XX. Das Zapfenhäuschen.

Mancher Punkt des Parks, ausgezeichnet durch seine herrliche Aussicht, hat schon früher, ehe er in den Plan des Ganzen hineingezogen wurde, durch Feste in der standesherrlichen Familie eine Bedeutung erhalten. Die Erinnerung daran erlischt immer mehr.

Dem Standesherrn Johann Alexander von Callenberg, dessen erste Ehe kinderlos blieb, wurden in zweiter Ehe mit Rahel Louise Henriette, Reichsgräfin von Werthern, vier Kinder geboren. Georg Alexander Heinrich Herrmann, der Erbe der Herrschaft, vermählte sich mit einer Tochter der Provençe, der Gräfin de la Tour du Pin, der allzufrüh heimgegangenen Mutter der Clementine Kunigunde Charlotte Olympia Louise und des Johann Alexander August Herrmann, bei dessen Geburt sie starb. Sein jüngerer Bruder Curt Heinrich, geboren den 8. April 1749, wurde Pfalz-Zweibrückischer Kammerherr, Obristlieutenant bei der Reichsarmee, oberrheinischer Kreis-General-Adjutant und ist 1817 den 27. Januar in der Gruft seiner Väter beigesetzt. Von den beiden Schwestern vermählte sich die jüngere, Ursula Margaretha Constantia Louise früher als die ältere, den 10. Januar 1772 mit dem Freiherrn Wilhelm Christoph Diede zum Fürstenstein, dem Letzten dieses alten Geschlechts. Er war Herr zu Fürstenstein, Wellingerode, Radewitzhausen, Immichenhain, Ziegenberg u. s. w., Ritter des Ordens vom Danebrog, Commandeur des K. Ordens St. Josèph, Königl. Dänischer Kammerherr und Gesandter am K. Großbritann. Hofe, der Kaiserl. und des H. R. Reiches Burg zu Friedberg Regiments-Burgmann und der Löbl. freien Reichs-Ritterschaft Mittel-Rheinischen Cantons wohl erbetener Ritter-Rath. Die ältere Schwester Henriette Louise, geboren den 11. Februar 1745, wurde den 24. Juni 1774 die Gemahlin des Reichshofrathes Karl Christian, Grafen und Edlen Herrn zur Lippe. Als sie am 10. September ihre alte Heimath verließ, um von Muskau gen Wien zu ziehen, begleiteten sie Tausende von Segenswünschen und manche Thräne des Dankes floß diesem menschenfreundlichen, edlen, frommen, erhabenen Charakter. Den 19. Februar 1799 ist sie zu Regensburg gestorben. Ihr Gatte suchte Trost in dem unersetzlichen Verluste, indem er ihre Lebensbeschreibung aufzeichnete, welche herrliche Blicke in ein echt christliches, edles, in Prüfungen bewährtes Herz thun läßt. —

Dieser ältesten Tochter des Standesherrn war es vergönnt, die treue, sorgsame Pflegerin ihres Vaters im hohen Alter zu sein, während die andern Geschwister ihr Lebensweg in die Ferne geführt hatte. Für die Standesherrschaft war damals eine prüfungsvolle Zeit. Feuersbrünste hatten viele Wohnungen zerstört, und am 2. April 1766 war auch die Stadt mit ihren Kirchen verwüstet und eingeäschert worden. Nach den Lasten des Krieges kamen die schrecklichen Hungersjahre 1771 und 72. Es gab allenthalben zu helfen, und die Herrschaft hat manches Opfer gebracht. Auch die gräfliche Familie hatten harte Schläge getroffen. Die Gemahlin des Grafen Herrmann war nach kurzem Glücke gestorben. Die Comtesse Louise wurde die treue Fürsorgerin für die zwei mutterlosen Waisen; aber der unerbittliche Tod entriß ihren Armen das eine der geliebten Kinder, den kleinen Grafen Herrmann. — Fern von dem Vater weilten seine übrigen Kinder; aber es kam ein Tag, der sie alle, auch die zweite Tochter und deren Gemahl, die aus dem fernen London herbeigeeilt waren, zum fröhlichen Wiedersehen im Vaterhause vereinen sollte, den 15. November 1773. Gar sinnig waren die Feierlichkeiten, welche die Schwester zur Verherrlichung jenes Tages angeordnet hatte.

Auf der Hügelkette jenseit der Neiße, der alten Bergkirche gegenüber, ist einer der höchsten Punkte des Parks. Dort war ein Pavillon in Form einer Octogone aufgeführt worden. Das niedliche, tempelartige Gebäude schien ganz aus Tannenzapfen zu bestehen. Aus Tannenzapfen waren die Wandleuchter, die Kronleuchter, der Kamin, das altarähnliche Postament, aber am kunstvollsten waren die Verzierungen der Wände im Innern; denn aus größern und kleinern Tannenzapfen, welche von Moos und grünen Fichtenreisern durchwebt waren, hatte man wie in Mosaikarbeit mannigfache, niedliche Gruppen an einander gereiht. — Von hier aus, von den Fenstern des Pavillons, wollte die Gräfin vereint mit ihren Geschwistern auf die Fluren schauen, auf welchen sie der Kindheit schöne Tage verlebt hatten, auf das Neißthal, Schloß und Stadt. Wohl trübte dichtes Schneegewölk den anfänglich so heitern Himmel des Novembertages; aber jenen glücklichen Menschen strahlte hell die Sonne des freudigen Wiedersehns. Als sich die Herrschaften, begleitet von der Frau Gräfin von Lüttichau und deren Gemahle, dem Zapfenhäuschen näherten, ertönte in dem Thale ein Choral, und Hunderte von Fackeln vertrieben die allzufrüh hereinbrechende Nacht. Die damals fünfjährige Clementine empfing die Eintretenden mit einem Gedichte, welches sie von dem Postamente herab mit einer Freimüthigkeit und geniengleichen Anmuth vortrug, die das Erbe ihrer geistreichen, schönen Mutter war.

Da stand nun der greise Standesherr in silberweißem Haare inmitten seiner geliebten Kinder. Außerhalb des Pavillons fielen, wie Myriaden von Sternchen, die Schneeflocken zur Erde, und der Sturm löschte die Fackeln aus. Dunkel deckte die heimathliche Flur und unter der Herrschaft des Winters war sie erstarret; aber wie Blumen des Lenzes blühten in dem Herzen der Versammelten herrliche Erinnerungen auf. Es war eine jener Stunden in einem Familienleben gekommen, wo der Freude, des Wiedersehens Macht den höchsten Lebensgenuß bringt, wo die Lippe schweigt, aber das Auge thränt und in dem Herzen das Wort ist: „Herr, wir sind zu geringe aller der Treue und Barmherzigkeit, die du auch an uns gethan hast!“ — Jener Punkt der Berge ist seitdem der Familie immerdar eine heilige Stätte gewesen. Oft hat ihn in der Erinnerung an seine Lieben der greise Standesherr erstiegen, dem nur noch wenige Jahre seines Lebens zugemessen waren, oft sein Sohn, oft dessen Tochter, die Erbin Muskaus. Der Zahn der Zeit hat bald an einem Gebäude genagt, welches nur für einen seligen Augenblick errichtet war. Mannigfache Gestalten bis zu seiner jetzigen hat seitdem der Pavillon angenommen. Als sich dort der selige Archidiakonus Langner des aus seiner Asche wieder emporsteigenden Muskaus, besonders seiner wendischen Kirche freute, stand auf jenem Berge ein massives Häuschen s. das Gedicht in d. actenmäß. Berichte &c. S. 49. —

Gleich als sorgte die Natur für die Stätten, welche Menschen einst heilig waren, verbürgt diesem Punkte der Berge die herrliche Fernsicht, die er besonders in den Frühstunden gewährt, eine Auszeichnung vor allen andern. Im Süden sind Felder und Wiesen mit herrlichen, alten Eichen. Sie werden vom Walde umschlossen, hinter welchem am fernen Horizonte die blauen Häupter der Berge, die Landeskrone, Tafelfichte u. a. emportauchen. Im Nordwesten lagert sich unermeßliches Waldgrün über das Flachland, aus welchem sich hie und da einige Hügel mit Fichten bewachsen erheben. Hinter uns wird der Blick durch den Wald wie durch eine Mauer gehalten. Jenseit der Neiße aber sind die Bergabhänge, an welche sich die Stadt lehnt, die Schluchten, das Bad, die Bergkirche, das Plateau des Dorfes Berg. Doch am lohnendsten ist der Blick in das Neißthal. Da ziehet die Neiße durch des Parkes Haine; da sind Baumgruppen aufgethürmt, eine lieblicher, als die andere. Zwischen ihnen tauchen die Gebäude des freundlichen Städtchens hervor, die deutsche und wendische Kirche, das Rathhaus u. a. In den Vordergrund des reichen Panoramas tritt das Schloß mit seinen Thürmen. Die dort weilten, die längst entschlafen, feierten einst auf dieser anmuthigen Höhe des Parks eine Stunde frohen Wiedersehens, und einen eigenen Reiz hat des Hügels Gipfel wegen seiner herrlichen Fernsicht, eine Bedeutung in der Geschichte der Familie der Reichsgrafen von Callenberg, denen Jahrhunderte die Standesherrschaft gehörte.

Anmerk. Der Freiherr v. Diede st. 1807 als der Letzte seines Geschlechtes. Vergl. über diese Familie Justi’s hessische Denkwürdigkeiten II. 240–254. Die Höhe des Zapfenhäuschens erhebt sich 452′ über den Spiegel der Nordsee. In dem Werke des Fürsten „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ heißt es: „Auf diesem Punkte steht jetzt ein halbverfallener Pavillon, und befand sich in ganz alten Zeiten, der Sage nach, ein Schloß oder Wartthurm, von dem auch noch einige Rudera zertrümmerter Mauern und Keller übrig sind, wie man deren auch in dem nahen Walde von Keula findet.“ Das Zapfenhäuschen, diese der Familie so liebe Stätte, ist später zu dem Geburtstage der Standesherrin, am 9. November 1781 von deren Gemahl, Herrmann v. Callenberg, in andrer Form und reicherem Schmucke erneut worden.