I. Des Parks Entstehen.
Der liebliche Frühling nahte wiederum der heimathlichen Lausitz. Feierliches Glockengeläute durchtönte die heilige Osternacht den Morgen begrüßend, an welchem der Heiland auferstanden ist. Nach alter, slavischer Sitte gingen die Mädchen des Dorfes schweigend zu dem Bache, das heilbringende Osterwasser zu schöpfen, ritt der Knecht zu dem Teiche, die Pferde zu waschen, damit sie in der Arbeit des Sommers besser ausdauern sollten. Jung und Alt hatte schon das Lager verlassen, um in Andacht und Freude die Sonne des Ostermorgens zu schauen, die da in fröhlicherem Hüpfen dem Horizonte entsteigt. — Die erwachende Natur durchwehte mächtig des Lenzes Lebensodem. Frischer Duft ergoß sich vom Walde durch die Flur. Voller schwoll die Knospe. Feuriger schlugen in sich erneuender Daseinsfülle die Pulse der Schöpfung; es klopfte ihr Herz; es war als wenn sie, die stumme, Rede und Sprache erhalten sollte: — doch ach! das Loos der Natur ist geheimnißvolles Schweigen, und nur Wenigen ist es vergönnt, sie dennoch zu verstehen.
In jener herrlichen, heiligen Frühlingsnacht entstiegen die Geister der Bäume, die in ihnen das grüne Leben schaffen, den Kronen, den Gipfeln derselben. Sie eilten zu einer Wiese unweit der Neiße, in deren Mitte sich ein Hügel gleich einer Rednerbühne erhob. Dichte Nebel lagerten sich um die geheimnißvolle, feierliche Versammlung. Die Dryas einer majestätischen Eiche hatte den Vorsitz. Sie begann also zu der zahlreichen Versammlung zu reden.
„Mit reichem Grün schmücken wir Bäume und Sträucher die Lande, die Gauen Deutschlands, die Fluren der Lausitz. Da umsäumet ihr, Erlen, den grünen, blumendurchwirkten Teppich der Wiesen; da neigt ihr euch, Weiden, zum Bache herab, zu grüßen seine entrauschenden Wellen; da stehen wir Eichen in ungebeugter Kraft gleich alten Patriarchen, gleich Helden des Epos; da breitest du, Linde, weithin deine Aeste aus in der Mitte der Dorfaue, und unter deinem grünen Baldachin versammeln sich die Bewohner des Ortes; da wechselt ihr, Buchen, Ulmen und Birken; da habt ihr, Kiefern und Fichten, weite Strecken bedeckt und selbst dem Sande der Gegend bringt ihr mitleidig das Immergrün, euer Dasein an seine Oede kettend. In unserm Schatten erquickt sich der Müde; in unserm unerschöpflichen Lebensmuthe werden Grambeladene wieder froh auf Erden. In die Freiheit der Haine und Fluren flüchtet sich so Mancher aus dem Regelzwange des Lebens; in der feierlichen Stille des Waldes malet heller die Erinnerung ihre Bilder. Umfangen von dem Grün der Bäume erschließt sich das Herz reicher in Gefühlen, und aus dem mystischen Dunkel derselben bricht hervor die Quelle reinster Freuden. — Aber welche paradiesische Pracht müßte sich entfalten, wenn wir zusammenträten zu lieblich wechselnden Gruppen. Welch’ herrliches Bild würde sich also zeichnen sonder Griffel und Pinsel! Wie würde ihm der Jahreszeiten Wechsel, der Sonne verschiedener Stand immer neue Schönheit bringen! Welche Reize vermöchten wir zu zeigen auf heimathlicher Flur, über welcher so oft das Scepter gewechselt! — Jüngst der Asche entstiegen ist unweit der Neiße ein freundliches Städtchen. Edle, fromme Grafen haben Jahrhunderte über demselben väterlich gewaltet. Dort in dem Thale, welches sie liebten, lasset uns schaffen ein freundliches, herrliches Revier! Wie von frischen, grünen Kränzen sei Schloß und Stadt fortan umschlungen! Gleich dem Eilande aus einförmiger Meeresfluth erhebe sich auf dieser Flur ein herrlicher Garten, und schauet ihn einst der Wanderer, dann gehe ihm das Herz auf für die Schönheit, Harmonie und stille, anspruchslose Größe der Natur! — Doch was einst werden soll, das zeige sich jetzt in geisterentworfnem, zauberhaften Plane! Was entstehen soll, stelle sich dar in meisterhafter Vollendung! Es entrolle sich in dieser heiligen Stunde des schönen Gartens hehres Bild!“ —
Also sprach in majestätischer Würde die Dryas der Eiche. Alsbald aber wogten emsig und geschäftig durcheinander die Geister der Bäume, Sträucher und Blumen. Sie folgten dem Gesetze der Harmonie und Schönheit, welchem die Natur allenthalben zu huldigen strebt, dem Gesetze der stillen Würde und Erhabenheit. Das Verwandte suchte das Verwandte. Wie Kinder an die Eltern lehnten sich in geistergleichen Nebelgestalten liebevoll niedere Pflanzen an höhere zu eng verschlungenen Gruppen. Freier und abgesonderter stand ein riesiger Eichbaum, eine mächtige Linde, eine himmelanstrebende Fichte, sich selbst genug in ihres Daseins Kraft und Fülle. Gleich der Insel im Meere tauchte in reizender Fernsicht aus dem Wiesengrün eine liebliche Baumgruppe empor. Buchen und Birken und anderes Gehölz reihte sich an des Berges Lehne wie zu einem Chore zusammen, zu singen dem Thale seines Pflanzenlebens harmonische Weise. An des Gartens Grenze schlossen sich Bäume und Sträucher eng aneinander, dem Blicke die prosareiche Wirklichkeit außerhalb desselben verhüllend. Eichen traten zusammen zum Haine und reichten sich die knochigen, markigen Arme. Durch der Pflanzen Mischung und Gruppirung schrieben sich seltene Epen, hochbegeisterte Oden, Elegien und liebliche Idylle. Blumen entfalteten ihre Farbenpracht an der Stätte, wo die weilen sollten, in deren Auge sich alle jene Schönheit spiegeln würde. Es war ein wunderbares Drängen, Ordnen und Anziehen. Immer reicher und harmonischer gestaltete sich das Ganze; immer verklärter und vollendeter trat die Landschaft hervor. Es war ein Weben, ein Schaffen, ein Werden, eine Schönheit, Pracht und Herrlichkeit wie ein Wiederschein der auf Erden nie geschauten; — aber es enteilten die Stunden der Nacht, und der erste Strahl der aufgehenden Sonne fiel in das wunderbare Gewebe, so daß es zerriß und verschwand.
Auf weichem Pfühl schlummerte in jener Osternacht in dem Schlosse seiner Ahnen ein edler, reichbegabter Jüngling. Der Traum öffnete sein inneres Auge; es schaute hinein in die paradiesische Pracht. Wonne um Wonne durchbebte ob des Anblickes sein Wesen, und in unnennbarer Freude schlug sein Herz. Voller und voller saugte sich seine Seele des erhabenen Bildes und ihrer selbst vergessend, war sie ganz in den Reichthum des Erschauten versenkt; aber der erste Sonnenstrahl drang weckend durch das Fenster, und das herrliche, liebliche Traumbild verschwand. — „Was du geschaut,“ so rief es mächtig in ihm, „das mußt du suchen, das mußt du schaffen und bilden!“ Nimmer konnte er seitdem des herrlichen Traumbildes vergessen. Bot ihm die Gegenwart wenig Befriedigung, so hing seine Seele an dem, was sie einst geschaut. Durchzog er, der oft an Fernweh gelitten, fremde Länder, dann fand er wohl einzelne Partien des herrlichen, reichen Bildes, aber nicht das liebliche Ganze. Er erhielt sein Erbe, er schritt zur Ausführung des Bildes auf heimathlicher Flur. Es stand vor seiner Seele, da er Baum an Baum fügte, da er See’n entstehen und Hügel sinken hieß, da düstere, beengende Gebäude stürzten wie durch Erdbebens Gewalt; es stand vor seiner Seele, wenn er mitten unter seinen gelehrigen Arbeitern weilte, die des Meisters Pläne ahnten, wenn er in des Winters Tagen den Trieben des kommenden Lenzes ihre Bahnen anwies; immer reicher und vollkommener verwirklichte es sich, und des Parks Pracht und Herrlichkeit hat geschaffen des Zauberbildes Macht. — Einst kam ein Tag, wo er seine Herrschaft, sein grünes Reich auf immer verließ. Es folgte ihm das Bild, geschaut in heiliger Osternacht, und von Neuem mußte er sie aufwühlen die sandige Erde der Lausitz, um sie umzuwandeln zum Paradiese nach dem erhabenen Bilde.
Also ist der Park angelegt worden durch den Enkel der edlen Gräfin de la Chaux Montauban de la Tour du Pin, die einst bei ihrem Einzuge in die neue Heimath von dem Landvolke gegrüßt wurde, indem es in unübersehbarem Spalier grüne, frische Reiser in den Händen hielt.
Anmerk. Talent und Liebe zur Landschafts-Gärtnerei sind dem Fürsten angeboren. Hinter dem Theater, unweit des Schlosses hat er in frühster Jugend mit seinen Gespielen Gärtchen angelegt. Dr. Jäger, Leben des Fürsten, S. 28. — Eine Geschichte der Entstehung des Parks findet sich bei Petzold: der Park v. M. S. 22 ff. Als der eigentliche Geburtstag des Parks möchte wohl der 1. Mai 1815 anzusehen sein, wo der Standesherr, aus England zurückgekehrt, um die nöthigen Grundstücke zu erwerben, die größten Opfer brachte. — Ueber die Beharrlichkeit des Fürsten bei allen Schwierigkeiten seines Werks s. Dr. Jäger S. 334, 89. Von seiner hohen Begeisterung für die Natur und dem tiefen Verständniß ihrer Schönheit zeigt sein ganzes Leben und Schaffen. Von dem Gedanken einer idealen Landschaft ist der Fürst nie losgekommen. Als er sich 1834 am Fuße der Pyrenäen niederlassen wollte, sollte sich ihm die großartige Natur der Gegend zum Paradiese gestalten. Dr. Jäger, S. 222. Auch in dem Thale Kyparissia, an einer Riesencypresse desselben, wollte er den Wanderstab niederlegen. Schon war wegen des Ankaufes der Gegend nach Athen berichtet worden. Dr. Jäger S. 276. — Ueber die Empfangsfeierlichkeiten der Gräfin de la Tour du Pin, der Gemahlin Herrmanns v. Callenb., s. Laus. Mag. 2 Stck. v. 31. Jan. 1770. Die Fichtenzweige in den Händen des Landsvolkes waren eine sinnige Anspielung auf den Namen der Gräfin. —