Die tägliche Erneuerung der Liebe
Alle die großen Schwingungen, der ganze Bogen des Liebeslebens, das Schwingen der Lebensalter, schließlich die sexuelle Periode der Liebe reichen noch nicht heran an das, was Liebe eigentlich ist, an das tägliche Auf und Ab von Leidenschaft und Inbrunst. Nur jene ganz kleinteiligen Schwingungen lassen mit Sicherheit spüren: hier in diesem Augenblick ist – war – inbrünstige oder leidenschaftliche Regung. In einem gefüllten Leben wechselt Einsamkeit mit Liebesregung in einem ständig zuckenden Wechselstrom des täglichen Lebens. Wo einer im täglichen Leben spürt, daß alle seine einsamen Stunden leer und trostlos geworden sind, gibt es für ihn nur eins: sich ungehemmt der inbrünstigen Liebesregung zu überlassen. Er ist dann geladen mit seiner Einsamkeit und stark Liebe zu geben. Nichts ist sinnloser, als in solchem Augenblicke sich selbst zu zwingen, an seinem Werk, an seiner Ruhe festhalten zu wollen. Nur in der Hingabe besteht dann das Heil. Aber umgekehrt gibt es nach jedem höchsten Augenblick gesteigerter Liebesregung nur eins: sich fallen lassen in die Einsamkeit seines Selbst. Einsamkeit ist die schöpferische Pause für die Liebe, und Liebe ist die schöpferische Pause für die Einsamkeit. Es sind die Pole, zwischen denen alle täglichen Regungen hin und her fluten. Wo dieser Wechselstrom nicht strömt, wird das tägliche Leben sinnlos und quälend. Unmittelbar nahe an der Wirklichkeit pulst für jeden Menschen dieser Wechselstrom.
Zunächst ist jeder hier mehr oder weniger unterworfen dem Gesetz des Sonnentages. Es gibt Zeiten des Tages, die liebegerichtet sind und Zeiten, die das Selbst zur Einsamkeit drängen. Von den schaffenden, den aufbauenden Zeiten des Tages wurde schon gesprochen. Jetzt muß noch einmal davon gesprochen werden. Denn es sind zugleich die Zeiten schöpferischer Pause, in denen die Liebe stark wird, ohne noch sichtbar zu werden. In den Stunden einsamer Morgenarbeit (Arbeit ist immer einsam, auch wenn sie mit anderen zusammengetan wird) ballt sich hauptsächlich die Liebeskraft für den ganzen Tag zusammen. Am frühen Morgen ist es das Bestreben des Menschen, mit sich allein zu sein, wenn auch nur eine kurze Zeit. Menschen, die lange schlafen, werden dieses Alleinsein weniger nötig brauchen, weil sie der Morgenschlaf genügend isoliert und in die Tiefe ihres Selbst geführt hat. Später am Vormittag kann sich jeder sehr viel leichter und sicherer zu dem anderen Menschen finden. Er sieht ihn, hört ihn, spürt ihn um sich. Er tut mit ihm gemeinschaftlich, was gerade not ist. Und er kommt ihm nahe. Am Nachmittag wechselt der Strom öfter, der Nachmittag hat nach einer kurzen Zeit der Ruhe im allgemeinen liebegerichtetes Vorzeichen, und erst am späten Nachmittag, wenn die schöpferische Kraft wieder langsam und zäh die Oberhand gewinnt, wird das Verlangen zur Absonderung wieder stark werden. Doch hat der Wechselstrom am Nachmittag nicht mehr die Stoßkraft wie am Morgen. Die Sonne verliert an Kraft und in demselben Maße gewinnt der Mensch gewissermaßen Übergewicht über die tragenden Kräfte des Sonnentages und so vermag er hier schon sehr viel leichter den Wechselstrom nach seinem Willen zu lenken. So ist es begreiflich, daß im gesamten Volksleben nachmittags Arbeit und Geselligkeit viel mehr durcheinander geht als am Vormittag. Am Abend und in der Nacht wird dieses Übergewicht des Menschentages über den Sonnentag noch größer. Die Abende werden liebesbetont sein können oder auch werktätig je nach der Eigengesetzlichkeit des einzelnen Menschenlebens. Erst in der zweiten Hälfte der Nacht kommt »Es« wieder über den Menschen und läßt einsame Arbeit erschlaffen oder die Liebesregung einschlafen. Tiefschlaf kommt und bereitet die neue Morgeneinsamkeit vor.
Mit diesem Gesetz von Liebesnähe und Liebesferne innerhalb des Sonnentages ist nur das allgemeine Schema zu geben. Der Führende wird ganz sacht und sicher dafür sorgen müssen, daß die Morgeneinsamkeit und die nachmittägliche Ruhe und die Zeit des Tiefschlafes, diese drei großen Perioden der täglichen Liebesferne im allgemeinen innegehalten werden. Das Bild der ganzen Tageseinteilung wird so im Großen stets nach diesem umfassenden Gesetz geprägt sein müssen. Für jeden einzelnen Menschen bleibt trotzdem das Wechselstromnetz von Liebesnähe und -ferne unberechenbar und andersartig an jedem neuen Tage. Denn jeder wandelt eben das Gesetz in seiner Weise ab. Es wird Tage geben, in denen die Liebe ganz und gar überflutend den Tag in seiner Richtung ganz allein bestimmt und es gibt Tage, die allein zur schöpferischen Arbeit oder zur Versenkung in sich selbst bestimmt sind. Doch kann der Rhythmus des Wechselstromes auch sehr viel zuckender gehen und vielmals am Tage von einem Pol zum anderen überspringen. Das läßt sich weder vorher sagen noch willkürlich beeinflussen. Wie die Pulsschläge des Herzens jagen oder langsam werden, unberechenbar, unbeeinflußbar durch Willen, so ist es auch mit dem Wechselstrom von Liebesnähe und -ferne in dieser seiner kleinteiligsten Rhythmik. Wer hier seiner selbst sicher geworden ist, braucht keine Furcht mehr zu haben, daß die Liebesferne einsamer Stunden die Liebe selbst schädigen könnte. Nein, im Gegenteil, gerade diese Zeiten sind ja Zeiten der Werbung. Wer in der Frühe die Vögel hat singen hören, weiß es: Jeder Vogel ist ganz in sich selbst, in seiner schwingenden Stimme, und doch dient dieses alles gerade zur Lockung des anderen, es bedeutet nichts als Liebeswerbung. So ist es. Wo der andere Mensch am fernsten ist und ganz in sich selbst zurückgezogen, wirbt er, lockt er ungewollt und unbewußt am meisten, weil eben ganz aus sich selbst.
Der Führende muß hier also vor allen Dingen die Furcht voreinander entkräften, so daß jeder seiner Anvertrauten sich dem Wechselstrom gern und willig überläßt. Falsche Liebe wird nicht mehr sein, kann nicht mehr sein, wenn der junge Mensch täglich immer wieder ohne Scheu für längere oder kürzere Zeit zu sich selbst kommt, wie sein Lebensgesetz es verlangt. Die meisten Kinder geraten in ihrem täglichen Rhythmus schon früh durcheinander. Entweder werden sie lieblos behandelt und die Zeit, in der sie sich mit sich selbst beschäftigen müssen, wird über Gebühr lang. So ist es vor allen Dingen in den unbemittelten Schichten häufig genug. Sie leiden dann an Liebesleere. Ihr ganzes Leben bleibt unerfüllt von Liebe. Und später versuchen sie dann, die Liebe herbeizuzwingen oder sperren sich trotzig gegen jede Liebesregung ab. Die Anderen aber, die Kinder reicher und unbeschäftigter Eltern werden von den Erwachsenen gezwungen, auch in ihren einsamen Stunden immer wieder Liebe an ihre Umgebung abzugeben. Man beschäftigt sich dauernd mit ihnen. So werden sie zuletzt hungrig nach sich selbst und schlaff und arm an Liebeswillen. Der Führer zum Leben muß nun die Stunden des Tages wägen und niemals zulassen, daß das lebendige Wechselströmen von einem Pol zum anderen aufhört. Auch muß er darauf achten, daß die Umschaltung von Liebesnähe und -ferne beliebig schnell geschehen kann. Dieses erfordert viel Übung. Was ehedem als Erziehung zur Demut und Selbsthingabe, gesellschaftlich gesprochen, als Erziehung zur Höflichkeit gelehrt wurde, hat den Übungswert, solche schnelle Umschaltung gründlich zu lernen. Ein höflicher Mensch hat es infolge seiner Übung erreicht, sich schnell aus der Selbstruhe oder aus irgendeiner Arbeit loszumachen, um für den Anderen da zu sein. Nur ist die Höflichkeit zu einer ein- für allemal gültigen Formel erstarrt. Und damit wird ja gerade die lebendige Hingabe aus immer wieder neuem Antriebe erstickt. Die Lust am Gekonntem, am Erlernten ist da zu groß geworden. Hier bleibt die tägliche Aufgabe des Führenden, den täglichen Verkehrston der miteinander lebenden und arbeitenden Genossen stets von neuem auf eine ins Lebendige aufgelöste Höflichkeit abzustimmen. Nur wenn er selbst vermag, leicht hinüberzuschwingen aus dem liebesfernen in den liebesnahen Zustand, wird sein Beispiel stark genug wirken. Er versagt in dem Augenblick, wo er zu schwerfällig in seinem Selbst bleibt und zu langsam in seiner Bereitschaft.
Hier wird das Geheimnis des Miteinanderlebens im Tiefsten berührt. Zwischen diesem Wechselstrom werden täglich alle Regungen der Menschen hin und her getrieben und erscheinen in einem Augenblick als selbsteigenes Werk und im nächsten Augenblick schon als Liebestat. Das Fernste wird zum Nächsten und Unterschiede sind nicht mehr. Öfter noch als der Atem, mehrmals in einer Atemsekunde vermag der Mensch durch eine leichte Umstellung des Wechselstromes zu dem Grunde hinabzutauchen, wo es keine Unterschiede mehr gibt zwischen ich und du. Alles Vorhergesagte wird erst an dieser tiefsten Stelle unmittelbar greifbar. Liebe ist ja nur in einem einzigen verfliegenden Augenblick spürbar. In einem solchen Augenblick prallen die Lebensalter aufeinander. Das menschliche Jahr spitzt sich in seiner Liebesgerichtetheit vielleicht auf einen einzigen solchen Augenblick zu. Die geschlechtliche Liebe bäumt sich im Augenblick auf. An jedem Tage kann es unzählige Male zu solchem polaren Zusammenströmen und Auseinanderströmen kommen. Zwischen inbrünstiger Gespanntheit und leidenschaftlicher Opferung des Selbst ist das Wechselstromnetz der liebesnahen und liebesfernen Augenblicke über alle Tage, Monate, Jahre und Lebensalter des Menschen ausgespannt. Und immer ist der Augenblick der Umschaltung, der als das Opfer der stets von neuem erzeugten Wärme von dem einen verlangt, von dem andern geschenkt wird, der schöpferische Augenblick. Dies Innehalten ist zeitlich nicht mehr merkbar, so kurz ist es. Es ist die schöpferische Pause in ihrer flüchtigsten Form, der Blutwelle vergleichbar und wohl auch mit dem flutenden Blut ein und dasselbe.