XIX. Das Bad.
Im Jahre 1822 lenkte der Kreisphysikus Dr. Kleemann die Aufmerksamkeit des Fürsten Pückler auf die hiesigen, an Heilkräften reichen Eisenwässer. Die Wirkungen derselben übertrafen alle Erwartungen, und alsbald wurde die Gründung des Bades ein Lieblingswerk des Fürsten, besonders aber seiner Gemahlin, der Tochter des Staatskanzlers von Hardenberg. Den 29. Juni 1823 wurde das Bad feierlich eingeweiht. Es erhielt den Namen Herrmannsbad. Viele hohe Herrschaften waren zu der Festlichkeit herbei gekommen. Die Einweihungs-Ceremonien verrichtete der Fürst von Carolath. Der Pavillon der Trinkquelle, über welcher jetzt Kreuz und Halbmond vereint sind, trug die Inschrift:
Das Neu-Entdeckte ist uralt; —
Stets war es jung an seinem Ort,
Und wirkt mit himmlischer Gewalt
Auch jetzt im Dienst der Menschheit fort.
Die ersten Bade-Directoren, welche sich um die Hebung der Anstalt große Verdienste erworben haben, waren der Dr. Kleemann, der Justiz-Commissarius Sieber, der Hofgerichts-Assessor Seydel und der Forstsecretäre Mühle als Rechnungsführer. Die Restauration mit dem Kursaale war vordem ein Alaunmagazin und das anstoßende Gebäude eine Beamtenwohnung. Bald wurde die bogenförmige Moosgallerie aufgeführt. In dem Gebäude rechts davon sind Bäder und Wohnungen für Badegäste; dort sind auch die Zimmer, welche die Abyssinierin Machbuba einst inne hatte. Hinter diesem Gebäude ist ein großes Logirhaus, 1824 errichtet. Vieles ist geändert und verbessert worden. Das neue, nette Logirhaus auf einer Böschung am Fuße des Berges hat der jetzige, königliche Standesherr aufführen lassen. —
Der Park des Bades ist eine der schönsten Partien in dem großen, harmonischen Ganzen. Die Arbeiten an demselben wurden alsbald begonnen; es mußten dazu Besitzungen angekauft oder eingetauscht und eine Landstraße verlegt werden. Nur durch Faschiniren konnten die steilen Bergabhänge bepflanzt werden, da das junge Gehölz immer wieder von dem Sande, welchen der Regen herabschwemmte, vernichtet wurde. Doch alle diese Mühe deckt, wie allenthalben im Parke, die Vergangenheit und die Schönheit des Ganzen, die wie von selbst entstanden zu sein scheint.
Wir treten, um jene Schönheit zu überschauen, an die Brüstung der Gallerie. Zu unsrer Linken thürmt sich die Bergwand steiler denn anderswo auf, und mächtige Bäume derselben hängen hinaus in das Thal; zur Rechten dringet der Blick durch Baumgruppen in das Freie. Er folget dem Laufe der Neiße und eilet über die Brücke derselben zu einem jener herrlichen Hügel des Parkes, um auf dessen Bäumen mit ihren schönen Umrissen zu ruhen. Von da kehrt er zu der freundlichen, lieblichen Nähe zurück. Zu unsern Füßen sind prächtige Blumenstücke. In frischester Farbenpracht unterbrechen sie das Grün der Wiese; denn es sind Sommerblumen, die während der Badesaison ihren Schmuck entfalten. Hier und da tritt niedriges Gesträuch zu lieblichen Baumgruppen zusammen. Mächtig steiget der Wasserstrahl der Fontaine empor; aber in Perlen zertheilt, fällt er zur Erde herab. Allenthalben sind trauliche, stille Plätzchen, wo der Kranke ruhen und der Gesunde sich freuen kann der Stille des Thales, welches täglich die Töne der Musik durchziehen. Alles hat hier den Charakter des Gemüthlichen, Traulichen, des Befriedigten in enger Umgrenzung, und gar heimathlich wird es uns alsbald zu Muthe in dem Thale, in welchem das Bad Muskau ist. —
Wir erklimmen auf einem jener Pfade, der sich den Berg hinauf windet, die Höhe desselben, nachdem wir zuvor noch einen Blick auf ein trauliches Plätzchen gethan haben, welches sich buchtartig in die Berge hineinzieht. Dort, wo der Hügel nach Nordwesten wie ein Vorgebirge steil abfällt, gleitet das Auge an der laubholz-bewachsenen Berglehne hin. Alte, kräftige Buchen neigen sich über die Wohnungen im Thale, sie mit ihren dichten Zweigen zu überschatten. Unter ihnen tauchet die deutsche Kirche mit dem goldenen Kreuze des Thurmes und das Schloß malerisch empor. Links sind tiefe, romantische Schluchten, rechts, jenseit der Neiße, flachen sich die dortigen Hügel zur Neißaue ab. Noch reicher und umfassender wird der Blick, gehen wir zu einem jener steilen Abhänge in entgegengesetzter Richtung, wo sich der Höhenzug nach Süden wendet. Hier ist die Natur wild. Wie Felsen thürmen sich zerklüftete und abgerissene Bergabhänge gar steil auf. An ihnen liegt das Alaunwerk, welches seit den ältesten Zeiten hier gewesen ist, und um dasselbe sind, gleich Vorbergen des nahen Höhenzuges, die schwarzen Massen ausgelaugter Alaunerde und Asche aufgeschüttet. Aus dem dunklen Grün der Haiden schlängelt sich wie ein Silberstreifen die Neiße hervor. Zu beiden Seiten derselben sind Wiesen und Felder; aber bald werden sie von den Haiden begrenzt, deren Flächen sich weithin ausdehnen. Doch jenseit derselben, am Saume des Horizontes im Süden, steigen die Berge empor. Die Bilder, welche hier nah und fern vor dem Auge vorüberziehen, stehen durch ihren meist erhabenen Charakter im Contraste zu dem Gemüthlichen und Traulichen des Thales, so daß dieses durch jene bedeutend gewinnt. —
Die Gegend, in welcher der Mensch weilet, wirket auf ihn ein. Die Töne ihrer Bilder klingen an sein Herz an und wecken Stimmungen in demselben. Die Luft, die Vegetation, die ganze Scala der Beziehungen, in welche der Mensch zu der Natur einer Gegend tritt, sucht ihn geistig und körperlich zu bestimmmen. Jene Beziehungen gleichen dem Wassergeäder in der Tiefe der Erde, welches aus den Erdschichten die Heilkräfte saugt und zum Gesundbrunnen zusammenfließt, welcher von Vielen gesucht wird. So hat in der anmuthigen Lage des Bades, in der Natur um Muskau, welche die Kunst idealisirt hat, schon mancher Kranke Stärkung und Kräftigung, der Gesunde aber reichen Genuß und Erhebung gefunden.
Doch in den geheimnißvollen Tiefen der Erde bereitet die Natur die Fluth der heilsamen Quelle, welche sie den Kranken zur Genesung beut. Die Quellen des Herrmannsbades gehören in die Klasse der salinischen Stahlwässer. Außer den Mineralbädern giebt es hier vortreffliche Moorbäder, und beide werden mit einander verbunden. Daran reiht sich das russische Dampfbad und das Kiefernadelnbad, welches grade hier in vorzüglicher Güte hergestellt werden kann. Die Heilquellen Muskaus sind oft analysirt worden, bereits 1824 vom Dr. Hermstädt, am gründlichsten von Duflos.
Während die liebliche Natur um das freundliche Städtchen durch den Genius des Fürsten zur reinsten Vollendung idealisirt ist, ist unter den Anlagen in den Bergen und seitwärts derselben eine eigene, unterirdische Welt. Schon Jahrhunderte fährt da der Bergmann bei seinem Grubenlichte in den Schacht, um die Alaunerze zu Tage zu fördern, oder die Braunkohle zu brechen, und weithin ziehen sich die unterirdischen Gänge. Um ihn herum in der düstern Stille trieft es wie Thau von dem Gesteine und Erdreiche. Die sich senkenden Tropfen sättigen sich an den mineralreichen Stoffen und vereinigen sich zu der Quelle eigenthümlicher Mischung. Die aber arbeitet sich empor aus der Tiefe der Erde, ein edles, kostbares, flüssiges Erz der Berge, eine Gabe der Gegend. Der Fürst hat bei der Ausführung seines großartigen Werkes alle Voraussetzungen benutzt, welche ihm die Geschichte und Natur der Gegend bot, und in diesem Hineinziehen, Benutzen und Vervollkommnen des Gegebenen besteht das Ausgezeichnete seiner Schöpfungen. Das einst Neu-Entdeckte war hier uralt, der Quelle heilende Kraft wurde in den Dienst der Menschheit genommen, und das Herrmannsbad im herrlichen Parke errichtet. Möge ihm der Segen bleiben, der einst bei seiner Einweihung ausgesprochen wurde, eine Stätte zu sein, wo Leidenden wiederum wird das höchste Gut — die Gesundheit!
Anmerk. Ueber das Bad und seine Heilkräfte s.: Das Herrmannsbad bei Muskau, dargestellt in Hinsicht auf seine Umgebungen, sowie seine bewiesenen Heilkräfte. Sorau 1825 gr. 8. mit 5 Abbildungen in fol. Steindruck. — Borott, Tagebuch im Musk. Herrmannsbade geführt, mit einer vollständigen Beschreibung des russ. Dampf- u. Schwitzbades, nebst dessen Wohlthaten und Wirkungen &c. Zittau 1824. — Dr. Prochnow: Muskau, seine Kur-Anstalten und Umgebungen. Laus. Magazin, 1824, 337–393; 1825, 101–108; 157–159. Musk. Wochenbl. 1822, 217; 1824, 182. — Schles. Provinzialblätter 1825, 367–375. 1824, 240–245. Mineralwasser: Nachl. 1766, 223. Dr. Jäger S. 355. — Ueber das Alaunwerk: Vogels Nachrichten darüber und besonders über eine ausgebrannte Halde, Laus. Magaz. 1802, 1, 84–96.