II. Die erste Nachtigall.
Die laubholzarme Umgebung Muskaus war einst nicht eine Heimath des Sängers der Sänger, der liederreichen Nachtigall. Nur bisweilen, auf dem Durchzuge, hörte man eine derselben hier schlagen.
In dem großen Saale des Schlosses stand auf prächtigem Katafalk ein Sarg. Bürger der Stadt hielten die Ehrenwache bei dem Todten. Die Kerzen brannten nieder, jede ein Bild des vergehenden Lebens. Tiefes Schweigen herrschte um den Erblaßten in des Schlosses Räumen; doch außerhalb desselben arbeiteten in jener herrlichen Mainacht emsiger die Kräfte des Lebens, und süßer Hauch ging aus von Blume, Strauch und Baum. Freude hatte der wiederkehrende Lenz allenthalben gebracht, aber auch tiefen Schmerz den Bewohnern dieser Gegend; denn der Todte auf seinem Paradebette war der Herr der Herrschaft, der edle, fromme Graf Herrmann von Callenberg; der sich durch väterliche Sorge und Liebe ein bleibendes Denkmal in den Herzen errichtet. — Muskau war 1766 in Asche gesunken, — durch ihn hatte es sich verjüngt erhoben; die wendische Kirche war durch die Flammen zerstört worden, — er hatte sie wieder aufgebaut; die Theurung und anderes Ungemach war groß geworden, — der menschenfreundliche Graf hatte getröstet und geholfen, und selbst als er seine Herrschaft frühzeitig an seine einzige Tochter abgegeben hatte, war er geblieben Muskaus Freude und Beglücker. Der geliebte Graf war — eine Leiche. Muskau fühlte die Größe des Verlustes, manche Thräne floß dem edlen, biedern Todten, und es war der Abend vor seiner Beisetzung in der Gruft der wendischen Kirche, — in dem Gotteshause, das er gebaut, sollte seine Ruhestätte sein — ein herrlicher Maiabend, welcher die Gefühle der Wehmuth und der Trauer gleich Blüthen zu Todtenkränzen so vielen Herzen brachte. Unauslöschliche Liebe zu dem Entschlafenen führte Manchen, der ihm sein Glück dankte, in die Nähe des Schlosses. Dankbare wollten den feierlichen Kerzenglanz schauen, der sich über das edle Todtenantlitz ergoß, das einst in Wohlwollen und Milde gestrahlt hatte. Und schweigend blickten sie in nächtlicher Stunde nach den Fenstern des Saales, in welchem der Sarg stand. Bilder der Vergangenheit zogen an ihrer Seele vorüber. Wie die schöne, volle Blüthe, die der Abend geschlossen, war des Herzens stummer Schmerz, wie der Thau, welcher an ihr perlt, so die unbemerkte Thräne der Wehmuth. Es war eine feierliche, heilige Stunde. —
Unweit des Schlosses im ergrünenden Gebüsch erhob sich lieblicher Gesang. Immer voller schwoll das süße, elegische Lied. Ihr selber unbewußt hat die Nachtigall die Töne für alle Stimmungen des Herzens, für Freud’ und Leid. Eine derselben hatte an jenem herrlichen, feierlichen Frühlings-Abende die Klage um den edlen Todten angestimmt. Und durch des Liedes Macht erschlossen sich Herzen in süßem Schmerze zum Troste über das Loos der Vergänglichkeit, welches auch dem Hohen und Edlen fällt und feierten also den letzten Abend, den der Graf in dem Schlosse seiner Väter über der Erde weilte.
Wo die Nachtigall einmal reinen, tiefen Gefühlen der Menschenbrust ihre Stimme geliehen hat, da, sagt man, wird ihr eine Heimath. Seit jenem Abende, wo der Letzte aus dem ruhmreichen Geschlechte der Callenberge, welchen die Standesherrschaft gehört hatte, vor seiner Beisetzung auf dem Paradebette lag, von Vielen tief betrauert und beweint, giebt es hier Nachtigallen. Die Gebüsche um das Schloß und die Stadt mehrten sich, immer größer ward der Sänger Chor, und in des Lenzes Tagen durchtönet der Nachtigallen Lied den ergrünenden Park. Lauschest du aber an einem Maiabende ihren mannigfachen Melodien, dann vermagst du auch wohl jene elegischen Töne zu vernehmen, in welchen einst der erste Sänger in Muskaus Umgebung klagte um den frommen, edlen Grafen Herrmann von Callenberg. —
Anmerk. G. A. H. Herrmann, Reichsgraf v. Callenberg, st. d. 4. Mai 1795. D. 9. Mai paradirte seine Leiche im großen Saale des Schlosses. Wolf: Merkw. Begebenh. in der gräfl. Callenb. und Pück. Fam. referirt: „Als etwas Außerordentliches muß ich noch bemerken, daß an jenem Abende eine Nachtigall herrlich schlug, da sich doch keine vorher hier gehalten hat.“ Will man den Biedermann, ausgezeichnet als Familienvater, als Standesherr, als Präsident der oberl. Gesellsch. d. W. kennen lernen, so lese man u. A. nur seine Rede bei der Grundstein-Legung zur wendischen Kirche. Langner: Actenmäß. Bericht v. d. Grundleg., d. Bau u. d. Einweihg. der wend. Kirche, Budissin 1788. Der nachmalige Generalsuperint. Brescius hat ihm die Standrede am Sarge gehalten. Die Denkschrift für die oberl. Gesellsch d. W. ist vom Hofrath Röhde. —