Noemi

„Kinder und Gräber sein Weibersachen.“

(Gerhart Hauptmann
„Rose Bernd“.)

Als sie von England nach Paris kamen, bat sie ihn, mit ihr die Gräber ihrer Eltern in Spanien zu besuchen. Er willigte ein. Er ging zu Helene und gab ihr das kleine Mädchen in Obhut, bis daß sie zur Weiterreise nach Deutschland und Österreich zurückgekehrt wären. Alphi klatschte in die Hände, daß er nun ein Schwesterchen haben solle. Helene Tallandre war erschüttert über die Ähnlichkeit der kleinen Noemi mit ihrer Herzensfreundin. Kaum war Imanuel abgereist, telegraphierte sie an Arabella Karinski. „Mache dich reisebereit, Brief folgt.“ In diesem schrieb Helene, sie müsse ihr von einem Wunder berichten. Givos Kind gleiche ihr. Es wäre für wenige Wochen in ihre Hut gegeben. Sie möge kommen, um es zu sehen. Sie und Tallandre würden sorgen, daß ihr Besuch Geheimnis bleibe. Helene hatte richtig geraten. Arabella depeschierte: „Ich komme.“ An einem der nächsten Abende trat sie leise mit traurig fragendem Lächeln ein. Sie war so seltsam geworden in ihrer reisenden, dennoch febrilen Schönheit, der Schmerz hatte ihren großen Kinderaugen etwas Überirdisches gegeben. Das Kindliche lag nur mehr um den Mund in dem Lächeln, in den Händen und Bewegungen. Ihre Augen waren wissender und auch ihre Art zu sprechen die einer sichern anmutigen Weltdame, die immer Bescheid weiß und die gewohnt ist, von jedermann Dienste dankbar zu empfangen. Helene küßte sie. In wortloser Rührung führte sie die Freundin in die Kinderstube. Da saß in Alphis Gitterbettchen ein kleines Mädchen mit strahlenden blauen Augen und fahlblondem Gelock um ein schmales Gesichtchen mit durstigrotem Mund, der es noch blasser erscheinen ließ. Es sah auf ohne Lächeln, ohne Furcht in ernsthafter Aufmerksamkeit. Dies schien kein Kind zu sein, kein Engel, keine Elfe und war doch etwas von all dem, eine Pflanze, Menschenkind genannt, aus Seelenland kommend. Man vergaß es nicht, wenn man es einmal sah. Es war schlank, fast gebrechlich, mager, seine Haut hatte einen leichten bräunlichen Stich, als glühte es unter ihr. Seine Augen leuchteten in einem fiebrigen Glanz und in ihnen war diese Fremdheit einer anderen Welt und die Sehnsucht nach zärtlicher Wärme. Arabella kniete vor dem Kind in tiefster Ergriffenheit. Es langte mit ernster Gebärde in ihre Haare, die den seinen glichen, und plötzlich lachte es laut auf, wie Kinder lachen, irdische Kinder. Es freute sich. Arabella hatte es angesehen mit heißester Liebe. War ihm zumute, als blickte es in einen Spiegel? Lachte es deshalb mit so holdem Laut? Sie stand auf, reichte der Kleinen ein Perlenkettchen, das sie seit Kindheit trug, eilte aus dem Zimmer. Schluchzen machte ihren Körper erbeben. Während sie weinend Helenens Hand hielt, sagte sie: „Bin ich nicht kindisch! Wie reizend ist es! Ein Engel! Hab Dank!“ Sie blieb den ganzen Abend an Noemis Bettchen, bis die Kleine schläfrig wurde und sie selbst auch die Müdigkeit der langen Reise übermannte. Am Morgen fuhr sie zu Ceciles Grabstätte. Sie fand sie in reichem Blumenflor. Gaston und sein Vater schmückten sie in dankbarer Liebe. Dann ließ sie nach Konrads Grab forschen. Es dauerte lange, bis man es in den Büchern verzeichnet fand. Sie hatte weit zu gehen und Mühe, es zu entdecken. Nur ein Schildchen bezeichnete es. Arabella blieb stehen und betete auf ihre Weise. Draußen vor den Toren des Friedhofes bestellte sie im Laden eines Steinmetz ein kleines Grabmal aus Porphyr. „Quod in charitate constitutis nullum peccatum imputetur.“ Dies sollte in Konrads Stein gemeißelt sein.

Sie stand zu sehr unter dem Eindruck, den das Kind auf sie gemacht hatte, um die Stadt wiederzufinden. Einen Augenblick dachte sie daran, die Sainte Chapelle zu besuchen, aber sie schämte sich dieser Wallfahrtsgelüste. Die Bilder der Straßen flogen an ihr vorbei und taten ihr nicht wohl. Die Menschen waren ihr fremd geworden und sie empfand fast Unlust, in die Läden zu gehen und die schmeichlerischen Laute der Verkäufer zu hören. Zu Mittag war sie wieder bei der kleinen Noemi. Ein Wagen wartete vor dem Tor und nach dem Essen nahm Helene Alphi an der Hand, sie selbst das kleine Mädchen auf den Arm und trug es behutsam hinab ins Freie. Es war ein schöner Vorfrühlingstag. Sie fuhren ins Bois, hielten dann vor einem Spielzeugladen und Arabella kaufte ein. Wie glücklich war sie mit den Kindern. Einen Augenblick kam es wie ein Rausch über sie. Nimm die Kleine und entflieh! Gehört sie denn nicht dir vor Gott? Aber sie biß die Lippen zusammen und reichte sie abends Helene, die sie ins Bettchen zurücklegte. Noemi hielt die Püppchen in der Hand, die sie sich gewählt hatte, und sah mit ihrer ernsten Aufmerksamkeit bald auf Arabella, bald auf das Spielzeug. Noch hatte sie das Perlenkettchen um den Hals und seltsam, es wollte sich nicht von ihm trennen, hielt es fest und verzerrte schmerzvoll das Gesichtchen, als man es ihm nehmen wollte. Arabella hatte es als einen Talisman getragen seit ihrem fünften Jahr. Es war, sie ahnte es dunkel, ein Geschenk ihrer Mutter. Aber wie froh war sie, daß es die kleinen Händchen hielten wie ihr eigen.

Als sie die Kleine verließ, wollte Tallandre sie zurückhalten. Ob nicht das Wohl des Freundes über alle Bedenken ginge, Givo sei am Ende seiner Kräfte, sie zu ersehnen. Sie möge seine Rückkehr abwarten. Da verhärtete sich ihr Herz. „Nein, nein, nein,“ rief sie und wies auf die Türe, hinter der das Kind schlummerte. „Da dies hat er mir geraubt, auch ich hätte ein Kind von ihm, auch ich,“ und sie barg schluchzend ihr Antlitz. „Warum ist er mir nicht gefolgt nach seiner Mutter Tod, warum hat er mich verlassen und nicht diese Frau? Aber er hatte mir ja nichts geraubt, nein, er hatte mich ja gerettet aus den Armen meines Verführers und so eine, die darf man wieder hinausstoßen — in anderer Männer Arme, von Bett zu Bett.“ — Tallandre war erschüttert, in seiner Ungeschicklichkeit wußte er nichts zu sagen als: „Aber waren denn Sie es nicht, die ihm davonlief?“

Arabella war erschrocken über die eigene Heftigkeit. Die Anklage gegen den Geliebten, die sie selbst sich verschwiegen, hatte sie nun laut vor einem anderen ausgestoßen. Tallandres Bemerkung brachte sie völlig zu sich. Sie hob den Kopf, sah seine Bestürzung und unter Tränen lächelnd sagte sie, ihn mit du anredend: „Mein armer, lieber Fifi, das verstehst du nicht.“ Und als eben Helene eintrat, umarmte sie die Freundin, drückte Tallandre die Hand und eilte davon.

Leer war ihr Kopf und Herz, als sie in den Straßen irrte. Sie lechzte nach Betäubung, nach Brand, der ihr Erinnerung ausmerzte für Stunden, für einen Tag, für eine Nacht. Sie erinnerte sich blitzartig Malpasses und seines funkelnden Begehrens im Blick. Jahre waren vergangen seit jenen beiden flüchtigen Begegnungen in Louvais und Nizza, seit jener Aufforderung, sich bei ihm zu melden. Aber war sie nicht seither schöner geworden? Sie hatte kürzlich in den Zeitungen gelesen, er sei erkrankt. Aber dies war ja ein Grund mehr, ihn aufzusuchen. Der Portier des Hotels fand die Adresse im Anzeiger. Sie ließ sich zu ihm fahren und schon läutete sie an der Türe. Der Diener Francois, der nämliche, der Malpasse in Louvais begleitet hatte, öffnete mit düsterem Antlitz.

„Der Herr empfängt nicht.“

„Sagen Sie ihm, jene Dame, die er vor Jahren am Bahnhof zu Louvais — Sie waren mit ihm damals —“

„Ist es dringend?“

Die Gräfin nickte. Francois kam zurück. „Monsieur erinnert sich nicht, aber er hat gefragt, ob Madame schön seien —“ Francois verbeugte sich, es zu bekräftigen, indem er die Tür öffnete. Malpasse kam ihr entgegen. Er schien ihr jünger als damals, so schlank war er, er hatte die Gestalt eines Jünglings. Sein Blick war noch sengender geworden, ein ängstliches Licht flackte darin.

„Soll ich heucheln, Madame, ich erinnere mich nicht mehr. Um so freundlicher von Ihnen, da Sie vielleicht auch erfahren haben, daß ich mich elend fühle — —. Ich habe mich allen Bekannten verleugnen lassen. Oh bitte, nehmen Sie hier Platz — aber zuweilen sehne ich mich aus dem Kerker meiner Krankheit wieder zu jenem Unbekannten, jenem fremden Leben, das uns auf der Straße streift. Frauen, deren Antlitz dann plötzlich im Tag auftaucht, Frauen, die wir vielleicht vor Jahren sahen —“

„Am Boulevard des Anglais zum Beispiel.“

„Sind wir einander dort begegnet? Lassen Sie es vergessen sein. Bleiben Sie die Unbekannte, die schöne Unbekannte dieser Stunde —“

„Auch ich bin nicht zu dem Berühmten gekommen, nur zu jenem Fremden, von dem ich hörte, daß er leidend sei, eine plötzliche Eingebung hat mich zu Ihnen getrieben.“

„Das ist gut so — und sollte mich dennoch Neugierde antreiben, antworten Sie mir nicht. Wenn Sie Ihr Taschentuch ziehen, verbergen Sie Ihr Monogramm. Ich will nicht einmal die Anfangsbuchstaben Ihres Namens wissen, will nicht wissen, ob eine Krone sie ziert und wie viel Zacken sie trägt. Ich will Sie nur sehen — — Sie sind schön. Ihre Augen strahlen so seltsam —“

„Von Tränen!“

„Von Tränen, oh, diese kostbaren Karfunkel. Wir sollten Sie aufsparen für die Stunden unseres höchsten Glückes.“

„Nicht für die, da wir ihm nachweinen?“ —

„Man kann nie wissen, ob nicht ein Größerer noch kommt, dem wir dann noch heißere Tränen weihen müßten. Mögen sie uns nie versiegen, diese posthumen Glückstränen. Madame, ich gestehe Ihnen, meine Augen waren feucht, ehe Sie kamen. Nun werden sie es sein, nachdem Sie gegangen sind.“

„Sie werden eine neue Geschichte schreiben und die Tinte wird die Tränen aufsaugen — —“

„Sie verachten die Dichter?“

„Ich liebe die Künstler nicht. Sind sie nicht der Abfallstoff der Kunst? Ein verbrannter Rest —“

„Ja, ein trauriger Stoff sind sie und einer der traurigsten steht vor Ihnen.“

Sie reichte ihm die Hand. „Verzeihen Sie mir.“

„Verzeihen Sie — daß ich wage, diese kleine Hand zu umfassen.“

„Sie wehrt sich nicht, die Hand.“

„Doch,“ sagte er mit einem kindlichen Lächeln, das rührend war auf dem zuweilen greisenhaft Wissenden seines Antlitzes. „Doch, sie hat sich eben gerührt.“ Und er küßte die zuckende Hand.

„Francois,“ sagte er später zu dem Diener, „lassen Sie niemanden vor. Weder heute noch morgen früh. Auch den Arzt nicht, Francois, hörst du, auch den Arzt nicht —!“

Als Zora mit Manuel kam, die Kleine zu holen, ließ Helene das Kettchen unter das Kleidchen der Kleinen gleiten. Als es abends im Eisenbahnzug entkleidet wurde, sah es Givo. Er erkannte es. Wie kam dies Zeichen an der Kleinen Hals? Ein Wunder rührte ihn an. Zora fragte die Nurse, ob Frau Tallandre das kostbare Kettlein geschenkt hätte. Es mußte wohl so sein, sie hatte es an Noemis Hals gesehen, als sie von ihrem Ausgang zurückgekommen sei. Aber Noemi, als fürchtete sie, man könne es ihm nehmen, hielt die kleinen Perlen fest zwischen ihren mageren Fingerchen und lag so die ganze Nacht, neben sich die Puppe und in sich noch das Bild der Fremden, in das sie geblickt hatte wie in einen Spiegel. Givo war wach, er sah auf das Kind, als könnte es im Schlaf die Lippen auftun und das Geheimnis lösen. Aber schließlich sagte er sich, daß Arabella wohl Helene das Kettlein geschenkt und diese es dem Kind angelegt haben mochte. Warum war er der Versuchung widerstanden, Helene nach der Geliebten zu fragen! Zu lange litt er schon. Er sehnte sich nach lösender Wiederkehr. Wenn er nun die kleine Noemi im Arme hielt und sie ihr Hälslein an ihn schmiegte, fühlte er, ach wie so oft in fernen glücklichen Nächten, das kindische Kettlein kühl seine Lippen streifen und es mahnte ihn und rief. Da beschwor er Arabellas Nähe heißer und heißer von Tag zu Tag.

In Wien

Arabella kehrte nach fünftägiger Abwesenheit zu Karinski zurück, den sie in einem deutschen Badeort verlassen hatte. Sie war müde und gedankenvoll, aber die schützende Nähe des Grafen beruhigte sie.

„Wie gern wäre ich mit dir gefahren, Bella,“ sagte er. „Aber ich wollte, daß du dich ganz frei fühltest, falls du Entschließungen treffen wolltest. Und dann, meine Zeit ist bald abgelaufen. Ich muß mit Olga zurück, muß die Güter in Ordnung bringen, die Mädchen verheiraten und dich von einem alten Mann befreien, damit dir noch ein Lebensglück zuteil wird.“

„Sprich nicht so,“ bat Arabella. „Wenn ich dich ziehen lasse, geschieht es nur, weil ich deiner unwürdig bin. Dein Name schon war ein Gnadengeschenk.“

„Du belügst dich und mich, Bella,“ sagte er und küßte ihre Hand. „Du hast mir noch ein spätes Glück geschenkt und ich will es dir nicht danken, indem ich in deiner Gegenwart alt werde. Du sollst nicht das Opfer der Tatjana bringen, obgleich ich dir keinen Onegin wünsche. Dort bei uns ist es zu kalt und Nadescha wäre eifersüchtig auf dich — und ich selbst bin dort nur ein Bauer. Nein, täusch dir nichts vor. Weißt du aber, woran ich oft denken muß? Daß der arme Narr, der Student, recht gehabt hat, als er dich zu deiner Mutter bringen wollte. Adalbert schrieb mir, daß ihr Mann gestorben sei — —“

Vögelchen sann eine Weile. „So ist sie allein jetzt. Und glaubst du, daß sie von der Landstreicherin, ihrer Tochter, noch etwas wissen will?“

„Ich werde zu ihr fahren und mich als der Mann dieser Landstreicherin vorstellen und dich ihrem Schutz empfehlen.“

Vögelchen sann wieder. Dann sagte sie: „Du Guter, ja, fahre zu ihr.“

Sie sehnte sich nach einem ruhigen Ausblick in ihre Zukunft. Jetzt war alles Verworrenheit, seitdem sie sich in Verzweiflung gegen den Geliebten aufgelehnt, der zu kommen zögerte. Mit aller Gewalt begann sie den Zufall zu beschwören, der ihre Wege zusammenführen sollte.

Wenige Tage nach des Grafen Abreise erhielt sie von ihm einen Brief aus Wien.

„Mein geliebtes Vögelchen, eben komme ich von Deiner Mutter. Gott sei es gedankt, daß ich diesen Weg gemacht habe. Wie soll ich Dir diese Frau schildern, diese Sanfte, diese Wehrlose. Jetzt besitzt sie die Kraft, die der Schmerz verleiht und die jede Gabe als ein unverdientes Geschenk ansieht. In ihrem Gesicht ist das Lächeln der Sonne über viel Wetter und Verwüstung. Nun hat sie auch den Mann verloren, mit dem sie gut gelebt hat, und hat das Opfer gebracht, sich von ihrem Jungen zu trennen und ihn in ein Konvikt zu geben, weil sie sich seiner Erziehung nicht gewachsen fühlte. Zu keiner Zeit hast Du so sehr in ihrem Leben gefehlt als gerade jetzt. Mein Täubchen, ich erwarte Dich hier. Laß mich noch die Vereinigung mitansehen und einige Wochen hier mit Dir verbringen. Heute will ich mir das kleine Palais besichtigen, von dem uns Adalbert geschrieben hat. Paßt es Dir, so wollen wir es Dir wohnlich machen. Auch darüber möchte ich beruhigt sein, wie Du wohnst. Wird es Dir Mühe machen, mein Gepäck zu versorgen? Gedenkst Du Deine Jungfer mitzunehmen? Deine Mutter will Dich mit allem versorgen. Mein Liebling, laß mich stark bleiben. Wäre es besser vielleicht zu gehen, ohne Abschied zu nehmen? Versprichst Du täglich zu schreiben im Anfang unserer Trennung? Oh, Du geliebtes Vögelchen. Komm, laß den Alten noch einmal vor Dir knien, laß mich Deine schmalen Fesseln umspannen mit meinen Bärentatzen und gib, gib mir das Versprechen, daß Du Dein liebes, launiges — und zuweilen erstaunlich gescheites Geplauder mir bis ans Ende der Welt schicken wirst.

Es umarmt Dich Dein

Karinski.“

In einer stillen Straße eines südlichen Bezirkes von Wien, einem Parke gegenüber, wie es deren dort mehrere gibt, lag der Wohnsitz Arabella Karinskas, das nämliche Haus, in das einst Mannsthal Lola Ritter geladen. Hinter den Erkern und Fenstern sah man zwischen den Spitzen der Vorhänge Tropenpflanzen und abends das Licht kristallfunkelnder Lampen. Vor dem Hause stand zuweilen ein Kutschierwagen, vor dem in kaum gebändigter Unruhe ein Paar herrlicher russischer Pferde gespannt waren, die ihre Besitzerin aus dem Karinskischen Gestüt als einen sehr lebendigen Gruß bald nach ihres Mannes Abreise erhalten hatte. Zuweilen fuhr ein anderer Wagen vor und eine ältere Dame, die immer schwarz gekleidet war, entstieg ihm. Putzi, die Lachtaube, die eben vor dem Teegeschirr oder den Bronzekübeln der Azaleenbäume ihre Komplimente machte, flog dem willkommenen Gast auf die Schulter und rief die Herrin des Hauses herbei, die schon zur besprochenen Ausfahrt in den Prater bereit war. Arabella umarmte die Mutter und ein glückliches Lächeln sprach von der Eintracht der beiden Frauen. Sie hatten ein schweigendes Übereinkommen getroffen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Arabella wußte mehr von dem verstorbenen Doktor Gunter als von ihrem Vater. Aber im Laufe der Zeit erkannte sie in der Liebe der Mutter zu diesem, ihrem ersten Mann, den sie als Schwerkranken schon geheiratet, viel von ihrer eigenen heilbringenden und hilfsbereiten Sehnsucht.

Jedem, der Arabellas Heim sah, schien es undenkbar, daß hier eine Frau allein hause, eine junge reizende Frau, die in dem kleinstädtischen Wien Aufsehen erregte. Alles schien weich und einladend, die harten Wände verborgen hinter Kakemanos und Karamanien. Auf den Sofas häuften sich die Kissen, von Palmen beschattet. Die vielen kleinen Kostbarkeiten, die ihr Karinski auf den Reisen angehäuft hatte, machten das Haus zu einem kleinen Museum. Tiere belebten es, ein Papagei, ein Affe, die Taube und ein King Charles, der laut durch die Nase atmete und gern wie eine seidene Kugel auf Arabellas Schoße lag. Aber dies äußere Leben, das nun gefestigt war und sich zwischen Vergnügen und geräuschloser Wohltätigkeit bewegte, bildete nur eine trügerische Decke ihrer gärenden Unruhe. Sie sehnte sich quälend nach dem Geliebten. Ihr war, als hätte die Unrast nach seiner Nähe unter des Grafen Liebkosungen geschlummert, sie einwiegend in ein Leben, das der Luxus berauschte. Nun aber war sie erwacht und lechzte aus Scham und Ernüchterung nach Beruhigung. Hätte sie die Mutter nicht gefunden, sie wäre, das wußte sie, in das hemmungslose Leben jener Lust geraten, die immer in ihr gärte. Sie wäre eine der großen Amoureusen geworden, die zu den Sehenswürdigkeiten einer Stadt gehören. So aber war sie eine versehnte, im Traum lebende Frau, die vor episodenhaften Erlebnissen zurückzuschrecken begann und sich, immer des Geliebten gewärtig, scheute, eine sie fesselnde Liaison einzugehen. Sie hatte ihn nicht gewaltsam aus ihrer Sehnsucht zu drängen versucht, um der Qual ledig zu sein und frei dem Neuen. Wie der Fromme Gott, mit dem er hadert, dennoch aus tiefstem Herzen liebt und seine Gnade ersehnt, so behielt sie Givo in sich und rief nach einem geheimen Auftrag, den er ihr erteilen sollte, für den sie zu leben vermochte, wenn sie seiner Nähe nicht teilhaftig werden konnte. Wäre er nur einmal freiwillig herausgetreten aus der Ferne, um ihr Kraft zu geben. Sie wußte nicht, wo er war, und lange hatte sie sich enthalten, ihn und das Kind bewußt herbeizuwünschen. Nun brach ihr Widerstand. Mit aller Kraft ihres Seins in Tagen und Nächten schwor sie ihn nun herbei. Schaudernd erinnerte sie sich, wie sie als Kind oft bei heftigsten Wünschen kein Mittel gescheut hatte, ihren Willen dem Schicksal aufzutrotzen. Konnte es nicht wieder so sein wie damals, als sie das Feuer erzwang? Ein Jahr war hingegangen, daß die Tallandres nichts mehr von ihm zu wissen vorgaben. Das Kind war so zart gewesen. Verheimlichte man ihr Schlimmes? Sie wagte auch Angele nicht nach ihm zu fragen.

Frau Gunter sah, daß Arabella immer zarter und empfindlicher wurde. Der Arzt empfahl zunächst größere Spaziergänge vor der Stadt. Meist fuhr sie nach Schönbrunn hinaus. An sonnenklaren Nachmittagen war der Park wie unter einem Zauber von Licht und Klarheit in die goldene Ruhe seines herbstlichen Farbenspieles getaucht. Ergriffen fühlte sie das Vergehen, das sanfte Sterben und fern das Wiederaufstehen der Natur, jenes köstliche Empfinden der Kreatur, das Tat twam asi — ich bin in allem, alle in jedem — war in ihr. Die Natur wies ihr das Rätselangesicht. „Sie spricht unaufhörlich mit uns und verrät uns ihr Geheimnis nicht.“ Givo hatte ihr dies Goethe-Wort in ein Buch geschrieben, das immer in ihrem Wäschekasten zwischen Spitzen lag.

Manchmal schien es Arabella, als hätte sie als Kind in diesem Park gespielt. In einem anderen Leben war es. Mit leisen Fäden war ihr hier das Herz verankert an die Irrwege und Rondells, an die Volieren und Glashäuser, an deren Fenstern sich Orchideen und Kamelien drängten, an die vielen verborgenen Wege und abgesperrten Teile, undurchdringbar der kindlichen Neugier.

Hier fühlte sie sich den Kindern ganz nahe. In der Menagerie plauderte sie mit ihnen und fütterte mit ihnen die Tiere. Musterten sie neugierige Blicke, ließ sie ihren Schleier fallen oder sie bedeckte wie absichtlos ihr Gesicht mit dem Fächer, den sie meist mit sich trug. „Die Kaiserin,“ flüsterte einmal eine Dame einer anderen zu. Einmal sprach sie ein Herr an, anscheinend ein Würdenträger, der aus dem Schlosse kam. Er wäre ihr schon mehrmals bewundernd gefolgt. Seine Stimme war angenehm, sein Wuchs dem eines edlen Hengstes gleichend, seine Augen liebkosten sie, während ein herrliches Raubtiergebiß sichtbar ward. Er bat sie um eine Zusammenkunft. Aber als dann die Stunde kam, flüchtete sie zu ihrer Mutter und ließ sich entschuldigen. Sie hatte all ihre Leichtigkeit verloren.

Da die Spaziergänge sie nicht sonderlich kräftigten und der Winter nahte, riet der Arzt zu einer Fahrt nach dem Süden. Sie wählten einen Ort, der, eben im Aufblühen, noch nicht die Masse der Reisenden anzog. Auf hellen Felsen lagen zwischen Pinienwäldchen die Villen über dem blauen See gelagert, durch schmale, säuberliche Fahrwege verbunden. Wieder empfand sie, die Südgeborene, die heimatliche Liebkosung der sonndurchwärmten, lichtgetränkten Luft. Sie spürte nun ihre Sehnsucht genährt von Kräften, die sie nur geahnt und die sie nun in einen ekstatischen Zustand von Lust und Wehmut versetzten. Der Zauber blauer, flüsternder Nächte lag ihr tagsüber noch in den Gliedern und mancher Kranke, der ihren strahlenden und dennoch schmerzwissenden Blick empfing, fühlte sich durch ein leisseliges Gefühl beglückt. Zuweilen wurde sie düster und floh selbst die Mutter. Denn da wurde ihr plötzlich ihre Vergangenheit bewußt: mit Grauen erinnerte sie sich, daß sie und die Mutter den selben Mann besessen hatten.

Den Verkehr mit Männern vermeidend suchte sie die Bekanntschaft der berühmten Schauspielerin Calese, die nach kurzem Aufenthalt am See zu einem Gastspiel nach Wien reisen sollte. Arabella fühlte sich hingezogen zu dieser Schwester im Wandern. Vogelfrei waren sie beide. Der Calese Gesicht war oft wie erloschen hinter Schminke und Grimasse und wie nackt lag die verwüstete Schönheit des Antlitzes. Sie hatte ein Kind und Arabella sah den verzweifelten Abschied, als sie es in die Heimat zurücksandte, um ihr mehrmonatiges Gastspiel im Norden anzutreten. Vögelchen mußte an Noemi denken, als sie die Kleine sah, und bat die Calese es ihr anzuvertrauen. Die aber fürchtete das rauhe Winterklima für das wärmebedürftige Kind.

Frau Gunter war abgereist, um ihrem Sohn nicht allzulange ihre Besuche im Konvikt zu entziehen. Arabella und die Schauspielerin beschlossen gemeinsame Rückfahrt. Als sie über den Brenner fuhren, lagen Berge und Wälder im Märchenglanz des Schnees. Reich wie Tropenpflanzen starrten die Bäume in ihrer üppigen weißen Pracht. Das Geheimnis der Wälder, wie es ihr Givo einst gelehrt, erwachte in Arabellas Erinnerung. Sie sah vorzeitliche Menschen, hochgewachsen, rothaarig, blauäugig, das Beil in den behaarten Händen, von riesigen Hunden gefolgt, über die beschneiten Pfade schreiten. Frauen mit fliegenden Haaren weissagten unter den Bäumen. Auerochsen und Einhorn lugten am Weges, Bärenspuren, die Male jagender Pferde waren in den Schnee geschrieben. Sie dachte an Rama, den sanften Friedensverkünder, von dem ihr Givo nicht müde geworden zu erzählen und dessen Bild ihr mit dem seinen verschmolz. Sie sah ihn unter dem Baume sinnend, wie er die Pest banne, sah die goldene Sichel des Fremden, der ihm erschien, und wie diese den Mistelzweig des Heiles bruderselig vom Stamme schnitt. Aesc-heyl-hopa, die Hoffnung des Heiles, ist im Walde. Weihnachten nennen es die Menschen und legen unter den winterlichen Baum die Symbole ihres Erlösers. Die Stimme der Calese weckte sie. Arabella erzählte ihre Legenden aus östlichen Sagenkreisen. „Uns verdrängt der Heiland alle anderen Sinnbilder,“ sagte die Calese. „Mir ist er immer gegenwärtig. Ich weiß, Sie werden nicht lächeln über die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzählen werde.“ Und mit ihrer seltsam erzenen, oft aufschluchzenden Stimme begann sie: „Im Anfang meiner Laufbahn, ehe ich mich zu jenem Glanz gekämpft hatte, den die Menschen Ruhm nennen, war ich eines Tages durch viele Qual bis zu dem Entschluß gejagt, freiwillig aus dem Leben zu gehen. Es war Sommer, ein schwüler Abend, als ich in einer Phiole Gift bereitete. Der Gesang der Vögel lockte mich hinaus. Ich wollte noch einmal, bevor ich trank, das Leben der Glücklichen sehen. Als ich unter den Menschen umherirrte, in den Gärten und Straßen, begegnete mir ein Fremder. Er blieb vor mir stehen und sein Blick zwang auch mich stehen zu bleiben. Ich glaubte, es wäre der Herr selbst, so milde war sein Antlitz. Er geleitet mich, spricht freundlich zu mir wie zu einem Kinde, bisweilen nimmt er meine Hand, als könnte ich straucheln.

Vor der Stadt heißt er mich in eine Schenke treten und schenkt mir Glas auf Glas eines berauschenden Weines. Wir scherzen einfältig wie Kinder und plötzlich sinkt mein Kopf, mein müdgesorgter, an seine Schulter und ich schlafe ein. Als ich erwache, ist er verschwunden. Ich suche ihn in allen Ecken, ich laufe verzweifelt auf die Straße hinaus, nirgends eine Spur. Ich irre weiter, da steht an einer Brücke — — ein — — hölzerner Heiland. Es ist — sein Antlitz, er bewegt die schweren Augenlider, sein Mund lächelt Wiedererkennen in unnennbarer Süße. Ich sinke vor ihm zusammen. Ich erwache zu Hause, eine Pflegeschwester ist um mich. Ich hatte lange Fieber gehabt. Die Phiole war verschwunden. Eine edle Frau nahm sich meiner an. Ich war gerettet.“

Arabella reicht ihr die Hand. „Er war es. Weil du an ihn glaubtest,“ sagte sie. Und sie denkt: „Auch mir wird Rama begegnen, weil ich an ihn glaube — Rama Imanuel.“

In Villach kaufen sie eine Zeitung. Da liest Arabella, daß Zora Uhari-Givo eine Konzertreise angetreten habe, die sie nach Wien führt.