Die Pariser Julirevolution.
Mit dem Regierungsantritt Karls X. im Jahre 1824 waren in Frankreich rückschrittliche Tendenzen und Elemente erneut ans Ruder gekommen. Gesetzgebung, Verwaltung und Presse gerieten in mannigfache Abhängigkeiten, Parteikämpfe erfüllten die Kammern, Leitungen, Gerichte und Salons, deren Debatten einen europäischen Widerhall fanden. 1828 kam es zu einer regierungsfeindlichen Mehrheit unter den Deputierten; an Stelle des Ministerpräsidenten Villèle amtierte Herr von Martignac, der vergeblich versuchte, eine gemäßigte Mittelpartei zu bilden. Karl X. glaubte daher im Juli 1829 ein Ministerium seiner Wahl einsetzen zu können, an dessen Spitze der unbeliebte Herzog Jules de Polignac trat. Der König hoffte durch Erfolge in der auswärtigen Politik durch Eroberungen am Rhein oder durch Kolonialerwerb in Algier eine Regierung nach seinem Sinne durchführen zu können; als aber die heimgeschickte oppositionelle Mehrheit der Deputierten-Kammer durch die Neuwahlen wieder dorthin zurückkehrte, begann die Situation sich zuzuspitzen; der „rechtlose Willkürakt“, durch den Karl X. mit seinen „Ordonnanzen“ vom 25. Juli 1830 das Wahlrecht einschränkte und die Preßfreiheit aufhob, kostete ihm den Thron. Die Pariser Revolution vom 26. bis 29. Juli, deren allgemeine Bedeutung nach einem Worte Jakob Burckhardts in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ als europäische Erschütterung viel größer als die spezielle politische war, der dreitägige Aufstand, in welchem die Pariser Liberalen durch das großstädtische Proletariat den legitimen König davonjagen ließen und den nationalen auf den Thron setzten, das Werk der studierenden Jugend und gleich ihr republikanisch gesinnter Arbeiter triumphierte über die militärischen Mittel des verblendeten Königs. Der Befehlshaber der königlichen Truppen, Marschall Marmont, konnte die Lage nicht halten; die „Ordonnanzen“ wurden zurückgezogen und ein volkstümliches Ministerium mit dem Herzog von Mortemart in Aussicht genommen; trotzdem aber verhandelte der König insgeheim mit den Männern um Polignac weiter und verlor somit die letzte Möglichkeit eines Ausgleiches; in der Frühe des 30. Juli hatte der jugendliche Thiers, der Redakteur des „National“, der am meisten zum öffentlichen Widerstande gegen die „Ordonnanzen“ beigetragen hatte, durch einen glänzend stilisierten öffentlichen Aufruf auf den Herzog von Orléans als auf den kommenden Mann Frankreichs hingewiesen. Im Stadthaus von Paris führte der alte Lafayette wie einst im Jahre 1789 die Nationalgarden des Landes, und die Riesenstadt zitterte vor einer Wiederholung blutiger Straßenkämpfe.... da beschleunigte jener meisterhafte Aufruf die Bildung einer Partei Orléans.
Louis Philippe, Herzog von Orléans, hatte sich in den entscheidenden Tagen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen; jetzt erging an ihn die Aufforderung, den Posten eines Generalstatthalters zu übernehmen, der er sich nicht mehr entziehen konnte. Im Laufe des 31. Juli hatte er durch eine Proklamation diese Würde angenommen und zeigte sich mit Lafayette unter der Trikolore dem Volk: das Schicksal Karls X. war besiegelt; am 2. August hat er mit dem Dauphin auf die Krone verzichtet, und wenige Tage später bestieg der „Bürgerkönig“ Louis Philippe den Thron von Frankreich. Seine europäische Anerkennung ist verhältnismäßig rasch erfolgt.... Prinz Wilhelm weiß in den nachfolgenden Briefen dieses Vorgehen der Mächte nicht scharf genug zu tadeln. Im selben Monat, am 25. August 1830, brach in Brüssel die belgische Revolution aus; noch waren die europäischen Kabinette durch die französischen Ereignisse derartig verwirrt, daß sie diesen neuen, gefährlichen Unruhen zunächst verhältnismäßig gleichgültig gegenüberstanden. Durch einen Besuch bei dem ihm verwandten niederländischen Hofe Im Haag hatte Prinz Wilhelm die Ereignisse in Paris fast aus nächster Nähe miterleben können; wenn ihn auch Ende August desselben Jahres eine militärische Inspektionsreise nach dem Rheinland rief, so blieb er doch mit dem niederländischen Hofe in enger Verbindung und erlebte den Beginn der Trennung der durch die Willkür der Großmächte 1814/5 zusammengekuppelten Nationalitäten der Holländer und Belgier.
Das kunstreiche Gebilde des europäischen Friedens mit seinen wohlabgemessenen und aufeinander berechneten Pfeilern, Legitimität der Krone, christlicher Sinn der zur heiligen Allianz vereinten Monarchen-Völker, die je nach ihrer geschichtlich gewordenen Eigentümlichkeit ihren gesetzlichen Anteil am Leben besaßen —, dies Gebäude, umsorgt von den einen, gehaßt von den andern, das selbst die gefährliche Erschütterung des Aufstandes der Griechen gegen ihren legitimen Sultan schließlich überdauert zu haben schien, stürzte zusammen. Kunst, Weisheit und Gesittung, die in seinem Innern Schutz gefunden hatten, schienen aufs neue gefährdet. Nichts Geringers als einen Rückfall in die Barbarei, einen neuen Dreißigjährigen Krieg weissagte Niebuhr. Die Angst, daß wie vor vierzig Jahren das Feuer nicht auf seinen Herd beschränkt bleiben und die Welt wiederum in seine Flammen getaucht werden würde, schien Recht zu bekommen, als die Revolution nach Belgien übergriff. Preußen begann vielleicht gar, nicht allein durch die Nachbarschaft der Rheinprovinz, sondern vor allem durch das nahe verwandtschaftliche Verhältnis seines Königs zu dem Beherrscher des niederländischen Gesamtstaates — Friedrich Wilhelms III. Schwester Wilhelmine war die Gattin des Königs der Niederlande — unmittelbar hineinverwickelt zu werden, ganz abgesehen davon, daß sich für ein revolutionäres Frankreich aus dem benachbarten — belgischen — Ereignis ungeahnte Möglichkeiten zur Wiederaufnahme der Politik von 1792 ergaben. Eine Wolke neuer Revolutionskriege drohte am Horizonte heraufzuziehen.... Doch die belgischen Verhältnisse klärten sich.... die Londoner Botschafterkonferenz gab der von den Revolutionären durchgeführten Trennung ihren nachträglichen Segen; im Januar 1831 wurden unter dem Vorantritte Preußens von dem vereinigten Europa die Grundmauern des zukünftigen belgischen Staates gelegt.
Im Haag, den 28. Juli 1830.
.... Der gestern hier bekannt gewordene Coup d’état des Königs von Frankreich erregt allgemeines Aufsehen und allgemeine Besorgnisse. Die Nachrichten, die man hier haben will, sollen, wenn sie gegründet sind, die Besorgnisse sehr gegründet erscheinen lassen und eine nicht zu berechnende Reaction befürchten lassen. Im entgegengesetzten Falle, d. h. wenn dieser Coup d’état glückt und ohne Reaction verläuft, so ist Charles X. nur Glück zu wünschen, denn die Wirtschaft würde doch zu toll in Frankreich, wenn nicht, so sind leider die Folgen unberechenbar.
Im Haag, den 2. August 1830.
Wenngleich ich annehmen darf, daß Sie von Allem unterrichtet sind, was sich Schreckliches in Paris in den Tagen vom 27. bis 30. ereignet hat, so nehme ich keinen Anstand, dasjenige Ihnen hiermit schleunigst zukommen zu lassen, was man hier teils direkt, teils indirekt erfahren hat. Die Abdication des Königs und des Dauphins zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux, unter Vormundschaft des Herzogs von Orléans, scheint sich nicht zu bestätigen. Herr d’Agoult, von dem erst heute die ersten Meldungen eingegangen sind, schreibt, daß Marschall Marmont noch einen Teil von Paris besetzt hält; eine Deputation der sich constituiert habenden Regentschaft hat ihm folgende Vorschläge gemacht: Der König soll sogleich das Ministerium wechseln, sogleich die Ordres vom 25. Juli zurücknehmen und die Kammern zum 3. berufen, dann wolle man weiter mit ihm unterhandeln. Marmont habe erklärt, er habe keine Instruktionen, werde aber Polignac aufsuchen, der in der Nähe sei. Nach einer halben Stunde sei er mit der Antwort gekommen, daß auf solche Conditionen nicht unterhandelt werden könnte, worauf ihm die Deputation erwidert: Voulez-vous donc la guerre civile? was Marmont mit einer stillschweigenden Verbeugung und weggehend beantwortet habe. Der König soll, nach Einigen, mit 8–10000 Mann nach der Vendée, nach Anderen nach Lille sich gewendet haben. In Lille waren auch Unruhen ausgebrochen, die aber durch die Garnison ohne Blutvergießen gestillt worden sind. Nach eben eingehenden Nachrichten hat die Stadt aus ihrer Mitte eine Municipalität gewählt. Die ganze Picardie soll im Aufstand sein. In Rouen sind die Unruhen den Parisern gleich gewesen. Da alle Nachrichten übereinstimmen, daß die Garde und die übrigen Truppen in Paris trotz des enormen Verlustes treu geblieben sind und von der übrigen Armee also wohl dasselbe zu erwarten steht, so behalte ich die Hoffnung, daß, wenn der König nur fest bleibt, er noch im Stande sein wird, die Sache herzustellen, wenn die erste Wut in Paris sich gelegt haben wird und zugleich die Politik des übrigen Europas sich als recht einig und imposant darstellt. Der König der Niederlande, bei dem ich gestern und vorgestern in Loo[67] war, wo gerade diese Nachrichten ankamen, war noch unentschieden, was er tun sollte; bevor er irgend ein Message an Karl X. sendet, falls er sich der Grenze nähert, will er erst abwarten, was derselbe für Maßregeln ergreift, doch scheint es, werden hier die Grenz-Festungen stärker besetzt und armiert und Alles zu einer schleunigen Complettierung und Mobilmachung vorbereitet. Der König hier ist der Ansicht, daß, den Fall ausgenommen, daß Charles X. mit seiner treu bleibenden Armee die Ruhe und seine Autorität wiederherstellt, jeder andere Fall nur die mittelbare oder unmittelbare Einwirkung der bewaffneten Macht der anderen Staaten nach sich ziehen kann, d. h. entweder einen Grenz-Cordon oder geradezu einen Einmarsch in Frankreich auf Wunsch seines Königs, um ihn zu restituieren. Aber dann nur Einheit und Übereinstimmung, um nicht etwa einzeln sich Extras auszusetzen. Mir scheint dies Raisonnement des Königs sehr richtig. Er ist für seine südlichen Provinzen ganz ruhig bis jetzt, und mit Recht, da alle geheimen Nachrichten von dort den Geist als sehr gut beim Empfang der schrecklichen Pariser Begebenheit schildern. Die Festigkeit des Königs diesen Winter hier gegen die Generalstaaten ist von unberechenbarem Nutzen also gewesen, wie man sieht. Gott gebe, daß alles so bleibt.
Das Extra-Blatt des Courier français, welches die heillose Proclamation Lafayettes an die National-Garde enthält, wie die 1000 anderen kleinen Charakter-Züge der citoyens, werden Sie wohl erhalten haben, da es hier angekommen ist wie sonst die gewöhnlichen Zeitungen.
Ihnen den Eindruck, den dies Alles auf mich gemacht hat, zu schildern bin ich nicht im Stande. Bei Lesung dieser Sachen glaubt man Zeitungen von vor 40 Jahren zu lesen. Es ist wirklich gräßlich. Ich hatte den festen Glauben, bei Allem, was man in Frankreich sich trainieren sah, daß dennoch nichts zum Ausbruch kommen würde, weil eben die Nation die Greuel einer Revolution gesehen hat und kennt, und also eher wie jede andere davor zurückbeben müßte. Aber nein. Eine 40jährige bittere Erfahrung hat sie nicht klüger, nicht ruhiger gemacht.
Sollte es wirklich zu Truppenbewegungen in dieser großen Catastrophe kommen, so darf ich wohl mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß Sie mich nicht vergessen werden, wenn selbst mein Corps nicht mobil gemacht würde.
Soeben erfahre ich, daß der englische Ambassadeur hier sich bereits über die französischen Angelegenheiten abgesprochen hat und zwar Englands Verhalten als völlig passiv geschildert, selbst in dem Fall, daß Charles X. die Unterstützung der Alliance in Anspruch nimmt. Daß man hier diese Ansicht nicht teilt und wohl nicht von vielen Gouvernements geteilt werden dürfte, begreift sich leicht, und namentlich ist wohl Niemand mehr interessiert an der Sache als Preußen und Niederland durch die langen Grenzen. Die Unbegreiflichkeit der englischen Politik verleugnet sich also wiederum nicht. Mögen nur die anderen Mächte recht einig sein und einen gemeinschaftlichen raschen Entschluß fassen, denn mir scheint, daß der moralische Eindruck, den dies in Frankreich machen muß, so groß sein wird, daß ein Krieg dadurch évitiert wird. Trennung und Zeitverlust scheint mir in diesem Moment das Unglücklichste zu sein. Graf Douavaroff geht als Courir nach Petersburg auf Wilhelms[68] Wunsch und bringt diesen Brief nach Berlin; vielleicht dürfte von Ihrer Seite diese Gelegenheit nach Petersburg gleich benutzt werden, um Ihre Ansicht dahin zu überbringen.
Soeben erhielt Fritz einen Brief eines niederländischen Generales, der gerade auf Urlaub sich in Paris befunden hat und am 29. Mittags es verließ während der tollsten Massacres. Seine Schilderungen sind schrecklich. Die umgekommenen Menschen werden zwischen 15 und 20000 angegeben. Alle Bäume auf den Boulevards sind umgehauen, um Verhaue zu bilden, damit die Cavalerie nicht agieren konnte.
Im Haag, den 4. August 1830.
Die heutigen Nachrichten aus Frankreich sagen, daß der König auf dem Marsch nach Nantes ist, daß aber die ihn begleitenden Truppen nach und nach (ihn) verlassen und daß die Nachrichten, die man in Paris über die Stimmung der Vendee hat, sehr ungünstig lauten. Wohin wird sich also der König wenden? Der heute angekommene Constitutionel indigniert aufs Äußerste durch seine revolutionäre Sprache und durch die Erzählungen über des Herzogs von Orleans Benehmen. Es scheint danach aber nicht, daß der Herzog für den König und seine nächsten Agnaten zu arbeiten scheint. Die Sache des Königs scheint demnach verloren zu sein, sowie die des Dauphins; werden sie resignieren zu Gunsten des Herzogs von Bordeaux? Wird der Herzog von Orleans die bloße Vormundschaft über den Bordeaux übernehmen wollen? Wird Charles X. nicht die Unterstützung der Alliance in Anspruch nehmen, um die Legitimität wiederherzustellen und einzusetzen? Dies sind wohl Fragen, die ganz Europa jetzt in Bewegung setzen werden und deren Antwort die größten Folgen haben muß.
Wäre doch eine Zusammenkunft der großen Souveraine[69] jetzt schnell möglich, um einen großen schnellen Entschluß zu fassen. Denn bevor man zusammenkommt, muß Alles so klar schon sein, daß man einen Entschluß fassen kann.
Der König ist heute vom Loo hier eingetroffen; es werden die Grenz-Festungen, welche nicht hinreichende Garnisonen haben, stärker besetzt werden, dieselben gegen einen gewaltsamen Angriff vorbereitend armiert werden und zum 1. September, wo die Beurlaubten stets einkommen, aber nicht vollzählig, sollen dieselben complett eingezogen werden, mit Ausnahme der Reserve-Bataillone. Man ist hier natürlich sehr gespannt, was Sie wegen Luxemburg und Saarlouis befehlen werden, so wie überhaupt auf die vorbereitenden Maaßregeln am Rhein, da die Niederlande von Niemand eher und kräftiger Unterstützung erwarten können, als von Preußen, wenn es zum Extreme kommen sollte. Von Thionville aus sind Vorposten gegen unsere Grenze ausgesetzt worden.
Im Haag, den 6. August 1830.
Die Hoffnung, daß der König von Frankreich das Äußerste wagen würde, um seine Macht und sein Ansehen, d. h. seinen Thron wieder herzustellen, ist verschwunden. Die heute hier erhaltene Eröffnungsrede des Herzogs von Orleans in den Kammern zeigt uns offiziell die Resignation des Königs und des Dauphins an. Glücklicherweise nicht die des Herzogs von Bordeaux, welche aber von der sublimen Nation auch verlangt wird. Sollte Charles X. auch zur Resignation für den minorennen Kleinen noch gezwungen werden, so scheint es mir, kann Europa diesen Akt nicht anerkennen; es würde ja die Revolution bis zur letzten Neige anerkennen und legalisieren.
Daß hier nur dieser Gegenstand die stete Conversation macht, können Sie leicht denken. Die Meinungen, die sich hier ausbilden, zerfallen in zwei Hauptabteilungen; 1.) darf man die stattgehabte Revolution ungestraft von Europa gehen lassen, also sie legalisieren, oder muß man ihr auf das Bestimmteste und Entschiedenste entgegen treten und Frankreich züchtigen? 2.) Darf man eine solche Züchtigung vornehmen, ohne befürchten zu müssen, die revolutionären Prinzipien fast in allen Staaten zum Ausbruch zu reizen und wird man nicht vielmehr aus dieser Befürchtung die Revolution anerkennen müssen, was mit anderen Worten heißt, die Revolutions-Partei in ganz Europa cajolieren und zur nächsten Nachahmung des 27. bis 29. Juli anspornen?
Daß ich natürlich zur ersten Abteilung dieses Raisonnements halte, brauche ich wohl kaum erst zu versichern.
Die Revolution ward nach 20jähriger Dauer im Jahre 1814 bekämpft, besiegt und der legale Stand der Dinge durch die Wiedereinsetzung der Bourbons auf den Thron ihrer Väter durch ganz Europa wieder hergestellt. Die Revolutionen von Spanien, Neapel und Piemont wurden durch gewaffnete Hand gedämpft, die abgesetzten Souveräne wieder eingesetzt und ihre Staaten durch vieljährige Occupation der Befreiungsarmee beruhigt. Jetzt bricht in dem Lande, wovon aus aller revolutionäre Stoß ausging, wovon aus er seit 15 Friedensjahren nach allen Seiten hin verbreitet und unterhalten ward, eine neue Revolution aus und der König und seine Dynastie (werden) entthront. Kann Europa in diesem Falle anders handeln, weniger tun, als es in Spanien, Neapel und Piemont tat? Ist der jetzige Fall nicht viel graver, erhebt die Revolution in diesem Moment den Kopf nicht viel mächtiger und gefährlicher als seit 15 Jahren? Mir scheint die Crisis gekommen zu sein, wo es sich entscheiden muß, ob die Legitimität oder die Revolution triumphieren soll. Die Legitimität wird triumphieren, wenn Europa einen einmütigen, allgemeinen Beschluß zur Züchtigung Frankreichs faßt. Die Revolution wird triumphieren, wenn Europa dem jetzigen Treiben in Frankreich ruhig gewähren läßt, sie wird dadurch legalisiert und kein Thron dürfte mehr sicher stehen.
Durch eine Züchtigung Frankreichs wird meiner festen Überzeugung nach der revolutionäre Stoff in Europa unterdrückt und durch strenges Gericht in Frankreich dieser Stoff vielleicht allenthalben — wenigstens auf lange, wenn auch nicht auf immer — ausgerottet.
Die entgegenstehende Ansicht sagt: dieser revolutionäre Stoff ist in Europa viel zu sehr verbreitet (in den Niederlanden, vielleicht linkem Rhein-Ufer, Polen, Italien, Spanien), als daß man es wagen dürfte, gegen die Revolution anzukämpfen; man würde in dem Falle es erleben, daß in allen genannten Ländern jener Stoff zum Ausbruch käme und es wäre sehr die Frage, ob es gelingen würde, ihn mit den eigenen Truppen und Kräften, ein Jeder bei sich, zu überwältigen. Auch habe die jetzige französische Revolution einen Schein von Recht, indem man den König Charles X. beschuldigen könne, seinen Eid einigermaßen gebrochen zu haben (was ich nicht zugeben kann, da ihm der Artikel 14 der Charte das Recht zu extraordinären Maaßregeln beilegt und den Gebrauch desselben freilich seinem Gewissen allein überlassen muß) und wenn, wie ich gern zugebe, Charles X. meiner Ansicht nach jetzt und so nicht hätte diesen Coup d’état ausführen sollen, so hat darüber doch Niemand als die Nation mit ihm zu richten oder gar das Recht, ihn zu entthronen.
Was den ersten Teil dieser entgegenstehenden Ansichten betrifft, so habe ich schon meine Nichtbefürchtungen dieser Art ausgesprochen; sollte eine solche revolutionäre Reaction aber wirklich durch ganz Europa sich erzeugen, nun so ist es immer besser, daß man seine Feinde kennen lernt und sie zu bezwingen sucht; da hoffe ich denn doch, daß ein Jeder bei sich zu Stande zu kommen wissen wird. Denn es ist allenthalben der Kampf aus demselben Prinzip gegen dasselbe Prinzip. Der Sieg steht bei Gott.
Was nun die Züchtigung Frankreichs betrifft, so muß ich freilich gestehen, daß ich sehr glücklich mich preise, die Art derselben nicht vorzuschlagen zu brauchen. Am schwierigsten ist der Fall, wenn der Herzog von Bordeaux unter Vormundschaft des Herzogs von Orleans erhalten wird, weil in diesem Fall einige Legalität sich einmischt; doch nie kann man übersehen, daß die Nation durch Revolution gegen ihren König dahin gelangte. Da aber alle Proklamationen sagen, daß gegen den Bordeaux der Umstand spreche, daß er zu einer Dynastie gehöre, die sich par la grace de dieu genannt habe, jetzt aber ein König nur par la volonté du peuple bestehen könne und solle, so wird an die Erhaltung der Rechte des Bordeaux wohl nicht zu denken sein. Dann scheint mir der Fall klar zu sein: Europa muß mit gewaffneter Hand die Rechte des Herzogs von Bordeaux herstellen und Frankreich mit seiner Revolution und seinem Orléans zu Paaren treiben.
Krieg scheint mir leider unausbleiblich. Handelt Europa nicht so, wie ich hier es andeute, so greift uns Orleans in Zeit von einem Jahre an; das linke Rhein-Ufer ist sein Ziel, um zum Tyrann dann zu werden.
Ob die Züchtigung Frankreichs dann noch in einer langen Occupation oder in Verringerung seines Gebietes bestehen soll, das sind Fragen, die heute wohl schwer zu entscheiden sind.
Aber wenn Europa handelt, so muß es gemeinsam, kräftig, mit aller Macht auftreten und recht vorbereitet in den Kampf treten; denn er wird nicht leicht sein.
Wäre es doch möglich, daß eine Zusammenkunft zwischen Ihnen, den beiden Kaisern und dem hiesigen König möglich wäre; wie rasch und wie viel besser verhandelt sich alles mündlich. Die Heilige Alliance muß jetzt oder niemals zeigen, daß sie noch existiert und ganz im Geiste des seligen Kaisers[70] handeln.
Noch ist in den Niederlanden Alles ruhig; aber in Brüssel spricht man doch schon sehr laut du grand exemple donné de la France; van Maassen c’est notre Polignac, c’est une bonne leçon pour Monsieur van Maassen etc. In Köln aber auch hat der Darmstädter Graf Wittgenstein in einem Zeitungssalon zugesehen, wie die Pariser Nachrichten vom Stuhle herab laut vorgelesen wurden und bei den tollsten Stellen Bravos und Applaudissements erschallt sind.
Das sind ein paar Züge, die beweisen, was zu erwarten wäre, wenn die Pariser Revolution ungestraft hingeht und somit legal wird oder was zu erwarten ist, wenn Orleans das linke Rheinufer erobern will und die Niederlande... Der König hat hier nur die Verstärkung der Artillerie in den Gränz-Plätzen angeordnet, aber nicht die durch Truppen anderer Waffen...
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Im Haag, den 8. August 1830.
Die Nachricht, daß Charles X. der Gefahr des nach Rambouillet gestürmten bewaffneten Haufens in die Hände zu fallen entronnen ist, hat uns freilich sehr erleichtert hier, aber die Gefahr bleibt immer noch sehr dringend für ihn bis zu dem Moment, wo er sich wird embarquieren können...
Den Fürsten Wittgenstein, der die Kölner Mitteilungen gemacht hat, habe ich gestern gesprochen... er meint, daß sie vielleicht nur eine Scene gewesen, wie man sie wohl an vielen Orten erlebt haben würde, ohne deshalb auf einen allgemeinen schlechten Geist rechnen zu können, worin ich ihm ganz beistimme...
Der König hat gestern den General Constant au secret nach London gesandt, um mit dem Herzoge von Wellington zu conferieren, namentlich in militärischer Hinsicht über die hiesigen Lande und wiederum speciale über den Festungsgürtel, der in seiner jetzigen Verfassung ganz offen, unarmiert dasteht. Denn, wenn etwas unternommen werden sollte, so wünscht der König vor Allem, daß dem Beschlusse des Congresses von Aachen[71] zu Folge Preußen und England die zu besetzen übernommenen Festungen auch sofort besetzen würden, was uns wohl 24–30000 Mann kosten würde.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Im Haag, den 12. August 1830.
Gestern früh erhielten wir hier die Nachricht von der nunmehr wirklich erfolgten Erhebung auf den Thron des Herzogs von Orléans und daß Lafayette diese Art König par la volonté de la sublime nation et par la constitution la plus belle république getauft hat, eine Taufe, die Ironie und Wahrheit zugleich enthält. Was ich und die mit mir Gleichgesinnten hier sagen, werden Sie aus meinem langen Brief folgern, nämlich daß der nun also wirklich bei Seite geschobene und übergangene Herzog von Bordeaux der Anknüpfungspunkt für Europa wird, indem es dessen Rechte auf die Krone behauptet, verteidigt und für ihn Alles wagen müßte. Man hat in den merkwürdigen Sitzungen der Kammern gesehen, wie offen und frei sich Viele für die Legitimität und für den Herzog von Bordeaux ausgesprochen haben. Außerdem stimmen die Nachrichten aus Frankreich darin überein, daß freilich die Revolution sich überall (breit) gemacht hat, weil Paris das unglückliche Beispiel gab, daß aber nur in wenig Orten sich Enthusiasmus gezeigt und vielmehr eine allgemeine Bangigkeit, ein allgemeiner Schrecken über das Geschehene sich ausspricht, fürchtend, daß der blühende Zustand des Landes, die glücklichen Verhältnisse mit dem Auslande usw. sich nur zu leicht ändern werden. Mir scheint es daher, daß man für die Sache des Herzogs von Bordeaux eine große Partei finden würde, obgleich man sich nicht verhehlen darf, daß eine Agression durch Europas Mächte eine große Einheit zur Abwehrung des Feindes erzeugen würde. Aber man hat sie 1815 überwunden und wenngleich nach 15 Friedensjahren sich Vieles consolidiert hat und kräftiger geworden ist, so würde 1830 oder 1831 der gerechten Sache auch der Sieg nicht fehlen.
Lord Bagot, der englische Ambassadeur hier hat... gesagt, daß er gewiß überzeugt sei, daß, wenn der Herzog von Orléans seine Thronbesteigung nur den Mächten anzeige, England gewiß die Antwort geben würde, daß seine Anerkennung von der übereinstimmenden Ansicht aller großen Mächte abhängen müsse, die sich dazu auf einem Congreß gewiß schleunigst versammeln würden.
Geheime Nachrichten, namentlich von der belgischen Grenze her sagen, daß die hiesige liberale Partei von der französischen auf’s inständigste gebeten wird, sich noch ganz ruhig zu verhalten, weil im entgegengesetzten Falle dies die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich ziehen müßte und zu Gegenmaßregeln veranlassen würde. Dies sei es, was sie in Frankreich am meisten fürchten müßten, weil ein Entgegentreten der Regierung gegen das liberale Prinzip jetzt der jungen Revolution nur höchst nachteilig werden könnte und die Angst für das Ausland noch mehr vermehren würde. Darum erscheinen auch mit einem Male in den hiesigen liberalen Blättern ruhigere Artikel. Diese Nachrichten scheinen mir nicht unwichtig der Berücksichtigung in diesen wichtigen Momenten und bei Beurteilung der Meinung Frankreichs und der liberalen Parteien.
Im Haag, den 13. August 1830.
.... als Wilhelm zu mir kam, um mich in Kenntnis von Wellingtons Ansichten zu setzen, die er ihm in einem Briefe... ausspricht. Das kurze Resumee dieses Schreibens ist folgendes: Die Hoffnung, welche seit 1815 bestand, den Frieden in Europa erhalten zu sehen, sei jetzt nicht mehr so groß nach den Ereignissen von Paris. Es sei ihm viel weniger bang für etwaige kriegerische Schritte des Orleans als für dergleichen von Seiten der enthusiasmierten Nationalgarden, die so ziemlich die Anarchie zu ihrem Ziele sich gesetzt zu haben scheinen. Die neue Regierung würde nicht im Stande sein, irgend einem unüberlegten Schritt dieser Banden vorzubeugen noch die Kraft haben, eine Reparation zu machen, falls fremdes Gebiet dabei betreten worden wäre. Kurzum, der Herzog deutet an, daß das Volk stärker als die Regierung ist (das ist es ja gerade, was die Revolution auch wollte) und daß man daher an den Grenzen sehr auf seiner Hut sein müßte. Er rät demnach das zu tun, was Sie für Saarlouis und Luxemburg angeordnet haben, nämlich die Grenzplätze gegen einen gewaltsamen Angriff zu sichern, jedoch alle Anstalten dazu mit dem wenigstmöglichen Aufsehen zu machen, damit keine Jalousie erregt wird. Außerdem rät er, gleichfalls wie Sie bereits befohlen haben, alle Anstalten zu treffen, daß Alles vorbereitet sei zu späteren größeren möglichen Ereignissen und sich immer so zu halten, daß man vorbereiteter als die Franzosen sei. Er schlägt vor, Feldgeschütze nach den Grenzfestungen zu senden, um, falls une colonne mobile Garde nationale sich eine Incursion erlauben sollte, ihr auch mit Geschütz entgegen gehen zu können.
Außerdem läßt der Herzog wissen, daß die Revolution in Paris keineswegs, wie es den Anschein habe, eine Sache des Momentes gewesen sei, sondern ein de longue main vorbereiteter Schlag, indem unter dem vermeintlichen Pöbel allenthalben verkleidete Offiziere, à demi soldé, vieux soldats de Napoléon und andere verkleidete messieurs sich befunden hätten, woher man denn auch die auffallende Ordnung im Gefecht so wie die völlig regelmäßigen Detachierungen zum Verhauen der Wege, zum Errichten der Barrikaden und so Mehreres sich erklären könne. Es war Alles vorbereitet, damit vom 3. bei Eröffnung der Kammern durch Charles X. die Revolution losbrechen sollte, wo man in der Thron-Rede oder sonst auf irgend eine Art Veranlassung dazu zu finden hoffte; die Ordonnanzen vom 25. Juli sollten der Sache zuvorkommen... den Erfolg aber sehen wir. Man sieht also immer deutlicher, daß die armen Bourbons hätten tun können, was sie wollten, ihnen das jetzige harte Los jedenfalls zugedacht war[72].
Im Haag, den 19. August 1830.
Sie werden auch die sehr widersprechenden Nachrichten über die Reise des Königs Charles X. erhalten haben. Vorgestern kam aus Paris die Nachricht, daß der König in Ostende landen würde, um sich dann zu Lande weiter nach Deutschland zu begeben. Gestern kam per Estafette die Nachricht, daß Marschall Moison den Befehl vom Herzog von Orleans erhalten habe, den König in keinem niederländischen Hafen landen zu lassen und wahrscheinlich nach Portsmouth gehen würde. Heute sind keine weiteren Nachrichten gekommen. Ich fürchte, daß der Empfang, den Charles X. in England erhalten wird, sehr niederdrückend für ihn sein dürfte, da, wenn auch niemand wohl seine Partei nehmen kann, doch wohl kein Volk so geneigt ist, seine Gesinnungen laut ausbrechen zu lassen, wie das englische. Übrigens muß man doch in den Befehlen Orleans’, der dem armen König, dem er Krone und Land nahm, nicht einmal erlaubt, frei seine Fluchtreise zu bestimmen, eine Härte und Impertinenz erblicken, die weit geht. Übrigens scheint mir sehr große Gährung in Paris fortwährend zu existieren, die uns alle Zeitungen seit mehreren Tagen wohl zeigten, aber noch mehr die Proclamation des Orleans vom 16. Die Contre-Revolution wird wohl nicht ausbleiben, denn die Ultra-Liberalen, sieht man wohl, sind noch lange nicht zufrieden. Gewiß erleben wir noch blutige Auftritte in Paris und le roi citoyen wird wohl auch müssen unter les concitoyens schießen lassen. Dies wird Europa wohl abwarten wollen; wenn nur dadurch nicht das Legitimitätsprinzip zu kurz kommt!
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Im Haag, den 20. August 1830.
Gestern langte hier aus London die Nachricht ein, daß Charles X. am 17. auf der Reede vor Portsmouth angelangt sei und so lange an Bord des Schiffes bleiben wollte, bis er Antwort aus London auf die Meldung seiner Ankunft erhalten haben würde. Diese Meldung war durch telegraphische Depesche nach London gekommen und die Antwort des Gouvernements noch nicht bekannt.
Eine andere sehr wenig erfreuliche Antwort gab noch gestern Abend der niederländische Ambassadeur, Falk, aus London, daß nämlich das englische Ministerium sehr geneigt sei, den Herzog von Orleans als König anzuerkennen... demnächst wäre jetzt das englische Gouvernement auch geneigt, Don Miguel[73] anzuerkennen, ob aus Legitimität oder revolutionären Prinzipien, weiß ich nicht.
Die Schlußfolge aus Beiden ist aber, daß also vorgeschlagen wird, zwei Revolutionen anzuerkennen oder aber die größte aller Inkonsequenzen zu begehen, in Portugal die Legitimität und zugleich in Frankreich die Revolution anzuerkennen.
Wenn bloß das confuse englische Ministerium so spräche, so würde ich mich eher von dem Donnerschlage erholen, den mir diese Nachricht gegeben hat; da aber russische und andere Diplomaten diese Ansichten teilen, so gestehe ich, daß mich eine Trauer erfüllt, die ich nicht bergen kann. Also die Revolte des Pariser Pöbels soll von ganz Europa anerkannt werden und ihr Resultat gekrönt. Das, was alle rechtdenkenden Menschen mit Schauder erfüllt hat, soll legalisiert werden? Welch’ eine Aufforderung für alle Übelwollenden zur Nachahmung würde in einer solchen Anerkennung liegen. Wie kann man einer Nation noch Treu und Glauben schenken, wie kann man ihre Eitelkeit durch solche Anerkennung noch mehren und stärken wollen, eine Nation, die zu allen solchen Freveln bereit ist, wie wir sie wieder seit drei Wochen sehen, wie wir sie seit 40 Jahren erlebt haben? Und wenn es noch die Nation wirklich wäre; aber es ist immer nur eine Partei, die den Anstoß gibt, der die betörte und leichtfertige Nation willenlos folgt. Also dieser Partei unterwürfe sich Europa durch jene Anerkennung; welch’ ein Triumph für diese Partei und für alle Revolutionen. Welche Throne würden da noch sicher stehen?
Die Gründe, die England zu diesen Anerkennungs-Ansichten bewegen, sollen die sein, daß es dadurch hofft, einer Republik oder einer Anarchie in Frankreich zuvor zu kommen. Allerdings wird man den sehr schwankenden Thron des Orleans durch Anerkennung consolidieren, aber auf Unkosten des Princips, das alle Throne nur erhalten kann. Aber bei der sehr großen Unsicherheit des Throns des Orleans, die sich täglich officiell und in privaten Unterhaltungen ausspricht, beim Austritt aller Wohldenkenden aus der Kammer, bei der Unzufriedenheit, die bei allen gens de bien existieren soll, bei allen solchen Erscheinungen bedarf es nur des Anstoßes von Außen, um das unsicher fundamentierte Gebäude umzuwerfen und die Legitimität durch den Bordeaux triumphieren zu lassen, dem man freilich eine Constitution zur Seite setzen und zu erhalten wissen muß, die Hand und Fuß hat.
Verzeihen Sie gnädigst diese freimütigen Äußerungen, aber ich war zu ergriffen, um sie Ihnen nicht mitzuteilen.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Im Haag, den 22. August 1830.
Was mir an Ihrem gnädigen Briefe natürlich das Interessanteste war, war Ihre Ansicht über das, was wegen der Ereignisse in Frankreich zu tun sei. Da ich daraus ersah, daß Sie mit der hier bereits bekannten englischen Ansicht sich einverstanden erklären, und wie man indirect nun auch weiß, daß Österreich so denkt und Rußland so denken wird, so sehe ich freilich, daß ich mit meiner Ansicht das Feld räumen muß, wobei es vielleicht vergönnt sein wird, daß ich meinem Innern die ausgesprochene Überzeugung bewahre und daß Gott gebe, daß meine Besorgnisse nicht kurz über lang eintreffen, namentlich wenn nun noch der Orleans anerkannt wird; dann dürften in 10 bis 15 Jahren viele dergleichen Könige auf Europas Thronen sitzen, wenn auch die mit mir Gleichgesinnten für die gute Sache zu sterben werden gewußt haben.
Da Sie selbst mit Gewißheit annehmen, daß über kurz oder lang wir von der Revolution werden ergriffen werden, weil Frankreich die Eroberung Belgiens und des linken Rheinufers verlangen wird, eine Ansicht, die ich in einem meiner ersten Briefe von hier auch schon auszusprechen wagte, so werden Sie es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich auch noch über diesen Gegenstand ausspreche und namentlich, ob nicht ein Angriffskrieg Europas gegen Frankreich jetzt vorzuziehen sei.
Frankreich ist in diesem Augenblick in einem Zustand von Unsicherheit über das, was es getan hat, über die Möglichkeit der Erhaltung des Erlangten, über die Maßregeln, welche Europa ergreifen wird, von dem Alle gewiß Mißbilligung und Strafe fürchten; demnächst daraus folgend sehen wir die Parteiungen täglich in Paris ausbrechen, die der Roi citoyen und die Seinigen mit Proklamationen dämpfen müssen; man sieht in den Journalen bereits die alte Unzufriedenheit mit dem Souverain und den Ministern ausgesprochen (trägt die Zügellosigkeit der Presse unter der vorigen Regierung nicht einen großen Teil der Schuld der jetzigen Revolution?); wir sehen die Armee in einer völligen Reorganisation, mit detachierten Armeen in Algier und Griechenland; wir sehen die freimütigen Äußerungen vieler Pairs und Deputierten, die sich aus den Ämtern zurückziehen, es mit ihrem Gewissen nicht vereinigen könnend, der neuen Regierung zu schwören und zu dienen (und wie stark mag die Partei derer nicht sein, die eben so denken, aber sich nicht ausspricht, die aber auf Europa hofft und wartet als Erlöserin?). Alle diese Verhältnisse werden noch Monate lang so bestehen, aber die Consolidierung des Reichs und der Verhältnisse wird mit Riesenschritten fortschreiten, wenn es erst erfährt, daß Europa nicht intervenieren wird oder gar Orleans anerkennt. Die Unsicherheit und Bangigkeit im Lande verschwindet dann, die Gutgesinnten unterwerfen sich dem Anerkannt-Bestehenden, die Armee ist reorganisiert, die detachierten Corps werden herangezogen.
Wenn so also in Jahr und Tag das neue Frankreich sich consolidiert haben wird und sich kräftig und gerüstet fühlt, einen Schlag nach außen tun zu können, dann wird es uns angreifen. Wenn der Himmel uns dann den Sieg gibt, so wird der Kampf, wie Sie selbst sagen, auch nicht leicht sein, nein, er wird ungleich schwerer als diesen Augenblick sein, da man dann nicht mehr darauf rechnen kann, einen unsicheren und schwankenden Thron, der nur von Parteiungen erzeugt und gehalten wird, mit einem Schlag wie 1815 zu zertrümmern, sondern weil man es alsdann mit einer, das neue Verhältnis teils lieb gewonnenen, teils ruhig ertragenden Nation zu tun haben wird. Und das Ende des Ganzen ist, daß man mit dem Geschöpf der Revolution einen Frieden schließt, wenn die Pariser nicht ihren Orleans wie ihren Napoleon und ihren Charles nach Belieben absetzen wollen und Europa dies abwarten muß, bis es mit dem Herzog von Bordeaux und der Legitimität hervortritt.
Wenn dagegen Europa jetzt mit diesem Princip auftritt und gemeinschaftlich wohl gerüstet in 2–3 Monaten den Krieg erklärte, bis wohin alle Armeen am Rhein concentriert sein könnten, so würde man Frankreich weder durch eine stillschweigende noch durch eine officielle Anerkennung des Geschehenen consolidiert haben, noch es consolidiert finden, sondern man findet es in dem geschilderten Zustande von Unsicherheit über die Möglichkeit der Erhaltung des Geschehenen, in der gerechten Besorgnis, einem Stoß von ganz Europa nicht widerstehen zu können; die gute Partei würde mit Ungeduld den Moment erwarten, wo die Legitimität triumphieren wird und wo der nicht anerkannte Souverain von Europa destituiert wird; man findet die Armee noch nicht organisiert und nicht einmal einen Feldherrn, wie Napoleon, der 1815 Alles electrisierte und der dennoch in einer Schlacht nur von zwei großen und einer kleinen Armee geschlagen unterlag. Wieviel Chancen also für das Gelingen eines Angriffskrieges jetzt gegen Frankreich. Und selbst für den ungünstigst anzunehmenden Fall, den ich der Erste bin, als gewiß aufzustellen, daß im Moment, wo Europa Frankreich den Krieg erklärt, alle Parteien zusammenstimmen und zusammenhalten werden, um den einfallenden Feind abzuwehren, so würde dadurch diese Harmonie im jetzigen Moment von nicht größerer Dauer sein als 1815. So wie damals würde vielleicht mit einem Schlage die Sache beendigt, denn Orleans’ Thron scheint mir nicht einmal so fest zu stehen als der von Napoleon in 100 jours.
Demnach hat es mich also bedünken wollen, daß ein Aggressiv-Krieg Europas jetzt gegen Frankreich nicht nur zum Besten und zum Triumph der guten Sache gereichen würde und die Revolution dadurch allenthalben auf lange Jahre unterdrückt werden würde, sondern auch der Kampf viel leichter und der Erfolg sicherer sein würde. Auch wer weiß, ob, wenn Frankreich einst Belgien und uns angreift, wir auf die Armeen der Verbündeten rechnen können, die sie jetzt des Princips halber stellen müßten oder dann nur auf die tractatmäßigen Corps.
Wie ungeduldig ich bin, zu erfahren, was Europa auch ohne Kriegserklärung beschließen wird, um sein Mißfallen mit der Revolution auszusprechen, begreifen Sie gewiß. Die Nicht-Anerkennung Orleans und die officielle Mißbilligung alles Geschehenen und damit Frankreich seinem Schicksal sich überlassend, dürfte jetzt doch noch nötig sein, um wenigstens einen moralischen Eindruck der Einigkeit Europas zu geben und dadurch Frankreich zittern zu machen.
Verzeihen Sie gnädigst meine freimütigen Äußerungen, aber der Moment ist zu groß, als daß ich es nicht wagen dürfte, mich auszusprechen, wenn es auch nur verhallende Worte sind.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.
Düsseldorf, den 28. August 1830.
In diesem Augenblick geht durch einen Privat-Brief aus Brüssel die Nachricht hier ein, daß daselbst am 25. Abends bei Aufführung der Muette de Portici ein Aufruhr ausgebrochen ist, der mit Pfeifen im 5. Akt begonnen hat. Darauf hat man die Presse des royalistischen Journales zerstört, die Wohnung des Justizministers und zweier anderer Beamten zerstört; die Rufe Vive la liberté, à bas les ministres, vive Napoléon II wurden ausgestoßen, die Wachen verhielten sich ruhig. Um 2 Uhr Nachts hat, da sich der Aufruhr nicht legte, das Feuer der Truppen begonnen; einige haben zu feuern refusiert, das Volk hatte eine Kanone erobert; das Schloß war in Gefahr und mit Cavallerie umgeben. Um 6 Uhr früh dauerte das Feuer fort; es sollten nach Augenzeugen-Nachrichten viele Menschen tot und blessiert sein.
So wäre denn die Revolution in Spanien und den Niederlanden über die Grenzen gebrochen[74]... Hier soll der Geist gut sein, einige Schreier ausgenommen. Ich bin sehr herzlich hier empfangen worden, mit Illumination und Hurrah und Fackelzug... Ich darf nicht unterlassen, untertänigst zu bemerken, wie schwach unsere Festungen besetzt sind, bei der Concentration des 2. Armee-Corps. Lüttich ist eine schlecht gesinnte Stadt. Jülich hat 100 Mann Garnison, Köln nicht mehr.
Köln, den 29. August 1830.
Die Brüsseler Unruhen scheinen sich gänzlich gelegt zu haben... die ganze Sache scheint nur den Charakter eines Excesses, allerdings der gröbsten und gefährlichsten Natur zu tragen, dem aber unleugbar ein politischer Grund zur Basis diente, der aber glücklicher Weise weder von den Behörden noch dem angesehenen Teile der Bürger geteilt wird...
Da ich nicht das Glück gehabt habe, in der Beurteilung der französischen Revolution und der gegen dieselbe zu unternehmenden Reppressalien und deren Bekämpfung Ihre Intentionen zu treffen, so scheue ich fast, über diese belgischen Ereignisse ein Urteil zu fällen. Aber dennoch drängt es mich, auszusprechen, was daraus werden soll, wenn die Untertanen ad libitum die Souveraine bedrohen und durch Wort und Tat zwingen wollen, die Minister und überhaupt die Regierungsprinzipien nach ihrem Urteil, nach ihrem Willen zu wechseln und zu ändern. Die Ereignisse in Paris seit 3 Jahren sollten doch recht aufmerksam machen, was daraus wird, wenn ewig den Schreiern Concessionen gemacht werden.
So sehen wir aber, wohin man kommt, wenn stets Concessionen gemacht werden, die so lange verlangt und gesteigert werden, bis die Souveränität der der Orleans gleich kommt, das heißt, ein Mannequin!
Ich kann daher meine Ansicht nicht ändern; so lange man nicht mit aller Kraft und Gewalt der Revolution da, wo sie am abscheulichsten ausgebrochen ist und zu Resultaten geführt hat, also in Paris, entgegen tritt, so lange wird man auch das revolutionäre Princip nicht unterdrücken, sondern es nur nähren und bald allenthalben zum Ausbruch bringen!
Alles hier ist Ihrer Person ganz ungemein und unumwunden ergeben. Die Behörden können freilich nicht leugnen, daß es allenthalben Vereine gibt, die bei großen Fabrikstädten wie hier und in Aachen namentlich Unruhen oder unruhige Auftritte herbeizuführen trachten könnten; aber an eine Folge übler Art von dergleichen wäre nicht zu denken.
Lippstadt, den 31. August 1830.
Die Ruhe, welche in den Niederlanden hergestellt zu sein schien, hat sich leider nicht bestätigt und ist im Gegenteil die Sache viel schlimmer geworden... Der König hat Ihre Unterstützung für seinen wankenden Thron in Anspruch genommen...
Leider sehe ich immer mehr meine Ansicht bestätigt, daß die Revolutionäre mit jedem Moment dreister und um sich greifender werden, als deren Principien nicht allgemein bekämpft und auf den Kopf getreten werden. Ich hoffe und rechne sehr darauf, daß die energischen Maßregeln in den Niederlanden die Brüsseler usw. zu Paaren treiben werden...
Lippstadt, den 1. September 1830.
Heute früh 7 Uhr erhielt ich die erste Meldung von dem Aufstande in Aachen... So niederschlagend auch der Auftritt in Aachen ist, so kann ich doch nicht leugnen, hat er mich nicht überrascht. Die Stimmung jenseits des Rheines ist nicht günstig gewesen: „sie dächten gar nicht daran, preußisch zu bleiben, auch wäre das Ihre Ansicht, denn nur darum, weil sie bald wieder französisch werden würden, hätten Sie ihnen die französische Gesetzgebung gelassen“... Von neuem zeigt sich also, daß die unglückselige französische Gesetzgebung Schuld an der Entfremdung der Gemüter von Preußen ist. Von allen Seiten bin ich wieder angelegen worden, Sie inständig zu bitten, die preußischen Gesetze lieber heute wie morgen einzuführen. Und ich kann nicht anders als aus voller Überzeugung Sie fußfällig zu ersuchen, die jetzige Crisis zu brauchen, um Ihre Gesetze so schnell wie möglich am Rhein einzuführen. Die Revision der Gesetzgebung, bis zu deren Beendigung die Einführung der preußischen Gesetze ausgesetzt bleiben soll, ist noch so weit im Felde, daß unter vielen Jahren an deren Beendigung nicht zu denken ist, um so mehr, als die damit beauftragte Commission auch sehr eigentümlich combiniert sein soll. Dieses beständige Hinausschieben der Einführung der Gesetze am Rhein hat auch schon die Ansicht verbreitet, man fürchte sich eigentlich jetzt, unsere Gesetze einzuführen. Diesem Allem könnten Sie jetzt so rasch ein Ende machen...
Lippstadt, den 3. September 1830.
Die soeben aus Elberfeld eingegangene Meldung des dort statt gehabten Auflaufes eile ich Ihnen zu übersenden. Der Bürgersinn hat sich, wie es scheint, dort und in Köln und in Aachen bei den verschiedenen Aufständen sehr gut gezeigt. Eine aufrührerische Affiliation zwischen allen Fabrikorten ist aber unverkennbar, die unstreitig von revolutionären Emmissairs herrührt; die Revolution sucht allenthalben die Gründe der Unzufriedenheit zu erkunden, um darauf Unruhe zu basieren; bei uns scheint sie aber bis jetzt noch glücklicher Weise keinen nahrhaften Boden zu finden.
Coblenz, den 6. September 1830.
Soeben erhalte ich aus dem Haag die Nachricht, daß Wilhelm von Oranien dort am 3. ganz unerwartet angelangt ist, um die Proposition der Belgier zu überbringen, Belgien als ein eigenes Königreich ganz vom Königreich Holland zu trennen. Unter dieser Bedingung wollten sie ferner die Herrschaft des Königs anerkennen. Wenn ich meine Meinung aussprechen darf, so glaube ich, hätte der König von Hause aus diese Trennung bei Übernahme der Krone verfügen sollen, weil diese beiden Nationen nie zusammenzubringen wären; dies hat mir wenigstens vom ersten Augenblick an eingeleuchtet. Es scheint, daß der König auf diese Trennung eingehen wird als einziges Mittel, Belgien sich zu erhalten ohne Blutvergießen. Was ihm diese Concession kosten wird im Laufe der Zeit, ist unberechenbar, denn wer den Finger gibt, muß bald die ganze Hand nachgeben.
So hätte denn die Revolution in Zeit von 4 Wochen den zweiten Sieg davon getragen...
Wir fangen an, etwas Luft zu schöpfen[75], seit der heutigen Nachricht aus Brüssel. Wilhelm von Oranien hat sich wirklich aufgeopfert, aber auch viel aushalten müssen. In Loewen und Lüttich ist die Gährung noch sehr groß...
Im Haag, den 13. September 1830.
.... daß der König aus Paris aus sicherer Quelle wisse, daß sich daselbst mit einemmale eine Menge deutscher Studenten von vielen Universitäten eingefunden hätten, die plötzlich alle abgereist seien, après avoir reçu le mot d’ordre, wie der König sich ausdrückte, um ce mot d’ordre ihren Corporationen zu überbringen. Es sei dies von großer Wichtigkeit und von den deutschen Fürsten durchaus nicht außer Acht zu lassen, weil etwas sehr Unangenehmes sonst zu erwarten stände.
Der König trug mir auf, Ihnen dies doch gleich wissen zu lassen und habe er es allen Gesandten hier schleunigst mitteilen lassen.
Was daran wahr sein mag, ist schwer zu entscheiden; indessen in der jetzigen Zeit, wo die Pariser Revolution schon so viele Imitateurs findet, wovon die Ereignisse in Braunschweig[76] neuerdings wieder zeugen — auch von Cassel fängt man an zu sprechen — darf man wohl jede Andeutungen, die auf Conspiration hinweisen, nicht außer Acht lassen. Und wenn diese Studentengeschichte auch nur einen momentanen Aufstand erregen sollte, so kann der doch so manches Menschenleben kosten und daher ist jede Vorsicht wohl heute zu Tage um so mehr sehr zu empfehlen. General Borstell ist benachrichtigt, um für Bonn ein wachsames Auge zu haben und namentlich um zu erfahren zu suchen, ob wirklich Emmissaire in Paris gewesen sind und zurückkehrten und wie ihr Betragen ist. Bekannt ist, daß in den Hundstags-Ferien unglaublich viel deutsche Studenten nach Paris geeilt sind, um die große Nation in der Nähe zu bewundern.
Im Haag, den 14. September 1830.
Sie können sich gar nicht denken, mit welchem Vertrauen Alles auf Sie und Ihre Armee hier sieht. Der Eindruck, den die bei uns sogleich gestillte Emeute hier gemacht hat, ist nicht zu schildern; das Vertrauen zu Preußen ist dadurch um ein Unglaubliches gestiegen. In Alost mußte der Herzog Bernhard von Weimar[77] eine Emeute stillen; er konnte die Impertinenz der Behörden nicht bezwingen, so daß er endlich sagte: wenn sie so fortfahren zu handeln, so sind in 14 Tagen die preußischen Armeen hier, da wird kurzer Proceß gemacht; in 24 Stunden ist das Urteil dann gefällt und ausgeführt. Das hat einen solchen Eindruck gemacht, daß die Gesichter sich verzogen und sogleich klein beigegeben ward.
Im Haag, den 16. September 1830.
Gestern Mittag erfuhren wir hier die traurigen Nachrichten aus Dresden[78]. Die ungestrafte Pariser Revolution findet also, wie ich es leider nur zu wahr ahndete, immer mehr Nachfolger.
Was nun meine Besuche in den Städten am Rhein betrifft, die ich nach den stattgehabten Emeuten dort machte, so fand ich zuvörderst in Elberfeld eine Niedergeschlagenheit, die nicht zu schildern ist; der Empfang und die Versicherungen von Anhänglichkeit, welche ich 5 Tage dort vorher erlebt hatte, mochten den Anwesenden wohl eine Art Scham erzeugen, die ich mich veranlaßt fand selbst als falsch und unnötig ihnen vorzuhalten. Denn der Aufstand war ja durch die niedrigste Volksklasse erzeugt worden und durch diejenigen, welche jetzt als Repräsentanten der Bürgerschaft vor mir standen, sogleich ohne Militär gedämpft worden, sodaß ihnen ja nichts zur Last fiel, sondern ich im Gegenteil ihnen nur danken konnte für ihr schönes, entschlossenes und festes Benehmen. Diese Worte richteten sie wieder auf, und gewiß ist die Stimmung dort vorzüglich und die Anhänglichkeit an Ihre Person außerordentlich groß. In Köln war ich bei meiner ersten Anwesenheit ohne alle äußeren Zeichen von Enthusiasmus behandelt worden, ja ich möchte eher sagen, daß man in der Stadt fast keine Notiz von mir nahm, obgleich abends die Stadt erleuchtet war, aber schwerlich ganz freiwillig. Um so auffallender war es mir, daß, als ich nun nach dem Auflauf wieder herkam, der auch durch die Bürger allein gedämpft worden war, ich sogleich beim Aussteigen mit Hurrah von den Bürgern und von den Angeseheneren begrüßt ward, was sich auch wiederholte, wo ich mich sehen ließ, woraus ich sehr deutlich entnehmen konnte, daß sich die Bürger etwas darauf zu Gute taten, daß sie ihre Anhänglichkeit an Ruhe und Ordnung, an Ihre Person und an den bestehenden Zustand der Dinge auf eine so eclatante Art durch ihr Benehmen gegen die Aufrührer hatten kund tun können.
Die einzelnen Wünsche, die ich im allgemeinsten gehört habe, gehen hauptsächlich darauf hin, daß man es sehr gern sehen würde, wenn mehr Eingeborene in Westphalen und im Rheinland angestellt würden. Ein anderer Wunsch ist, daß die Geschäfte rascher betrieben werden möchten, indem die Sachen in den Ministerien entsetzlich verschleppt werden. Und dann noch, daß das Unterrichtsministerium praktischer eingreifen möchte, was freilich von Altenstein[79] nicht mehr zu erwarten ist...
Es sind heute schlechte Nachrichten aus Brüssel gekommen. Man hat dort die Thron-Rede öffentlich verbrannt und ein Auflauf von 5–600 Menschen hat stattgefunden; um 11 Uhr Abends war jedoch die Ruhe hergestellt. Es scheint, daß diese Nachricht zu ernsten Mitteln endlich den Anstoß gibt, aber die Generalstaaten sollen erst diese Mittel vorschlagen und verlangen; damit gehen immer mehrere Tage verloren; die jungen Truppen, die au qui vive stehen, schon einmal zurück mußten und von den Rebellen bearbeitet werden durch Emissairs und Proclamationen, werden mißmutiger; kurzum die Lage ist sehr bedenklich, wenn nicht bald und rasch etwas geschieht. Der König ist sehr niedergeschlagen. Er sagte mir heute: Wie haben sich die Dinge geändert, seitdem Sie bei uns sind; nirgends ist ja mehr Treu und Glauben zu finden; die heiligsten Rechte werden ja nicht mehr respectiert. Dann setzte er hinzu: Meine Lage ist verzweifelt; wenn ein europäischer Krieg ausbricht, so bin ich paralysiert; mein halbes Reich ist in Aufruhr, die Hälfte der Armee jenseits Brüssel in den Festungen isoliert und diese schwach besetzt; bleiben die Truppen nicht treu, so sind diese Festungen alle für Frankreich erbaut, die Finanzen, die blühten, sind schon jetzt gedrückt, die Papiere so gefallen, daß man mit ihnen keinen Handel machen kann; ich habe also gar keine Mittel tätig zu sein, wenn ein Krieg ausbricht...
Nimwegen, den 19. September 1830.
Gleich vorgestern, als nach dem Diner die ersten alarmierenden Nachrichten eintrafen, sandte der König seinen Adjutanten an Fritz, um ihm den Befehl zum Vorrücken gegen Brüssel zu geben, da nun kein Moment zu versäumen sei, die Residenz zum Gehorsam zu zwingen, bevor das platte Land im Aufstand sei. Fritz erhielt zugleich den Befehl, wenn er mit seinem Corps vor Brüssel concentriert stehe, eine Proclamation zu erlassen, in welcher die Stadt im Guten noch einmal zum Gehorsam aufgefordert wird und in welcher der König eine Art Pardon annonciert und nur die Rädelsführer zu strafen verspricht (eine Art limitierte Amnestie, von der Wilhelm sagt, daß sie doch die Hände nicht zu sehr bände; über das Geschehene ist nichts zu sagen, sonst glaube ich, sind die Amnestien nicht zum Heile der Throne ausgeschlagen). Wenn diese Aufforderung nach einigen Stunden Bedenkzeit nicht angenommen, und ausgeführt ist, so soll Fritz den Gehorsam mit Gewalt erzwingen und da habe ich ihn inständigst gebeten, jedes Straßen-Gefecht zu evitieren und Alles durch ein Bombardement zu zwingen suchen. Wahrscheinlich steht Fritz heute Abend schon vor Brüssel, spätestens morgen, sodaß am 21. bestimmt der entscheidende Schlag sein wird. Gott gebe seinen Segen.
Sollte die Sache manquieren, ja dann sagte mir der König gestern ausdrücklich, daß er alsdann Belgien aufgeben müßte für den Moment; er würde eine Defensiv-Stellung von Antwerpen nach Maastricht nehmen und in dieser die Unterstützung der Alliierten abwarten, die er dann sogleich in Anspruch nehmen würde. Er fügte hinzu, daß dann freilich ein allgemeiner Krieg unvermeidlich sei, da ihm Frankreich habe officiell anzeigen lassen, daß, wenn er von Europa unterstützt würde, der sogenannte König Orleans die Revolution Belgiens seinerseits unterstützen würde. Dahin wären wir nun also in Europa gekommen, daß, während fast alle Mächte die Revolution bekämpften, nun schon das Zerwürfnis eingetreten ist, daß eine bedeutende Macht erklärt, die Revolution unterstützen zu wollen, wenn die andern Mächte sie angreifen wollen. Wohin soll das noch führen[80]!
Ich hoffe, daß Fritz von Oranien in Brüssel den Frieden Europas auf einige Jahre wenigstens noch erhalten wird[81].
Weimar, den 28. September 1830.
Auf der Durchfahrt durch Gotha kommen soeben Reisende an, welche von Hanau bis Fulda, Fulda selbst ausgenommen, alle Städte im Aufruhr gefunden haben. Allenthalben würden, wie vor einigen Nächten in Hanau, die öffentlichen Bureaus und Beamten-Wohnungen geplündert und verbrannt und alles schreie nach Freiheit, der Kurfürst verweigere eine Verfassung, die Wappen wurden abgerissen, die Durchreisenden mußten mit: es lebe die Freiheit rufen, wobei man ihnen eine Axt vors Gesicht hielt; nicht nur die Städte, sondern auch die Bewohner des platten Landes sind im Aufstande; sie jagen die Schulzen und Amtsleute fort, ziehen bewaffnet von einem Ort zum andern, setzen sogleich Wachen und Signale aus, kurzum die Sachen werden natürlich durch immer noch nicht habhaft zu werdende Emmissaire nach ein und demselben Plane geleitet, überall wird gesengt und gebrannt, aber nirgends gestohlen. Auf Zuruf einer Stimme: es ist genug für heute geht alles ruhig auseinander gerade wie in Brüssel bei dem Rufe: c’est assez. Der soeben eintreffende Großherzog von Oldenburg bestätigt nicht nur all’ die eben erzählten Greuel, sondern ist Augenzeuge derselben gewesen, indem auch ihm unter anderm jene Axt vorgehalten worden ist. In Fulda war gestern Mittag bei seiner Abreise die Unruhe auch schon ausgebrochen und die schwachen Behörden hatten sogleich die Licent-Erhebung, welches die Haupt-Forderung der Meuterer ist, aufgehoben. Das Militär sieht überall ruhig zu dem Unwesen zu. Der Großherzog von Oldenburg und der Herzog von Coburg, der mir gestern Rendez-Vous in Gotha gab, sprachen Beide äußerst determiniert, besonders ersterer hatte echte Ansichten über das Militär und seine Leistungen bei solchen Excessen ausgesprochen. Wenn nur endlich irgendwo einmal Ernst und Strenge gegen die Meuterer gezeigt würde und nicht überall die unzeitige Nachgiebigkeit erblickt würde[82]... Der Großherzog von Oldenburg machte den glaube ich ganz zweckmäßigen Vorschlag, man sollte mobile Colonnen formieren in hiesiger Gegend, in Böhmen und Bayern vielleicht, die sich gleich nach den aufgestandenen Gegenden zu begeben hätten, um sie zur Raison zu bringen. Der Herzog von Coburg drängt, wohl sehr mit Recht, auf eine Art Manifest des Bundes, in dem diese unerhörten Frevel öffentlich verpönt und als mit Gewalt zu bekämpfend dargestellt würden.
Weimar, den 14. Oktober 1830.
Sie haben mich durch den Grafen Lottum[83] befragen lassen, was es für eine Bewandtnis mit einer Rede habe, die ich in Coblenz gehalten hätte, die jetzt in mehreren Zeitungen gedruckt stehe. Wenngleich mir der Graf Lottum nicht sagen konnte, auf Befragen, ob Sie den Inhalt dieser sogenannten Rede tadelten, so mußte ich durch seine Sendung durch Sie an mich doch etwas Tadelndes vermuten. Es kann mir daher nichts übrig bleiben, als den wahren Zusammenhang der Sache vorzutragen, um mich dann Ihrem Schicksale zu überlassen. Daß ich keine Reden zu halten pflege, wissen Sie wohl und am allerwenigsten war meine Stellung in den Rhein-Provinzen diesen Sommer dazu geeignet; denn große Reden verfehlen oft ihren Zweck, wenn es auch nur darum wäre, weil die Menschen sich sagen: der will uns durch Redensarten gewinnen. Alles, was ich gesagt habe, war im Conversationstone gesprochen bei der Präsentation der Behörden, wo dann bald diese, bald jene Äußerung zu Einem oder dem Anderen oder auch zu Mehreren zugleich gesagt wird; und beim Interesse des Gegenstandes kam es natürlich oft, daß ein Jeder zu horchen versuchte, was ich sprach, dann also auch alle still waren und man so meinen Worten die Ehre angetan hat, sie in eine Rede zusammenzufassen.
Übrigens sprach ich mich nicht allein in Coblenz so aus, sondern in Cöln, Düsseldorf, Aachen, Lippstadt, Wesel usw.; überall sagte ich dem Sinne nach dasselbe und dies Alles habe ich mir aus den Inhalten Ihres eigenen Briefes... construiert. Demnach ging der Sinn meiner Worte dahin: „daß Sie es bedauerten, zum zweiten Male von der Bereisung der westlichen Provinzen und der dortigen Armee-Corps verhindert zu werden und daß Sie mir aufgetragen hätten, dies den Truppen und den Einwohnern bekannt zu machen“. Wenn im vergangenen Jahre ein so schöner Grund Sie von dieser Reise abgehalten hätte, so wäre es nur im höchsten Grade zu beklagen, daß in diesem Jahre der Grund ein so höchst trauriger, unglücklicher sei; denn bei den jetzigen gestörten Verhältnissen in Frankreich, die ganz Europa in Unruhe und Bewegung zu setzen drohen, hätten Sie natürlich die Residenz nicht verlassen können, um sich mit Ihren Alliierten desto rascher beraten zu können. Was die französische Revolution beträfe, so würden Sie sich nicht in diese inneren Angelegenheiten mischen; man würde die Revolution wie einen Krater beobachten, der in sich selbst ausbrennen müßte und man würde nur auf seiner Hut sein, daß dieser Krater keine Crevasse bekäme, aus der sich der Gährungsstoff auf andere Länder ergießen könne. Sollte Preußen jedoch nicht angegriffen werden, so wären Sie fest entschlossen, alle Ihre Kräfte aufzubieten, um den jetzigen Besitzstand zu erhalten, und Sie würden keinen Mann Ihrer bewaffneten Macht zurücklassen, um auch den letzten Ihrer Untertanen zu beschützen und sich zu erhalten. Was die verschiedenen Aufstände im Preußischen beträfe, so hätten Sie dem wohlgesinnten Teil der Untertanen Gelegenheit gegeben zu zeigen, wie sehr sie Ihrem Szepter anhingen, indem sie den Emeuten allenthalben rasch ein Ziel gesetzt hätten. Ich müßte aber einem Jeden zu bedenken geben, daß man nicht nur durch Aufstände gegen Sie sich auflehnen, sondern daß auch durch Gesinnungen und Handeln eines Jeden in seinem Wirkungskreise Auflehnung entstehen könne, und daher müßte ich namentlich die Behörden aufmerksam machen, genau den geregelten und vorgezeichneten Gang Ihrer Regierungsform ins Auge zu fassen, damit ein Jeder in Ihrem Sinne Recht und Billigkeit ausübe. Jede Abweichung hiervon wäre gegen Ihre Absicht und gegen den Sinn Ihrer Regierung und könne daher eine Ahndung nach sich ziehen.
Wenn Sie gegen diese Worte und deren Sinn etwas zu erinnern finden, so muß ich Belehrung darüber erwarten; ich glaube aber versichern zu können, daß sie nicht nachteilig gewirkt haben und das Interesse, welches Sie an den getrennten Provinzen nehmen, den Einwohnern von Neuem gezeigt und sie sehr erfreut hat.
Ihr gehorsamer Sohn
Wilhelm.