Es küßt Dich Dein Vögelchen.“
Auf einem kleinen Dampfer fährt Givo die Seine entlang. Er blickt in das schäumende Kielwasser, er beobachtet die Fahrgäste, aber nichts kann seine Ungeduld bezwingen. Und so ergeht es täglich, seitdem er mit Arabella draußen in St. Cloud wohnt. Eilig geht er dann ans Land und ist bald an der Pforte, über der Weinlaub hängt. Frieden umfängt ihn, sobald er eintritt. Er ist meist müde von der Arbeit, die er nun emsig ihrem Ende zudrängt, weil jetzt Neues so reichlich aus ihm quellen will. Es ist, als wäre der Antrieb seiner Kräfte jene warme Erdenglut, die täglich aus einem geliebten Frauenleib in ihn einströmt. Er sieht so viel jetzt, was geschehen muß, was gesagt und gewirkt sein will, und er sieht es neu, er, der immer ein Schauender war. Noch beben in ihm die Räder der Arbeit, wenn er Arabella begrüßt, die mit kindlicher Scheu ihm entgegentritt, als teilte sie mit ihm nicht Tisch und Bett. Aber sie ist für ihn wie ein Engel der Verkündigung, der aus seiner lichten Welt der Inbrunst fromm eintritt in seinen heißen Arbeitstag und ihm ein neues Heil weist. Geschmückt ist der Tisch, festlich winken die Bücher und das Bett ist der fromme Altar ihrer Vereinigung. Über ihrem Lager sind blaue Nebel göttlicher Unendlichkeit, umschwebt ist es von berauschenden Tönen, über deren Wellen kein Schiff gelangt aus Tagland. Seine Kissen haben Engel geschlichtet aus Lämmerwolken, seine Decken sind aus Sonnenfäden gewirkt und sie wärmen die Liebenden, die nur ein Leib sind auf ihrem heiligen Lager. Manchmal ist ein leises Lachen in der Luft wie von unsichtbaren Amoretten, die Stimmchen der Kinder, die sie ihm schenken möchte, und dann, ach, ein Seufzen des Kampfes, den er mit seinen Sinnen ringt, um ihren zarten Leib nicht mit der ersehnten Bürde zu beschweren. Denn weit ab und nur wie das Auffunkeln eines wachen bösen Blickes leuchtet ein Auge und nimmt ihm den Traum Vater zu werden aus dem Herzen. Doch Glückes genug! Er hält nicht ein Weib mehr, die Liebe selbst, wie sie durch Ewigkeiten schwingt, pocht mit lebendigem Herzen an dem seinen und er fühlt, er hat ihr Wahrsein gebraucht, ihr frauliches Dasein, daß auch seine Arbeit ausströme als eine große Wirklichkeit der Liebe.
Als ein Vergangenes liegt das Lebendigste seines Lebens, sein Kampf mit dem Dunkel, unter dieser Liebe eingesargt. Schatten sind die Genossen im Laster geworden, die er zuweilen suchte, weil auch er eindringen wollte in die Tiefe, Schemen die Dirnen, Nebelgebilde die lichtscheuen Stätten. Sein Fuß strauchelt nicht mehr über diese Erinnerungen. Licht ist um ihn und seine Lust hat sich verklärt.
Arabella hat einen Garten und Glashäuser, ihre Pflanzen zu schützen. Was will sie nur mit ihren Blumen? Sie fährt sie zur Stadt, aufgetürmt auf starkem Wagen. Der hält vor den Häusern der Siechen. Sie trägt sie hinauf über die weißen Stiegen der Spitäler und mischt ihren Duft in den des Äther und der Essenzen der Reinigung. Sie tritt in die Krankenzimmer und stellt sie auf die Tische. Da richten sich die Blicke steil auf in den Betten. Es wird lichter im Raum. Ging da eine Elfe vorbei und ließ Linderung zurück? Sie kommt auf ihren Gängen auch in das Zimmer, darin Konrad gelegen, bevor er hinausschlich, die Erdenhülle abzuschütteln. Ahnunglos streift ihr Kleid das Bett an, in dem er gestrandet. Da liegen Menschen umher nach Gottes Ebenbild geformt und sind ein elendes Stück Fleisch, schlotternd in Weh und ihr Blick sucht ein Endchen Himmelsbläue, ausgespart zwischen Mauern. Sieh, da blüht ein Busch Vervenen auf dem Tisch und speist ihr Auge. In einem Saale sind Kinder gebettet, fiebrig glimmen die Augen durch den Schlitz der Lider, die zuckende Hand hält den farblosen Wurstel, der vom reichen Kind abfiel fürs Spital. Hier kann Arabella nicht enteilen. Die Schwester müht sich einem schwarzlockigen Püppchen mit dünnem Hälslein den Verband zu wechseln am bresthaften Bein, während seine Augen in hilfloser Klage sein Weh künden. Bittend tritt Vögelchen näher und die Schwester läßt ihr willig den Dienst. Die Kleine blickt in zärtlichem Bangen auf zu dem Engel, der zu ihm niederrauscht, Chrysam auf seine Wunde zu legen. Wie Flügel bauscht sich die Seide ihres Kleides und die mageren Händchen greifen nach den Perlen an des Engels Hals. Löffel auf Löffel füttert die Lichte ihm zu. Der Verband ist angelegt. Nun kommt die Mahlzeit und es weiß nicht mehr, daß ihm die Suppe vergällt ist durch Schmerz in den armen kleinen Eingeweiden. Leise bettet Vögelchen es zurück in die Kissen, wischt den Schweiß ihm mit ihrem feinen Tüchlein von der Stirn und hält sein Händchen, bis es entschlummert ist. Nun tritt sie zu den anderen, reicht ihnen Backwerk und Spielzeug. Abends beten sie für Arabella.
Aber Givo bittet Arabella eindringlich nicht mehr in die Spitäler zu gehen. Tiefer sei dann das Dunkel, wenn sie den Kranken entschwunden, und er fürchte, sie könne selbst erkranken. Nun sandte sie Bücher, las emsig, um die rechte Auswahl zu treffen, und manchmal schrieb sie Tröstungen an den Blattrand. Zu dieser Zeit dichtete Givo Psalmen und Hymnen. Arabella findet die Verse in ihre Tage gestreut und sie singen in ihr durch die Stunden ihrer häuslichen Andachten. Da ist eines „Passi flora“, genannt nach jener Blume, die Spanier fanden, seine Vorfahren als sie in Amerika landeten.
Du rotgetupfter Nektarienkranz,
Wie gleichst Du dem blutigen Dornenglanz:
Fünf Staubgefäd dem Wundenmal
Fruchtknoten dem Kelch, der Griffel dem Pfahl,
Die Narben den Nägeln, drei an Zahl,
Das Blatt der Lanze geschärfter Qual.
Du ranktest Dich auf in liebender Glut,
Du Engel der Blumen, aus Gottes Blut.
Immer wieder liehen ihm die gläubigen Sagen seiner Vorväter Gleichnisse. Vom Paradiesvogel erzählte er ihr:
Von einem Vogel sprach mir auch die Ahne,
Den sie in Neu-Guinea fliegen sahen:
Von Düften lebt er, leuchtend in der Nacht,
Fliegt unaufhörlich in des Himmels Wonne,
Borgt seine Strahlen vom Geschmeid der Sonne,
Aufschwung und Licht, das ob dem Dunkel wacht.
Er hatte ein Leid, aber er nahm es hervor, nur wenn er allein war, abseits dem Hause, das seine Geliebte hielt wie einen lebendigen Balsam. Das Leid war es um der Mutter Wahn. Er sah sie dort in ihrem kalten Haus, unbeweglich erstarrt in ihrem Trotz, fern seinem blühenden Leben.
Wie sollte er Arabella Vorbereiten, daß er für Wochen, Monate nun wieder dort mit der Mutter leben, sie aber nur besuchen würde wie ein Bekannter. Eine Zeit des Jahres gehörte der Mutter ganz, die seiner Freiheit willen all die übrigen Monde opfervoll in Einsamkeit lebte. Er lud Freunde ein, daß Arabella nicht allzu einsam würde ohne ihn. Da war nun auch Frederic Tallandre von seiner Afrikareise heimgekehrt und freute sich, daß Alphi ihn mit seinem dritten Mütterchen, Helene, besuchen würde. Er war scheu gegen Frauen, der junge Gelehrte, er war es immer gewesen und bereute es, eine Ausnahme gemacht zu haben mit der eignen, indem er sich verheiratete. Er hatte seine Frau wie gegen seinen Willen geliebt und nun war fast Groll in ihm gegen die lebendigen Frauen, die sie überlebten. Er war ein wenig wunderlich, aber kindlich gut und einfältig zuweilen. Da war Hettwer, ein junger Aristokrat, der Givo schwärmerisch liebte und dessen Freundin dienen wollte wie ein Page. Aber Vögelchen fühlte seine Gebrechlichkeit, auf die wohl er selbst sich stützte, die anderen aber niemals Halt geben konnte. Dennoch erregte Mitleid ihr eine leise Zärtlichkeit. Sie hätte ihn erwärmen mögen an ihrem Herzen. Ihre Bewunderung aber galt Frau Calou, die zuweilen an Abenden kam, um zu beraten, und mehreren jungen feurigen Menschen, die in Givos Lehre vom wissenden Licht ihre Daseinsform erkannten. Aber da waren auch mehrere, deren Weltauffassung sich nur scheinbar mit der Givos deckte. Sie erhoben den Geist zu ihrem rettenden Gott. Freilich, er sah alles, befehligte alles, aber er thronte oft über dem Dunkel als ein Dünkel und, wiewohl Arabella sein Licht sah, fühlte sie sich diesem Gottesgeist fremd, der sich nur vom eigenen Feuer nährte und selbstsüchtig sich selbst verzehrte. Sie sprach wenig und erhorchte sich viel. Ihr war manches fremd, mit dessen Wissen andere heranwachsen, und von vielem hatte sie Ahnungen, durch die sie das Gehörte auf eigene Art fortspinnen und ausbauen konnte. Eines Abends, nachdem Hettwer und die Schauspielerin Larousse gegangen waren, blieb sie lange traurig. Die Larousse hatte von einem Mädchen gesprochen, das gegen die Behauptung ihres Verlobten ihre Jungfräulichkeit durch einen Arzt hatte nachweisen lassen. Vögelchen war still und nachdenklich, dann als sie allein waren, in Scheu und Scham in sich gekehrt, als Givo sie liebkoste. Eine leise Frage hatte ihm ihre Traurigkeit verständlich gemacht. Es war ihr unbekannt gewesen, daß es solche Jungfräulichkeit gab. Ihre Seele litt Heimweh nach Kindheit, der sie sich entgleiten fühlte. Mit einem Male wußte sie, daß sie Givo reicher hätte beschenken können. Sie fühlte, daß sie ihrem ersten Freunde nachtwandlerisch vergeben, was sie wachend noch nicht besessen, es verloren, ehe sie darum gewußt. Sie wunderte sich, daß Manuel Va nicht strenge abwies. Aber Manuel Givo wußte zu sehr um die Schuld, die jeder einzelne um die des anderen trägt. Er genoß Vögelchens Liebesreife, die Mannsthal gefördert hatte, und er lebte ohne gesetzliche Trauung und dies war ihm eben möglich, weil schon ein anderer es getan hatte. Wer ohne Sünden ist unter euch, der werfe den ersten Stein ... Sie aber war ihm schuldlos, wie Tier und Blume, und wo ihre Seele aufwachte, ward Schönheit und Güte. In ihrer Bewußtheit war nichts sündig, so lange sie mit ihm lebte. Und um die leise Trauer zu heilen, ließ er tagsdarauf die folgenden Verse auf ihrem Tisch zurück:
Mir ist Dein Leib ein lichtes Himmelstor,
Durch das ich ströme in mein Paradies,
Und wenn kein Engel mich aus seinen Hallen wies
Ist’s, weil Du selbst bist Metathron im Chor.
Aeonin bist Du, doch im Dienen groß,
Sieh, Deine Schwingen ruhen mir im Arm.
Noch sind sie Dir von weitem Fluge warm,
Gebenedeit ist Göttin mir Dein Schoß.
Wie konnte sie einhergehen, anderen Frauen gleich, da ihr Herz in Seligkeit, von den Kräften seiner Anbetung getragen, sie aufhob, daß ihr Fuß kaum die Erde streifte.
Nun kam der Tag, wo Givo ihr sagen mußte, daß er nun mit der Mutter wohnen würde. Mutter, konnte sie es begreifen, war ihr nicht ein leeres Wort, was andere als unantastbares Gut empfanden und ihm so viel noch bedeutete! Als er es ihr sagte, verstand sie vor allem das eine, daß er schon lange der Mutter Beschützer war, an des toten Vaters statt und sie nicht verlassen durfte um der Pflicht willen, die er schon früh getragen. Daß sie Vögelchen ausgeschlossen haben wollte aus diesem Lebenskreis, das faßte sie nicht und es war ihr so fremd und unentwirrbar, daß sie daran in ihrem Denken wie an einen Felsen stieß, den sie umgehen, aber nicht übersteigen konnte. Und Givo wußte, nur ihre Ergebenheit würde es überwinden. Er war ihrer so sicher, er glaubte den kindlichen Geist plötzlich erwachender Auflehnung in ihr schon völlig in Liebe gelöst. Gewiß wäre es das Klügste gewesen, wenn er Arabella veranlaßt hätte, einige Wochen bei Cecile zu verbringen, aber er fürchtete ihr Mißtrauen, daß ihr das Heim wieder genommen sei, indem er freiwillig eine Trennung herbeiführte, während er, wenn sie in St. Cloud blieb, sie täglich besuchen konnte. Frau Givo war nun angekommen. Sie ging auf einen Stock gestützt und hatte allerlei Eigentümlichkeiten angenommen, die sie alt und wunderlich machten. Sie schien nicht mehr die vornehme, herb verborgene Frau. Es war, als ob eine Angst sie jage, und ihre Unruhe teilte sich anderen mit. Zu Givos Erstaunen stieg hinter ihr Zora aus dem Zug. Er erschrak fast über die Schönheit des jungen Mädchens und seine Mutter bemerkte es mit einem Lächeln, das in ihr edles Antlitz einen bösen Zug zeichnete.
„Was sagst du nun zu diesem Kind, ich habe es mitgebracht, daß du es auf den rechten Weg bringst.“
„Ich bin ausgerissen,“ sagte Zora.
Als sie im Wagen saßen, erfuhr er, daß Zora, die sich in der Glaubensschule als störendes Element erwiesen, mit Zustimmung der Tante einige Wochen Ferien erwirkt hatte. Givo war es recht, daß Zora mitgekommen war, so konnte er denn in St. Cloud unter dem Vorwand wohnen bleiben, den beiden Frauen genügend Platz in seiner Stadtwohnung zu belassen. Eine seltsame Scheu hielt ihn zurück, Arabella von Zora zu sprechen, auch von der Mutter erzählte er nicht und dieser niemals von Arabella. Er lebte während dieser Wochen zwei vor einander verborgene Leben. Er stand zwischen zwei Notwendigkeiten und, daß er sie nicht vereinen konnte, ließ ihn selbst oft minutenlang außerhalb, als einen, der sich selbst sieht und abwartet. Aber er fühlte, daß diese Zwiespältigkeit nicht andauern konnte, sie war zu sehr seinem Wesen fremd und verächtlich.
Zora hatte begonnen bei dem berühmten Geigenkünstler Mabese Stunden zu nehmen und Frau Givo sah sich vor einem neuen Konflikt. Die Rückkehr in die Glaubensschule schien ihr auch aus anderen Gründen nicht ratsam. Sie fürchtete, Zora könne sich dort durch ihre Heftigkeit neuerdings unmöglich machen und vor allen Mitgliedern der Gemeinschaft befleckt sein. Dann aber würde eine Ehe mit dem Sohn ausgeschlossen sein. Ihr Talent könnte immerhin die Möglichkeit bieten sie teilweise von der Schule zu befreien. Der Name Uhari war einer der besten unter den Schauenden. Aber gerade deshalb sollte Zora ihn nicht gefährden. Die Bitternis um Manuel hatte sie schlau gemacht und nachgiebig, wenn es galt, dem Ziele näher zu kommen. Sie hoffte schließlich, den Sohn für Zora zu gewinnen. Und Zora war ja hilflos ohne sie, denn Zora liebte das Wohlleben und den Luxus, obwohl ihr Vater Enthaltsamkeit gepredigt hatte, und sie gab ihr darin nach, gewöhnte sie an das Teuerste, nur um sie ganz in der Hand zu haben. Den tieferen Sinn der Lehre beachtete Frau Givo nicht mehr. Ihr galt einzig, ihren Willen, der ihr zum Wahn geworden war, durchzusetzen. Sie rechnete und berechnete. Mochte Manuel die Nächte mit dem fremden Mädchen verbringen, mochte er es verzehren in Liebe, um so rascher würde er frei werden für Zora. Sie täuschte sich: Manuels Leben mit Arabella war die edelste Erfüllung dessen, was seine Lehre unter Geschlechtsgemeinschaft versteht, es war ihm jenes Untrennbare, das keines äußeren Bandes bedarf, die erdenhafte Verschmelzung, aus der die göttliche Flamme schlug, das Licht über seinem Wandel, das nichts Irdisches zerstören, nichts Himmlisches verdunkeln konnte. Mochte sein Gehen und Stehen von ihr getrennt sein, ihr Einssein blieb unlöslich.
Aber zu dieser Zeit geschah es, daß Arabella zu Givo in die Sternwarte kam, was lange nicht geschehen war, um ihm Ceciles Ankunft zu melden, die ihres Leidens wegen zu ihrem Pariser Arzt gekommen war. „Es ist eine Dame bei Herrn Givo,“ sagte der Diener mit verschwiegenem Lächeln. Arabella hörte Zoras Lachen. Sie wartete eine Weile, aber es war irgend peinlich wie lauschend an der Türe zu stehen, während bittere Gedanken kamen, die sie nicht bannen konnte: Wer ist sie? Sie ist jung und lustig. Es duftet hier nach Parfüm. Warum sprach er nicht von ihr? Kann ich nicht immer eintreten zu ihm? Ist es nicht häßlich, wenn ich nicht sorglos ihn begrüße? Niemals war ihr Mißtrauen gekommen und, überdachte sie es, so gönnte sie ihn anderen Frauen. Aber nun stand sie und etwas machte ihr angst und kalt. Sie wußte es gleich, sie liebte nicht die da drinnen und gleich verurteilte sie es, einer Fremden, von der sie nichts wußte, übel zu wollen. Weil es sich aber nicht begründen ließ, weil sie nicht Beweise hatte für ihr abweisendes Gefühl, lag wohl ein Grund vor, ein geheimer Sinn, dem sie Glauben schenkte. Plötzlich ging die Tür auf und Givo trat heraus. Er wurde — er selbst spürte es mit Schrecken — bleich. War es Vögelchens Gefühl, das sich ihm mitteilte, war es der ganze Zusammenhang, der Umstand, daß er nie über Zora gesprochen, die zufällig gekommen war, mit einer Bestellung seiner Mutter, ebenso zufällig wie Arabella? Aber Givo sah sich plötzlich umstellt, verfolgt in seiner Arbeitzelle oder er täuschte sich unbewußt dies vor, um nicht sein wirkliches Gefühl der Scham über sein doppeltes Leben zu empfinden, da er, der immer gerade Wege ging und für alles Tun einstand, vor diesem Wesen, das ihm vertraute, scheinbar ein Geheimnis hatte. Er wußte, dies war nichts als der flüchtige Besuch eines Mädchens, mit dem er in heiterem und zugleich feindlichem Einverständnis stand, aber er sah es, wie Arabella es sehen mochte, als eine heimliche Zusammenkunft und vielleicht nur eine von vielen. Sie wollte sprechen, aber die Scheu, die sie zuweilen empfand, war so groß, daß sie kein Wort hervorbrachte. „Ich kann jetzt nicht mit dir gehen, es ist jemand bei mir. Willst du mich irgendwo erwarten? Wir können dann eine Weile zusammen bleiben.“
„Eine Weile?“ fragte sie. „Und jetzt?“
„Jetzt ist ein Mädchen da, das mir meine Mutter mit einem Brief geschickt hat. Ich kann es nicht rasch fortschicken, ohne es zu kränken.“
Vögelchen wollte ihn bitten: schicke sie fort, sie, nicht mich. Aber sie brachte es nicht über die starren Lippen. Sie nickte nur und ging die Stiegen hinab. Die Kniee zitterten ihr. „Wo sehe ich dich?“ rief er ihr nach.
„Cecile ist hier,“ sagte sie von unten mit mühsamer Stimme. Dann ging sie. Er blieb stehen, seine Füße waren bleischwer. Hinter ihm stand Zora. „War sie das?“ fragte sie und ihre mandelförmigen Augen leuchteten.
„Wer denn? Ach, ihr Frauen, ihr Neugierigen,“ sagte er. Als Zora gegangen war, stand unten an der Tür Arabella. Sie hatte den Schleier über ihr Antlitz gesenkt, aber Zora wußte: das ist sie. Und Zora schritt sorglos weiter, hob ein wenig trotzig den Kopf, als sie an ihr vorüberkam, und Arabella schien es, als kräusle ein Lächeln ihren Mund. Ein kleiner Funken knisterte zwischen ihnen: Feindschaft.
Als Manuel nach St. Cloud kam, fand es sich, daß Arabella mit Cecile zur Bahn gefahren war. Er hatte zwar eine Verabredung mit seiner Mutter, aber nun hatte ihn Unruhe und Sehnsucht befallen, sie an sein Herz zu drücken. War es möglich, daß sie etwa, ohne ein Wort zu hinterlassen, weggefahren war? Welcher Teufel hatte ihn gejagt, nicht das, was ihm das Wertvollere und das Natürlichere war, zu tun? Er quälte sich. Warum hatte er sie, nicht Zora weggeschickt!
Vögelchen kam spät nach Hause. „Allein bist du den einsamen Weg gegangen?“ sagte er und nahm sie in die Arme wie eine Mutter ihr Kind. Er war so froh, daß sie zurückgekommen war. Da weinte sie, weinte all ihre unausgesprochene Angst um jenes Leben, in dem er war abseits von ihr, in einer fremden Welt, die ihr feind war.