Wetterleuchten
Arabella fand ihr Heim wohlig und warm. Lora, der Papagei, begrüßte sie, indem er sich mehrmals mit seinem Namen vorstellte, der Affe sprang ihr auf die Schulter und zauste ihr Haar. Putzi, die Lachtaube, die Arabella überall hin begleitete, wurde aus dem Reisekäfig in ihr schönes, großes Haus befördert und bedankte sich mit ihrem inbrünstigen Kukuru. Frau Gunter war mit ihrem Jungen gekommen, dem die gräfliche Stiefschwester ein unentwirrbares Geheimnis war, eine kostbare Zusammensetzung von Fraulichkeit, Duft, Spitzen und tausend kleinen Unerklärlichkeiten. Von ihr zu träumen aber war möglicher als mit ihr zu sprechen. Die Dienstboten eilten mit fröhlichem Eifer umher, Befehle auszuführen, die ihre Herrin ebenso rasch erteilte als widerrief. Arabella hatte von Karinski die Gewohnheit angenommen Dienstleute zu duzen. Sie rief sie herbei, teilte Geschenke aus, umarmte des öfteren die Mutter und den Bruder, der verlegen sich bemühte, in seiner Konviktsuniform zu imponieren, eilte von Zimmer zu Zimmer, alles von neuem betrachtend, als sähe sie es nun mit anderen Augen. Eine prickelnde Unrast trieb sie umher. Die Stadt war ihr eines heimlichen Zaubers voll: sie ahnte Givos Gegenwart oder erhoffte sie so warm, daß sie ihr schon Gewißheit schien. Was durfte sie beginnen, fragte sie sich, da er all die Jahre geschwiegen? Oft und oft hatte sie sich damit beschwichtigt, daß er sich ihr nicht genähert hätte in der Meinung, er, der Unfreie, dürfe nicht ihr Leben kreuzen, da auch sie in Gemeinschaft lebe. So durfte sie ihm doch zu wissen geben, daß sie frei sei, es immer gewesen war für ihn. Der Gedanke, es könne Zora Uhari ohne ihn die angekündigte Konzerttournee unternehmen, kam ihr gar nicht in den Sinn, so sicher fühlte sie den Augenblick eines Wiedersehens gekommen, und gleichfalls war sie dessen gewiß, daß auch er der Wiedervereinigung gewärtig war. Würde er sie finden?
So sehr sich auch um diese Zeit das ländlich umgürtete Wien zu vergrößern begann, es hatte sich kürzlich sogar, wie eine richtige Großstadt, in ein Netz von Telephondrähten eingesponnen, so klein blieb es dennoch und es war nicht leicht, unbekannt in seinen Bezirken zu leben. Arabella aber hatte eine fast kindische Angst vor neugierigen Menschen. Da ward das Wandervögelchen in ihr wach, das nur überall zu Gaste sein will und hinter Blätterwerk recht ab- und obseits sich sein Nest erbaut. Bekam ihre Mutter, während sie bei ihr weilte, Besuch, schlüpfte sie durch eine Hintertüre davon und Frau Gunter sah sich um ihr Vergnügen betrogen, mit der Tochter Staat zu machen. Neugierige Fragen konnte die immer Freundliche und im Gespräch stets zum Scherz Gelaunte mit hochmütiger Schärfe beantworten. Anonymität bedeutete ihr die große unbehelligte Welt, das unmittelbare Leben von Mensch zu Mensch ohne Beschränkungen. Um nicht das Interesse der Leute zu erregen, verweigerte sie lange Zeit ihr Mitwirken zu wohltätigen Veranstaltungen. Häufig aber geschah es, daß sie durch Luise, ihre Jungfer, Arme und Kranke, die irgendwo ihren Weg gekreuzt, besuchen und beschenken ließ. Ihre Leute bezahlte sie fürstlich und kümmerte sich überdies um das Wohl ihrer Familien. Unbemittelte und schlichte Menschen interessierten sie weit mehr als die „Gesellschaft“, deren Banalität sie fürchtete und die sie vielleicht instinktgemäß um der Einschätzung willen verachtete, die sie von ihr zu erfahren meinte. Es gab indes eine Welt, in der die Gräfin Karinska wohlbekannt war. Bei Trödlern, Antiquitäten- und Spitzenhändlern konnte man sie stundenlang sitzen sehen, um zu wählen, zu betrachten, zu gustieren, bis sie ermüdet in den wartenden Wagen flüchtete, in den die neu erworbenen Schätze verladen wurden. Da sie die Dinge um sich häufte, lernte sie die Menschen entbehren. Ihre Tiere waren ihr treuer als eigennützige Freunde und sie war glücklich, daß gleichgültiges Geschwätz ihr nicht die Muße ihrer Sehnsucht störte. Ihr Leben war, flüchtig gesehen, dem Luxus und Wohlleben geweiht. Eine grande Dame schien sie, die nur ihren Prunk im Auge hat und weder einem Manne noch einem Kinde lebt. Des äußeren Scheines fast unbewußt gab sie sich sorglos dem Dasein hin, wie ihr der Tag es bescherte, ahnungslos, daß der erwartete Geliebte ihr Leben erschaute.
Bei einem Kunsthändler erfuhr sie zu jener Zeit von der Versteigerung und Vorbesichtigung einer Sammlung von Miniaturen, deren Besitzer ihr alter Freund, der Doktor Clemens Urbacher, war. Sie hatte oft daran gedacht, den verschollenen Freund aufzusuchen. Das Erleben all der Jahre aber hemmte sie. Dem einst so Vertrauten wollte sie nicht aufrollen, was sie vor sich selbst ins Vergessen drängte. Nun aber entschied das Schicksal. Ein Wink von außen rief sie zu ihm, in sein Haus nach Heiligenstadt, von dem er ihr oft erzählt und das sie nie betreten hatte. Sie erinnerte sich, wie gern sie den Onkel Clemens besucht hätte, und heftiger als sonst empörte sie sich gegen den Zwang, in dem sie Adalbert einst gehalten hatte. Immer klarer ward ihr nun rückblickend sein absichtvolles Wesen, die Schliche und Schlingen, die er ihr gelegt hatte, denn oft mußte sie jetzt in ihrem Entbehren um Givo ihrer frühen Entweihung die Schuld geben. Niemals hatte es ihr der Geliebte bekannt, aber es war ihr zur Gewißheit geworden, daß sie nun um ihrer Vergangenheit willen verlassen war. Mehrere Equipagen standen vor Doktor Urbachers Haus, als auch ihr Wagen vorfuhr. Der Garten lag im Schnee, die alten Sandsteinstatuen, die kleinen Pavillons waren unter seiner Last verborgen, das Haus selbst mit seinem vorspringenden Dach schien sich traulich zu verschließen, wiewohl sein Eintritt heute jedermann frei stand, der sich für die Kunstschätze des Hausherrn interessierte. Am Tor war überdies eine Tafel angebracht, die den Verkauf des Besitzes anbot. In der Diele schon erblickte sie Urbacher, der gerade Gäste zur Türe begleitete. Das Antlitz einer Frau verschwand eben noch grüßend hinter einer Türe. Dies Frauengesicht, wie seltsam, es rief ihr eine ungeklärte, unerkannte Erinnerung wach, etwa ein „Wo sah ich es schon?“ und gleichzeitig ergriff sie der Anblick Urbachers. Wie war er gealtert, der einst so treue Freund! Auf dem Kragen seines schwarzen Samtrockes kräuselte sich Silberhaar, über den einstmals so hellen Augen lagen Brillen mit dunklen Gläsern.
Die Türen der anstoßenden Räume waren offen und darin die kleinen Kunstwerke auf Tischen mit schwarzen Tüchern aufgereiht. „Wie eine Aufbahrung,“ dachte Vögelchen und es war ihr, als läge inmitten der bunten Bildchen und Blätter ihre eigene Kindheit hingebettet. Immer wieder mußte sie beim Anblick der Miniaturen an Adalbert, den Sammler, denken und vergleichend lernte sie nun auch seine Auswahl besser verstehen. In diesen Tagen der äußersten Erregung war sie hellsichtig und spürte den geheimen Zusammenhang, die geheime Verknüpfung ihrer selbst mit den zarten Gebilden der Mannsthalschen Sammlung, von denen die Urbachers eine auserwählte, aber viel geringere Anzahl besaß. Ein Haß quoll plötzlich gegen diese Bildchen in ihr auf, genährt durch die Erzählungen ihrer Mutter, die vor Jahren gegen die Sammelleidenschaft Adalberts vergeblich gekämpft hatte. Dieser Haß aber lag in seinen Wurzeln viel tiefer: Arabella witterte das lasterhafte Tier, die grausame Gier eines kalten Genießers, der ihr Leben für immer aus den natürlichen Bahnen gelenkt hatte. Eine Liste der Besucher lag auf, sie unterschrieb sich und las den Namen von Mannsthals Kunsthändler. Es war ihr sofort klar, daß dieser für ihn eine Sammlung erwerben wollte, die Adalbert locken mußte wie keine andere. Blitzartig entschloß sie sich, diesen Kauf zu vereiteln. Indes hatte der Hausherr seine Gäste begleitet, er kam zurück und verneigte sich artig vor ihr. Er sah sie nur als eine vornehme junge Frau und hörte einen undeutlich gesprochenen gräflichen Namen. Ihr ward so wohl, heimatlich wohl, als sie neben ihm von Bild zu Bild schritt. Ihr Wissen, geschult durch einen so bedeutenden Sammler wie es Mannsthal war, entzückte ihn und er fühlte mehr, als er ihn sah, den Liebreiz dieser Frau, die er, als sie Kind war, mehr geliebt hatte als sein Leben. Oder war es die Stimme, die dunkler gewordene, die noch in ihren kindlichen Ausrufen der Vögelchens des Kindes glich!? Er wurde gesprächig, so daß Arabella die Frage wagen konnte, warum er sich von einer so liebevoll angehäuften Sammlung trenne. Nun, er könne ihre Feinheiten nur mehr erinnernd genießen, da er im Begriff sei zu erblinden. Aus diesem Grunde wolle er auch das alte Haus verkaufen und nach Bozen oder Trient übersiedeln, um in der milden Luft noch einen Schimmer südlicher Farben zu verspüren. „Allein?“ entfuhr es ihr voll Mitleid. „Nein, ach nein, meine Gefährtin begleitet mich mit ihrem Sohne. Sie ist Malerin und braucht die Farben noch notwendiger als ich Erblindender.“ Da nahm ihn Arabella bei der Hand und führte den Erstaunten an das Fenster. Sie neigte sich nahe zu ihm und sagte bittend: „Onkel Clemens, erkennst du Vögelchen nicht mehr?“ Da rückte er sich die Brille rasch zurecht und sah ihr angestrengt ins Gesicht.
„Ja, Kind, du bist ja, bist ja eine Prinzessin geworden, Gräfin sagtest du?“
„Ja, ist es denn nicht einerlei, wie ich nun heiße?“ erwiderte sie. „Bin ich nicht mehr dein Vögelchen, bin ich dir ganz fremd geworden?“
„Da bist du nun,“ sagte er wie aus einem Traum. „Ja, jetzt sehe ich, daß du es bist, höre deine Stimme, ja. Siehst du, mir bist du eben noch immer das Kind geblieben, das ich an dieses Unglücksufer gerudert habe. Gott sei es gedankt, daß du nicht später gekommen bist. Nun kann ich dich noch sehen hinter einem leichten Flor wie ein Engelsbild. Bald wird der Schleier dichter fallen,“ und er nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und betrachtete sie prüfend wie eines seiner kostbaren Bildchen. „Du hast manches erlebt, Kind,“ sagte er. „Heißes und Kaltes lese ich da. Ich wußte es ja und es ist noch viel Unruhe in dir. Nicht wahr, es ist, als wäre alles, was in der Kindheit gewesen ist, überbaut wie ein Gewässer durch eine Straße. Oben geht das Leben mit seinen neuen Menschen und seinem Geschehen, seinem Gegenwartstreiben, unten sprudelt das Element weiter in die Ferne, ins Unendliche, ins Meer.“
Vögelchen nickte. „Wer war die Frau, die ich vorhin sah? Ist es die, die du deine Gefährtin nanntest? Ich muß sie schon gesehen haben, vor Jahren vielleicht.“
„Oh, Kind, es ist ja Hedwig, Konrad Krugers, dieses Unglücklichen, Schwester.“
„Ach, wie kamt ihr denn zusammen!?“
„Durch dich, Vögelchen, durch dich! Der Bruder hatte von dir meine Adresse, um mir Grüße zu bestellen. Als der Arme gestorben war und seine Briefe ausblieben, kam sie zu mir, hoffend, ich könne durch dich sein Schweigen aufklären. So kamen Hedwig und ich einander näher. Und so danke ich einem Unglück dies späte Glück.“
„Seltsam,“ sagte Vögelchen bewegt. „Und weißt du auch, was aus dem Buch geworden ist, an dem der Arme geschrieben hat?“
„Es ist kürzlich in neuer Auflage erschienen. Du sollst es haben. Es ist der Stolz seiner Schwester. Komm zu ihr, willst du? Ich will sie vorbereiten. Es wird sie sehr erschüttern. Da höre ich Leute kommen. Könnte ich sie doch alle wegschicken und gleich mit dir plaudern, von deinem Wandern hören.“
„Tu das, Onkel Clemens. Niemand soll uns jetzt stören. Ich kaufe die Sammlung um die höchsten Preise. Ich wäre untröstlich, wenn ein anderer sie erwerben würde. Und dein schönes, altes Haus kaufe ich auch, wenn ich es erschwingen kann. Du sollst keine Sorge haben, Onkel Clemens.“
Der alte Herr geriet in freudige Aufregung. „Das wolltest du tun, du gutes Kind,“ rief er aus. „Es ist nicht leicht die Sammlung an den Mann zu bringen, deshalb habe ich sie der öffentlichen Versteigerung preisgegeben. Ja, preisgegeben allen Gaffern, der Gasse. Wie Kinder sind mir diese behüteten Dinger, um jedes habe ich meine Sorgen gehabt, jedes habe ich gehegt und gepflegt in Liebe.“
„Ja, Kinder, wie Kinder,“ sagte Arabella und ein heiliger Zorn stieg in ihr auf. Unbezwinglich ward der Wunsch in ihr, Urbachers kleine Heiligtümer vor Mannsthal zu schützen. Ja, auch ihr erschienen diese zarten Gebilde wie Kinder. Lebendig wurden die Gesichter und rührend in ihrer Wehrlosigkeit und sie spürte es, wie Adalbert sich ergötzen würde an jedem einzelnen. Aber keines, keines sollte er besitzen, an keinem sich gierig erlechzen. Und wenn es ihr halbes Vermögen kosten sollte, sie mußte ihn besiegen.
„Und nun wird er kommen,“ fuhr Urbacher, wie zu sich selbst redend, fort. „Er, der sich mir jahrelang verborgen hat, nachdem er dich mir geraubt hat, jetzt ist der Augenblick, wo er auftaucht, mir diese Opfer zu entreißen.“
„Hat er sich schon gemeldet?“
„Nein, Kind, das ist es eben. Ich weiß nichts von ihm, aber ich spüre ihn, spüre, wie er die Beute umlauert, wie er schon seine Netze legt. In jedem Käufer wittere ich seinen Mittelsmann. Er wird es schlau anstellen. Wer immer die Sammlung erwirbt, schließlich fällt sie ihm anheim. Bin ich denn deiner so gewiß?“
„Nein, Onkel Clemens, nein, von mir wird er sie nie und nimmer herausbekommen. Oh, sehen möchte ich es, sehen, wie er bittet und bietet und schmeichelt um jedes kleine Bildchen. Aber ich will es ihm entgegenschleudern, wie sehr ich ihn durchschaut habe, wie ich ihn verlache, verhöhne, verachte!“
„Kind,“ stammelte Urbacher erschrocken. „Kind, so hat es dich gegen ihn ergriffen? Ist es also doch so gekommen, daß du ihn hassest?“
Sie erschrak. Haßte, haßte sie ihn denn? War sie nicht all die Jahre in freundlichem Briefwechsel mit ihm gestanden, lebte sie nicht auch von seiner Großmut? Oder war dies Vermögen, das er ihr zugewendet, etwa Bezahlung, Abfindung? Waren sie nicht quitt? Nein, sie schuldete ihm nichts, sie durfte ihn hassen. Sie war ja um seinetwillen verlassen, verstoßen. Aber plötzlich sah sie durch die rote Wolke des Zornes Givo, den sie zur Stunde fast vergessen hatte. Es war ihr, als blickte er sie erstaunt an, als fragte er in ihre Seele, die sein Werk war: „Wie, du hassest? Vögelchens Seele birgt Haß?“
„Es war nur eine plötzliche Aufwallung, Onkel Clemens,“ sagte sie. „Aber hier nimm mein Versprechen. Adalbert wird nie, niemals deine Bilder besitzen.“ Er hielt ihre Hand, besah sie mit seinen verlöschenden Augen, dann küßte er sie. „Daß dies eine Frauenhand werden konnte, mit Brillant- und Perlenringen, dieser Schmetterling von einem Kinderhändchen, dieses Rosenblatt im Wind deiner Launen. Kind, Kind, was hat man dir getan?! Ich fürchte es zu hören, ich fürchte es.“
Arabella sah ihr Leben, ihre Nächte. Der Reigen flüchtiger Liebesstunden umkreiste sie. Das zehrende Warten um Givo trug sie als Heil und Last.
„Ich bin jetzt allein,“ sagte sie. „Vielleicht kommt er jetzt bald, den ich erwarte, vielleicht nie wieder, weil es so mit mir gewesen ist.“
Er verstand sie nur halb, aber dies, „weil es so gewesen ist“, das wußte er ja, hatte es immer geahnt. Daß es nicht verschmerzt war? Oder war eine Wunde aufgebrochen, die sie selbst kaum gespürt hatte? War er die Ursache bösen Erinnerns? Er selbst war ja mitschuldig. Warum hatte er sie nicht verborgen, beschützt, gerettet, wie jener andere es gewollt, Konrad, der Narr?
„Willst du jetzt zu Hedwig kommen?“ sagte er traurig und rührte sie sanft aus ihrem Sinnen. „Ich folge dir, sowie ich die Besucher weggeschickt habe. Nun soll mir keiner mehr herein. Die Bilder sind verkauft.“
Kampf
Als Adalbert Mannsthal erfuhr, daß die Sammlung Urbachers, die er um jeden Preis zu erwerben suchte, von einem Agenten für eine unbekannte Persönlichkeit angekauft worden sei, setzte er sich sofort auf und fuhr nach Wien. Er wollte mit allen Mitteln den Kauf rückgängig machen, ihn überbieten, ja selbst seine Scheu überwinden, sich Urbacher zu nähern und ihn an ein vages Versprechen zu erinnern, die Miniaturen nicht ohne sein Wissen aus den Händen zu geben. Arabella hatte, um Adalbert in Unkenntnis zu lassen, einen Kunstagenten als Käufer vorgeschoben, dieser war bestechlich und Adalbert schon seiner Sache gewiß, als er mit dem Mittelsmann nach Heiligenstadt fuhr, wo sie die wirkliche Käuferin, eine angebliche Frau von Werter, treffen sollten. Arabella hielt sich gern in dem alten verlassenen Hause auf. Urbacher und Hedwig waren schon abgereist. Sie ordnete und veränderte und im Geheimen künstelte sie schon an einem Raum, der Givos Arbeitszimmer werden sollte. Ihr Stiefbruder, der fünfzehnjährige Wolfgang, war eben bei ihr zu Besuch gewesen, als sie sich zur Fahrt nach Heiligenstadt rüstete, und sie hatte ihn mitgenommen. Währenddem sie mit den Gärtnersleuten sprach, machte sich Wolfgang in der Bibliothek zu schaffen. Er saß in einer Ecke über einem Mappenwerk, als Arabella eintrat. „Was studierst du da?“ fragte sie nähertretend, aber im selben Augenblick gewahrte sie die seltsame Veränderung in des Jungen Gesichtszügen. Blaß und verzerrt stierte er auf ein Bild, das seine zitternden Hände hielten. Ein Blick genügte und Arabella packte das Heft, es ihm zu entreißen. Auf dem Umschlag las sie von Urbachers sauberer Schrift geschrieben: „Kopien aus der Sammlung Mannsthal.“ Dazu ein P. in der Klammer. Es erwies sich, daß sie zu schwach war, dem Jungen den gefährlichen Band aus den Händen zu winden. Wie ein hungriges Tier, das um seine Futterschüssel kämpft, sah er sie aus seinen glühenden Augen an, während seine verklammerten Finger sich zu Eisen krampften. Als sie dennoch siegte, lachte er blödsinnig, drohte sie zu küssen und frech zu werden. Scherz schien dieser Kampf und war doch von beiden Seiten viel mehr als Spiel und Weigerung. Eines der Bilder war zerfetzt und zur Erde gefallen, es stellte ein kleines Mädchen dar, das in einer Speisekammer auf einen Sessel steigt, um Süßigkeiten zu erhaschen, während ein Mann in türkischem Schlafrock und Mütze sie auf unzweideutige Weise an den Röcken faßt. Arabella fühlte die merkwürdige Fügung, durch die sie nun Tag für Tag an gewisse Vorgänge gemahnt wurde. Eine seltsame Erregung erfaßte sie. Sie selbst war ja damals fünfzehnjährig gewesen wie dieser Junge, der jetzt keuchend die Arme um sie breitete. In diesem Augenblick fuhr knarrend am hartgefrorenen Pflaster ein Wagen vor. Der Agent und jener Fremde, der sie zu sprechen wünschte, waren angelangt. Wolfgang ließ ab und stürzte aus dem Zimmer, während Arabella hastig das Mappenwerk zusammenraffte. Gleich darauf trat Herr Blumenstock ein, hinter ihm — Mannsthal. Sie erschraken, er und sie. Sie hatte den Hut, nicht den Pelz abgelegt, ihr Blondhaar, das verwirrt war, leuchtete über dem dunkeln Zobel. Er sah ihr vom Ringen gerötetes Gesicht, ihre zornfunkelnden Augen, er fand sie sehr schön. Nur eine Sekunde hatte er, als er so Arabella erblickte, sich der Täuschung hingegeben, sie hätte, um Urbacher zu überlisten, anonym für ihn die Sammlung gekauft. Aber sie sah ihn nicht an wie einen, den man freundlich überraschen will, sie hatte ihm nicht die Hand gereicht, sie stand sprachlos und bebte.
„Das ist ja ein seltsames Wiedersehen. Habe ich dich am Ende angesteckt mit dem Sammeln,“ sagte er und ging sogleich an die Tische heran. „Du wußtest ja, was ich von Urbachers Sammlung halte. Nun und was gedenkst du mit ihr anzufangen? Man wird doch noch ein Angebot stellen können, hm?“ Während er sprach, umkreiste sein Blick mit heißer Gier die Bilder und er schien allmählich zu vergessen, daß jemand im Zimmer war, daß er mit Arabella sprach, die er Jahre nicht gesehen hatte. Er beugte sich tief herab, umschlang, verschlang mit den Augen die kleinen Kunstwerke und streckte die zitternden Finger aus, ein oder das andere zu erfassen. Mit Grauen erkannte Arabella den Blick, den heißkalten Blick, die bebenden Finger, die mit derselben Gier sie spinnengleich umgarnt hatten, dieselbe konzentrierte Aufmerksamkeit, dieselbe bebende Besessenheit drückte sich in seinen Zügen aus. Noch brannten ihre Arme von Wolfgangs starken Griffen, Adalberts Hände waren greisenhaft, trocken wie verkohltes Holz. Sie sah die Einzelheiten der Veränderungen, die mit ihm vor sich gegangen waren, sie gewahrte die vergeblichen Verjüngungsversuche an dem gealterten Körper. Zum ersten Male fühlte sie zu tiefst das Abnorme ihres kindlichen Erlebnisses, es schnürte, es umpreßte ihre Kehle, es blies ihr den Atem stoßweise aus der Brust, es sträubte ihr Haar, als stünde der Teufel in Person vor ihr und tränkte die Luft um sie her mit Schwefelgestank. Und wie er nun lauernd von Tisch zu Tisch schritt, war ihr, als müsse sie gleich Simson Säulen umfassen und sich mit ihm und den Bildern in Trümmern begraben. Aber da stand er ja noch, da ging er ja noch, ohne sie zu beachten, umher und tat, als wäre dies alles doch schon unantastbar sein Eigen. Sie wollte, sie mußte ihn aufrütteln mit bösen Worten aus der Benommenheit seiner Gier. „Du bist also nur der Bilder wegen hergereist? Das ist wichtiger als ich es dir bin. Hättest mich vielleicht gar nicht aufgesucht? Man könnte ersticken in Verlassenheit. Wären Karinskis Briefe nicht, ich wüßte überhaupt nicht mehr, was Treue und Dankbarkeit ist.“
„Ach so, Dankbarkeit. Ich soll dir also dankbar sein. Ach ja, mein Kind. Bin ein wenig zerstreut. Diese süßen, kleinen Dinger da nehmen mich ganz gefangen. Einzig! Was sagst du von Verlassensein? Sagtest du nicht etwas Derartiges? Ich wollte dir übrigens von Givo erzählen, vom ancien ami.“ In diesem Augenblick bemerkte er eine Miniatur, die eine Brosche vorstellte, und ihn über die Maßen zu fesseln schien. „Nein, so ein Glückspilz, hat er dich erobert, dich Perle, Kleinod. Ja, sehe ich dich wieder!“ Er nahm das Bildchen zur Hand. „Wahrhaftig, du, du!“
„Givo,“ stieß Arabella hervor. „Was weißt du von ihm?“
„Und das hat er mir verschwiegen,“ sagte er, sich erregt zu Vögelchen wendend. „Ich hatte eine Unsumme für dieses Stück geboten. Aber nun werde ich es ja besitzen. Du wirst mir doch keine Schwierigkeiten machen, Bella?“
„Du wolltest mir etwas von Givo ...“
„Ja, ich glaube, ich habe es nun vergessen, mußt Angele fragen. Reden wir jetzt von Wichtigerem. Dieses Bild habe ich gesucht, gesucht! Warum hast du die Sammlung gekauft? Um deinem alten Freund Urbacher eine Freude zu machen, der sie bei dir natürlich am liebsten sehen wollte, der dich so gegen mich aufgehetzt hat, daß er sicher zu sein glaubt, daß ich sie nicht doch bekomme? Aber da hat er sich geirrt, nicht wahr, mein Liebling! Wir werden uns schon verständigen.“ Und in freudiger Erregung war er ganz nahe an sie herangekommen. „Wie schön du geworden bist, Bella,“ sagte er. „Und das gibt vor, verlassen zu sein! Hast wahrscheinlich täglich zehn Anbeter. Und sag, bist du, bist du noch immer so, so erpicht darauf, so inpitoyable?“ Er hatte sie umfaßt und blickte sie mit faunischem Lachen an. „Da hätte man ja im Notfall noch Glück bei dir. Im Notfall meine ich.“ Ihr war wie im Angsttraum, wenn man laufen will und nicht kann, wenn man schreien will und wie der Taubstumme lallt.
„Wolfgang,“ preßte sie hervor. „Wolfgang!“ Es war nur ein Gestammel, das der Junge draußen nicht vernahm.
„Wen rufst du da? Ist ein Retter in der Nähe, ein Ritter? Ich sagte es ja. Hab keine Angst. Aber Spaß beiseite, ich biete dir das Doppelte des Preises, den du für die Sammlung bezahlt hast, und lasse dir noch dazu einige Stücke.“
„Du und Karinski, ihr habt dafür gesorgt, daß ich keine Geschäfte zu machen brauche,“ sagte sie.
„Wenn ich dir nun sage, daß mir unendlich viel an dem Besitz liegt, willst du da mit Hilfe dieses Geldes, von dem du eben sprichst, willst du mit meinem Gelde —“
„Pfui!“ sagte Arabella und wandte sich ab.
„Sieh, Kind, du zwingst mich, so deutlich zu sein. Warum stellst du dich so feindlich, was ist plötzlich in dich gefahren?“
„Plötzlich?!“
„Ja, denn früher warst du es, die dankbar war, nicht von mir verlangtest du Dankbarkeit. Dankbar warst du mir, wie ich dir für wundervolle Stunden, Stunden, die mir nie wiedergekehrt sind, Arabella, die mich jetzt noch mit Schauern erfüllen. Nein, weiche nicht zurück, süßes Kind. Ich habe zu viel Ehrfurcht vor dieser Oase in meinem oft qualvollen Leben. Du hast mich beseligt, willst du mir jetzt einen Wunsch versagen, dessen Erfüllung dir keine Entbehrung, mir aber eine Sehnsucht stillt, die du nicht verstehen kannst. Denn sieh, Arabella,“ begann er leise, als flüstere er zu sich selbst. „Wirklich geliebt habe ich in meinem Leben nur diese blassen Frauen und Kinderbilder, die wie ein Hauch sind, daß jeder Blick schon Schändung bedeutet. Ja, die Wirklichkeit, sie ist willfährig, oder wenn sie es nicht ist, so ist sie nicht so wehrlos wie diese Gebilde, diese Opfer des Blickes! Könnte ich dir deutlicher sagen, was für himmlische Gelüste sie mir bereiten und erfüllen — —“ Seine Augen waren die eines Irren, seine tastenden Hände suchten die ihren. Eiskalt kroch es ihr an den Gliedern empor.
„Das ist ja Wahnsinn,“ sagte sie heiser vor Entsetzen.
„Ja, nenn’ es Wahnsinn, ein heiliger Wahnsinn ist es. Aber nur so sind wir glücklich, Bella. Das wahre Leben ist unerträglich. Sei behütet davor, den Mut, den Wahn aus deinem Leben zu weisen. Hast du nicht selbst dich betäubt, spieltest die Samariterin und glaubtest dem Elend abzubitten. So sei doch wieder Samariterin. Man spricht noch jetzt von dir in den Pariser Hospitälern. Wo ist deine Milde hingeschwunden? Gib, gib mir sie, die Bilder, diese süßen kleinen Elfenkinder. Gib sie mir, als hättest du sie mir geboren aus unserer Umarmung, Arabella, Ariel, süßer Ariel.“ Wieder war er ihr ganz nahe.
„Wolfgang,“ rief Arabella nun laut und befehlend, und diesmal gab die umklammerte Kehle den Laut frei.
Wolfgang trat ängstlich ein. — „Hier stelle ich dir meinen Stiefbruder vor,“ sagte sie bebend. Und zu dem Jungen: „Dies ist Herr Mannsthal. Es wird dich interessieren, ihn kennen zu lernen. Bitte, führe ihn dann zu seinem Wagen, er weiß nicht, wie das Schloß funktioniert an der Gartentüre.“ Sie war an die Bilder und Dosen herangetreten und warf ein schwarzes Tuch über einen der Tische. „Ich muß nun Vorkehrungen treffen, daß die Dinge sogleich verpackt werden und der Galerie zugestellt werden, der ich sie zugedacht habe.“
„Das wirst du nicht tun,“ rief in zornigem Schreck Adalbert.
„Wir sehen uns wohl noch, ehe du reisest, etwa heute Abend in der Oper,“ sprach sie, atemlos Fassung erkämpfend. „Man spielt ‚Les Contes d’Hoffmann‘,“ sagte sie mit böser Gleichgültigkeit. Sie nahm die Brosche, deren Anblick seinen Bericht über Givo verdrängt hatte, und steckte sie an. „Aber über die Miniaturen wollen wir dann nicht mehr sprechen. Es langweilt mich. Vielleicht erinnerst du dich aber dessen, was du mir von Givo sagen wolltest?!“
„Du bist schlagfertig geworden,“ sagte Mannsthal mit verbissener Wut. „Also, dies ist Wolfgang Gunter. Nicht übel. Diese Frau hat Talent, deine Mutter nämlich — — Grüße sie herzlich von mir. Wollen wir aber nicht alle gemeinsam zur Stadt fahren?“
„Ja, geht beide, nimm Wolfgang mit und bring ihn seiner Mutter. Vielleicht hat sie mit dir zu sprechen. Sie ist oft so ratlos in ihren Angelegenheiten. Ruf mir den Gärtner, Wolfgang. Ich bleibe noch hier. Auf Wiedersehen heute Abend!“
Sie sah ihnen nach, dem gealterten Mann und dem Knaben. Im Bestreben schlank zu bleiben war Mannsthal mager geworden. Sein Hals war gehöhlt, sein Rücken rund, die ehemals prächtigen Schultern hatten sich gesenkt wie ein morsches Gerüst. Arabella erschrak. Sie ersah das unbarmherzige Schreiten der Zeit. Einen Augenblick durchzuckte es sie wie Mitleid: Mag er sie haben, die Bilder. Dann erinnerte sie sich Urbachers. Seine Kinder hatte er sie genannt, um die er sich gesorgt hatte. Ihr war nun, als beschütze sie sich selbst in ihnen. „Aber es ist ja zu spät,“ murmelte sie, „längst zu spät.“
Der Gärtner kam, sie ließ die Truhen holen, die sein Herr zur Verpackung der Bilder bestimmt hatte. Sie selbst legte Hand an, bettete sie sanft ein wie in ein Grab. Als die Mappen daran kamen mit der Aufschrift P., zögerte sie. Sie blickte ins Feuer, beutegierig gab es den Blick zurück. Schon sah sie es die ungeheuerlichen Blätter verschlingen, da tauchte eine Nacht in ihrer Erinnerung auf. Von Givos Kind war sie gekommen, gebrochenen Herzens. Ein Kranker mit verzerrtem Blicke hatte sie umschlungen, während er auf ihren Knieen ein Buch hielt, in dem sie lächelnd blätterten. Eine böse Lust war in ihr sich zu erniedrigen, das Unrecht, das ihr geschehen war, zu rechtfertigen. Es gewährte Freude, diese lüsternen schamlosen Bilder mit Malpasse zu besehen und sich schamlos zu gebärden, während sie vor Scham verging. Gab es nichts Böseres noch, sich zu brandmarken, daß die quälende Anklage in ihr erstürbe?!
Dieser Stunde gedachte sie nun und ihre rächende Hand verschonte die Mappen. „Nicht an mir ist es, zu richten,“ sagte sie sich. Aber ihr Blick ins Feuer wurde unheimlich starr, visionär. Sie sah die Scheite knistern und stürzen. Es war ihr, als ginge dort unter stürzenden Balken sie selbst und die Welt zugrunde.
Eine Woche nach Adalberts Abreise erhielt Arabella eine Depesche von Karinski, die seine Ankunft meldete. Mannsthal hatte auch seine Hilfe angerufen, seine Frau zu bestimmen, die Miniaturen auszuliefern. Er hatte ihm nicht verschwiegen, daß es um ihre Nerven nicht am besten stünde. Eine plötzlich unüberwindlich gewordene Sehnsucht und Sorge hatte den Grafen zu Vögelchen getrieben. Auch er hatte sie fast zwei Jahre nicht gesehen. „Wer weiß, ob du noch lange frei bist. Ich mußte eilen,“ hatte er gesagt.
„Hängt meine Freiheit denn nicht von dir ab,“ fragte Arabella und schmiegte sich dankbar an ihn. Wie edel erschien er ihr neben Mannsthal, der nicht abließ sie in vielen Briefen um die Sammlung zu bitten.
„Um Johannis blühen manchmal die Bäume wieder, aber darum ist es doch nicht Frühling,“ sagte der Graf und zog mit wehmütigem Lächeln ein Schriftstück aus der Tasche. „Hier der Scheidungsbrief, falls du ihn brauchen solltest.“
„Ich habe einen Aberglauben gegen gut vorbereitete Dinge,“ erwiderte Vögelchen. „Behalte den Brief, mein Guter.“
Nachdem der Graf abgereist war, bemächtigte sich Arabellas fieberhafte Unruhe. Immer deutlicher fühlte sie das Ereignis nahen, Wetterleuchten zuckte in ihrem Blut.
Es war an dem Tag, der dem Eröffnungsabend des Gastspieles Calese voranging, als Arabella, von plötzlichem Lufthunger ergriffen, das Fenster ihres Salons öffnete. Ein föhnartiger Wind strich über die Bäume des botanischen Gartens. Sie beugte sich hinaus und erblickte am Ende der Straße einen Mann, der sich entfernte. Es durchzuckte sie seltsam. Im selben Augenblick hörte sie der Taube Flügelschlag und fühlte, wie sie sich auf ihre Schultern niederließ. Wie so oft neigte sie ihr die Wange und empfing ihre Küsse. Da plötzlich begann die Taube unruhig zu flattern, hob die Schwingen und schon flog sie über die Straße den Bäumen zu. Der Ruf erstarrte Arabella in der Kehle. Die Taube ließ sich auf einem der höchsten Gipfel nieder, um gleich wieder, wie gescheucht, in den dämmerigen Himmel aufzusteigen, wo sie schließlich, ein kleiner schwarzer Punkt, ihrem angstvollen Blick entschwand. Mit einem Schrei sank Arabella in Luisens Arme, die eben die Robe für den Theaterbesuch hereinbrachte. Nun lag sie in Tränen, von den jammernden Dienstboten umgeben, die alle die Taube lieb gehabt hatten. Der Portier war auf die Polizei gegangen und hatte Annoncen an die Zeitungen getragen, die dem redlichen Finder der Lachtaube Putzi, die ein goldenes Herzchen an einer Halskette trug, einen märchenhaften Finderlohn versprach. Arabella hätte am liebsten auf den Theaterbesuch verzichtet, um so mehr als Frau Gunter die Post sandte, Kopfschmerzen hinderten sie die Gräfin zu begleiten. Luise, das Kammermädchen, die nun gewiß war ihre Herrin vom Theater abholen zu dürfen, was ihr, einer Theaternärrin, schon Vergnügen bereitete, bettelte in ihrer eindringlichen Art, Euer Gnaden dürfe sich der Traurigkeit nicht hingeben. Im Theater würden die Frau Gräfin vergessen. „Vergessen, Luisel, was glaubst denn, mein Tauberl vergessen?“ Aber schon fühlte sie das Außergewöhnliche, das ihr geschehen sein mochte, ein Zeichen vielleicht, das sie annehmen sollte ohne zu klagen. Und sie mußte an all die Wunder ihres Lebens denken. Sie stand vor dem venetianischen Spiegel, in dessen geschliffenen Blumen die Kerzen sich funkelnd spiegelten. In ihren Augen glitzerten noch die Tränen, der Schmerz gab ihrem Antlitz etwas rührend Kindliches. Luise heftete ihr eine tiefrote Rose in die fahlblonden Wolken ihres Haares und öffnete die Schmuckkassette, die neuerdings von Karinski bereichert worden war. Aber Arabella wollte Trauer um das Täubchen und schob sie weg. Ach, nun würde sie der Calese schmerzdurchfurchtes Antlitz um so tiefer bewegen, da sie selbst sich so seltsam verworren fühlte im Rätselhaften. Die Qual um die Heimat, die sie von dem Tag an genährt hatte, als Givos Kampf an der Mutter Krankenlager begann, sie spürte sie nun zu einem Ende gesteigert. Wie der Vogel, dessen Flügel vor dem Ziel zu erlahmen drohen, während tief unten die Wellen des Meeres unerbittlich drohen, sah sie sich mit letzten Anstrengungen dem Ufer zusteuern, das ihr die Entscheidung bergen mußte.