§. 71.
Ein Schertz verliehrt nothwendig seine Schönheit wenn er deutlich ist, und in so fern er deutlich ist. Ein jeder deutlicher Begriff führt eine Ueberlegung mit sich, durch welche man sich den gantzen Begriff, nicht auf einmal, sondern Stückweise, und nach und nach, vorstelt. Ein deutlicher Schertz verliehrt die Lebhaftigkeit, die ihn so schön macht. Man kan das von allen Schönheiten sagen. So bald wir einen deutlichen Begriff von einer Schönheit erlangen, so bald verschwindet das schöne, als welches nur in der Verwirrung des Begriffs liegt. Man lasse einen Meßkünstler das schönste Gesicht ausmessen, und die Proportionen aller Theile und Züge desselben in Zahlen ausdrucken, man lasse ihn die Lage aller Theile und Züge nach geometrischen Gründen bestimmen. Ich glaube nicht, daß sich jemand in ein solches abgeschriebenes Gesicht verlieben würde. Man lasse aber eben dieses Gesicht von einem Mahler abmahlen, so wird es in seinem völligen Glantze erscheinen. Soll also ein Schertz eine schöne sinliche Vorstellung bleiben, so muß er nicht durch den Verstand betrachtet werden, so lange er diese seine Schönheit behalten soll. Ein Schertz muß nothwendig frostig werden, den der schertzende mit einem weitläuftigen Commentarius begleitet. Das muß man den Zuhörer selbst überlassen, der mag den Schertz in seinem Gemüth so weitläuftig zergliedern, wie er es selbst für gut befindet. Es ist auch eine Art der Unverschämtheit, die ein spaßhafter Kopf gegen seine Zuhörer blicken läßt, wenn er ihnen seinen Schertz erklärt. Er gibt zu verstehen, daß er ihnen nicht Einsicht genug zutraue, die Stärcke seines Schertzes zu begreiffen. Es ist eine sehr beschwerliche Mode mancher schertzhaften Köpfe, daß sie so gefällig sind, und ihrem Zuhörer die Mühe des Nachdenckens überheben wollen. Es schmeckt dieß Verhalten zu sehr nach Eigenliebe, und Einbildung, als daß es gefallen solte. Ein Schertz der einen Commentarius nöthig hat, oder gleich damit versehen wird, ist in beyden Fällen frostig. Noch viel abgeschmackter ist ein anderer Fehler, den ich nur beyläufig berühre. Es sind manche, die selbst zu schertzen ungeschickt sind, so gefällig gegen die Gesellschaft, daß sie die Schertze, die andere in derselben vortragen, mit Noten erläutern. Man könnte diese Leute die Scholiasten spaßhafter Köpfe nennen. Sie begehen einen doppelten Fehler. Sie beweisen sich nicht nur unbescheiden gegen die Gesellschaft, indem sie in der Meinung zu stehen den Schein geben, daß sie allein die Stärcke des Schertzes begriffen, sondern sie machen auch die Schertze eines andern, so viel an ihnen ist, frostig.