Friesische Häuser auf den Halligen.

Es war einer der Lieblingspläne des verstorbenen Direktors v. Essenwein, nach Analogie der sogen. altdeutschen Zimmer unseres Museums auch ein friesisches Wohngemach nebst Küche in unseren Sammlungen einzurichten, wobei er wahrscheinlich an Muster aus West- oder Ostfriesland gedacht hat. Ein allzufrüher Tod hat ihn an der Ausführung dieses Vorsatzes gehindert, aber sein Gedanke wirkte wie ein Vermächtnis fort und wird unter der gegenwärtigen Direktion seine Vollendung finden, wenn auch nunmehr infolge mannigfacher Umstände den Besuchern des Museums das interessante Innere eines nordfriesischen, speziell eines Hallighauses vorzuführen beabsichtigt ist. Wertvolle und charakteristische Ausstattungsstücke dafür wurden bereits vor 3 Jahren von dem Unterzeichneten, in diesem Jahre von Herrn Direktor Bösch an Ort und Stelle erworben. Es dürfte daher an der Zeit sein, den Lesern unserer »Mitteilungen« die Beschreibung eines Hallighauses zu gewähren, wie sie im Wesentlichen bereits in meiner Monographie »die Halligen der Nordsee«, Stuttgart 1892, und im Maiheft der illustrierten naturwissensch. Monatsschrift »Himmel und Erde«, Berlin Jahrg. 1895, in meinem Aufsatz »Halligbilder« enthalten ist.

Fig. 1.

1) Diele.
2) Wohnräume.
3) Wandbetten.
4) Durchgänge.
5) Küche.
6) Herd mit Backofen.
7) Speisekammer.
8) Kellertreppe.
9) Dittenschacht.
10) Bodentreppe.
11) Stallräume.
12) Schornstein.
13) Gerätkammer.
14) Einlegeröfen.
15) Wandschrank.

Die wissenschaftliche Fachlitteratur über das friesische Haus ist einerseits nicht sehr umfangreich, andrerseits auch lückenhaft, indem sie die Gebäude auf den schleswig’schen Utlanden und speziell auf den ganz eigentümlichen Halligen nur dürftig behandelt. Lasius in seiner kleinen Monographie »das friesische Bauernhaus«, Straßburg 1885, und Allmers in seinem Marschenbuch beschäftigen sich nur mit dem ost-westfriesischen Bauernhaus der Marschen, wie auch die von Henning in seiner bekannten Arbeit »das deutsche Haus«, Straßburg 1882, benutzte Litteratur erkennen läßt, daß selbst diesem Autor nach seinen Quellen und nach eigener Kenntnis das Hallighaus unbekannt geblieben war, was bei der früheren Abgeschlossenheit dieser Inseln vom allgemeinen Verkehr nicht zu verwundern ist. 1891 erschien dann zwar das Buch von Hansen-Jensen über die nordfriesischen Inseln, doch ist darin der kurze Abschnitt über die Halligen ohne jeden Wert. Henning weist übrigens die Gebäude der Inseln im 5. Kapitel der anglo-dänischen Bauart zu und meint, man finde auf den Werften der Inseln und der Halligen Gebäude, die in quadratischer Form unter einem gemeinsamen Dache mehrere Wirtschaftsgebäude umfassen, ähnlich dem Eiderstetter Heuberge. Da diese Auffassung geeignet ist, eine irrige Vorstellung von den Ansiedlungen auf den Halligen zu erwecken, so habe ich sie bereits in dem Aufsatz »Halligbilder« zu widerlegen versucht, wie ich auch hier bei der Bedeutung des Henning’schen Buches nicht versäumen will, sie als unzutreffend zu bezeichnen. Nur die kleine Hallig Süderoog besitzt ein quadratisches, sehr großes Haus (das einzige auf der Insel), dessen 4 Flügel einen kleinen, offenen Hof umschließen, so daß also auch in diesem Ausnahmefalle die Gebäude nicht unter einem Dache vereinigt sind. Die wenigen Angaben, die Haupt in Bd. I seiner »Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Schleswig-Holstein« pg. 436 bringt, beruhen zwar auf persönlicher Kenntnisnahme, sind aber gar zu knapp bemessen und bedürfen deshalb der Erweiterung. Lütgens behandelt in seinem Werk »Kurzgefaßte Charakteristik der Bauernwirtschaften in den Herzogtümern Schleswig und Holstein«, 1847, pg. 16 und Tafel 36 und 37 die westfriesischen Inseln, aber mit Ausschluß der Halligen, und nur bei R. Mejborg, »nordiske Böndergaarde« finde ich in Band 1, Slesvig, 1892, eine zutreffende Schilderung der Halligen, der ich auch bezüglich der Häuser beizustimmen vermag; erhöht wird der Wert dieses Werkes durch gute Illustrationen.

Fig. 2.

1) Diele.
2) Wohnräume.
3) Wandbetten.
4) Wandschrank.
5) Küche.
6) Kellertreppe.
7) Speisekammer.
8) Bodentreppe.
9 u. 11) Stallräume.
10) Brunnenraum.
12) Düngerrinne.
13) Herd.
14) Schornstein.
15) Einlegeröfen.
16) Dittenschacht.

Die Halligen und die heutigen Inseln Nordstrand und Pellworm sind die Überbleibsel der alten Strandinger Marschlandschaft nördlich vom Heverstrom. Nachdem von Zeit zu Zeit durch verheerende Sturmfluten einzelne Teile von ihr losgelöst waren und als Halligen weiter existierten, vollendete sich das Schicksal des Nordstrandes in der schrecklichen Katastrophe des Jahres 1634. Nur die beiden großen Fragmente Nordstrand und Pellworm erhielten nach derselben neue Seedeiche, die übrigen blieben abermals als niedrige Halligen den weiteren Verwüstungen preisgegeben, die mit elementarer Gewalt wiederholt im 18. Jahrhundert und zum letzten Male im Jahre 1825 über sie hereinbrachen. Die Folge davon war, daß eine Anzahl von ihnen überhaupt spurlos verschwunden, auf den übrigen aber alte Häuser nicht mehr erhalten sind. Man wird mit Sicherheit annehmen dürfen, daß sie vor ihrer Isolierung dieselben Gebäude trugen, wie die benachbarten Festlandsmarschen und wie die genannten beiden Inseln, dann aber bedingte die Veränderung des Wirtschaftssystems und die Notwendigkeit des engen Zusammenbauens auf mühsam errichteten Werften eine andere Bauart, die im allgemeinen wohl an der alten Überlieferung festhielt, aber den Bedürfnissen einer Hirten- und Schifferbevölkerung und den physischen Bedingungen einer oft grandios furchtbaren Natur angepaßt werden mußte. Neuere wie ältere Hallighäuser — und kaum eins ist hinter das Jahr 1717 mit seiner Sturmflut unseligen Andenkens zurückzudatieren — weisen daher einen übereinstimmenden Typus auf[324]. Sie sind sämtlich mit ihrer Front nach der Südseite gerichtet, woselbst sich auch der Eingang manchmal unter einem aus dem Rohrdache hervorspringenden Giebel befindet. Durch die horizontal zweiflüglige Thür betritt man die mäßig breite Diele, von der rechts und links Thüren in die meist niedrigen Wohnzimmer führen. Daß die bestausgestattete Stube Pesel und das gewöhnliche Wohngemach Dönse genannt wird, ist hinlänglich bekannt, eine bestimmte Norm aber für die Lage dieser Räumlichkeiten, ob links oder rechts von der Diele, ist nicht befolgt worden, sie richtete sich in jedem Falle nach dem Gutdünken des Erbauers. Stets ist das Hallighaus gleich dem fränkischen in erster Linie Wohnhaus; wie dort nimmt die darin untergebrachte Viehstallung nur etwa einen Vierteil des Gesamtraumes ein, selten eine Hälfte, vielmehr wird bei reichem Viehstande lieber ein Flügel angebaut, mitunter vertritt den Flügel sogar ein selbständiges Stallgebäude. Vergleicht man die hier und meiner erwähnten Monographie beigegebenen Grundrisse von Hallighäusern mit demjenigen des fränkischen Hauses bei Meitzen, »das deutsche Haus«, Berlin 1882, auf Tafel I, Fig. 2, in welchem i und k die Lage der Ställe bezeichnen, so ergiebt sich unzweifelhaft eine Ähnlichkeit im Prinzip der inneren Raumausnützung, andrerseits aber auch mit der Wohnungsabteilung des friesischen Hauses bei Lasius, Fig. 6, wie ja das friesische Haus in den Wohnräumen dem fränkischen, in den Wirtschaftsräumen dem sächsischen Hause näher steht. Die Halligfriesen, die nach der Einbuße des Deichschutzes ihrer Ländereien lediglich auf Viehzucht und Schiffahrt angewiesen waren, mithin keiner Scheunen, Pferdeställe und Gerätschuppen bedurften, scheinen von jeher doppelten Werth auf bequeme, geräumige Wohnungen gelegt zu haben, denn nur in sehr kleinen Häusern, welche die Minderzahl bilden, begnügt man sich mit Pesel und Dönse, in den größeren Häusern findet man außer dem Pesel zwei Wohnzimmer nach der Südseite, ja in den wohlhabendsten sogar zwei Staats- und zwei Wohnstuben. Die Wände zwischen ihnen und der Diele sind fast ausnahmslos gemauert, 1½ Stein stark, die Trennung der Zimmer unter sich erfolgt dagegen häufig durch Bretterwände, wo aber Mauern diesen Dienst verrichten, sind Wandnischen in ihnen angebracht mit Glasthüren, hinter denen allerhand Ziergerät aus Messing, Porzellan und Silber sowie Andenken an ferne Länder und Meere aufbewahrt werden. Die festen Wände sind mit kleinen quadratischen Kacheln belegt, in den Häusern aus der guten alten Zeit von Delfter Fayence, in den neueren aus minderwertigem Material, das aus Hamburg bezogen wird. Auf weißem Grunde enthalten die Kacheln blaue eingebrannte Bildchen mit den mannigfaltigsten Darstellungen: Schiffe, Brunnen, Vögel und andere Thiere, Jagdbilder, Landschaften und Stoffe aus der heiligen Schrift in reicher Abwechslung; daß die modernen Wandkacheln häufig weiß und braun gehalten sind, sei nebenbei erwähnt, jedenfalls übertreffen die echten alten die neueren an Schönheit der Farbe und Glasur. In vielen Zimmern, besonders auf Hooge und Langeneß-Nordmarsch, heben sich aus diesem bunten Wechsel aneinandergereihter Einzelbildchen Kompositionen von Schiffen heraus, zusammengesetzt aus 5 × 5 Kacheln, die nach einer Originalvorlage auf besondere Bestellung gebrannt wurden; sie bilden Andenken für Kapitäne an die Schiffe, welche sie im Dienste fremder Rheder geführt haben. Eine solche Inschrift lautet beispielsweise:

Ao. 1750
Handelaar
gefoerd doer Skipper
Barend Frederik Hansen
voor
De Heer John Notemann.

Um die Kompositionen herum läuft gleichfalls aus Kacheln zusammengesetzt eine Art Rahmen von Putten- und Rankenarabesken, wie auch zuweilen die Thürrahmen von Bordüren gleicher Art oder von zusammengesetzten Säulen und Tieren eingefaßt sind. Bestehen die Scheidewände aus Brettern, so fehlen natürlich die Kacheln und an ihre Stelle tritt wie bei Thüren und Fenstern der Anstrich von weißer Ölfarbe, in den ältesten Häusern eine Bemalung der Wände mit Pflanzenornamenten in blauer, weißer und roter Farbe.

Fig. 3.

1) Diele.
2) Wohnräume.
3) Wandbetten.
4) Brunnen.
5) Küche.
6) Kellertreppe.
7) Herd.
8) Einlegeröfen.
9) Speisekammer.
10) Bodentreppe.
11 u. 12) Viehverschläge.
13) Schafstall.
14) Düngerrinne.
15) Futterkrippen.
16) Deckenstützen.

Wo die Art der Wände und die Größe der Zimmer es erforderlich macht, ruht die Decke auf Balkendurchzügen; darüber liegen die dicht gefugten Bretter, auf denen unmittelbar zugleich die Vorräte des Bodens aufgestapelt sind. In älteren Häusern sind Decken und Durchzüge farbig gestrichen[325], in den späteren wieder weiß. Es scheint, daß in der Glanzzeit des Halligwohlstandes etwa in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wo die männliche Bevölkerung im Dienste von Hamburger, Bremer, Flensburger u. a. Rhederfirmen dem noch sehr einträglichen Walfisch- und Robbenfang im Polarmeer nachging, die Freude an Farben lebhaft gewesen sei; sie hat sich auch auf den Schmuck des Hausgerätes erstreckt, wie wir in einer späteren Mitteilung sehen werden. Mit dem langsamen Versiegen dieser Quelle sehr reichen Verdienstes und der rapiden Abnahme des Halliglandes, der Wirtschaftsstellen und der Einwohner trat Nüchternheit an die Stelle frohen Lebensgenusses, und heut schwinden rasch die letzten Reste des schmuckreichen alten Besitzes, um für den Erlös dringendere Bedürfnisse befriedigen zu helfen.

In Häusern des Festlandes und auf größeren Inseln, die bei gleichen wirtschaftlichen Bedingungen auch eine den Hallighäusern ganz ähnliche Einrichtung zeigen, fand ich wiederholt in der Wohnstube die große Eckbank des fränkischen Hauses von ganz derselben Art, wie sie Henning auf S. 10 durchaus zutreffend beschreibt; sie kommt auch auf den Halligen vor, wo man indessen die zum Sitzen bequemeren Stühle bevorzugt. Praktisch für gewöhnlich nicht sehr große Zimmer sind die Tische am Wandpfeiler zwischen den Fenstern: in unbenutztem Zustande haben sie eine sehr schmale, etwa 1 m lange Platte, von der nach beiden Seiten Klappen bis nahe an die Diele herabhängen. Zur Stütze der letzteren dienen im Bedarfsfalle entweder aus dem Tischkasten herausziehbare Arme oder eine sinnreiche Vorkehrung: jedes Brett der Langwand des Tischkastens ist vertikal bis zur Mitte seiner ganzen Länge durchgeschnitten, so daß es also bis dorthin aus 2 Brettchen von der halben Stärke der übrigen Kastenwände besteht. Das äußere Brettchen läßt sich in Scharnieren vom Mittelpunkt des ganzen Brettes aus drehen und mit ihm die Hälfte eines ebenfalls vertikal durchschnittenen Tischbeines, in welches das drehbare Brettchen am oberen Ende eingelassen ist. Werden also beide Klappen aufgeschlagen, so ruht der Tisch auf 2 vollen und 4 geteilten Beinen und seine frühere Länge entspricht nun seiner Breite.

Vielbeschrieben sind die den Schiffskojen ganz ähnlichen Wandbetten in tiefen Nischen mit Raum für 2 Personen. Am Tage sind sie durch Vorhänge geschlossen, von denen das germanische Museum ein altes Muster mit der Opferung Isaaks besitzt, oder durch Bretterthüren, die früher bemalt zu werden pflegten. Über den Thüren fehlen jetzt die alten sinnigen Sprüche, die noch das vorige Jahrhundert anzubringen liebte in der Weise, wie Jessen das bei Haupt, Bd. I pg. 435 dargestellt hat. Wie das Kojenbett kein bewegliches Gestell bildet, sondern organisch mit den Schiffswänden verwachsen ist, so auch das friesische Wandbett, dessen Kasten sich nahezu in Tischhöhe über der Stubendiele befindet. Da während des Tages die Thüren oder die Vorhänge geschlossen sind, so übersieht zwar der Besucher, daß er eigentlich in einem Schlafzimmer empfangen wird, dafür aber ist die Lüftung der Nischen eine sehr mangelhafte. Wandbetten findet man sowohl im Pesel wie in der Dönse, in größeren Häusern jedoch bleibt eins oder das andere Zimmer frei davon, weil die nach Norden gelegenen Hinterstuben und Kammern genügende Lokalitäten dafür bieten. Wie übrigens der Friese im allgemeinen sehr überlegt und genau ist im Ausdruck, so entspricht es ganz besonders der Ausdrucksweise einer Schiffer- und Inselbevölkerung, nicht von Vorder- und Hinterzimmern zu sprechen, sondern die Lage der Räume geographisch zu bezeichnen; man hat also Norder- und Süder-Stuben oder andere »bi Osten« und »bi Westen«.

Bemerkenswerth sind sodann die eisernen Einlegeröfen. Sie bestehen aus eisernen Kästen in der Form eines Parallelepipedons, dessen eine Schmalseite in die Wand nach dem Inneren des Hauses eingelassen ist. Die drei freien Seitenwände weisen in Flachrelief vorzugsweise Scenen aus der biblischen Geschichte auf, sehr oft mit der Jahreszahl, von denen die älteste, welche ich auf den Halligen las, 1593 lautete. Diese Zahl entspricht natürlich nicht mehr zugleich dem Alter des betreffenden Hauses, denn Sturmfluten vermögen wohl Gebäude zu zertrümmern und ihre schwimmbaren Bestandteile fortzuführen, die schweren Eisenöfen dagegen blieben auf den Werften zurück und fanden im Neubau wieder Verwendung. Nicht ganz 1 m. in das Zimmer hineinragend, ruht hier der Ofenkasten auf 2 eisernen Füßen, und auf den Ecken darüber zieren ihn blankgeputzte Messingkugeln. Geheizt werden die Öfen vom Herd aus, indem durch eine Öffnung in der Wand glimmende Ditten hineingelegt werden, andere Öfen, die vom Herd aus nicht erreichbar sind, haben ihre eigene Heizvorrichtung mit eigenem Schornstein. Unter dem Ofen bemerkt man in jedem Hause Blechbüchsen mit wohlschmeckendem Buttergebäck, womit man Gäste zu bewirten pflegt. Verschwunden dagegen ist aus den meisten Häusern der messingne »Stülp«, der in der Form einer mitten durchgeschnittenen länglichen Wanne bestimmt war, unter ihm Speisen auf der Oberplatte des Ofens warm zu halten. Von ganz einfachen, glatten Exemplaren fortschreitend gab es solche mit mannigfach wechselnden ein- bis mehrreihigen Bandornamenten, von welchen letzteren wir ein treffliches Muster erworben haben.

Am Ende der Diele, also der gewöhnlichen Orientierung entsprechend nach Norden liegt die Küche mit großem, gemauertem, offenem Herde unter einem mächtigen Rauchfang. An der rechten und linken Seite der Plattform sind Züge für die beiden Feuerungsstellen eingemauert, darüber feste Roste für das Brennmaterial und bewegliche Roste, auf denen die Töpfe stehen. Zwischen den Zügen liegt im Herdbau der Backofen, nur mit einem Holzdeckel an seiner Zugangsöffnung verschlossen, und vor ihm in dem gepflasterten Küchenboden bemerkt man einen zweiten Holzdeckel über einer Vertiefung, in welcher die Hausfrau die Füße einstellt, während sie beim Backen vor dem niedrigen Ofen auf der Diele sitzt. Oft ragt neben dem Herd ein viereckiger Schacht durch die Decke nach dem Boden empor, wo das Brennmaterial aufbewahrt wird, die Ditten; durch denselben werden sie herabgeworfen und vermittelst eines Thürchens daraus hervorgeholt. Neben der Küche finden wir eine Speisekammer und die Norderstube oder eine Kammer mit Wandbett, unter einem dieser Räume den Keller, nach der anderen Seite der nördlichen Hälfte die Ställe, soweit sie nicht wie in Figur 8 und 9 der »Halligen der Nordsee« in besonderen Anbauten untergebracht sind. In unserem Grundriß 2 überrascht in der Stallabteilung ein besonderer Brunnenraum mit einer Erdsoodencisterne zum Auffangen des Regenwassers für das Vieh. Das sind vereinzelte Anlagen, sowohl die aus Ziegeln gemauerten wie die Soodencisternen liegen sonst außerhalb des Hauses, diese mit dem Trinkwasser für die Menschen »in vestibulo domus«, wie schon Plinius berichtet, d. h. in dem gehegten Raume vor dem Hause, der jetzt von wohlgepflegten Gärtchen eingenommen zu werden pflegt, jene mit dem Trinkwasser für das Vieh auf der Nordseite.

Über dem ganzen Hause ruht das mächtige Dach, das einen einzigen, ungeteilten Bodenraum umschließt. Die Balkenlage stützt sich teils auf das Gemäuer des Wohngeschosses, teils auf die starken eichenen Ständer, die tief in den Werfthügel eingelassen und an den 4 Ecken in die Hausmauer eingeschlossen sind. Die Ständer haben den oft genug thatsächlich erfüllten Zweck, den Dachboden als den wichtigsten Teil des Hauses in Zeiten der Gefahr zu tragen, wenn die Mauern und Wände durch die Wucht hochgespannter Sturmfluten eingedrückt waren; denn in solchen Zeiten retten sich die Bewohner mit ihren Schafen auf den Boden als ihren einzigen Zufluchtsort. Das kräftige Gespärr wird gestützt durch einen Firstrahmen mit Kehlbalken und Firstsäulen, denn das auf dichtgereihten Latten ruhende Rohrschaubendach hat den Druck von häufig genug orkanartigen Stürmen auszuhalten. Wo ein Haus mit den Giebeln an Nachbarhäuser stößt, ist es mit einem einfachen Satteldach gedeckt, wo es freisteht, mit einem Walmdach, dessen Walme entweder ganze oder Krüppelwalme sind. Nicht mehr so regelmäßig wie früher ragt auf den Halligen ein Giebel aus dem Dache über der Eingangsthür hervor, wie er sonst charakteristisch ist für das friesische Haus auch auf den Utlanden.

Den größten Teil des Bodens nehmen festgestopft bis unter die Rohrschauben die Heuvorräte ein, der einzige Ernteertrag, den die Halligen bei ihren zu jeder Jahreszeit vorkommenden Überschwemmungen liefern können. Das Heu wird so fest eingelegt, daß es das Dachgerüst stützen hilft und zum Gebrauch mit scharfen Spaten abgestochen wird. Der übrige Theil des Bodens beherbergt Kisten und Kasten und vor allem Wintervorräte für den Haushalt, die im Herbst von Husum und Wyk auf Föhr für mehrere Monate beschafft werden müssen, weil mit Beginn der Eisbildung auf den Watten die Halligen so gut wie von jedem Außenverkehr abgeschnitten sind.

Das Innere eines Hallighauses in seiner ganzen Behaglichkeit hat in letzter Zeit Jacob Alberts in mehreren Ölgemälden dargestellt; seine Studien und ausgeführten Bilder waren 1894 der Gegenstand einer besonderen Ausstellung in Kiel, seit welcher sich sein bekanntestes Bild, der Königspesel auf Hooge, im Museum daselbst befindet. Das erste Heft des Jahrganges 1895 der »Graphischen Künste«, hat vortreffliche Reproduktionen seiner Arbeiten gebracht, auf die hiermit hingewiesen sein möge. In einem späteren Aufsatz sollen die wichtigsten Stücke der bisher erworbenen inneren Ausstattung besprochen und in Abbildungen vorgeführt werden. Vielleicht tragen diese Anregungen dazu bei, dem Museum in seinen Bemühungen um die Aufstellung eines friesischen Zimmers nebst Küche materielle Unterstützung zu verschaffen, deren es bei der raschen Verschleppung der letzten alten Ausstattungsstücke in die Häuser vermögender Sammler und bei der Kostspieligkeit des Erwerbes wie des Transportes dringend bedarf. Was im Privatbesitz sich ziemlich zwecklos verbirgt, würde im germanischen Museum den Tausenden von Besuchern aus allen Teilen Deutschlands zur Freude und Belehrung zugänglich sein.

Nürnberg.

Dr. Eugen Traeger.

Dürer.