Gottesgericht
Wien war nach der großen Börsenderoute, die so viele Existenzen gestürzt und bedroht hatte, rasch wieder aufgeblüht. Dem Luxus waren zwar die Flügel gestutzt worden und manch einer und mit ihm die Seinen, von der Höhe üppiger Lebensführung herabgestürzt, gewahrte, daß er aus den Trümmern einstiger Pracht nur innere Werte hatte retten können, etwa die Liebe zur Kunst und Wissenschaft, die Fühlung mit einer Welt, die ihre Grenzen erst dort findet, wo die Kultur aufhört. Dies gab den geistigen Menschen und den Leuten von Welt einen internationalen Zug, der auch geeignet war, chauvinistische Stimmungen auszugleichen. Die Kunst und ihre Altäre verbanden alle Welt. Ein Jahrzehnt nach dem „Krach“ aber hatte sich diese scheinbare Verinnerlichung zur Sensationslust vergröbert. Andere Schichten waren zu Reichtum gelangt und suchten es den Kultivierten gleich zu tun.
Als zu Anfang der Achtzigerjahre die berühmte italienische Tragödin Gabriela Calese ihr Gastspiel ankündigte, drängte sich Arm und Reich, die Jemands und Niemands, die Größen von gestern und heute, von morgen und übermorgen und alle, die ihnen so gern nachbeten, zu diesem Theaterereignis, neben ihnen der Troß ehrlich Begeisterter. Alle Vorstellungen waren vor Beginn der ersten ausverkauft. Das Phäakentum der Wiener trat offensichtlich zutage: man wollte, wenn auch des Genusses selbst nicht teilhaftig, zumindest Augenzeuge des Genießens der anderen sein. In allen Kreisen wurde zu dieser Zeit viel gewettet und gespielt. Der kleine Mann, ja selbst der Arbeiter spielte und das leicht erworbene und leicht verlierbare Geld wurde sorglos wieder ausgegeben. Wenn „etwas los“ war, gebot es der Lokalpatriotismus mitzutun. Manch einer, der sein Volk liebte, sah es mit Sorge hinter dem Fortschritt der anderen mit leichtfertiger Gleichgültigkeit zurückbleiben und war erschüttert über seine soziale und politische Teilnahmelosigkeit. Die demokratische Gemeindeverwaltung, in der es noch keine konfessionelle Spaltung gab, versuchte, selbst ohnmächtig, ihre verirrte Herde aufzurütteln. Ein Sturmwind mußte es sein, der diese wurmstichige Gesellschaft erfassen, sie aufzurütteln vermochte, und kein Wunder, wenn er wie ein Springteufel der eigenen Fahrlässigkeit entfuhr! Sorglos wie immer war man ins Theater gegangen. Das Parkett, das Parterre, die Logen waren ein Wogen und Murmeln von Farben und Stimmen, von blendenden Frackhemdbrüsten, dekolletierten Frauen, ein Nebeneinander ergreifender Geschmacklosigkeit und erschlaffter Eleganz. Emporkömmlinge mit dem Bedürfnis nach Beglaubigung blähten sich neben schlichter Echtheit. Die Galerien sahen ganz fern aus, unheimlich hoch schienen sie aufzusteigen. Türme von Menschen bergend, Abgesonderte, die möglicherweise ein verworrenes Sprechen erhaschen würden, aber jedenfalls anwesend waren als Publikum des Publikums. Flaubert hat irgendwo gesagt: „Lieben wir uns in der Kunst wie die Mystiker sich in Gott lieben und möge alles vor dieser Liebe erblassen.“ Auch der Neid möge es, der blasse Neid, der zwischen Orden, Frisuren, Schleppen und Bücklingen vor den Altären der Kunst sein Spiel treibt. Mit Schadenfreude sahen die Menschen, die einander so sattsam gut kannten, wie eine fremde Erscheinung ihren Glanz verschattete. Es trat ein mittelgroßes, überschlankes Persönchen ein, das blonde Lockenhaar mit der roten Rose verdeckte fast das schmale Gesicht. Der vom Karminstift leicht gestreifte Mund verriet die Sitte der Ausländerin, die sich ihrer Schminke nicht schämt; dennoch hatte er etwas Rührendes, es zuckte noch ein Schmerz um seine Winkel. Der weiße Atlas des Kleides nähte sie der letzten Mode nach eng ein. Eine entzückende Eleganz und Originalität lag in der fast hageren Erscheinung. Der Gang stolz und doch sieghaft leicht, die Haltung des Kopfes mädchenhaft und dennoch fast königlich. Von solchen Frauen denkt man, sie seien eines Großen heimliche Beherrscherin; ihr Thron ist gebaut über dem sichtlichen, dem Fürsten dienen. Eine Seele vibrierte hier durch den Körper und verklärte ihn. „Un prétexte pour qu’une âme restât sur la terre,“ hatte Givo seinen Freund Hugo zitiert, als er einst mit Hettwer Arabella betrachtete. Die Dame nahm Platz, lehnte sich zurück, leicht den Kopf erhoben, den Blick in die gemalten Ranken des Vorhanges verloren und so wie abwesend sich scheinbar vor der Neugier bergend. Man hat sie vielleicht schon im Prater gesehen. Ist es nicht dieses Mädchen, diese Frau mit dem schönen Kutschierwagen? Wer mag ihr Mann, ihr Geliebter sein? Ist sie eine Französin, eine Russin? Aber mit einem Male reißt unter den vielen ein einziger Blick sie auf. Sengend packt er sie, bis ins Tiefste dringt er ein. Es ist ihr, als müßte sie aufstehen und ihm entgegentaumeln. Er zwingt sie ehern, sie fühlt ihn über ihre Haut tanzen mit kleinen blauen Flammen. Er ist ihr ganz nahe dieser eine Blick, ganz innen in ihrem Sein, aber wo, wo ist er, der ihn zückt, noch sieht sie ihn nicht, wagt ihn nicht zu sehen unter den Vielen! Er reißt ihr die Haut blutig, er wühlt in ihr, er gräbt sich in sie. Ihr Widerstand ist vergeblich, immer näher weiß sie ihn. Dort, dort ist es, dort starrt einer her aus leichenblassem Gesicht, brennt seinen Blick auf sie hin. Neben einer schwarzhaarigen Frau steht er, die unruhig geworden ist, steht vornübergebeugt über der Brüstung der Loge und reißt ihren Blick zu sich, in die Flamme des eigenen hinein. Seine Gestalt ist noch immer die eines Jünglings, seine Züge sind zart und von leuchtender Geistigkeit, nur die Augen, die Augen haben etwas vom ewigen Feuer, das durch alle Zeiten brennt. Eines Wetterleuchtens Widerschein liegt um Stirn und Schläfen. Aber jetzt ist die Flamme dieses Auges nur einem Ziel entzündet. Und nun weiß die Gräfin Karinska, von wo der Blick ruft: Arabella weiß, daß Manuel sie erblickt. Doch seltsam, fast im selben Augenblick wird ein eigentümliches Sausen im Theater hörbar, vor den ersten Bänken steigt ein kleines Rauchwölkchen auf, der Vorhang bäumt sich wie eine flatternde Fahne, eine unheimliche Stille tritt ein. Eine Stimme schmettert über die Menge fanfarengleich: „Feuer, Feuer!“ Im Nu sind die Menschen ein zäher, drängender Knäuel, zusammengeballt von der Faust der Gefahr. Angst ist aus jedem als eine einzige Gewalt gepreßt, zu einem einzigen Ziele drängend, vorwärts, zur Tür, an die Luft, ins Leben. Über eine Logenbrüstung schwingt sich ein Mann, stürzt sich in das Gewühl des Parterres, der Todesgefahr und seinem brennendsten Wunsch entgegen. Versteinert starrt die Frau, die ihn halten wollte, der eigenen Rettung nicht achtend, ihm nach, entgeistert von einem Schrecknis, das nur sie empfindet, im Schrecken aller. Schon strahlen die goldenen Karyatiden der Brüstungen in feenhafter Beleuchtung. Zwei Choristinnen in Flitterkleidchen flattern wie von der Zugluft der Flammen getrieben über die leere Bühne. Rauch schlägt schwarz aus der leuchtenden Lohe und schwingt sich auf zu den Galerien. Das Entsetzen ist zum Schrei aus hundert Kehlen geworden. Menschen stürzen zur Erde und sind nur ein Sprungbrett der Nachdrängenden. Doch wehe, plötzlich stockt das Drängen. Gänge und Türen sind zu klein, alles kann nicht hinaus an die Luft, in die Freiheit aus der Umarmung des Todes in das Leben. In Verzweiflung drängen sie anderen Wegen zu, geraten in Sackgassen und entlegene Räume und überall schwärzt der Rauch den Weg. Sie gelangen in Gänge, die sich labyrinthisch verwirren, hinauf, hinunter, von Grauen gepackt und verwirrt, durch Fenster winkt für viele nur Rettung, denn der Weg zurück ist abgesperrt vom todbringenden Qualm. Ersticken droht. Fast scheint es, als würde es allen Menschen gelingen, aus dem Innenraum in Gänge und Seitentrakte gedrängt, sich dem Ausgang zu nähern, da erlischt das Gaslicht. Die Notausgänge bezeichnet keine wachende Lampe. In entsetzlicher Finsternis sind die Menschen aneinandergepreßt, zu grauenvoller Gemeinsamkeit ineinander verkrampft. Dunkel versperrt ihnen den rettenden Weg. In grausamem Ringen drängen Männer Mütter zurück, reißen einander Kleider und Haut in Fetzen. — In der Stadt hat sich blitzschnell die Nachricht des Brandes verbreitet. Pferde vor schleudernden Wagen rasen, Schaum vor dem Munde, durch die Straßen. Fenster öffnen sich, Rufe, Fragen werden getauscht. Wer ein Liebes dort im Theater vermutet, stürzt besessen davon.
Frau Martha Gunter hatte abgesagt Arabella ins Theater zu begleiten. Kopfschmerz, ihr altes Übel aus nervenzerrüttender Zeit, hatte sie tagsüber geplagt. Abends hatte sie sich erleichtert gefühlt und saß nun still versonnen beim Abendessen. Wie wohl es das Schicksal doch mit ihr gemeint hatte, daß es ihr die Tochter wiedergegeben, als der Mann ihr verstarb! Und wie gut sie war, wie schön, ihre Tochter, ihr großes Kind. Auch der Groll gegen Mannsthal, der wie Asasel, der Böse, ihr Leben verschattete, war gewichen: denn Arabella war unversehrt. Sie war zwar traurig zuweilen und eigen, aber kindlich war sie geblieben und verderbt schien sie ganz und gar nicht. Und wenn sie jetzt auch einsam lebte, was absonderlich war für ein Wesen ihrer Art, so hatte das gewiß seine guten Gründe. Instinktmäßig erriet Frau Gunter in Arabellas Leben dennoch den Mann. Aber fragen, nein, das konnte sie nicht. Wie hätte sie es über sich gebracht, dies Kleinod, diesen späten Sonnenstrahl zu beunruhigen, zu verscheuchen! Qualvoll schon war der Gedanke, sie wieder verlieren zu können! Da war plötzlich ein Raunen und Rauschen auf der Straße vernehmbar geworden, fast gleichzeitig kam Luise, Arabellas Kammermädchen, mit dem Schreckensgerücht und war von der alten Dienerin sogleich weggeschickt worden, nach Hause zu laufen, ob ihre Herrin zurückgekommen sei. Sie erblickte, als sie eintrat die gefährliche Botschaft zu melden, Frau Gunter am geöffneten Fenster. Sie mußte von der Straße her die Nachricht vernommen haben. Sogleich brachte die alte Magd Mantel und Schal. „Vielleicht bringt man sie hierher. Gott gebe es, daß sie heil ist,“ betete die Mutter. Sie wollte Luise nicht abwarten. So eilig sie konnte, lief sie den Ring entlang zwischen den erregten Menschenmassen. Feuerschein stieg zum Himmel und sengte ihr ins zitternde Herz unaussprechliche Angst. Atemlos kam sie näher und näher. Aus drei Feuerherden vom Parterre, dem Dach, den Galerien, loderte wie aus Riesenessen der Brand. Noch war die Feuerwehr nicht in voller Tätigkeit, da sieht die bebende Frau hinter der Statue, die den Dachfirst krönt, die Flamme durchbrechen und in entsetzlicher Gewalt steil zum Himmel steigen. Auf den Balkons, an den Fenstern erscheinen Menschen, ihr Schrei erstickt im Prasseln, gleich Gespenstern strecken sie Hilfe erflehend die Arme in die Höhe, schwarz sich von den Flammen ihres feurigen Hintergrundes abhebend. Jedes Fenster, jede Türe verhüllt ein Flammenvorhang, das feurige, gierige Maul frißt rückwärts die Treppen ab, läßt nur die eisernen Träger zurück und die Gitter, die in Schlangen und Feuerblumen phantastisch glühen. Das Zischen der Flammen übertönt das Krachen des Gebälkes. Um das brennende Haus steht immer noch anwachsend die Menge der Stadt. Dampffeuerspritzen arbeiten, Löschtruppen, Wachleute, Männer aus dem Volke dringen in die feurige Hölle, um zu retten. Funkengarben fliegen ins Weite, auf brennender Zunge tragen sie die Botschaft. Hilflos unter Hilflosen laufen die Leute um das prasselnde Haus, ziehen die stürzenden, erstickenden Menschen aus dem Gewühl, laben die Verschmachtenden, raffen Tote hinweg, trösten Besorgte. Ein alter Mann in feinem Pelz steht neben der bebenden Frau und ruft mit der gebrochenen Stimme des Greises in französischer Sprache: „Es-tu en haut, Julie?“ Die Leitern kommen. Sie sind zu kurz. Dunkelheit und Rauch verschlingen die wechselnden Vorgänge, wenn nicht blitzartig die Flammen sie erhellen. Nun breiten sich die Sprungtücher. Ein Mann in Hemdärmeln kriecht längs des Balkongeländers, steht auf einmal aufrecht, wendet sich und verschwindet. Inmitten der Menge unten steht ein Statist in rosa Trikot. Er dreht sich unaufhörlich, wie ein brennender Kreisel, ein Spielzeug, das auch Musik machen kann. „Arabella,“ ruft es da; eine zitternde, des lauten Rufens ungewohnte Stimme preßt den Schrei hervor. „Arabella!“ Keine Antwort. Und wieder, wieder ruft es gellend vor Angst, ein Mutterschrei: „Arabella!“
In den umliegenden Kaffeehäusern sammeln sich Leute an, die, erschöpft oder leicht verwundet, mangelhaft bekleidet, die Brandstätte verließen. Damen in Soireetoiletten, Offiziere in Waffenröcken, Herren ohne Übermäntel, Schauspieler in Kostümen, grellgeschminkte Statisten und Statistinnen strömen in die Lokale, sich vor Kälte zu schützen. Vielen wird erst jetzt die Todesgefahr bewußt, der sie entronnen. Grauenhafte Schilderungen erhitzen die Gemüter. Angst treibt Geängstigte wieder hinaus. Blutiger Schein dringt durch die Fenster, das jüngste Gericht scheint hereingebrochen, das Gottesgericht. Auf seinen Armen trägt ein schlanker Mann in zerfetztem Abendanzug eine weibliche Gestalt. Ihr Blondhaar ist aufgelöst, beschmutzt ihr weißes Kleid. Ihr Kopf ist an die Schulter des Retters geschmiegt. Nun setzt er sanft seine Last ab, bettet sie auf eine Wandbank. Auf ihre Wange hat das Feuer sein Mal gezeichnet. Nun kniet er vor ihr, forscht nach der Verwundung. Noch haben sich ihre Arme nicht von seinem Nacken gelöst. Seltsam ist ihr Blick, als sähe sie das Wunder blickt sie ihn an. Nun senken sich die Lippen zu einander, bleiben lang im Kuß geeint. Die beiden wissen nicht, was um sie ist. Draußen tobt Feuer. Durch seine Schrecken sind sie ins Leben gelangt, Herz an Herz geschmiegt, verklammert zu einem Körper haben sie die Wiedergeburt ihrer Vereinigung erlebt. Nun erwacht der Mann, er erinnert sich, daß, ehe das Große geschah, das Wiedersehen mit der Geliebten, neben ihm eine Frau geweilt hat, seine eigene ihm angetraute Frau. Er greift sich an den Kopf, er reibt sich den Rauch aus den Augen, er stürzt davon. Er eilt nach Hause ins Hotel. Die Frau ist nicht heimgekehrt. Nun ist Givo zur Brandstätte zurückgestürzt. Da hört er den Schrei, den geliebten Namen „Arabella“. Rasch drängt er sich in die Richtung des Rufes, da erstickt der Schrei. Ihre Mutter muß es gewesen sein. So ruft nur eine Mutter. Er reckt sich auf und antwortet der Stimme. Laut schreit er, jubelt er, wiewohl er die Ruferin nicht sieht, nicht findet. „Arabella ist gerettet. Vögelchen ist gerettet.“ Die Frau preßt die Hände an die Brust. Wer antwortet ihr? Ist es Gottesstimme, welches Wunder geschah ihr? War es die Stimme eines Lebenden? Sie wankt. Halb entgeistert führt die Beseligte ein Herr hinweg.
Als Arabella aus der Ohnmacht erwacht, steht ein Fremder neben ihr, hält ein Stück einer Pelzboa in der Hand, sein Haar ist versengt und er ruft unaufhörlich mit heiserer, tränenerstickter Stimme, wie ein Papagei, den man um seinen Namen fragt: „Mali! Mali! Meine Mali! Sie brennt drin, Mali!“ Man bringt ihn fort. Arabella will denken, will sich mit Angst und Gebet ins Feuer tasten. Stimmen übertönen die mühsam gesammelten Gedanken. Zwei Schauspielerinnen am Nebentisch erzählen laut, erregt: „Wir sitzen in unserer Garderobe, schminken uns für die Vorstellung, da stürzt ein Herr herein und schreit: Wo ist ein Ausgang? Ich erwürge Sie, wenn Sie mir nicht den Ausgang zeigen. Wir glauben, daß es ein Wahnsinniger ist, er stürzt davon. Kein Wort vom Feuer. Nach zehn Minuten erst hören wir ein Raunen. Ich öffne die Türe. Das Haus brennt!“ Arabella richtet sich auf.
„Wo ist die Calese?“
„Sie hatte ja erst im zweiten Akt aufzutreten. Man sagt, sie schläft vor den Vorstellungen und meist nicht allein. Man hat oft darüber gespottet. Das hat sie gerettet.“
Wie durch einen Nebel hört Arabella der Calese umflorte Stimme: „Alles ist vorbestimmt, wozu sich wehren!“
Ein Herr jammert: „Sie sagen, alle seien gerettet, das kann nicht sein. Ich sah Hunderte, die so erschöpft waren, daß sie nicht mehr kämpfen konnten. Ein Verbrechen wurde begangen, Fahrlässigkeit ist Verbrechen, böser als Totschlag, wenn Hunderte daran zugrunde gehen.“ „Schicksal ist es, Gericht Gottes,“ schreit eine alte Jüdin, die bisher heulend wie ein Klageweib dagesessen. „Mein Ignaz!“ Arabella horcht auf. „Schicksal? Gottesgericht um den Tod der anderen? Jahrelang habe ich mich gequält, zu wissen, was ich, was ihm die andere wert ist. Mußte eine Volksmenge brennen, daß ich die Wahrheit wisse, daß er mich rettet und nicht sie?“
„Was Schicksal,“ schreit da ein Offizier. „Eine Schweinerei ist es, eine verantwortunglose Schweinerei! Wer schwätzt hier noch? Die stark genug sind, mögen retten und laben, wer schwach ist, halte Ruhe oder schleppe sich nach Hause.“ Arabella erhebt sich. Ja, auch sie will retten, will ihm nach. Kann sie ihn verlieren jetzt? Nein, er wird leben, muß leben. Sie steckt rasch ihr Haar auf. Ihre Kniee zittern, sie muß sich festhalten, ehe sie den Ausgang erreicht. Draußen schlägt ihr der glühende Atem des tobenden Elementes entgegen. Die Wange schmerzt und auch am Knöchel ist sie verwundet. Sie fühlt, wie das Blut, wie den falschen Schwestern Aschenputtels, ihr in den Atlasschuh rieselt. Aber darf sie, die noch aufrecht geht, etwas anderes wollen als helfen? Der Offizier hat recht. Sie drängt sich durch die Menge dem Brandplatz zu und je näher sie kommt, desto wacher wird sie. Nun zweifelt sie nicht mehr. Er ist zurück in den Brand, er sollte nicht unter den Rettern sein, sollte seine Frau nicht retten wollen, die er um ihretwillen zurückgelassen hat? Eine wahnsinnige Angst packt sie, schüttelt sie mit dem Frost zugleich. Das Gedränge wird immer stärker. Wachleute haben einen Kordon gebildet. Sie lassen niemanden durch. Man trägt schauerlich entstellte Leichen an ihr vorüber. Neben ihr schreit ein etwa zwölfjähriges Mädchen, dessen offene Haare halb verbrannt sind, herzzerbrechend: „Mama, Mama!“ Arabella nimmt das Kind an der Hand. Der fremde Schmerz gibt ihr Kraft. Sie führt die wankende Kleine zur Seite, trocknet mit ihrem Taschentuch das Blut, das ihr von der Schläfe rinnt, läßt sich von der Schluchzenden erzählen, daß sie die Mutter in der Finsternis des Hauses verloren, noch oben auf einer Stiege, die zum Dache führte; ein Mann habe sie hinausgetragen und hier abgesetzt. „Du mußt gleich nach Hause, vielleicht sind die deinen schon zu Hause und sorgen sich. Ich führe dich.“ Arabella geht mit dem fremden Kinde durch die Straßen. Sie weiß, das, was sie hilft, ist nichts, doch Tun ist Rettung vor dem Denken und Wissen all des Entsetzlichen. Wüßte sie Givos Wohnung, sie ginge hin, selbst wenn sie der Frau begegnen müßte, und wartete dort ab, sähe Noemi, beruhigte sie, wenn sie Angst hätte, weil Vater und Mutter nicht kommen. Und nun ist ihr, als führe sie Noemi an der Hand, wie sie so mit dem fremden Kinde dahingeht. Es wohnt nur eine Viertelstunde weit, aber der Weg dünkt beiden endlos. Aus dem Hause, auf das die Kleine lossteuert, läuft ein Herr. Das Kind stürzt ihm entgegen. Da versagen Arabellas Kräfte. Sie kann nur rasch den Helfenden die Adresse ihrer Mutter sagen, dann weiß sie nichts mehr.
Überall sind nun die Eingänge in das brennende Haus von drängenden Menschen verrammt, von übelriechendem Qualm und Finsternis. Givo aber hat sich einen Weg erkämpft, eine Türe reißt er auf, da fährt er entsetzt zurück, über eine Stiege kommt glühendes Blei geflossen, in Kaskaden springt es daher. Ein Ausgang wird endlich freigelegt, Beamte, Feuerwehrleute, Offiziere versuchen mit Fackeln einzudringen, manch einer kehrt wieder um, aber Givo tastet ihnen nach und bald ist er im Innenraum, sucht in den entsetzlichen Trümmern die Logen zu erkennen. Aber von oben her sind die Galerien herabgestürzt und der Platz, der ehemals das Parterre vorgestellt, ist ein entsetzlicher Trümmerhaufen von qualmendem Holz und Menschenresten. Noch ist die Hitze und der Rauch so groß, daß ein übermenschlicher Wille nur das Vordringen möglich macht. Grauenvoll ist der Anblick der ragenden Traversen der Galerien, an denen Leichenteile hängen, hohnvoll sind noch da und dort metallene Schnüre zierlich um verkohlte Stoffdraperien geschlungen, glühend schmelzende Gasrohre ragen wie feurige Bäume empor. Givo weiß, in diesem Hause ist niemand mehr am Leben, auch Zora nicht, wenn sie nicht gleich die Loge verlassen hat, von der aus sie sich leicht hatte retten können. Aber er folgt den Männern und, wo sie eingreifen um Leichen zu bergen, ist er an erster Stelle. Dann fällt ihm ein, daß Zora seither in ihre Wohnung zurückgefahren sei und ihn dort erwarten mochte. Er sieht es wieder vor sich, wie sie ihn am Arm faßt, um mit ihm hinauszudrängen, und er sich losreißt, über die Brüstung ins Parkett springt und in rasender Angst, er könne die fliehende weiße Gestalt aus dem Auge verlieren, nach rückwärts drängt, wo sie durchkommen muß, ehe sich der Weg vor dem Ausgang teilt. Wie er dann, auf einem Sitze stehend, um nicht abgedrängt zu werden, Arabella zuruft und winkt und — Ewigkeit dünkten ihm diese Augenblicke — endlich sie in seinen Armen hochhebt und hinausträgt. Im Gang draußen, im atemberaubenden Gedränge erlischt das Licht. Arabella sprach nicht, sie preßte nur fester die Arme um seinen Nacken, zwischen Qual und Gefahr fühlten sie traumhaft das unfaßbare Glück des Wiedersehens. Dann trat die Stockung ein und erst da, im endlos scheinenden Warten, wußte er, daß er nicht beide mehr retten kann, die Geliebte und die Frau. Blitzschnell hatte er es überdacht, Arabella, die Gefährdete, hinauszutragen und gleich dann nach Zora auszuschauen, die den näheren Weg ins Freie hatte. In der Finsternis aber hätte er Zora nicht wiedergefunden. Und ebensowenig vermöchte er nun nach Stunden eine Spur von ihr zu erblicken. Ein grausiges Abwarten steht ihm bevor, falls er die Frau nicht zu Hause findet. Als man im Hotel die Frage, ob seine Frau heimgekehrt sei, verneint, fühlt er nicht Schmerz und Sorge um sie, die vielleicht durch seine Schuld zugrunde geht. Er weiß nur dumpf das Elend der vielen dort; das seine ist ein Teil von dem ihren. Die englische Bonne, die über Noemis Schlaf wacht, weiß nichts vom Feuer. Er sagt ihr rasch, was geschehen ist und daß er zurückkehre zu helfen und zu bergen. Für Zora nichts. Er zweifelt an ihrer Rückkehr. Er hat sie aufgegeben.
Die folgenden Tage vergehen unter Nachforschen zwischen entstellten Leichen und Leichenresten auf der Brandstätte, in Spitälern und Totenkammern. Von verkohlten Klumpen, zerbrochenen Skeletten, deren Gesichter keine Spur mehr eines physiognomischen Ausdruckes trugen, nährte sich stundenlang sein suchender Blick. Hier und dort klebte noch ein Fetzen eines Kleidungsstückes, an manchen Fingern glänzte ein Ring. Auf der Brust lag manchem das vorgefundene Geld, das in der Hitze seine Formen verändert hatte. Das Kind war neben dem Greise gebettet, der Handwerker im Kittel neben der reichgekleideten Dame, um die noch goldene Ketten hingen, kunterbunt waren sie aneinandergereiht, furchtbar zur Strecke gebracht. Aus dem entsetzlichen Gemenge verkohlter Leichen wurde in den Foyers nach Reliquien gesiebt und geschaufelt. Weniges nur bot Anhaltepunkte zur Agnoszierung der Toten. Eine kleine rührend zarte Hand fand sich, die Hand eines Kindes oder einer jugendlichen Frau, verkalkt und am Gelenk abgetrennt, die Nägel schmal und gepflegt. Givo erschrak, denn sie erinnerte ihn an Vögelchens Zartheit. Inmitten des Grauens stürzte er weg, um sich zu vergewissern, daß sie lebe, daß sie nicht etwa, aus Angst um ihn sich in den Brand wagend, ihr Leben verloren hat. Wieder stand er vor ihrem Hause, zu dem ihn vor dem tragischen Wiedersehen schon Sehnsucht getrieben hatte. Er erfuhr vom Portier, daß die Gräfin bei ihrer Mutter sei, er hätte Auftrag ihn zurückzuhalten, falls er Herr Givo wäre. Aber Imanuel kann und will nicht, will Arabella nicht sehen, bevor die traurige Arbeit nicht zu einem Ende gekommen ist. Eine schauererregende Ausstellung muß er besuchen. Auf weißen Porzellantellern liegen im Polizeihause die gesammelten Reliquien der Toten. Kleiderfetzen, Schmuckstücke, Sacktücher, Schlüssel, Kämme, Liebespfänder, allerlei Kleinigkeiten, die man bei sich zu tragen pflegt. In einem Zimmer ist auf Tischen eine große Anzahl von Uhren zur Schau gestellt. Manche ticken noch laut, als wäre ein Rest vom Leben ihrer Besitzer in ihnen zurückgeblieben. Geisterhaft stille und laut erregte Menschen irren mit Givo zwischen den tragischen Resten. Traurige Gewißheit wird manchem zuteil, der die armseligen Überbleibsel des Vermißten wiederfindet. Aber Givo, wiewohl er vor dem Schauerlichsten nicht zurückschreckt, um eine Spur zu finden, erforscht nichts. Ist Zora — immer wieder kommt ihm dieser Gedanke — freiwillig verschwunden, wie sie so oft gedroht, wenn ihre Nerven anstürmten gegen Givos kühlen Frieden. Aber sie, die sich einen Künstlernamen erworben, konnte sie im Leben untertauchen, als wäre sie wirklich verbrannt, konnte sie zu einem ungenannten Stäubchen werden, sie, die mit aller Kraft nach Ruhm gestrebt?
Machte sie es wahr, was die Asketen ihrer Sekte predigen, aufzugehen im lebendigen All, ein heimlich beseelter Teil, sonst nichts? Und Noemi, deren Zärtlichkeit sie nur ungern geduldet, würde die sie nicht aus ihrem Verborgensein locken? Er wußte dies eine: wo immer sie war, sie hatte verschwinden wollen. Rettung war ihr möglich gewesen trotz aller Verhängnisse. Zunächst dem Ausgang war ihre Loge gelegen. War sie um seinetwillen, um der Gefährdung willen, in die er sich begeben, zurückgeblieben? Es kam keine Antwort auf diese Fragen.
Asche
„So jemand zu mir kommt
und haßt nicht seinen Vater,
Mutter, Weib, Kinder, Brüder,
Schwester und dazu sein eigenes Leben,
der kann nicht mein Jünger sein.“
(Lukas 14, 33.)
Arabella, deren Nerven schon vor der Katastrophe mit Hochdruck gearbeitet hatten, fand kaum die Kraft sich all des Entsetzlichen zu besinnen. In ihren Fieberträumen sah sie ein blutendes Feuermeer und daraus hervorsteigen ihn, den Geliebten, den Erwarteten, das Heiligtum ihrer Liebe zu Himmeln entführend, die kein Rauch mehr von irdischem Geschehen berühren kann. Und sie sah wahr, Givo hatte sie gerettet, hatte nach jahrelanger Trennung das Kleinod seines Gefühles aus dem brennenden Unheil getragen. Wie körperlos war diese Rettung, nicht die Frau hatte er dem Untergang entrissen, das Weib, das er besitzen wollte, die Hülle war es seines geheimen Heils, das er durch Jahre der Kämpfe, der Sehnsucht hinter siebenfach verschlossenen Altären anbetend verwahrte. Ihn verlangte nicht nach Lebendigem. Was er über die Gräfin Arabella Karinska erfuhr, das hatte wenig gemein mit dem Gral seiner Seele. Eine junge Frau, vom Geld ihrer Anbeter in einem kleinen Palast lebend — Vollblutpferde, die ein niedliches Kammermädchen mit Zucker füttert, scharren vor dem Tor — während oben ein Fenster sich öffnet und die Herrin zusieht, wie es den Lieblingen mundet: so hatte, im Parke verborgen, Givo, der Mann, der nach der Geliebten Sehnsucht trug, sie erblickt. Eine verwöhnte Frau, die nichts mehr weiß vom Jammer der Welt, von den Elendvierteln von London, den Judenverfolgungen in Rußland, dem Sklavenhandel und der Nachtarbeit der Fabrikskinder. Zwischen seinem Leben und Streben und dem ihren, das im Luxus versandet, liegt eine Welt. Aber ihre Seelen wissen nichts von dieser Kluft, sie leben vereint untrennbar, unentwirrbar. Daß er sie retten konnte und darob Zora verlor, daß diese ins Unerklärliche verschwand, es erstaunte ihn nicht. Nichts war ihm wunderbar, ihm, der im Wunderbaren lebte, ihm, der Erden des Schmerzes wie unter den gekrampften Händen eines ohnmächtigen und dennoch unablässig schöpferischen Gottes tief unter sich zucken fühlte. Wie weit war er gewandert seit jener Nacht, da ihm das lichte Vögelchen mit dem zuweilen so schwermütigen Gezwitscher entflogen war! An die Gestade mythischer Welten war er gelangt. Er schrieb ihr:
„Geliebte, ich sende Dir mein Kind. Seine Mutter ist tot, verschwunden. Sie war eine Unglückliche. Ich habe, wie Du weißt, auch meine Mutter getötet, nun diese Frau. Laß mich Dir fern bleiben. Ich tauge nicht zu Frauen. Mein Weg ist nicht wirtlich. Bleib fern ihm! Ich will Deine heiligen Füße nicht blutig sehen im Dornengestrüpp dieses Weges. Du sollst die Musik der Sphären mit mir teilen, nicht das Wimmern der Menschenqual, das meinen Tag einsingt: Wenn mein Kind bei Dir Heimat fände, wie dankte ich es Dir! Sei ihm, was Cecile Dir einst war. Ich komme, wenn ich nicht mehr besessen bin von den Bildern des Grauens, die in den Leichenkammern der Verkohlten sich in meine Augen brannten. Ich komme, Dich zu umarmen und zu — gehen. Dein
Givo.“
Luise meldet einen Herrn. „Ein Herr in Uniform, von der Marine,“ sagt sie. Arabella liegt müde danieder und immer schreckt sie zusammen, wenn es läutet, denn sie erwartet Givo. Zuerst meint sie, wenn er käme, würde alles gut, die Vereinigung vollendet, wenn er auch vom Gehen schrieb, aber wie sie so lange wartend liegt, kommt wieder Hellsichtigkeit über sie und sie weiß, daß sie ihn nicht wieder gewinnen kann. Die Stunden schleiern wie Asche auf sie herab und sargen sie ein. Als Luise den Marineoffizier meldet, weiß sie gleich, daß es Normayr ist. Sie hat ihn nicht gesehen seit jener Fastnacht, nur einmal dem immer in der Ferne Versprengten einen Gruß durch einen Kameraden gesandt. Nun ist er gekommen, weil er in Triest, sich eben ausschiffend, in den Zeitungen las, daß auch sie im brennenden Theater gefährdet gewesen. Seltsam, oft muß sie an ihn gedacht haben, denn er ist ihr nicht fremd; sie fühlt plötzlich eine stille Geborgenheit, die von seiner Ruhe ausgeht und die ihr die Qual der Wartestunden nimmt. Und obwohl das Gespräch konventionell bleibt, ist eine verborgene Herzlichkeit, eine wissende Wärme unter den Worten geborgen: die Hoffnung auf ein sicheres Wiedersehen zu ruhigerer Zeit. Wie er dann gegangen ist, um bald wieder sich für eine Nordpolexpedition einzuschiffen, rinnen rasch, sie selbst überraschend, Tränen über ihre Wangen herab. Sie weiß selbst nicht, wem sie gelten, ihm, Givo, sich selbst. Dem Leben wohl, dem Leben!
Und tagsdarauf stand ein blasses Kind mit großen, stillen Augen und dem lieblichsten Mund neben seiner englischen Nurse vor der Türe der fremden Gräfin, bei der es nun wohnen sollte. „Gehen wir nicht hinein?“ fragte es. „Oh luk!“ Die Kleine hatte glückselig den Papagei erblickt. Arabella hörte den Ausruf des Kindes und stürzte aus ihrem Bette, ihrer entkräfteten Glieder wieder mächtig. „Mein Kind, mein Liebling!“ Noemi erschrak nicht. Die Frau im weißen Gewand mit dem blassen Dulderangesicht glich einem Engel. Es kam ihr eine Erinnerung, ohne daß sie es wußte, und unwillkürlich griff sie an ihr Perlenkettchen. Dann sagte sie leise der knieenden Frau, auf die Wange deutend, in deren Blässe das Feuermal brannte: „Was hast du da? Tut es weh?“
„Nein, Kind, nein, nichts schmerzt mehr, denn nun bist du ja bei mir, bei mir,“ und sie verbarg ihr Antlitz in der Kleinen Lockenhaar.
Etwa drei Monate nach diesen Begebenheiten erhielt der Graf wieder ein Schreiben:
„Mon cher Nicolai, es geht besser, seitdem ich draußen in Heiligenstadt wohne. Mutter ist bei mir. Sie, die alles stiller um mich macht. Und Noemi heißt der Glücksquell, aus dem ich schöpfe. Ich brauche Dir nichts zu sagen von diesem meinem zweiten Leben, in das ich zurückgekehrt bin, nachdem ich es damals in Tresano in den Tagen, als ich Dich zum ersten Male sah, verließ. Unbewußt war ich ja wohl oft darin zu Gaste und gefühlt hab’ ich es immer in den Liebesumarmungen, und wenn ich schöner Musik lauschte, da war ich ihm am nächsten. — Jetzt aber lebe ich in Weihe. Du wirst es mir nicht glauben, ich war froh, als Givo abgereist war. Ich ertrug seine Nähe nicht, es war, als müßte ich vor Glück vergehen, als müßte er in diesem zweiten Feuer mit mir verbrennen. Es war zu viel. Das ist nichts für Menschen, so ein überirdisches Glück! Givo ist jetzt in Russisch-Polen, lebt dort unter den orthodoxen Juden, die er erretten will. Ich verstehe nicht ganz, wie er es plant. Ich glaube, er will ihnen Liebe wecken, Sie leben nur im Geist, sagt er, er möchte sie zurückführen zu den Dingen. Er möchte ihnen das ruhelose Irren nehmen, ihre Seelen sollen in ein höheres leibliches Leben eintreten, um zu gesunden. Er sieht das heutige Judentum wie eine Abnormität, eine Krankheit. Dort, wo es auf schönen Wegen war, soll es in ein Sektenwesen ausgeartet sein, das er zurückleiten will zur Liebe. Wer könnte es besser als er, der sich niemals über die anderen erhebt, sondern ihresgleichen wird, um zu helfen. Aber ich fürchte, er wagt zu viel. Wirst Du ihn beschützen dort? Ich weiß, daß er schwach ist, ich weiß es. Ich vertraue ihn Dir an, Nikolai!
Und was mich betrifft? Dein Scheidungsbrief ist vorläufig überflüssig. Manuel ist vor den Gerichten nicht Witwer, weil er keinen Beweis erbringen konnte, daß seine Frau verbrannt ist. Eine Reihe von Jahren muß hingehen, bis der Tod gesetzlich beglaubigt ist. Und wozu auch eine Ehe eingehen? Wir sind einig, wie wir es immer waren, und ein Leben wie Mann und Weib es führen, scheint uns nicht beschieden zu sein. Er muß seinem Genius Deva Nahuscha folgen und sein Lebenswerk weiterfördern in Klüften und Bergen, in denen ihm göttliche Sonne strahlt. Vielleicht ist er ein Märtyrer und ich muß ihm dereinst mit meinen Haaren das Herzblut stillen wie Magdalena des Heilands Füße trocknete. Leb wohl. Du hörst Heiteres, sobald der Frühling mich Frierende erwärmt. Deine
Bella.“