Der sexuelle Rhythmus der Liebe

Durch die gegeneinander beweglichen Brunst- und Inbrunstzeiten des Jahres flicht sich in sehr viel strengerem Wechsel der monatliche Rhythmus. Hier ist von der geschlechtlichen Liebesgerichtetheit zu sprechen. Die monatliche Periode der Frau gibt in ihrer strengen Gesetzlichkeit das führende Zeichen für die Menschen. Auf Tag und Stunde ist der Eintritt dieser monatlich wiederkehrenden Reinigungszeit bei gesunden Frauen vorausbestimmbar. Davon war bereits die Rede, soweit es den Rhythmus des Einzelmenschen betraf. Wie ist diese Tatsache für das Miteinanderleben der Menschen auszudeuten?

Wie der Herztakt des Blutes sich der Aufsicht des Willens entzieht, so ist auch die steigende und fallende Bewegung der geschlechtlichen Säfte der willentlichen Beeinflussung des Menschen entzogen. Wenigstens von der einen Hälfte, der weiblichen Hälfte der Menschheit ist dies mit Sicherheit zu sagen. Durch das Leben des Mannes geht allerdings auch ein monatlicher Rhythmus, ein Rhythmus von etwas kürzerer Wellenlänge als bei der Frau[3]. Dieser Rhythmus ist aber bei den meisten Männern nicht mehr spürbar, d. h. von allzu starker Willensanspannung übertäubt worden. Wenige werden diese Taktschläge regelmäßig in sich hören. Nur wer in die Zeit seiner eigenen Knabenreife hinabzulauschen versteht, wird wissen, um was es sich handelt. Um die Reifezeit beginnt bei dem Knaben der Saft zu steigen. Die Kraft spannt alle Glieder. Auch das männliche Zeugungsglied streckt sich zum ersten Mal. Und in später Nacht, wenn der Schlaf schon dünn geworden ist und die volle Kraft des jungen Körpers sich in den Morgen hebt, kann die letzte Welle irgendeines Traumes zur unwillkürlichen Vergießung des Samens drängen. Nach solcher Entspannung folgt nun wieder eine Zeit des Aufbaues der sexuellen Kräfte etwa einen Monat lang, und wieder kommt die Zeit der Krafthöhe und drängt nach Entspannung dieser Kraft. Diese nächtlichen Entladungen des Samens in etwa monatlicher Wiederkehr sind aber nur ein äußerstes Mittel des Körpers, Stauungen zu vermeiden. Bei einem gesunden Leben wird es selten dazu kommen. Auch ohne Samenverlust wird der Körper in die Zeit seiner Schwäche zurückzuschwingen vermögen. Denn die nach außen drängenden Kräfte können auch im Innern des Körpers verbraucht werden[4].

Die Zeit der sexuellen Krafthöhe ist bei vielen Menschen die Zeit der Gefahr, wo ihr eigener oder auch fremder Wille Übermacht über die natürliche Gesetzlichkeit ihres Körpers bekommt. Willkürlich wird durch Onanie eine gewaltsame Entspannung der sexuellen Kraft herbeigeführt. Von da an vermag der junge Mensch die natürliche, periodisch ihn überkommende Entspannung nicht mehr abzuwarten. Eigene leidenschaftliche Wunschbilder oder fremde Verführung übersteigern seinen Rhythmus, beschleunigen sein Entwicklungstempo oft so übermäßig, daß der Knabe nach wenigen Monaten einem »Erwachsenen« nach Wort und Gebärde ähnlich sieht. Dabei wird sein Blutkreislauf gewaltig gesteigert und seine Haut bleich. Bei schwächlichen Knaben wird dieses übersteigerte Tempo durch ihren schleppenden Gang, ihre müde Haltung und ihre verhetzten Augen sehr sichtbar. Starken Knaben wird man äußerlich nicht so viel ansehen. Sie halten es aus. Aber die Schwächung der Kräfte ist überhaupt gar nicht die schädlichste Folge der Onanie. Sie wäre wohl auszugleichen. Der entscheidende Schaden liegt in der Beschleunigung des Rhythmus der geschlechtlichen Kraftwiederkehr. Ein natürlicher Ablauf wird durch eine willkürlich herbeigeführte Ersatzhandlung zunichte gemacht. Dies ist entscheidend und prägt der ganzen heutigen Kultur den Stempel auf. Was rhythmisch hätte von selbst geschehen müssen, gerät unter die Knechtschaft des Willens. Schwer ist die Befreiung aus dieser Knechtschaft. Der Erzieher, der den Knaben das Häßliche und Entstellende dieser Samenverluste wissen läßt, ihm »ins Gewissen« redet, hat damit wenig getan, selbst wenn er so viel Macht auf den Knaben ausübt, daß er die Onaniegelüste von da an unterdrückt. Denn er hat damit auch nur wieder Willenskraft und zwar von allerstärkstem Grad in dem Knaben wachgerufen, damit er aus Furcht vor den schädlichen Folgen, aus Furcht vor ihm, von jener anderen Willkürhandlung abläßt. Willkür wird durch Willkür vertrieben. Niemals kann das die Wiederkehr des natürlichen Eigenrhythmus bewirken. Aus dem übermäßig beschleunigten Rhythmus der Kraftwiederkehr wird von da an ein übermäßig stockender Rhythmus. Schließlich machen Angstträume den Schlaf untief und ungewollte Samenergießungen quälen den Knaben öfter und öfter.

Hier gibt es nur eine Hilfe, das Einlenken in den eigenen Rhythmus. Nicht angestachelte Willenskraft kann hier helfen, sondern allein die vertrauende Hingabe an den rhythmischen Lauf der Natur in dem eigenen Körper.

Der Knabe fühlt in dieser Zeit nur, daß eine Kraft in ihm hoch kommt, eine Kraft, die zur Vergießung ihrer selbst drängt. Das Wissen von dieser neuen Möglichkeit zu verströmen muß all sein Denken und Sein durchdringen. Dies ist das eine. Ein anderes schwächeres Gefühl ist aber mit dem ersten verschwistert. Kurz bevor die steigende Kraft in ihm zu ihrem höchsten Gipfel kommt, spürt er: ein Behälter bin ich, ein Gefäß, in dem die Säfte steigen und … fallen. Und dieses schwächere, aber umfassendere Gefühl, daß die Kraftwelle auch wieder fallen muß, ist die natürliche Ursache für jede geschlechtliche Hemmung. Mit der steigenden Kraft wächst auch schon, was sie hemmen wird. Nicht Willensanspannung darf der Führer hervorrufen. Dies innere Wissen vom Steigen und Fallen der Kraftwelle muß er vielmehr hüten und pflegen. Hier ist er wahrhaft Erzieher, der sein eigenes Wissen helfend in immer wieder neuen Formen darbieten kann. Locken, reizen, ja zwingen muß er den Knaben, dieses Wissen in sich groß zu machen. Denn in diesem hemmenden Gefühl ist zugleich das Geheimnis seiner künftigen geschlechtlichen Steigerung verborgen. Die Kraft steigt und fällt. Wenn sie aber wieder steigt, ist sie noch drängender, noch zwingender, noch herrlicher geworden als vorher. Sie fällt aber auch diesmal wieder, um abermals gewaltiger anzusteigen. Die sich immer machtvoller ballenden, immer drängender, flutender, brausender werdenden Kräfte in sich zu fassen, ist nur möglich für den, der hinabzuschwingen vermag in die schöpferische Ruhelage.

Die ältere Erziehung übersah geflissentlich alles, was mit der geschlechtlichen Kräftewiederkehr, überhaupt mit der Geschlechtlichkeit zu tun hat. Man ließ den Knaben mit seiner Kraft allein fertig werden und stärkte durch allerhand Mittel, vor allem durch Ermahnung, Warnung, Strafe einzig und allein die Hemmungen in ihm. Die neue Erziehung fällt in den entgegengesetzten Fehler: der Knabe wird auf die in ihm erwachende Kraft aufmerksam gemacht. Dabei aber werden häufig die hemmenden Gegenkräfte in ihm selbst durch frühzeitige Rationalisierung zerstört. Und dies wirkt eigentlich noch schlimmer als die alte Erziehung. Die edelste und geistigste Steigerung wird durch Geheimhaltung der besonderen Zwecke hervorgelockt. Geheimnis darf nicht verwechselt werden mit absichtlichem Verschweigen und wissentlicher Täuschung, wie es jetzt häufig geschieht. Denn das Geheimnis verhüllt eben nur die naheliegenden Zwecke, um gerade desto stärker die eigentliche Richtung weisen zu können.

Wo zu frühzeitig von den besonderen Zwecken der sexuellen Kräfte, von Fortpflanzung der Art, von Zuchtwahl … wo immerfort von Vorbereitung, Reinhaltung und Sparen der Kraft für die kommende Höhe des Lebens gesprochen wird, wird damit die geschlechtliche Kraft allmählich aber sicher ihres Geheimnisses entkleidet. Der so gewaltsam aufklärende Erzieher verletzt damit, was früher Schamgefühl genannt wurde, den Raum der Hemmungen, der um den Knaben gebreitet ist und unbetretbar für ihn sein sollte. Was haben denn auch die tatsächlichen Zwecke der geschlechtlichen Kraft, ihre Folgen, überhaupt ihre beschreibende Naturgeschichte mit dieser Kraft selbst zu tun? Alle ausmalenden Bilder, ganz gleich, ob sie die Herrlichkeiten oder die dahinterlauernden Gefahren der geschlechtlichen Zukunft darstellen, arbeiten nur darauf hin, die lebendige Wucht dieser Kraft selbst zu zerstören. Zu früh ins Gebiet der gesonderten Vorstellungen, ins »Wirkliche« der »Tatsachen« führen, heißt, lebendiges Wasser, ehe es stromstark geworden ist, in gegrabene Kanäle ableiten. Die gestaltlose, dunkle, schaffende Kraft, die nur erst als steigende und fallende Bewegung in dem jungen Körper spürbar wird, ist allein die Wahrheit; und diesen wuchtenden, ganz ungegliederten Wahrheitsblock muß der Erzieher mit seinem führenden Wesen bejahen, mit allen stürmischen Pulsschlägen seines eigenen Herzens bekräftigen.

An die Schwere dieser ungestalten Wahrheit reicht nur Traum und Mythos. Vielleicht erzählt ihm der Knabe selbst das Bruchstück irgendeines Traumes, in dem nicht mehr wie früher von lauter bunten Einzeldingen die Rede ist, wie sie gestern und vorgestern wirklich geschehen sind, aus denen vielmehr zusammenfassende Bewegung spricht. Vielleicht erzählt er: Wasser, ein Strom war ich, Schalen, Mulden, Felsentrichter waren da, in die es hineinsprudelte. Und immer mehr Wasser war da, und herabstürzend füllte es alles aus, brach alles weg, immer schneller ging es und in großer Masse fiel es besinnungslos herab. Wenn der Knabe in den durch den monatlichen Rhythmus vorbestimmten Nächten solche aus dem Tiefschlaf hervorbrechenden Bilder von bewegter Kraft träumt, bringt er aus seiner schöpferischen Ruhelage einen völlig entspannten Körper in den Morgen mit. Der Knabe hat dann selbst den rechten Weg zur Entspannung seiner Kräfte gefunden, eintauchend in die Ruhe seines Selbst. Der Führer kann ihm in dieser Zeit nur dadurch helfen, daß er ihm Räume eröffnet, die ebenso weit und tief sind, wie dieses erste Erleben seiner geschlechtlichen Kraft in ihm. Er wird ihn das Gebirge mit seinen aufgesteilten Massen, die Ebene in ihrer dahinfließenden Fülle sehen lassen. Aus der beliebigen Gegend, die man seit jeher kennt, wo man rennen und klettern und spielen und Pilze sammeln konnte, wächst plötzlich der Raum und seine Füllung mit Gestalt. Weil der Knabe selbst voll steigender und fallender Bewegung ist und seinen Körper als das umschließende Gefäß dafür empfindet, wird ihn die fließende, strömende, steigende, fallende, in sich zur Ruhe kommende Bewegung der Natur in seinem eigenen Inneren erregen und ihn ebenso vielgestaltig, ebenso weiträumig werden lassen.

Hier ist auch der Grund, weswegen ihn zur Zeit der Reife seine eigene aufquellende Freude naturgemäß zur eigenen Gestaltgebung in Tanz und Ton und Wort und Bild drängt. Räume werden da geöffnet, und die steigende Kraft kann sie mit Gestalt füllen. Davon war schon im einzelnen die Rede.

Hier ist auch der Grund, weswegen gerade zur Reifezeit dieselbe Freude naturgemäß die Frage nach dem Wesen dieser Kräfte draußen und drinnen hervorruft und also zur »Wissenschaft« drängt. Davon wird noch die Rede sein. Alles Schauen, alles gestaltende Tun, alles drängende Wissen ist in diesen Jahren nichts als die hemmende Schicht, die das vorzeitige Ergießen verhindert und zugleich die Steigerung bewirkt.

Wie eine immer wachsende Wärme bleibt nun die steigende und fallende Kraft in dem Menschen drin. Die Kräfte können sich vielleicht jahrelang in sich selbst ausgleichen und so immer höher ansteigende Lebenswärme erzeugen. Hier ist das Geheimnis, warum knabenhafte Schönheit und Geschlossenheit unmittelbar und ungewollt Liebe entzündet. Knabenhaftigkeit ist rhythmisches Steigen und Fallen in sich selbst bei ständiger Steigerung. Selten und kurz ist das Wunder knabenhafter Vollendung und dann von weltbewegender Wirkung. Die griechische Kunst in ihrer herben Zeit, die Kunst des Donatello, des Memling, die Rede des Meisters Ekkehard ist von solcher verhaltenen Wärme strahlend. Hier ist dem Wunder, das nur an dem Knaben erscheint, Ausdruck gegeben. Auch heute vermag die innere Glut knabenhafter Verhaltenheit wieder die große Kunst zum Ausbruch reiner Gestalt zu bewegen. Maximin hat die Kunst Georges in fließende Bewegung gebracht.

Was ist knabenhafte Verhaltenheit? Es ist Inbrunst, Verharren in der schöpferischen Ruhelage zur Zeit der geschlechtlichen Reife. Wie immer das Gleiche: hier wird nichts getan, aber Entscheidendes geschieht. Dieser Zustand innerer Glut, der den Menschen nur für die kurze Zeit der Knabenjahre erfüllt und Wärme für das ganze Leben bereiten soll, wird nun in der schlimmsten Weise mißbraucht. Auch von den jungen Menschen selbst. Davon war schon die Rede. Mißbraucht vor allem aber durch die erwachsenen Menschen, die mit dem Knaben zusammen sind. Eltern, Lehrer, Erzieher, alle zehren sie von diesem kostbaren Gut, als gehörte es ihnen. Meist wissen sie es nicht, aber sie zerren den jungen Körper, wo er ganz schmiegsam und biegsam und hilflos ist, nämlich an seiner geschlechtlichen Verhaltenheit. Sie verlangen von ihm eine zugemessene Arbeit, reizen seinen Ehrgeiz und loben und tadeln und schmeicheln willkürlich an ihm herum. Sie verlangen, daß der Knabe alles ihnen »zuliebe« tut. Warum? Sie wollen sich daran wärmen. So werden sie zu Verführern wider Willen und bringen es endlich dahin, daß der Knabe seine geschlechtliche Inbrunst viel zu früh in körperliche oder geistige Arbeit umsetzt, an der sie ihre »Erfolge« sehen können, an der sie sich freuen, an der sie sich wärmen. Hier wird auch der wissende Erzieher leicht Verführer. Denn auch er wärmt sich machtsüchtig, wenn auch meist nicht so prahlerisch und eitel an der inneren Glut, die von den Knaben ausgeht. Gar zu gern läßt auch er sich etwas »zuliebe« tun. Ja, er lockt zu sich heran und bringt Liebe frühzeitig zum Ausbruch. Unter den verschiedensten Formen kann sich das verbergen und sehr harmlos und sachlich, ja sogar geistig aussehen. Dieses Schüren der inneren Glut ist und bleibt aber doch immer ein eigenmächtiges und meist gefallsüchtiges Stören des fremden Lebens, ehe es Zeit war.

Der Führer zum wahren Leben wird hier immer nur auf das eine sehen, wie er die geschlechtliche Inbrunst in dem Knaben hüten kann, so daß sie ganz und gar in ihm bleibt. Nur wenn er selbst ihm stets herb und verhalten gegenübersteht, kann das gelingen. Er braucht darum seine eigene Lust an den jungen Menschen nicht etwa zu verbergen und zu unterdrücken, nur hinabschwingen, untertauchen lassen muß er diese Lust in die inbrünstige Tiefe seiner eigenen Liebe, bis sie sich nicht mehr laut und zügellos gebärdet, sondern ganz still und mild von innen her strahlend geworden ist.

Aus der Tiefe seiner wohl behüteten geschlechtlichen Inbrunstzeit wird der Knabe nun die Kraft zu seiner ersten geschlechtlichen Leidenschaft aufbringen. Und diese Leidenschaft ist eine Opferung seiner knabenhaften Verhaltenheit. Geschlechtliche Hingabe bringt Schmerz, bringt das Ende des in sich selbst beschlossenen Lebens, bringt in jedem Fall das erste Vertrautwerden mit dem Tode. Die in dem Gefäß des Körpers bereitete Wärme, diese an den Rand gestiegene Kraft wird auf einmal dem geliebten Menschen hingegeben. Weiter kann hier nichts gesagt werden. Geschlechtliche Hingabe entzieht sich jeder allgemeinen Behandlung durch Worte und bleibt die eigenste Angelegenheit des Menschen. Der Führer kann da nichts tun, als den Vertrauten in seine Mannheit entlassen. In der Gewißheit, daß dem Menschen, der in sich selbst zu schwingen gelernt hat, nichts Gesetzloses mehr geschehen kann.

Wenn der Mensch so aus der verhaltenen Glut der Knabenjahre in die gespannte Kraft seines Mannestumes eingegangen ist, braucht es für ihn in seiner eigenen Geschlechtlichkeit keine Hemmung mehr zu geben. Er ist von sich aus frei. Wohl aber bleibt die Hemmung bestehen, welche durch die Ferne des geliebten Menschen auferlegt wird: Ehrfürchtige Haltung vor der geschlechtlichen Ferne der Frau. Das Mädchen geht ja einen ganz anderen Weg der Geschlechtlichkeit. Unumstößlich sicher ist das geschlechtliche Leben der Frau um die Inbrunstzeiten, die Zeiten der ruhenden Liebe, um die Zeiten der schöpferischen Pause gruppiert und aufgebaut. Die erste Blutung, die an einem Tage ganz unerwartet das Mädchen in die ruhende Lage zwingt, sieht für die Entwicklung der weiblichen Geschlechtlichkeit an derselben Stelle, wie der erste nächtliche Kräfteüberschuß des Knaben. Aus diesen höchst verschiedenen Anfängen ist die ganze Verschiedenartigkeit des geschlechtlichen Lebens erkennbar. Periodischer Kräftewiederkehr des Knaben entspricht eine monatliche Schwächewiederkehr des Mädchens. Das spannt eine unüberbrückbar scheinende Ferne zwischen die Geschlechter. Die leidenschaftlichen Höhepunkte bilden beim Mann die Periode, die inbrünstigen Tiefpunkte bei der Frau. Wahre Liebe muß nun das Wunder vollbringen, diese gewissermaßen im weitesten Abstand voreinander hergleitenden Rhythmen dennoch zusammenklingen zu lassen.

Zunächst muß noch einmal von hier aus Rückwärtiges beleuchtet werden. Wenn der Erzieher in dem Knaben gegenüber der leidenschaftlichen Gier sich zu vergessen jenes zweite von Natur aus schwächere Gefühl: Gefäß zu sein für seine eigenen immer wachsenden Kräfte, ausspielt und stark macht (und gerade dies ist ja Sache der Erziehung), stärkt er damit die weiblich gerichteten Kräfte des Knaben. Inbrunst schwingt stets nach der weiblichen Seite hin. Und so kann es kommen, daß der Knabe in dem meist so kurz dauernden Zustand seiner vollendeten Knabenhaftigkeit in sich selbst den Ausgleich zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit vollbringt und darstellt. Er ist das inbrünstige Gefäß für seine eigene leidenschaftlich schwellende Kraft. Erklärt ist daraus, daß die Knaben sich zu dieser Zeit gerade von Mädchen abgestoßen fühlen. Sie brauchen sie nicht, weil sie ja genug von weiblicher Kraft in sich haben. Kurz ist dieser Zustand meist und hört auf in dem Augenblick, wo sich seine Leidenschaft nach außen wendet, wo ihn das ferne Sein weiblicher Geschlechtlichkeit zum Ausbruch aus sich selbst lockt. Das Mädchen in der Zeit seiner Reife stellt ebenso wie der Knabe eine in sich geschlossene Einheit dar, die eine Zeitlang gar keine Berührung von außen her verträgt. Scheue, herb abweisende Bewegungen kommen zu dieser Zeit in die Gebärdensprache des Mädchens. Noch hilfloser als der Knabe ist das Mädchen in seiner Unnahbarkeit und meist noch weniger in ihrem Zustand geachtet. Die Mutter hat in den meisten Fällen ihr eigenes schweres Leben die Not ihrer Jugend vergessen lassen, so daß sie verständnislos bleibt. Statt Raum um das Kind zu breiten, jagt sie es gerade zu den anderen Menschen hin. Man führt das junge Mädchen in die Geselligkeit ein. Auch hier sonnen sich die Erwachsenen, die Mütter an den Erfolgen ihrer Kinder, sind stolz auf die Liebe, die durch die mädchenhaft verhaltene Schönheit erregt wird und wärmen an dieser Glut Erinnerungsträume aus ihrer eigenen Jugend auf. Und dabei wird an den Mädchen gezerrt und geschüttelt, geschmeichelt und verbogen, was nie wieder gut zu machen ist. Wenige wehren sich dagegen und flüchten sich hinter den Schutzwall der in ihnen liegenden männlichen Teilkräfte. Sie werden dann meist spröde und unbeugsam. Die meisten geben es aber von da an auf, einsam zu sein. Sie werden gefallsüchtig, lüstern und sehen ihren Lebenszweck darin, andere Menschen anzulocken, je älter sie werden desto absichtlicher und immer mehr mit der Entfaltung aller Willenskräfte. Hier geschieht also dasselbe wie beim Knaben, die Verwirrung des eigenen geschlechtlichen Rhythmus durch viel zu frühe Willensentfaltung, und gerade dies ist das entscheidend Verderbliche. Darin liegt ja auch der Grund, weswegen sie auch später über die von der Natur gesetzten Inbrunstzeiten der monatlichen Reinigung hinwegjagen. Sie müßten einsam sein können und ganz in sich selbst beruhen in dieser Zeit, und gerade das haben sie nicht gelernt oder längst verlernt. Bei allen Naturvölkern ist es Gesetz, daß die Frau zur Zeit ihrer monatlichen Blutung von keinem Manne berührt werden darf, ja nicht einmal in die Nähe eines Mannes kommen darf. Sie ist unrein, sie geht in die Einsamkeit – wie auch die Knaben zur Zeit ihrer Reife in die Wälder geschickt werden. Dagegen ist in der europäischen Welt der Zustand schließlich so geworden, daß die Frauen durch allerlei Künste und Mittel voreinander und vor allem vor den Männern dieses »Unwohlsein«, wie sie es nennen, zu verbergen wissen. So ist der Eigenrhythmus der weiblichen Geschlechtlichkeit gerade an der Stelle fast vollkommen zerstört, wo das Naturgesetz am offensichtlichsten zutage treten sollte.

Die überwiegende Mehrzahl von Männern sucht nach einer ganz kurzen und meist jäh gebrochenen Knabenzeit sogleich seine leidenschaftliche Erfüllung in dem anderen Geschlecht. Die Schranke der Ehrfurcht vor der Fremdheit der Frau hält also nicht mehr stand. Sie ist beim ersten Ansturm gleich zerbrochen. Hemmungslos prasselt das nächste in das fernste, verzischt und verbrennt. Der Frau wird Gewalt angetan. Sie wird aus der inbrunstgerichteten Zeit willkürlich herausgerissen, hinaufgerissen auf leidenschaftliche Höhe, meist ehe es von Natur so weit gekommen ist. Seit Jahrtausenden ist das so. Hier gilt es, mit aller Kraft den Wall der geschlechtlichen Hemmungen aufzurichten, das Wissen von der Ferne weiblicher Geschlechtlichkeit, von der Unnahbarkeit der Frau groß zu machen.

Nicht alle Männer brechen so frühzeitig und unhaltbar aus ihrer Knabenzeit heraus. Gerade im Gegensatz dazu kann es geschehen, daß sie schwer oder gar nicht daraus herauskommen. Sie vergessen es gewissermaßen, aus der inbrunsttiefen Zeit ihrer schöpferischen Pause aufzutauchen. Sie erstarren in ihrer knabenhaften Vollendung. Sie fürchten sich davor, wieder in Stücke zu gehen und den verlorenen Teil suchen zu gehen. So werden sie ängstlich in ihrer selbstgenügsamen Vollendung. Mit ihrer wollenden Regung halten sie an ihrer Reinheit fest. Immer bleiben sie Gefäß für ihre steigende und fallende Kraft, aber langsam wird es ihnen überhaupt unmöglich, über ihren eigenen Rand überzufließen. Zwischen dem zu frühen Ausbrechen aus dem Knabentum und dem zu langen Verharren darin geht der Weg, den der Erzieher nur führen kann, wenn er Knaben und Mädchen zugleich erzieht. Er braucht dann nur die verschiedene Geschlechtlichkeit verschieden zu betonen, einfach durch die verschiedene Art und Weise, wie er sich zu jedem Einzelnen stellt. Und das wird beispielhaften Einfluß haben. Die Knaben wird er in ihrer Männlichkeit lächelnd, schweigend, unmittelbar aus seiner eigenen Männlichkeit heraus anerkennen. Dem Frauentum der Mädchen wird er in jeder Gebärde selbst ehrfürchtig und scheu gegenüberstehen. Seiner selbst ganz sicher und doch zugleich ganz und gar liebeweit offene Frage, was da so fern von ihm und doch ihm zugewandt geschieht. So werden die Knaben es dann auch machen. Sie werden die Scheu vor dem Weiblichen von vornherein lernen. Ritterlichkeit nannte es eine vergangene Zeit. Diese scheue Zugewandtheit zu dem anderen Geschlecht wird jedes voreilige Zueinanderprasseln hemmen. Nicht nur die wilde verfrühte Leidenschaftlichkeit, auch die heute aufgekommene ersatzhafte Neigung zu allen möglichen Formen burschikoser Kameradschaftlichkeit wird dadurch ausgeschlossen werden. Die Ferne des anderen Geschlechtes wird weder rücksichtslos ausgelöscht, noch auch phrasenhaft vertuscht werden, sondern wird ruhig und klar in ihrer ganzen Weite anerkannt werden. Damit wird der Bogen des Trotzdem immer mehr an Spannkraft gewinnen. Die Ferne des anderen Geschlechtes wird nun immer heißer begehrt werden. Aus der knabenhaften Selbstgenügsamkeit und Ausgeglichenheit heraus wird sich die bewußt einseitige Männlichkeit ausprägen und immer steigern. Und aus der mädchenhaften Sprödigkeit und Herbheit wird Frauentum ausreifen. Diese gegeneinander sich immer deutlicher ausprägende geschlechtliche Reife wird das Gefäß ausgeglichener Selbstgenügsamkeit von Knaben- und Mädchentum an einem Tage in gemeinsam aufspringender Leidenschaft sprengen. Aufhebung aller eigensüchtigen, eigengewichtigen Schwere, Tod des Selbst wird sein.

Hier liegt die Gefahr, weil sich die zwei Menschen dem Gesetz der wieder abschwingenden Kräfte meist nicht völlig fügen. Besonders der Mann wird meist die Leidenschaft übersteigern. Mit Willen festgehaltene geschlechtliche Leidenschaft scheidet aber sofort stärkstes Gift aus, das die bindende Liebe augenblicks zerfressen kann. Hier muß die Frau wissen, daß sie führend ist, führend sein muß. Die Frau allein vermag aus der Tiefe ihrer geschlechtlichen Eigenart den Abschwung der Bewegung einzuleiten. Der geschlechtlichen Art des Mannes entspricht es ja von Natur eigentlich nicht zu hemmen, da gerade die leidenschaftlichen Höhepunkte bei ihm Periode bilden müssen. Solange die Frau an dieser führenden Stelle versagt, verführt sie also zu immer neuen, immer sich steigernden Zügellosigkeiten oder aber sie zwingt dem Mann gegen seine eigene geschlechtliche Natur hier doch die Zügel in die Hand, daß er sich besinnt in Augenblicken, wo es gerade seiner Natur gemäß wäre, besinnungslos zu sein. Nur die Frau, die gelernt hat, in ihre schöpferische Ruhelage hinabzugelangen, vermag hier Führerin zu sein.