„Mit der Seele Lauterkeit ...“
Nun waren Konrads letzte Skrupel, das Elternhaus heimlich zu verlassen, erledigt. Als er nach Hause kam, wollte Anselma eben sein Nachtessen wegsperren. Sie setzte es ihm wortlos vor. Er schob es weg. Er schloß sich in seine Kammer ein und schrieb an Ariel:
„Du mein Engel, Du mein Licht, nun ist es gewiß, ich werde Dich wiedersehen. Ich werde um Dich sein, und wenn es nötig sein wird, werde ich Dich mit meinen Händen aus allen Fährnissen tragen. Immer werde ich in Deiner Nähe sein. Vergiß das nicht, Du brauchst nur zu rufen. Ich weiß, Du fürchtest Dich vor dem Rätselvollen, vor dem Wunderbaren. Doch ich bin fortan bei Dir. Du mußt bald, bald Deinen Berg verlassen, denn sonst müßte ich in einer Eishöhle hausen oder mich als Kellner oder Hausknecht verkleidet in Deinem Gasthof verdingen. Und Paris ist so schön. Dort kann ich Dir Wunder weisen. Ich habe alles studiert. Wenn mein Brief Dich erreicht, brichst Du wohl auf! Noch bin ich ganz aufgewühlt. Hedwig hat mir heute ihr Leben erzählt, Hedwig, weißt Du, die von den Eltern verstoßen wurde. Ihr war viel Leid zugemessen. „Wenn Du ißt und trinkst, so sollst Du jeden Bissen in seine Liebeswunden tauchen,“ das stand über ihrem Leben geschrieben. Als ich nach Hause kam, nahm man eben mein Essen fort. Ich kann nichts mehr zu mir nehmen von ihrem knausernden Tisch. Auch sie haben des Lebens Bitternis gekostet, aber sie selbst hatten nichts es milde zu machen. Und das, mein Ariel, ist das Geheimnis: mit der Seele Lauterkeit muß man es durchtränken, mit des Herzens Honigseim es versüßen, und sei es aus Galle und Unflat. Merke Dir das, Ariel, wenn dennoch der Ekel an Dich herankriecht.
Konrad.“
Er ging nicht zu Bette. Er saß über den französischen Büchern, bis das Licht erlosch, spät nachts. Am nächsten Tag, als er einen Teil seiner Bücher und Schriften zu Hedwig geschafft hatte, fiel ihm ein, daß Camill ihn beauftragt habe, die Enkelin seiner Ziehmutter aufzusuchen. Er kannte die Straße schon aus den Erzählungen seiner Gymnasialfreunde. Ja, er war selbst mit einem von ihnen, ehe dieser es gewagt hatte, eines der geheimnisvollen Häuser zu betreten, an ihr vorbeigestrichen, um doch irgendwie an der unheimlichen Angelegenheit beteiligt zu sein. Es war nun eben vor Anbruch der Dämmerung, als er sie erblickte, schmal ansteigend zwischen alten Häusern, die mit allerlei Sandsteinzierat, Schutzheiligen und alten Schildern ein Stück Altstadt bildeten. Aus der lärmenden Hauptstraße kommend, fand man hier plötzlich Schweigen, verschlossene Tore. Die Sonne selbst schien nur verstohlen, noch ehe sie schied, an den einförmigen Fassaden hinzuhuschen. Sah man aber näher hin, stachen grell die roten Vorhänge der halbgeöffneten Parterrefenster hervor und hinter ihnen, Konrad erschrak, kauerten Frauen mit sorgfältig frisierten Köpfen und grellgeschminkten Gesichtern in durchsichtigen, bebänderten Morgenjacken und lächelten, spitzten die Lippen oder riefen leise, mit der Zunge schnalzend. Eine oder die andere warf ihm auch ein grobes Spottwort nach, weil er nur scheu hinblinzelte und in seiner Bestürzung seine Blicke suchend nach den Hausschildern aussandte. Am liebsten wäre er umgekehrt und hätte seinen Auftrag brieflich erledigt, aber dies schien ihm eines zukünftigen Weltreisenden unwürdig. Er fand das Haus und während sich dasselbe Spiel wiederholte, ein Fenster sich leise bewegte und ein aufgedunsenes Gesicht sich lächelnd zeigte und noch süßlicher lächelte, als er die Türschnalle ergriff, trat er in den Hausflur. Eine Wohnungstür öffnete ihren Spalt und dieselbe Frau zeigte sich. Sie hatte offenbar, um ihres Geschäftes ganz sicher zu sein, eine ihrer schönen Schultern entblößt. Ihre Füße, die in roten Saffianpantoffelchen saßen, waren nackt. Aber plötzlich fiel Konrad ein Märchen ein, das Märchen von den roten Schuhen. Die abenteuerliche Atmosphäre dieser Straße hatte ihn nach Traumland versetzt. Er sah das kleine Mädchen, das mit roten Schuhen, freilich war es nicht, um damit zu trauern, aber sie hatte keine anderen, als sie hinter dem ärmlichen Sarge der Mutter daherging. Und dann kam die alte Dame im großen Wagen und nahm das Mädchen mit sich. Das kleine Mädchen hieß Marie. Und als sie eingesegnet werden sollte, ging die alte Dame mit Marie zum Schuhmacher und Marie wählte sich rote Saffianschuhe. Aber die alte Dame sah nicht, daß sie rot waren, weil sie nicht gut sehen konnte. Als sie dann zur Chortüre kam, schienen selbst die alten Bilder auf den Grabstätten, die Prediger und Predigerfrauen mit steifen Kragen und langen, schwarzen Kleidern, die Augen auf ihre roten Schuhe zu richten. Doch als der Prediger von der heiligen Taufe und vom Bunde mit Gott sprach, dachte Marie nur immerzu an ihre roten Schuhe.
„Na, Kleiner, was spinnst denn, komm doch, mein Schatz,“ rief leise eine heisere Stimme aus der Türe. Aber Konrad sah den alten Soldaten an der Kirche, der dem kleinen Mädchen mit seinem Krückstock die roten Schuhe anzauberte, daß es ewig darin tanzen mußte. Die Schuhe trugen es über Dorn und Sumpf, über die Heide hinweg zum Scharfrichterhaus. „Komm heraus! Komm heraus!“ rief es dort. „Ich kann nicht hineinkommen, denn ich muß tanzen.“ Und Marie bat, schlag mir nicht den Kopf ab, schlag meine Füße ab. Der Scharfrichter hieb ihr die Füße mit den roten Schuhen ab und die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßen über das Feld in Nacht und Wald hinein.
„Komm doch, mein Schätzchen,“ schnalzte die Stimme aus der Tür und nun sah Konrad zwei entblößte Brüste durch den Spalt schimmern.
Da schien die Sonne ganz hell und gerade vor ihr stand Gottes Engel mit einem herrlichen grünen Zweig. Er berührte damit die Decke und sie erhob sich und die Orgel spielte und die Gemeinde saß in den geputzten Stühlen und sang aus ihren Gesangbüchern. Und die Leute sagten: „Das war recht, daß du kamst, Marie.“ „Das war Gnade,“ sagte sie. Der klare Sonnenschein strömte durch die farbige Fensterrose in den Kirchenstuhl und Mariens Herz wurde so voll Sonnenschein, daß es brach. „Ihre Seele flog auf Sonnenschein, zu Gott, und dort war niemand, der nach den roten Schuhen fragte.“ Die kleine Marie war Konrads erste Liebe gewesen. Nun war sein Herz mit einem Male voll Mitleid. Er sah gar nicht ängstlich mehr auf die entblößte Frau und sagte ruhig, indem sein Blick noch auf ihren Pantoffeln haftete: „Ich suche die Monika Gallo, ich hab’ ihr etwas von einem Landsmann zu bestellen. Bist du die?“
„Mußt ein’ Stock höher gehen. Die schlaft jetzten, hat die ganze Nacht an Besuch g’habt. Geh’, bleib indes bei mir.“
Konrad sah noch immer auf des üppigen Weibes rote Pantoffel. „Wir sind allesamt Sünder,“ sprach er zu sich. Er nickte nur und ging zur Stiege. Die Frau warf heftig die Türe hinter ihm zu. Im Stiegenhaus sah er die Wände mit obszönen Zeichnungen bekritzelt, die ihn wahnsinnig erregten. Seine Hand zitterte, als er bei der Monika Gallo anklopfte. Eine verdrießliche Stimme rief: „Wer ist’s?“ Er öffnete. Im Hintergrund des Zimmers richtete sich auf einem geblumten Sofa ein Mädchen auf und blinzelte mit mandelförmigen Augen zu ihm hin, eine blasse Hand strich kastanienbraunes, wirr lockiges Haar aus der Stirn. Monika Gallo gähnte.
„Ich komme von Custove,“ sagte Konrad statt jeder Begrüßung.
„Vom Onkel, von Onkel Camill,“ rief sie mit italienischem Akzent. Mit einem Satz stand sie auf und kam näher. Die Monika Gallo glich ganz und gar nicht den anderen Frauen, die Konrad in dieser Gasse gesehen. Sie sah aus wie eine slowenische Obstverkäuferin und ihr schönentwickelter Hals und die stolze Haltung ihres schmalen Kopfes verrieten, daß sie auf ihm den Obstkorb getragen, ehe sie in ihren jetzigen Beruf geraten war. Sie war wohl noch nicht lange dabei, denn sie sah leidlich frisch aus. Ihre Haut war weich und glatt, noch nicht von Schminke und Krankheit verheert. Konrad legte sein Geld hin, sie griff nach seiner Hand und drückte sie warmblütig. Nun sollte er erzählen, woher er den Onkel Camill kenne und wie es ihm im Ausland erginge. Während er sprach, sah er sich im Zimmer um. Es war recht reinlich, ein wenig ärmlich und bunt. Das Bett war offen, die seidene Decke stach grell aus der Dürftigkeit. Über einer kleinen Kommode hingen Bilder aus der Heimat. Eine Frau in südtirolischer Tracht, eine Welsche, und ein alter Mann mit dem großen Hut der Passeier Bauern. Zwischen ihnen ein gußeiserner Christus mit einem Rosenkranz, dessen Perlen in einen Weihkessel tauchten. Konrad fühlte sich sehr wohl bei Monika. Sie war nun leidlich ausgeschlafen und er blieb bis gegen Mitternacht bei ihr. Ihm war es ja schon einerlei, wann er nach Hause kam. Wer aber, dem Augenschein folgend, Konrad verdächtigt hätte, seinen Besuch in jeder Art genossen zu haben, der hätte fehlgeraten. Dennoch zählte er den Abend zu seinen guten Erinnerungen. Nichts war ihm verhaßter als bürgerliche Scheinheiligkeit, hier gab es weder Lüge noch Verstellung und, da er als Gast gekommen war, wurde er mit Herzlichkeit und Offenheit aufgenommen. Er war auch nicht knauserig gewesen mit seinem Geschenk und betrachtete es reinen Gewissens als die erste Auslage seines Betriebskapitals. Camill mußte ihm ja gewogen bleiben. Das Mädchen brachte Bier und Käse. Da sie so reichlich beschenkt war, vergönnte sie sich’s an diesem Abend, nicht auf Beute auszugehen. Konrad erfuhr ihre simple Geschichte. Ein Mädchenhändler hatte sie zu bereden verstanden ihr Dorf zu verlassen, sie dann einer Frau übergeben, in deren Haus sie geschmachtet, bis die Polizei die Bude ausgehoben, wonach sie sich selbständig gemacht hatte. Der Onkel Camill hatte ihr wohl Geld gegeben für einen Obsthandel, aber sie hatte zuerst einer armen Freundin aus jenem Hause ausgeholfen, die an einer „Berufskrankheit“ hinstarb. Auch war sie ohne ein eigenes Kleidungsstück zurückgeblieben, da alles, womit sie sich bisher geschmückt hatte, der Frau gehört habe. Dann hatte sie „ihn“ gefunden, den sie liebte und der ihr das letzte Geld durchgebracht. Jetzt „säße“ er, weil er einer Messerstecherei angeklagt worden, die ein schlechtes Ende genommen hatte. Die Monika dachte nicht daran, sich Konrad etwa aus Dankbarkeit für das Geld anzubieten. Ihr waren diese Freuden längst ein lästiges Geschäft, galten sie nicht dem Messerstecher, den sie jeden Monat im Gefängnis besuchte, um ihm Zigarren und Schnaps zu bringen. Sie lud Konrad ein wiederzukommen, falls er die Reise verschöbe. Als er an der Türe jener anderen vorüberkam, besann er sich, ob er nicht eintreten sollte, aber das Bier hatte ihn träge gemacht. Er scheute die Auslage und er mußte wieder an das Märchen von den roten Schuhen denken, an die Mutter, die es ihm einst vorgelesen, als er im Fieber gelegen, an Ariel, die alle Märchenmarien in seinem Herzen verdrängt hatte. Traurig ging er auf die Gasse hinaus. Die roten Vorhänge, dahinter jetzt die Lampen entzündet waren, leuchteten geheimnisvoll. Da und dort trat eine hochbusige Frauensperson mit wiegendem Gang aus der Tür oder zeigte, von der Straßenecke kommend, einem Willfährigen vorausschreitend, den Weg. Konrad trat auf die Hauptstraße, die nun öder war, und schlenderte mit dumpfem Kopf der elterlichen Wohnung zu. Aber plötzlich war ihm, als könne er jetzt nicht nach Hause. Man hatte ihm den Türschlüssel entzogen und er mußte Lisbeth, die Magd, aus dem Schlafe wecken. Sie würde in ihrer Nachtjacke kommen, die Hand schützend vor die Kerze halten, so daß ihr junger Busen beleuchtet war, und heute, das wußte er, würde er ihr nachdrängen in ihr heißes Bett. Nein, so sollte nicht die letzte Nacht zu Hause sein. Er kam durch einen Garten, da lockte eine Bank. Des Morgens erst rüttelte ihn dort ein Schutzmann aus dem Schlaf. Er schlich nach Hause, Lisbeth holte eben die Milch. Er stahl sich ungesehen in sein Zimmer. Seine Abwesenheit war nicht bemerkt worden.
Hedwig aber ging mit schweren Sorgen. Soviel hatte sie aus Konrad herausgebracht, daß er einem Menschen, dem er nicht gewachsen war, die Geliebte abjagen wollte, deren Besitz ihm selbst niemals blühen würde. Sie sah, wie er seine Zukunft hinopferte und sich in Gefahr brachte ohne Lohn und Dank. Aber auch bei den Eltern schien ihm sein Leben unmöglich geworden und sie hatte keinen Weg zu ihnen, sie zu warnen und zu bitten. Alles, was sie selbst unternähme, würde dort seine Lage verschlechtern. Sie brachte ihm denn Geld und Gepäck zur Bahn und nahm den Anschein auf sich, an seiner Flucht mitschuldig zu sein.
„Nun verlasse ich dich denn auch,“ rief er anklägerisch. „Gott verzeihe mir, aber es gilt, einen ahnungslosen Engel zu beschützen.“
„Der bin ich nicht,“ sagte Hedwig mit einem trotzigen Lachen und reichte ihm die Hand in den abfahrenden Zug. „Gott schütze dich. Komm, komm wieder!“ Und als sie traurig nach Hause ging, wiederholte sie es angstvoll wie im Gebet: „Komm wieder, komm wieder!“