Das Nürnberger Münz-Kabinet des Freiherrn Joh. Christ. Sigm. von Kress.

Zu der Zeit, als Hubert Goltzius der Kupferstecher und Antiquar aus Amsterdam seine Reisen in Europa machte, um für seine merkwürdige Veröffentlichung der alten Kaiserbildnisse nach den Münzbildern Stoff zu sammeln, gab es bereits — wenn wir wenigstens Goltzens Angaben vertrauen dürfen — über 900 Münz- und Medaillenkabinete, die den Besuch lohnten. Allerdings handelte es sich bei den meisten vornehmlich um Antikes, um römische Kaisermünzen, wie sie der Niederländer ja auch hauptsächlich für seine Kupfer verwendete. In Deutschland war es Kaiser Max, von dessen persönlichen Verhandlungen mit seinen Münzstempelschneidern uns noch manches erhalten ist, der das erste Münzkabinet, das zu Wien, begründete.

In Nürnberg war der Sammeleifer schon zu Dürers Zeit in dessen Freundeskreis erwacht: Wilibald Pirkheimers Stolz war zwar in erster Linie seine Büchersammlung, für die ihm befreundete Humanisten aus allen Städten Europas die neuen Erscheinungen besorgten; aber seine Münzen und Kunstschätze wurden nicht minder bewundert und in den Briefen seiner Freunde mit großem Lob genannt. Da der Gelehrte ohne männliche Nachkommenschaft starb, kamen seine Schätze in den Besitz der Familie Imhof und bildeten für seinen Enkel, den berühmtesten Kunstsammler des 16. Jahrh. in Nürnberg, für Wilibald Imhof, den Grundstock zu seiner reichen Kunstkammer. Aber Wilibalds Freund und Günstling war Hans Hofmann, der erste und auch der begabteste unter jenen berüchtigten Malern, die es sich zum Berufe machten, Dürers Gemälde und Zeichnungen zu fälschen. Aus der Freude am Sammeln ward ein immer mehr bedenklicher und gewissenloser Kunsthandel, den die Familie Imhof mehrere Menschenalter hindurch weiterbetrieb und über den ihr »Geheimbüchlein« auf der Nürnberger Stadtbibliothek recht merkwürdige Aufschlüsse giebt. Wirklich gute Stücke enthielt die Kunstkammer damals gewiß keine mehr; denn als anno 1630 dem feinsinnigen Verehrer Albrecht Dürers, dem Kurfürsten Maximilian »auf sein inständiges Anhalten die Hauptstücke der Sammlung präsentiert worden waren, hat er dazu gar keine Lust getragen, auch viel unter denselben nicht für Originalien erkennen wollen, sondern sie alle zurückgegeben und gar kein Gebot darauf legen lassen«. Daß die Imhofsche Kunstkammer, die bald darauf in ihren unberühmten Resten nach Wien und Amsterdam verkauft ward, außer den antiken römischen auch eine größere Sammlung von mittelalterlichen Münzen enthalten habe, ist nirgends gesagt und auch wenig wahrscheinlich[322].

Daß es dagegen im Beginn des folgenden, des 18. Jahrhunderts, an Interesse für die mittelalterliche Münzkunde in der alten Reichsstadt nicht fehlte, das beweist das Erscheinen der ersten numismatischen Zeitschrift der historischen Münzbelustigungen, die sich 35 Jahre lang am Leben erhielten und erst anno 1764 eingingen. Am Ende des Jahrhunderts ist es wieder einer aus der alten ehrbaren Familie der Imhof, den wir als hervorragenden Münzkenner und Besitzer einer außerordentlich reichhaltigen Sammlung von Nürnberger Münz- und Medaillenprägungen finden: Es war sein eigenes Kabinet, das Christoph Andreas IV. Imhof in den Jahren 1780-1782 in zwei starken Quartbänden »mit vieler Mühe so vollständig als möglich in wenig jahren zusammengetragen und sodann auf das Genaueste beschrieben herausgab. Eine Sammlung von dieser Vollständigkeit und dieser systematischen Anlage in wenigen Jahren zusammenzubringen, war damals gewiß weit mehr noch als heute ein Ding der Unmöglichkeit; aber da der Besitzer in seiner Veröffentlichung selbst keine Angaben über die Geschichte seiner einzigartigen Sammlung macht, so müssen wir uns bescheiden bei der Thatsache, daß wenigstens von der alten Imhofischen Kunstkammer nichts mehr bis auf diese Zeit im Besitz der Familie geblieben sein kann.

Der Sammler hatte sich weise beschränkt, nicht mit dem grauen Altertum begonnen und die entlegensten Länder mit herangezogen in sein Sammelgebiet; so gab er seinem Münzkabinet einen für die Wissenschaft um so höheren Wert, je näher er der systematischen Vollständigkeit in seinem immer noch weiten, alle Nürnberger Reichsstädtischen Münzprägungen umfassenden Rahmen kam. Zum Glück ist uns der größte Teil dieses unvergleichlichen Schatzes von Sammler- und Forscherfleiß erhalten geblieben und nunmehr nach jahrzehntelangen Verhandlungen und Erwägungen so wohl verwahrt und doch so leicht zugänglich untergebracht worden, daß man wohl annehmen darf, die Sammlung habe den Abschluß ihrer merkwürdigen Geschichte erreicht und werde für alle Zukunft da verbleiben, wo sie jetzt sich befindet, im germanischen Museum.

Der anno 1818 im 89. Lebensjahre verschiedene Staatsrat Johann Christoph Sigmund von Kreß hatte das Imhofsche Kabinet, soweit es noch beisammen war, an sich gebracht und hinterließ es seinen Erben als eine unveräußerliche Familienstiftung zum Studium der nürnbergischen Münzkunde. Der Erblasser, der übrigens in seinen späteren Jahren ziemlich vereinsamt lebte, hatte den Wert seiner Sammlung auf 2600 fl. geschätzt und dazu noch 200 fl. gestiftet, aus deren Zinsen gelegentliche Ergänzungen vorgenommen werden sollten. Nun fand sich aber unter seinen Erben niemand, der die nötigen Geldmittel und die nötige Mühe aufwenden wollte, welche eine Aufstellung und Versicherung des Kabinets im Sinne des Verstorbenen verlangt hätten; so kam es nach vielen Mahnbriefen der Ansbachischen Regierung endlich 1821 dazu, daß der Senator Joachim Freiherr von Haller im Namen der Erben die ganze Stiftung selbst an Stelle der Kaution der Stadt übergab mit einer weitschweifigen und umständlichen Begründung, daß ein Privatmann nie so viel Zeit, Geld und mühsames Studium an die Sammlung wenden könnte, als nötig wäre, um sie wirklich nutzbar zu machen. »Will er nicht in der nächsten besten Reisebeschreibung andern zum Abscheu und Exempel als ein ungefälliger Mann aufgestellt werden, so heißt es da, so darf er wie einer vor dem Guckkasten vor seinem Münzkasten sitzen, um jeden Fremden, der vielleicht kaum 24 Stunden in der Stadt verweilt, in solchen hineinsehen zu lassen.«

Am 27. August 1823 erfolgte denn auch endlich die Übergabe des in dessen von Haller selbst neu geordneten Kabinets an die Stadt. Aber dieser war mit dem Geschenk auch wenig gedient: weder der Bibliothekar noch sonst einer von den Beamten mochte die Verantwortung und die Sorge für den gefährlichen Schatz übernehmen, für dessen Aufstellung überdies nirgends ein geeigneter Raum vorhanden war. Man wandte sich daher bald wiederum an die Kreßischen Erben, bald an die mittelfränkische Kreisregierung in Ansbach, um von dem lästigen Geschenk befreit zu werden; aber ohne allen Erfolg zogen sich die Verhandlungen hin, bis im Dezember 1857 aus dem Kreise des Gemeinde-Kollegiums dem Magistrat der Antrag vorgelegt wurde, die ganze Sammlung dem wenige Jahre zuvor gegründeten germanischen Museum zur Aufstellung zu übergeben. Aber erst nach langen Verhandlungen und nach dem der Magistrat, »um endlich einmal von diesem Kabinet befreit zu werden« auch auf die Kaution verzichtet hatte, geschah im März 1866 die Übergabe der ganzen Sammlung von 2547 Stücken nach damaliger Schätzung im Werte von 3190 fl. an das Museum[323].

Aber auch hier hat das Kreßische Münz-Kabinet noch manche Sorge gemacht, bis endlich nach 30 Jahren auch der letzte Wunsch des Stifters erfüllt und die Sammlung allgemein zugänglich gemacht werden konnte. Münzsammlungen dem Publikum zugänglich zu machen, ist eine schwierige Aufgabe; meist hält man sie wohl verschlossen in einem Kassenschrank, der sich sehr selten nur für einen Fremden öffnet, und legt einige Beispiele, denn mehr erlaubt in der Regel der Raum nicht, in Glaskästen auf; so ist aber ein Betrachten der ganzen Münze samt der Rückseite für den Sachverständigen unmöglich. Deshalb kam der als Nürnberger Numismatiker bekannte Großhändler Joh. Chr. Stahl vor wenigen Jahren auf die Idee einer neuen Aufstellungsweise, welche die Münze aus nächster Nähe und von beiden Seiten sehen läßt, ohne sie doch dem Beschauer in die Hände zu geben. Die Kassenschrankfabrik von Hermann hat den Schrank mit seinem scharfsinnig erdachten Mechanismus ausgeführt, der es gestattet, die nahezu 1600 Münzen des Kreßischen Kabinets mit einem Raumaufwand von wenig mehr als zwei Kubikmeter zur Aufstellung zu bringen. Auf 48 ungefähr quadratischen Holztafeln liegen die Münzen in chronologischer Folge nach der Regierungszeit der Kaiser, mit deren Bilde die Reichsstadt so oft prägte, angeordnet so, daß in die 5 mm. starke Holztafel ein Ausschnitt entsprechend der Größe jeder Münze gemacht und in diesem die Münze durch drei Klammern aus Zelluloid sozusagen à jour gefaßt wurde. Die einzelnen Tafeln sind durch eine Kette so verbunden, daß sie der Reihe nach mittels Kurbeldrehung heraufgehoben werden können bis dicht unter die Glasscheibe, welche in der Tischplatte des Kastens eingelassen ist; ein eigener Mechanismus bewirkt dazu noch, daß jede Tablette beim Weiterdrehen der Kurbel sich wendet und von der Rückseite zu sehen ist. Es ist begreiflich, daß für eine in sich so gut wie abgeschlossene Sammlung wie das Kreßische Münz-Kabinet, die keiner namhaften Ergänzungen mehr bedarf, eine derartige Aufstellung die best mögliche Lösung gewährt. Die Münzen erscheinen dem Beschauer in wohlgeordneter unveränderlicher Folge, in nächster Nähe zu sehen, und bedürfen anderseits doch nicht beständiger Überwachung.

Über die Bestände der Sammlung, die nun endlich dem Wunsche des Stifters gemäß aufgestellt sind, eingehend zu berichten, ist hier unmöglich. Es sei nur auf eine gerade dem heutigen Stande der numismatischen Forschung besonders empfindliche Lücke hingewiesen, die der im übrigen, namentlich an Prägungen des XVII. und XVIII. Jahrhunderts erstaunlichen Vollständigkeit wenig entspricht. Einmal hat Andreas Imhof in seiner Sammelthätigkeit bis zur Mitte des XVI. Jahrhunderts die Scheidemünze zu gunsten der prachtvollen Goldprägungen dieser Zeit sehr vernachläßigt und dann hat er alle diejenigen Stücke unberücksichtigt gelassen, die zu der höchst interessanten Entstehungsgeschichte der städtischen Münze aus der alten Reichsmünzstätte, zu dem Wechsel des Münzrechts und zu den Münzkonventionen des XIV. Jahrhunderts aufklärende Beiträge bilden könnten. Immerhin sind das Lücken, welche durch die Hauptsammlung des Museums ausgeglichen werden können, und zum Teil schon ausgeglichen sind, so daß in absehbarer Zeit die Prägungen der Nürnberger Münze von ihren ersten Anfängen bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1806 in möglichster Vollständigkeit dem Forscher zur Benützung stehen werden.

Nürnberg.

K. Sch.