§. 70.
Wenn man die nöthige Klarheit und Kürtze in einem Spasse zu gleicher Zeit erhalten will, so muß er sich zu den Umständen, in welchen wir uns eben befinden, vollkommen schicken. Zu diesen Umständen rechne ich die Personen mit denen wir umgehen nebst allen ihren Umständen, die Zeit, den Ort, die Reden und Erzählungen, mit denen die Gesellschaft unterhalten wird. Mit einem Wort, den gantzen Zustand in welchen wir uns mit unsern Zuhörern befinden. Alle diese Umstände müssen die Vignette seyn, und unser Schertz die Devise. Diese Umstände müssen also den völligen Grund, die Veranlassung, und die ganze Erklärung unseres Scherzes enthalten. Dadurch erhalten wir die Klarheit unseres Schertzes. Ein jeder versteht ihn, und unser Schertz kommt so zu gelegener Zeit, und er paßt sich so genau, daß wir nicht nur beweisen, daß wir den Schertz erst selbst erfunden, sondern wir brauchen auch sehr wenig zu sagen, und wir werden doch verstanden. Ueberdies so entsteht aus dieser Eigenschaft des Schertzes ein Vergnügen, weil diese Uebereinstimmung mit allen Umständen eine Vollkommenheit ist, die den Schertz angenehm machen muß.
Dulce est desipere in loco.
Hor. Carm. L. III. od. XII.
Die schönsten Schertze in dieser Art sind ohnfehlbar diejenigen, welche sich so genau zu den Umständen schicken, daß sie in keinem andern Zustande unverändert können angebracht werden. Denn, da in der Welt nicht zwey Zeiten möglich sind die völlig einerley wären, so ist es ein Beweiß, daß ein Schertz nicht den höchsten Grad dieser Vollkommenheit besitzt, oder daß er nicht allen Umständen völlig gemäß ist, wenn er mehr als einmal angebracht werden kan. Ein vollkommen glücklicher Spaß kan also nur ein einziges mal angebracht werden, wenn er gar nichts von seinem Feuer verliehren soll. Durch diese Eigenschaft erhält man auch die Lebhaftigkeit eines Schertzes noch auf eine andere Art. Wenn der Schertz so genau mit allen Umständen übereinstimmt, so muß der so den Spaß einsieht, den ganzen Umfang seines Zustandes sich auf einmal vorstellen. Wie viel, ja unendlich viel, enthält nicht unser Zustand in einem jeden Augenblicke? Muß also der Schertz dadurch nicht eine unendliche Mannigfaltigkeit erhalten? Wider diese Regel versündigen sich alle spaßhafte Köpfe, die zu phlegmatisch sind, auf eine lächerliche Art. Sie haben das Unglück, von einer gewissen Langsamkeit beherrscht zu werden, vermöge welcher sie zur Auswickelung ihrer Gedancken zu viel Zeit brauchen. Der Fluß ihrer Umstände ist für sie zu schnell, sie können der Geschwindigkeit desselben in ihren Gedancken nicht folgen, und sie sind gezwungen sich bey manchen Umständen zu verweilen, die alsdann längst vorbey sind, wenn sie sie erst recht gewahr werden. Diese Köpfe kommen mit ihren spaßhaften Einfällen immer zu spät. Die Gesellschaft hat das schon wieder vergessen, worauf sie ihren Schertz gründen, und sie machen sich lächerlich, wenn sie die Gesellschaft nöthigen wollen, ihnen zu gefallen sich wieder auf das vorhergehende zu besinnen. Wem erst nachher ein Schertz einfält, wenn die Gelegenheit vergangen ist, der unterdrücke ihn ja, wenn er anders nicht die Trägheit seines Witzes auf eine lächerliche Art verrathen will.