Ein Heim
Konrad war heimgekehrt. Herr Hofrat Engelbert Kruger, der verdiente Landesschulinspektor, der aussah wie ein nordischer Fischer (sein weißer Bart lief wie ein Röllchen unter dem Kinn zu den Schläfen hinauf bis zu den Brillenhaken), Herr Hofrat kam des Nachmittags später ins Amt und versäumte abends seine Kartenpartie. Das bedeutete nichts anderes als: Konrad ist heimgekehrt. Frau Hofrats rundliche Wangen hatten rote Flecken — Frau Rat nannten sie die Kinder, weil sie Goethes Mutter glich —, Frau Rats flinke Augen schossen umher wie ein Eichkätzchen in seinem Bauer und liefen forschend und erschrocken umher und sie suchten Schlüssel und fanden sie nicht. Anselma Kruger, der Tochter zärtlich verblühtes Gesicht, sah plötzlich böse aus und sie hatte ihre äußerst sorgfältig ausgeführten Spitzen zur Seite gelegt, weil sie eine Migräne nahen fühlte. Das hieß: Konrad ist heimgekehrt. Lisbeth, das Mädchen, vertauschte ihre verwaschene Bluse mit einer neueren, die ihren Busen vorteilhafter erscheinen ließ, denn diesen hatte „der junge Herr“ schon des öfteren belobt. Fürbaß, der Dackel, verübte mit seinem Schwänzchen die kunstvollsten Windungen und war gleichgültig gegen Lisbeth. Der Hausmeister sandte seinen Jungen um Bier, denn er wußte, die nächsten Abende brachten reichlicheres Sperrgeld. Dies alles besagte: Konrad ist heimgekehrt.
Ob aber mit Ausnahme von Fürbaß irgend jemand an des verlorenen Sohnes Heimkunft menschlich Anteil nahm, schien zweifelhaft.
Warum war er zurückgekehrt? Er wußte, wenn er Arabella folgte, war der Bruch mit dem Elternhaus besiegelt. Er besaß kein Geld für Lustreisen und konnte es sich in kurzer Zeit nicht standesgemäß erwerben. Das Honorar seiner geheim erteilten Privatlektion hatte er eben aufgezehrt. Wenn er nicht wieder sein gedankenschweres Haupt unter das häusliche Joch beugen wollte, war es ihm unmöglich, die Sekretärstelle jenes einflußreichen Vereines zu erlangen, die ihm sein Vater für alle Fälle bereit hielt. Wenn er sich liederlich in die Welt schlug, war er ein für alle Mal unbrauchbar geworden für die Zucht des hofrätlichen Familienherdes. Aber er wußte auch abseits seiner Selbstgefühle, der Vater war alt, die Pension würde einst nicht reichen, wenn dann auch Anselma ihre aufgestapelten Spitzen verkaufte. Das wenige Geld, das vorhanden gewesen war, hatte man für Anselmas Aussteuer (die in einer Truhe verschlossen blieb) und für die Hedwigs verausgabt. Für Hedwig, die nun verstoßen war. Und deshalb hatten sich die Eltern, wiewohl sie fromm waren, seinem Vorsatz, Pfarrer zu werden, widersetzt. Sie ahnten, er wähle dies Amt, um seine ekstatische Seele jubilieren zu lassen, und daß diese durch alle beruflichen Schranken durchbrechen würde. Frau Hofrats Vater war akademischer Maler gewesen und in der Schule, wo Engelbert Kruger seine erste Supplentenstelle einnahm, Professor im Zeichnen. Er trank gern und liebte die Frauen, er spielte sogar und arbeitete wenig. Kruger wollte das mutterlose Töchterchen geborgen wissen und heiratete sie bei der ersten Gehaltsaufbesserung. Aber er ließ die Frau niemals vergessen, daß er eine Edeltat an ihr verrichtet hatte. Nun waren zwei Kinder mißraten und zeugten wider sie. Oder war dem nicht so? Manchmal stiegen ihr Zweifel auf, ob denn Hedwig und Konrad, diese begabten, schöpferischen Menschen, wirklich mißlungen waren. Aber diese zweifelnde Stimme kam aus dem Grab einer Gewesenen, denn die müde, alte Frau widersprach Herrn Hofrat Engelbert Kruger längst nicht mehr. Konrads Willen aber bis zum äußersten zu durchkreuzen, war nun auch dem Hofrat nicht möglich gewesen. Er war also für Theologie auf der Hochschule eingeschrieben. Nun war aber der Junge ein Sonderling. Er liebte es, allerlei Vorgänge haargenau zu beobachten. Kinder, die sich prügelten, Menschen, die sich betranken, Eheleute, die sich zankten, und besonders fesselte ihn das Treiben der Liebespaare. Er nannte das Psychologie zu seelsorgenden Zwecken betreiben, hatte aber wohl seine heimliche Freude daran und vergaffte seine Lehrzeit dabei. Er kam spät abends, oft erst nachts nach Hause, weil er in Kneipen saß ohne zu trinken oder des Frühlings in Gärten zwischen heimlichem Liebesgetändel ohne selbst zu tändeln. Schließlich begann er ein umfangreiches Buch zu schreiben und veröffentlichte eine Studie über die Schriften Athenagoras, an die er eine neue Auffassung des Logos knüpfte, die ihm einen Verweis seiner Lehrer eintrug. Bald war es auch kein Geheimnis mehr, wer der Verfasser der in der „Hochwarte“ erscheinenden „Kritiken der Lebensführung“ war, die eine stupende Kenntnis geheimer Dinge bezeugten, zu denen sonst ein junger Theologe weder eine bejahende noch eine verneinende Beziehung hat. Sein Vater nannte sie den Auswurf eines Verlorenen und Anselma, die sie heimlich las, behauptete, daß der letzte ihrer Freier ihnen zum Opfer gefallen sei, da kein anständiger Mensch sich einfallen lasse, mit dem Verfasser dieser Schändlichkeiten eine Verwandtschaft einzugehen. Wenn Konrad nicht rechtzeitig zu Hause war, wurde ihm fortan das Essen entzogen, das Taschengeld wurde gekürzt und alle seine Bücher, die dem Hofrat verdächtig erschienen, verkauft. Als der Vater erfuhr, daß er Hedwig besuche, gab er ihm eine Ohrfeige. Daraufhin verließ Konrad das Haus.
Nun aber war er dennoch zurückgekehrt. Eine plötzlich erwachte Zärtlichkeit hatte, alle Einwände besiegend, ihn nach Hause getrieben. Er liebte des Vaters Art, über die Brille hinwegzusehen, seine liebreiche Beschäftigung mit Blumen und Tieren bei den gemeinsamen Ausflügen, er liebte der Mutter dunkle Augen, die allmählich heller geworden waren, ihre geheime Nachgiebigkeit, ihr Leid um Hedwig, er liebte Anselmas zärtlich verblühtes Gesicht und ihre nach Quittenäpfeln duftende Ordnungsliebe, ihre Trauer um den gestorbenen Verlobten. Er erinnerte sich an Fürbaß, den Dackel, und an Weihnachten. So war er denn wieder da und trotz allem entschlossen zu bleiben, wenn man ihn gut empfing und rücksichtsvoll behandeln wollte. Er erwartete Zugeständnisse, aber seine Abwesenheit hatte sich als eine sorgenlose Zeit bewährt und seine Rückkehr wurde nicht einer Belohnung wert befunden. So wurde denn der Spieß umgekehrt und Konrad dazu verhalten auf die Veröffentlichung bedenklicher Aufsätze zu verzichten, seine Besuche bei Hedwig zu unterlassen und nur ausnahmeweise die Abende außer Hause zu verbringen. Man behandelte ihn wie einen Mieter, der das Kostgeld nicht mehr bezahlt, den man aber nicht unverblümt vor die Türe setzen will. Im Spätherbst wurde die Sekretärstelle frei. Bis dahin mußte Konrads Aufführung musterhaft sein, auch sollte er schon einen Monat vorher als Volontär sich einarbeiten. Er ließ sich einige Tage Bedenkzeit. Dann kam Vögelchens Brief, darin standen hell drei Worte: „Warten Sie ab.“
Ausreißen konnte man immer noch. So gab er sich scheinbar zufrieden. Aber die Stadt begann ihren verderblichen Einfluß zu üben. Hatte er am See nur seiner Arbeit an dem Buche „Von St. Bernhard“, den Wanderungen in der Landschaft und seinen Träumen um Arabella gelebt, so begannen nun die erregten Nerven ihre Gifte auszuscheiden. Seine Arbeiten wurden wieder eifernden Geistes, seine Spaziergänge jenen hämischen Beobachtungen gewidmet, seine Sehnsucht nach dem geliebten Wesen Wahn und Eifersucht. So entstand der teuflische Plan in ihm, Mannsthal an Vögelchens Mutter zu verraten und ihr Geld zu entlocken unter dem Vorwand, die Vorgänge aus nächster Nähe beobachten zu wollen. Es schien ihm zweifelhaft, daß ein Brief an jene Deckadresse die Dame noch erreichen würde; geschah dies dennoch, so hatte sich eben der Zufall für seine Absicht entschieden. Er schrieb:
„Gnädige Frau, es gehen Dinge vor, die Ihre Duldung nicht finden würden. Gestatten Sie, daß ich Ihnen mündlich berichte. Ich habe die Gefahr erkannt, in der Ihre Tochter schwebt, und stelle mich Ihnen zur Verfügung, um ihre Errettung zu bewerkstelligen. Hochachtend ergeben Konrad Kruger, Student der Theologie, Sohn des Hofrats Engelbert Kruger, Landesschulinspektors usw. Postlagernd Treustraße.
P. S. Bitte um Diskretion.“
Konrad war bald als lästiger Nachfrager auf dem bezeichneten Postamt bekannt. Vierzehn Tage lang stahl er sich, vorsichtig auslugend, ob niemand ihm folge, dahin, und als ihm tatsächlich am fünfzehnten Tage ein Brief eingehändigt wurde, erbleichte er vor staunender Erregung und Erwartung.
Er las: „Mein Herr, finden Sie sich, bitte, am 3. dieses um zehn Uhr vormittags in meiner Stadtwohnung, Ring Nr. 3, Tür 5, in der ich mich eben vorübergehend aufhalte, ein. Sollten wir einander versäumen, erbitte ich sogleich Nachricht nach Hetzendorf bei Wien, Villa Martha.“
Konrad sah auf die Uhr. Es war zehn Uhr vorbei, aber das Datum stimmte. Er konnte nun nicht mehr nach Hause, um seinen Anzug zu wechseln, alles, was er riskierte, war, sich beim nächstbesten Friseur rasieren zu lassen. Es war elf Uhr, als er in das kühle, vornehme Haus eintrat und im ersten Stock klingelte. Nach angstvollem Horchen vernahm er Schritte und, während er auf der gegenüberliegenden Türe las: Dr. Franz Gunter, Hof- und Gerichtsadvokat, vernahm er, wie das Guckloch an der Türe sich bewegte. Frau Martha Gunter öffnete. Es war noch alles verdunkelt in der Wohnung, die Luft war dumpf trotz des geöffneten Fensters in dem Raum, in den Konrad ihr folgte. Bilder und Lampen waren verhängt, an ihrer Größe und den kostbaren Wandbehängen ließ sich eine prunkvolle Einrichtung erkennen. Im Nebenzimmer wurde ein Kamin abgetragen. Aus diesem Grunde war Frau Gunter zur Stadt gekommen und hatte bei dieser Gelegenheit nach dem Brief jenes rätselhaften Waldmenschen gefragt, der auf geheimnisvolle Weise in die Erlebnisse ihrer Tochter eingeweiht schien. Die Stimme der Dame war nicht dieselbe, die erregt und heiser aus jenem Gespräch am See geklungen hatte. Der schwere Schlag der Augenlider und der Schleier der Wimpern jagten ihm Fieber der Erinnerung durch die Glieder. Und des geliebten Wesens deutlichere Gestalt gab ihm Mut und er begann:
„Meine Gnädige, Sie werden mich für einen Narrn oder für einen Schwindler halten, jedenfalls für einen Menschen, der sich dreist in fremde Angelegenheiten mengt und der deshalb wenig vertrauenerweckend scheint. Ich will Ihnen aufrichtig die Wahrheit sagen. Ich habe Ihre Tochter sehr lieb gewonnen und die Eifersucht hat mir die Gefahr gezeigt, in der sie schwebt. Weniger Tage der Freundschaft hat es bedurft, um zu erkennen, daß ihr Stiefvater sie liebt und daß dieser Herr nur wartete, bis ihm sein Opfer mundgerecht war.“
„Was sagen Sie! Schweigen Sie, schweigen Sie,“ unterbrach die erbleichende Frau die einstudierte Rede. „Machen Sie mich nicht noch unglücklicher. Woher wissen Sie, daß es geschehen ist? Es ist furchtbar. War je eine Mutter unglücklicher?“
„Beruhigen Sie sich, gnädige Frau. Noch ist nicht alles verloren. Arabella ist ein himmlisches Wesen. Noch reicht ihr der Schmutz nicht bis zu den Knöchelchen der Füße. Sie kann nicht, sie wird nicht verderben. Ich glaube an sie, wie an ein göttliches Wesen. Aber sie muß fort von dem Verführer, sie muß zu Ihnen zurückkehren.“
„Sprechen Sie sich deutlicher aus! Haben Sie Nachrichten von dort? Haben Sie Briefe?“
Konrad zog ein Schreiben Camills hervor und zeigte, indem er es vorsichtig festhielt, der Dame folgende Stelle:
„Sie wohnen allein und schicken mich fort, wann es nur angeht. Das Fräulein ist ganz verändert und läßt sich vor ihm nicht blicken. Dann wieder sind die Kissen noch am Nachmittag in Unordnung. Ich schreibe Ihnen das, weil ich Ihnen es versprochen habe und wir Freunde sind. Wenn Sie es weiterreden, verlier ich den Posten, also denken Sie an die Freundschaft, die wir uns zugetrunken haben.“ Es folgten noch einige zweideutige Ausführungen über den Geschlechtsverkehr ungleichaltriger Menschen, die an ein Gespräch anzuknüpfen schienen, das der Schreiber mit Konrad geführt hatte. Offenbar lag für Camill hier die Basis der seltsamen Freundschaft mit dem Studenten. Frau Gunter las nur die ersten Zeilen dieser Bemerkungen, dann legte sie errötend die Hände vor ihr Gesicht.
„Es ist so gut wie sicher,“ sagte sie, ohne ihr Antlitz zu enthüllen, mit erstorbener Stimme. „Aber Beweise sind das nicht und rechtlich kann ich nichts erwirken. Es ist ungeheuerlich!“
„Ich will Ihnen Beweise schaffen. Ich werde es bezeugen können. Es wird mir nicht an Mut und Schlauheit fehlen, glauben Sie mir.“
„Und was dann?“ sagte Frau Gunter, deren Körper wie im Frost erschauerte. „Mein Mann wird einen Prozeß zu verhindern wissen und niemals werde ich ihm das arme Kind entreißen können. Es ist mir fremd geworden. Es kennt mich nicht mehr.“
„Sie irren, man muß Ihre Tochter erwecken mit geistlicher Kraft und ihn mit Drohungen erschrecken. Geben Sie mir die Befugnis, in Ihrem Namen den Verführer zu entlarven. Ich will alles aufgeben, Beruf und Elternhaus. Ich habe nur einen Gedanken, das himmlische Wesen in Sicherheit zu bringen. Um des Seelenheiles willen ...“
„Und wenn nur ein Wahn Sie treibt, wenn nichts geschehen oder nur ein unschuldiges Spiel, nur Zärtlichkeit —“ Sie sah fern ein Bild. Eine Frau am Traualtar, die nach bangen Jahren wieder Geborgenheit fühlt. Es war so schwer, das Böse zu denken.
„Wenn Sie zweifeln, wenn Ihr Gewissen Sie nicht antreibt, dem Retter, der durch scheinbare Zufälligkeiten zu Ihnen gelangt ist, zu vertrauen — — Meine Nachforschungen können ja nur nützlich sein.“
„Warten Sie einige Tage, ich will mich beraten. Nein, nicht meinen Mann will ich fragen, für den ist die Sache erledigt —“
„Jede Mitwisserschaft kann unseren Plan vereiteln. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“
„Und was verlangen Sie?“ fragte die gequälte Frau.
„Nichts als die Reisekosten und eine geringe Vergütung meines Lebensunterhaltes.“
Frau Gunter streifte einen Perlenring vom Finger, der von Brillanten eingefaßt war. Aus ihrem Portemonnaie nahm sie eine Geldnote. „Dies ist für die Reise. Den Ring versetzen Sie und bringen mir gleich den Versatzschein. Ich habe jetzt nicht mehr entbehrliches Bargeld und, da ich die Sache geheim halten muß, können Sie auch in nächster Zeit nichts erwarten.“ Sie legte den Kopf auf den Arm, als wollte sie nichts hören mehr und sehen. Ein lautloses Schluchzen erschütterte sie. Konrad nahm Geld und Ring, verbeugte sich und verließ rasch die Wohnung.
Er ging zunächst in das Versatzhaus, erhielt eine erstaunlich hohe Summe für den Ring und machte sich dann auf den Weg zu Hedwig, bei der er das Geld bis zu seiner Abreise aufbewahren wollte. Sie war nicht zu Hause. Nachmittags brachte er den Schein zu Frau Gunter, die ihn nochmals über seine Absichten ausforschte und, nun ruhiger geworden, Weisungen gab, wie er sie benachrichtigen und was er im Notfall veranlassen sollte. Er fühlte, daß es ihr unmöglich gewesen war, seine Hilfe abzuweisen, da ihr Gewissen sich belastet fühlte, aber er empfand deutlich, daß er als Ruhestörer aufgetreten sei und eine schon begrabene Hoffnung aufgewühlt hatte. Er ersah, daß Vögelchen heimatlos war und daß nur Leidenschaft ihr Obdach bot. Aber hinter all den Zweifeln über seine Mission stand die Gewißheit, er würde Ariel wiedersehen.
Als es dämmerte, klingelte er nochmals bei Hedwig an. Sie wohnte weit draußen in der Vorstadt, im entgegengesetzten Stadtteil der väterlichen Wohnung. An der Türe war mit einem Reißnagel eine Visitenkarte angebracht. Auf dieser stand: Hedwig Torn-Kruger, Malerin.
Hedwig
„Wahrhaftig, der Konrad,“ rief eine helle, klingende Stimme zwischen dem leicht geöffneten Türspalt und schon flog die Tür auf und die Schwester zog ihn in den Vorraum. Hedwig, das sah man auf den ersten Blick, war aus der Art geschlagen. Vielleicht war die Mutter einst ihr ähnlich gewesen. Nun schien sie gegen die Angehörigen gesehen ein Kolibri in einer Gemeinschaft von Fledermäusen. Konrad war zwei Monate nicht da gewesen und der Geruch der Ölfarben, die saubere, eigenartige, wenn auch mit den primitivsten Mitteln hergestellte Einrichtung heimelten ihn gleich wieder an. Und Hedwig sah gebräunt aus und hübscher denn je.
„Wo ist der Junge?“ fragte Konrad und deutete auf das leere Stühlchen, auf dem nun des Kleinen Harlekin sich breit machte.
„Endlich in guten Händen,“ sagte Hedwig lachend. „Meine Freundin Marie, weißt du, die Kollegin aus der Malschule, hat ihn seit drei Wochen in Mödling draußen. Mir ist nicht wenig bang nach ihm, das kannst dir denken. Er ist ja so lieb jetzt. Weißt du auch, daß er dein Bild erkennt? Okki sagt er.“
Konrad liebte den kleinen Jungen und war sichtlich verstimmt, daß er abwesend war.
„Daß du dich aber wieder hergetraut hast nach der Ohrfeigengeschichte, Konni,“ sagte sie und sah ihn zärtlich an. Eine Träne schimmerte in den dunklen Augen, die jenen der Mutter glichen. Sie streichelte seine behaarten Hände.
„Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Hedi,“ sagte er und setzte sich neben sie. „Ich reise nach Paris.“
„Nach Paris!“ Hedwig schlug die Hände zusammen und lachte. „Ei, was du nicht sagst! Du Glücklicher! Grüß mir die Annaselbdritt und die Mona Lisa und die Wasserspeier von Notre Dame.“
„Nein, ich spaße nicht,“ sagte er und zog bekräftigend das Kuvert mit dem Geld aus der Brusttasche. „Ich möchte dich auch bitten mir dies aufzubewahren und es mir Samstag auf den Bahnhof zu bringen.“
„Samstag schon? Mit deinem Französisch traust du dich nach Paris?“
„Habe seit zwei Wochen eifrig aufgefrischt.“
Eine Pause entstand mit der stummen Frage, was es mit der Reise für eine Bewandtnis habe. Aber Hedwig liebte es nicht, befragt zu werden, so war auch sie diskret.
„So, so. Und was sagt man zu Hause dazu?“ fragte sie nach einer Weile.
„Niemand weiß etwas. Ich verschwinde. In zwei oder drei Tagen trage ich zwei Pakete mit meinen Sachen von zu Hause weg und bringe sie zu dir. Dann esse ich mit ihnen, sage Gute Nacht, ziehe mich in meine Bude zurück und verschwinde unter Zurücklassung einiger sachlichen Abschiedsworte.“
„Hat man dich wieder gehunzt?“ fragte Hedwig. „Kann denn nicht Friede werden! Weißt du auch, was du tust? Die Eltern sind doch alt. Sollen sie zwei Kinder verloren haben? Wie wirst du dich fortbringen?“
„Wenn du es kannst und mit dem Jungen, dann werde ich es wohl auch können.“
„Ja Frauen, die haben geheime Kräfte.“ Ein trauriges Lächeln umspielte ihren Mund und ihre Augen hatten einen schmerzlich verklärten Aufblick.
„Weißt du aber auch, durch wieviel Elend ich gegangen bin, Konni? Wie ich gehungert habe, ehe ich die Anstellung und die Privatstunden bekommen hatte und endlich wieder ein Bild verkauft war? Nein, nichts weißt du. Hast nur gehört, daß ich ein leichtfertiges Frauenzimmer bin und die Ehre der Familie nicht respektiert hab’ und schließlich nicht zu Kreuze kriechen wollt’. Ich will dir dein Geheimnis nicht abfragen, aber meines will ich dir jetzt sagen, damit du klüger wirst daran.“
„Aber reg’ dich nicht auf, Hedi, hörst du. Dann will ich lieber nichts wissen.“
„Also erinnerst du dich, daß man mich zuerst wie Selma in die Lehrerinnenbildungsanstalt steckte. Selma hatte schon ihre Anstellung als Industriallehrerin, als ich eintrat. Da war ein Professor im Zeichnen, ein aufgeklärter Mensch. Nun du weißt, wen ich meine. Der ging zu Vater und sagte, ich hätte Talent und ich sollt’ das zweite Jahr noch absitzen und dann ernstlich auf Malerei studieren. Zunächst unterrichtete er mich zwei Jahre privat. Vater war dagegen, aber Mutter, die Malerstochter, hat es durchgesetzt. Der Professor riet zu einer Schule in München. Vater zeigte meine Arbeiten mehreren Fachleuten, die alle sehr für meine Ausbildung waren. Du warst damals im Konvikt. Ehe ich abfuhr, besuchte ich dich. Erinnerst du dich noch?“
„Die Jungens verliebten sich alle in dich.“
„Ja, es hatte sich auch ein anderer in mich verliebt. Torn, der Bildhauer, des Professors Bruder. Wir waren viel allein. Ich dachte, es wäre alles nur Spiel. Ich war so furchtbar dumm. Torns waren in München bekannt und sie rieten zu einem Familienheim, wo ich solide untergebracht sein würde. Es ging alles gut anfangs, denn ich war in Hans Torn verliebt und keiner kam an mich heran. Ich habe gute Fortschritte gemacht. Bei der Schulausstellung schon wurden alle meine Bilder angekauft. Den Sommer verbrachten Selma und ich in einem Malerdorf. Dort hat sie den unglücklichen Hügler kennen gelernt. Wäre der dann nicht abgestürzt, es wäre vielleicht manches anders geworden. Er war so klug und die Eltern schworen auf ihn und reich war er auch. Er hätte auch mir geholfen. Die Torns waren auch da und dort merkte ich erst, daß auch der Professor in mich verliebt war; und auf einmal wußte ich selbst nicht mehr, welchen ich lieber hatte. Und das Seltsame war, keiner schien es vom anderen zu wissen, daß er mich zur Frau wollte. Aber mich reizte das so und ich trieb ein elendes Spiel mit ihnen. Ich traf beide heimlicherweise und hätte weder den einen noch den anderen verstoßen können. Im Fasching kam dann Hans, um in München zu bleiben, gleich nachher sollte ich nach Hause fahren, weil der Kurs der Lehramtsprüfung für Zeichnen begann, den ich für alle Fälle machen sollte. Weißt du, Konni, schon damals war mir meine Arbeit wichtiger als alles andere auf der Welt und das hat mich dann auch später gerettet. Ich hatte auch schon öffentlich ausgestellt nach vier Jahren Studium. Aber ich wußte: nun geht es ins Elternhaus und in den Erwerb zurück; das ist deine letzte ganz freie Zeit, sagte ich mir. Niemand fragt dich, wann du nach Hause kommst, wo du geschlafen und gegessen hast. Hans und ich durchtobten den Fasching. Aber da spürte ich plötzlich, ich liebe ja gar nicht den Hans, es ist der andere, es ist Hermann, nach dem ich mich all die Zeit gesehnt habe. Halb scherzend beichte ich es ihm und denke mir, er muß sich doch freuen, daß ich den Bruder, den er so verehrt, so lieb habe. Und nun geschieht etwas Häßliches. Hans sagt mir, daß er selbst ja nur sein Spiel mit mir wollte, daß er von meiner frommen Liebschaft mit dem Bruder gewußt habe und daß er, Hans, uns beide oft belauscht habe. Dann zeigte er mir Briefe, aus denen ich ersah, daß er immer neben mir andere Frauen gehabt hatte, schon damals, als ich nur ihn liebte, das war so seine Rache. Ich packte verstört meine Sachen. Auf der Reise faßte ich den Plan, nicht direkt nach Hause zu fahren. Ich telegraphierte, daß ich später eintreffen würde, und fuhr zu Hermann. Der erschrak freudigst, als er mich kommen sah, und ich wußte nun: da ist dein Glück. Wir verlobten uns. Wir blieben die ganze Nacht beisammen. Er rührte mich nicht an. Es war alles so heilig. Tags darauf kam ich nach Hause, begann den Kurs. Zwei Wochen später wußte ich, daß ich guter Hoffnung war. In meiner Verzweiflung vertraute ich mich Mutter an. Sie hörte es mit Grauen. Der Traum und Taumel fiel von mir ab, als ich sie noch starr vor Entsetzen sagen hörte: „Du darfst Hermann nichts sagen, du mußt dir das Kind nehmen lassen.“ „Das ist ja Betrug, Mutter,“ sagte ich, „Verbrechen!“ Alles, alles wollt’ ich, nur nicht tiefer in Lügen geraten und Abscheulichkeit. „Du hast den Weg des Bösen eingeschlagen,“ antwortete sie. „Jetzt geh den, der nicht andere mit ins Unglück stürzt.“ Da lief ich zu Hermann und sagte ihm alles. Hermann schrieb an Hans, er müsse zurückkehren und mich heiraten. Aber dem widersetzte ich mich. Ich liebte ja Hermann und nie und nimmer hätte ich Hans, der sich heimlich an mir rächte, zum Manne wollen. Nach schwerem Kampf schloß mich Hermann wieder an sein Herz, er würde zu vergessen suchen, daß Hans und nicht er der Vater sei. Aber dann kam der Brief aus München. Hans war vom älteren Bruder abhängig und wollte nicht eingestehen, daß er ihm weggenommen, was er sich aufgespart hatte. Er erklärte, ich wäre ihm nachgelaufen und hätte mich ihm aufgedrängt. Den Fasching hätte ich so wüst verbracht — daß wohl ebensogut Herr X. oder Herr Y. Vater meines Kindes sein konnte. Er dächte nicht daran, mich zu heiraten, da ich ja vor kurzem erst ihm eröffnet hätte, daß ich keinerlei Neigung mehr für ihn habe. Er sei überdies so gut wie verlobt mit einer Brauerstochter, einem reichen und anständigen Mädchen.“
„Hund,“ knirschte Konrad.
„Ach!“ sagte Hedwig traurig. „Er war kein Hund. Er liebte mich und deshalb trieb ihn der Haß. Er hat die Brauerstochter geheiratet, nun hält er’s bei ihr nicht aus und läuft mir die Türen ein. Aber ich habe den Kleinen gelehrt, mit Bausteinen nach ihm zu werfen und ihm das Gesicht zu zerkratzen, wenn er ihn küssen will. Nun höre weiter, das Böseste kommt erst. Hermann erklärte also daraufhin, von mir nichts wissen zu wollen. Selma fuhr heimlich zu Hans, aber auch der war unerbittlich. Da sagte Mutter alles dem Vater und der schlug mich blutig. Tags darauf ging er zu Hermann und bat ihn, er, der stolze Mensch, bat Hermann, mich zur Frau zu nehmen. Aber der Vater kam verstört nach Hause und sprach zwei Tage mit keinem von uns ein Wort. Indessen hatte Mutter eine Frau ausfindig gemacht, die alles ungeschehen machen würde. Aber in mir war der feste Entschluß das Kind zu behalten. Ich war sehr leidend von all den Aufregungen und man schonte mich in keiner Weise. Das Einzige, was Vater für mich tat, war, zu erwirken, daß ich meine Lehramtsprüfung vorzeitig ablegen konnte. Man bewachte mich. Selma und Mutter waren immer hinter mir. Ich widersetzte mich nicht mehr zu der schrecklichen Frau zu ziehen, dort würde ich wohl freier sein und vielleicht die Möglichkeit haben zu entfliehen. Aber schon vorher gelang mir das. Ich hatte noch das Geld von den verkauften Bildern und fuhr nach München, wo ich ja Freunde hatte, auf die ich mich verlassen konnte. Freilich Geld hatten die keines, aber Arbeit würden sie mir verschaffen. Mutter kam mir nachgefahren, sie hatten mich ausgeforscht. Ich lebte recht schlecht und sie lockte mit Unterstützungen und Verzeihen, aber alle ihre Vorstellungen, auf das Kind zu verzichten, waren fruchtlos. So fuhr sie denn wieder ab. Es kam kein Brief mehr. Einmal sah ich Hans. Es war im Sommer, die Stadt verödet. Ich saß im englischen Garten, da fuhr er mit seiner Braut an mir vorüber. Noch heute weiß ich nicht, ob er mich gesehen hat, aber damals lernte ich Gretchens Gebet im Kerker aus tiefster Qual verstehen. Einen Monat vor der Zeit kam eine Depesche von Selma, Vater liege im Sterben, ich sollte zurückkehren. Ich reiste. Abends trat ich verschleiert ins Zimmer. Alles war düster und leise. Es fiel mir zuerst auf, daß man dich weggeschickt hatte, aber ich war doch gleich von der Sorge der anderen erfüllt und maß dem keine Bedeutung bei. Vater sagte mir mit schwacher Stimme, ich sollt’ mich nicht länger widersetzen. Er habe mit Hermann gesprochen, er würde mich heiraten, wenn ich mich nach der Geburt des Kindes von diesem trennen würde, da doch nun einmal der Vater nicht nachweisbar wäre. Mutter brachte mich zu dieser Frau. Sie hatten schon alles vereinbart und sprachen abseits leise wie alte Bekannte. Ich besah mir den Raum. Die Luft schon war bedrückend. Zwei Betten standen da, in dem einen schlief schnarchend ein alter Hund. Ich war einer Ohnmacht nahe, die Reise, die schlaflose Nacht, die Aufregungen hatten mich ganz heruntergebracht. Ich hatte Schmerzen. Meine Füße trugen mich nur mehr zu dem Sofa. In einem Winkel des Zimmers sah ich einen schmutzigen Waschtisch mit allerlei unbekanntem Gerät. Ich wußte mit Grauen, hier wurden dem Tod Opfer gebracht. Ich rief nach der Mutter, sie war heimlich weggegangen. Die Alte brachte mir Tee, entschuldigte sich, sie müsse ausgehen, ich sollte unbesorgt sein, es würde niemand zu mir hereinkommen. Mir war es, als entferne sich die alte Hexe, um den giftigen Apfel zu bereiten. Ich schlummerte ein und sah mich in einem gläsernen Sarg. Ich erwachte, als draußen die Tür aufgesperrt wurde und das Zimmer neben dem meinen von einem Mann und einer Frau betreten wurde. Bald war kein Zweifel mehr, zu welchen Zweck. Arme Mutter, sie ahnte nicht, wohin sie mich gebracht hatte. Die Schmerzen kamen wieder und eine entsetzliche Angst befiel mich, daß es vorzeitig geschehen konnte, daß das Kind und ich in Schmutz und Gift zugrunde gehen würden. In den Schmerzen fühlte ich nur meine Qual, die Krankheit des Vaters war ja nichts gegen die Gefahr, die in jedem neuen Anfall zu drohen schien. Ich war voller Haß, daß man mich hier elend verkommen ließ, daß man mich morden wollte. Ja, ich verglich erbittert den Wert meines Lebens mit dem des Vaters, dem man das meine aufopferte. Aber nach einer Weile hörten die Schmerzen auf. Ich lag wie gerädert. Die nebenan rüsteten indes wieder zum Aufbruch. Das Leben stand grell vor mir. Ich war wie hellsichtig geworden. Mann und Weib nebenan, die sich umschlingen, dann die Tragödie der Geburt, der Tod, der Kampf um Ehre, alles stand in nackten Bildern vor mir. Aber nun wußte ich auch, was ich zu tun hatte. Ich stand auf; eh’ die Alte wiederkam, war ich auf der Straße. Es war spät abends, ich rief einen Kutscher an, ließ mich auf die Klinik fahren. Als ich ihn bezahlt hatte, blieb mir fast nichts mehr. Die Schwestern und Ärzte nahmen mich mit freundlicher Ruhe in Pflege. Aber erst eine Woche später kam das Kind zur Welt. Ich schrieb Mutter, wo ich sei, und daß sie doch meinen Tod nicht hätte verantworten wollen, bat Selma, mich zu besuchen und mir Nachricht von Vater zu geben. Niemand kam, niemand antwortete. Ich durchforschte die Zeitungen, ob ich das Schreckliche lesen würde, sah schon den geliebten Namen schwarz umrändert mir entgegenstarren. Zum Glück blieb Vater am Leben. Er war gar nicht sterbenskrank gewesen. Das wenige Geld, das ich hatte, verausgabte ich für Marken und Karten. Ich schrieb an Freundinnen, die mir ewige Treue geschworen hatten, aber jede hatte eine andere Ausrede, niemand kam mir zu Hilfe. Neben mir lag eine Arbeiterfrau. Sie erriet bald meine Verlassenheit und mit einer gewissen Schadenfreude über die Hartherzigkeit der „Herrschaften“ lud sie mich zu sich ein. Als der Mann des Sonntags sie besuchen kam, brachte auch er treuherzig seine Einladung vor. Tags darauf brachte uns eine Droschke ans Ende der Stadt. Nicht weit von hier lud sie uns ab mit den sorgsam verhüllten Säuglingen. Seither habe ich gelernt, unter armen Leuten zu wohnen. Da gibt es keine Unzufriedenheit, wenn man sieht, wie diese Armen hinter dem Bollwerk ihrer Stumpfheit darben. Sie hatte es gut gemeint, die brave Frau, aber nach zwei Tagen erkrankte ich an Kindbettfieber. Nun brachte man mich ins Spital zurück und das Ärgste war, man trennte mich von dem Kinde. Man brachte es mir nur, wenn es gestillt werden sollte. Nachts hörte ich sein Schreien lange in den hallenden Gängen, wenn man es mir hungrig brachte, und wieder schrie es, wenn man es forttrug. Einer meiner Hilferufe, die bisher unbeantwortet geblieben waren, hatte indes Widerhall gefunden. Marie hatte mich auf der Klinik, dann bei der Arbeiterfrau, die sie sogleich belohnte, dann wieder im andern Spital gesucht. Nun mietete sie mir ein Zimmerchen in ihrer Nähe. Das Kind wurde vom Spital aus auf das Land in Pflege gegeben. Als ich so weit hergestellt war, fuhr ich nach Neudorf hinaus, um es zu besuchen. Nie werde ich diesen Anblick vergessen. Es war so lieblich und rosig gewesen. Jetzt glich es einem kranken Greislein. Erstaunlich auch war es, wie es nun Hans ähnlich war. Die Nachbarinnen raunten mir zu, daß das Kind Hunger leide und in Schmutz liege. Vor wenigen Tagen wäre es dem Tode nahe gewesen. Ich nahm es eigenmächtig fort. Konnte ich denn das Kind dieser Engelmacherin überlassen? Es mußte ins Spital, es war ernstlich krank. Dort bedeutete man mir, es würde erst in einigen Tagen ein Platz frei. Die Frau, bei der mich Marie eingemietet hatte, war natürlich nicht erbaut über den kleinen Mitbewohner, der nachts erbärmlich schrie. Maries Unterstützung war nahezu aufgebraucht. Da trug ich das Kind abermals zur Klinik. Es war ein warmer Oktober, noch lagen die Kinder in den Wiegen im Garten draußen. Als ich an einem leeren Bettchen vorbeikam, kam mir der Einfall, das Kind hineinzulegen. So entging ich der Abweisung. Ich tat es und flüchtete dann wie eine Diebin. Indessen hoffte ich Hilfe zu finden. Zwei Tage machte ich vergebens Anstrengungen mir Geld zu verschaffen. Ich konnte ja nur an Menschen herantreten, die in keiner Beziehung zu den Eltern standen und die halbwegs verschwiegen waren. In meiner Verzweiflung ging ich zu Hermann. Ich fand ihn, erschrocken über mein Aussehen, erschüttert über das, was ich erlebt hatte. Ich erzählte ihm, daß ich eben das Kind durch das Gitter des Spitalgartens beobachtet, daß es schon wohler scheine, ich beschwor ihn, den Jungen zu sehen, er würde dann nicht mehr zweifeln, wer sein Vater sei. Er ging mit mir, er sah das Kind und nun sagte er mir, er sei bereit, eine Scheinehe mit mir einzugehen und das Kind als das seine anzuerkennen. Er würde dann sogleich um seine Versetzung einkommen, falls ich selbst nicht die Stadt verlassen würde. Er riet mir zu bleiben, um dem kranken Vater nahe zu sein, der vielleicht andern Sinnes werden würde, auch würde er mir noch eine staatliche Anstellung sichern können. Hans war verheiratet und verdiente nichts. Ich lehnte es ab Unterstützungen von dem Geld seiner Frau zu beziehen. Hermann war ein gebrochener Mann. Er sagte mir, daß er nach reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gekommen sei, daß er ja an meinem Verkehr mit Hans, an meiner Abwesenheit vom Elternhaus, daß er an meinem Elend Schuld trage. Einige Wochen später, als alle Formen erfüllt waren, heirateten wir. Nach der Trauung fuhren wir zu den Eltern. Hermann verlangte, daß ich ihre Verzeihung erbitte. Als Hermann erklärte, daß er nun getrennt von mir leben würde und ihren Schutz für mich erbäte, brauste Vater auf. Abermals kam alles zur Sprache. Aber obwohl ich wußte, daß unsere Ehe nur zum Schein war, ich mußte Hermann verteidigen, ich mußte an seiner Seite stehen. Ich war durch nichts geblendet, Hermann war im Recht. So gingen wir beide im Streit mit den Eltern auseinander.“
„Und er ließ dich dann mit dem Kind allein zurück?“ fragte Konrad. Hedwig senkte den Kopf. Es war ganz finster geworden. Er sah nicht, daß sie weinte, aber er fühlte es.
„Ich selbst habe ihn fortgeschickt,“ sagte sie. „Ich hatte ihn zu lieb.“
Eine Weile blieb es still, dann griff Konrad ungeschickt nach Hedwigs Hand und küßte sie.
„Ich hab’ immer gespürt, was du wert bist,“ sagte er.
„Auch jetzt noch, Konni?“
„Auch jetzt noch, jetzt erst recht.“