Der Hallenser Kirchenstreit.

Ems, den 19. Juli 1830.

Die Ereignisse zu Halle[64] in kirchlicher Hinsicht ziehen die Aufmerksamkeit von ganz Deutschland ungemein auf sich. Überall hört man davon sprechen und ist sehr gespannt auf ihren Ausgang. Niemand kann sich denken, daß die zwei questionierten Professoren im Amt bleiben können, da eine bloße Verwarnung nicht ausreichend erscheint bei der allgemeinen Aufmerksamkeit, die die Sache erregt hat, und ein Exempel zu statuieren wohl im höchsten Grade notwendig geworden ist. Denn bei dem regen Leben für Religion und deren Wahrheiten, das sich jetzt wiederum zeigt, sollte ich meinen, könnte man der entgegengesetzten Richtung der verfälschten Religion nicht kräftig und bestimmt genug entgegentreten. Daher erscheint mir der Ausgang der Halleschen Händel ungemein wichtig in jeder Beziehung. Sehr schlimm ist es freilich, daß die gedruckte Dogmatik[65] dieser Herren so allgemein verbreitet ist, so allgemein nach ihr gelehrt wird und von allen rationalistischen Geistlichen, deren es nur noch zu viele gibt, den jüngeren Theologen empfohlen und gepriesen wird, so daß die Absetzung des Verfassers im Amt zwar noch nicht Allem abhelfen wird, aber doch Allen die Augen öffnen muß... Eine andere Klippe, die zu umschiffen bleibt, ist nun wieder die sogenannte Frömmelei, die affichierte Zungen-Religion, worin mir viel Eitelkeit und überhebendes Wesen zu liegen scheint, sowie ein böser Schritt zum Sectieren und Separieren. Ich höre, daß Herr v. Gerlach, der Bruder des meinigen[66], der jene Hallenser Dinge ans Licht brachte, auch in dieser frömmelnden Richtung sein soll und da wäre es auch wohl weniger eitel gewesen, wenn er die Sache nicht hätte drucken lassen, so ihm ja der Weg offen stand, Ihnen die Anzeige jener Abscheulichkeiten zu machen...