Den 2. zum 3. August 1919, in der Nacht.

Welch eine Gewißheit, ein paar Stunden nach der Niederschrift vom Morgen. Eine Gewißheit, die mir durch Zeitungen werden sollte! Und die ich diesen Blättern als Letztes beifügen will ... muß.

Ich glaubte an eine Augentäuschung, ein Versagen meines Gehirns, eine Verzerrtheit der Berichterstattung. Ich rieb die Lider, feuchtete die Schläfen kalt, sah den Namen des Schreibenden an. Wieder und nochmals. Tat andere Blätter auf. Einen Irrtum gab es nicht. Henno Bergmann, der Hochbegabte, Unermüdliche, hatte bei einer Ausstellung der Akademieschüler den Ersten Preis erhalten, für phantasievolle, geniale Entwürfe zu einem Revolutionsball.

Und dennoch: es mußte eine Verzerrung der Tatsachen geben! Vielleicht, daß er mich überraschen gewollt, daß die Preisrichter Henno statt Henny gelesen hatten und deshalb dem Schüler die Ehrung zusprachen ...

»Henno,« schrie ich durchs Haus ...

Er war im Augenblick da. Ich riß die Hülle von meinem Gemälde. Ich wies auf die hingestreuten Zeitungen. Kein Wort konnte mir bis zu den Lippen kommen.

Er stand vor dem Bilde. Und seine Augen besaßen es ganz, Strich um Strich. Brennend und doch wägend.

»Schade,« sagte er, »sehr schade ... aber meine Zukunft ist von größerem Wert ...«

Und als ich, sein Geständnis aus diesen Worten empfangend, zusammenbrach, drang sein Beschwören auf mich ein:

»Bedenk' doch, meine Zukunft! Die Zukunft deines Sohnes! Bist du nicht die Fertige? Was tut es dir Abbruch? Wie lange aber hätte ich beiseite stehen und in Erschöpftheit hinsinken müssen, ehe meine Kunst den Herren Lehrern und Kritikmännern mehr als Machwerk bedeutet hätte? Kannst du nicht Neues dir erdenken und erschaffen alle Tage?«

In abgerissenen Sätzen, zerhackten Worten und Ausrufen widersprach ich seiner Schönfärberei. Ob er in dem Gnadengeschenk künstlerischer Empfängnis eine alltägliche Begebenheit sähe, auf Befehl zu verdichten, mit den Händen zu haschen? Ob er nicht die Not des Schaffens, die Wehen des Werdens, die Marter eines mißlungenen Eindrucks oder Entwurfs, den bitteren Kampf um die Einzelheiten wisse, daß Urheberschaft eines Werkes ihm so Geringes sei?

»Bin ich nicht dein Erbe ohnehin?« erhitzte er sich.

»Der Erbe meiner Habe, der Erträgnisse meiner Kunst ... meines Blutes, wenn du will , nie aber der Erbe meines geistigen Eigentums ...«

»Die Kunstrichter haben gesprochen. Morgen gehen die Zeitungsmeldungen weiter hinaus. Was soll diese Szene?«

»Dich zu deiner Pflicht führen. Die Blätter und die Lehrer berichtigen, daß nur ein Buchstabe den Irrtum schuf ... den kostbarsten Besitz deiner Mutter wiedergeben ...«

»Du scherzest nicht, höhnst mich nicht in solcher Stunde?« schrie er auf. »Oder glaubst du, ich werde mich selbst an den Pranger stellen? Von unten neu anfangen mit Kniebeugen und Nackenkrümmen vor jedem Handlanger der Zunft, mit Suchen nach neuen Plänen, mich rasch, rasch zur Höhe zu reißen nach der mein Ehrgeiz verbrennt? Mit Arbeit, daß mir die Hirnschale zerspringt und das Herz vor Eifersucht und Groll bei jedem Aufstieg der anderen?«

»Ich will dir helfen, Henno, soviel ich kann, soweit es nur geht. Ein Werk tut's ja nicht ... Wie willst du weiterbestehen?«

»Wie naiv du urteilst! Und bist so alt neben mir! Der Name macht's, die Reklame, das Tamtam! Nun ich den Namen habe, brauche ich um Aufstieg nicht bange zu sein. Kann ich nicht etwas? Und mehr als die anderen?«

»Ebendarum, Henno, hörst du, du mußt die Sache in Reinlichkeit ordnen. Sag' meinetwegen, eine üble Wette ..., daß meine Pinselführung erkannt würde. Sag', was du willst! Henno, ich verlange, ich fordere es: Rette mir mein Bild, damit ich es nicht tun müßte ...«

»Da ... mit ... du ... es ... nicht ... tun müßtest? Und bist zu solcher ... Handlung entschlossen?«

»Dachtest du, daß ich lautlos beiseite trete? ... Mein bestes Werk aufgebe für ein paar Vorentwürfe, die dir einen Schülerpreis geben? Dein Leben, Henno, steht kaum noch im Lenzessprossen ... Was kann dir an Kunst noch gelingen, an Ruhm noch werden! ... Das meine fließt Tag um Tag schneller zum Ende hin ... Es sind nicht mehr viele Bilder, die ich so aus tiefinnerster Scham und Leid für meine Mitmenschheit, in solcher Vergeistigung, so reich an Räuschen und Buntheiten schaffen könnte. Habt ihr Jungen es denn nicht leicht genug, eure Vorderen zu überlaufen? Muß es auf so unheiligem Wege sein?«

»Wir verstehen uns nicht, das weißt du seit Monaten,« sagte er. Sein Gesicht war harlekinweiß und hochfahrend geworden wie das Ludwigs bei solchen Anlässen. Seine Augen sahen eisig und nadelspitz zu mir hin. »Ein weiteres Hin und Her würde deine Anschauungen und Beschlüsse nicht zu ändern vermögen. Bitte, sage: ja oder nein?«

In meinem bohrenden Hirn schnellten Erwägungen, Entwürfe, Vermittlungen auf, aber ich erkannte sie alle als gleich schöne Dichtungen. Meine Söhne wollten Tatsächlichkeiten. Immer ein Ja oder Nein ... mit der Pistole in der Hand ...

Hatte ich es ausgesprochen? Gab es sekundenflinke Suggestion? Henno hatte seine Hand in die Tasche gesenkt, hielt etwas umkrallt.

Träumte ich einen Schreckenstraum? Vorstellungen rasten an mir vorbei, fielen ineinander ... Vor dem offenen Fenster toste in Urgewalt das Gewitter. Wolkenbrüche stürzten sich auf die gezerrten Bäume, vernichteten Farbiges, Blühendes, Leuchtendes. Aus Augenblicken schwarzer Finsterkeit, aus tiefem Niederbruch hob sich hier, da ein Baumast, flehend wie Menschenarm, eine Blume, betend wie Menschenauge, fanatisch: »Komm, zerstöre auch mich ...«

»Ja oder nein!« wiederholte jemand. War es Henno? Oder wer sonst? ... Wer? Doch ... ich ... wußte es ja ... der Sohn, der den Vater erschießen kam ... Oder mein Sohn, Henno? Hatten sie es nicht gelobt in jenem Buche? ...

»Und wenn ich mich nicht ... so zwingen ließe ... Henno ... sag's erst ... wenn ich bei meinem ›Nein‹ verharrte?«

»Ich kann nicht zurück in das Bodenlose, in die Unbekanntheit ... Niemals! ...«

»Henno, deine Mutter, die Beraubte, die Gekränkte, bittet, fleht zu dir: Gib mir mein Werk zurück! Laß uns Wege zu ihm suchen, so wirr und so mühselig sie sein sollten, wir wollen sie gehen, Hand in Hand ...«

»Wir würden keinen finden, der das Werk da dir rettet ... Die Skizzen dazu künden meinen Namen ... Es gibt für mich kein anderes ... Keinen Kompromiß. Nur ein Ja oder Nein ... von deinen Lippen ...«

Meine Lippen ließen nicht voneinander, verkrampften sich fest an den Rändern.

Der Garten ächzte und schrie unter den peitschenden Hieben vom Sturm und den Wolkengüssen. Die Fenster zerrten kreischend an ihren Angeln. Feurige Schwerter durchflogen die Luft und rissen gezackte Wunden ins Dunkel. Eins zerstieß mir das Herz und brannte, brannte ...

Meine Lippen konnten sich nicht aus ihrer Starrheit erlösen. Schaurig, beutebereit, wie eine Horde wilder Bestien brüllten die Donner, in meinem Hirn schrie ihr Echo ...

Die Hand Hennos hob sich schneeweiß auf grauem Gebilde ... Zögernd noch ...

»Jetzt zielt er,« blitzte mir ein Gedanke zu, »wie bei seinem Lieblingsdichter ... Nur ... bin ich viel zu gesund noch zum Herzschlag ...«

Die Hand hob sich höher ... zu Hennos Kopf ...

Sein Gesicht war grünlich, spitz und hart wie der Tod.

Wer wirbelte all diese Bilder einen Pulsschlag lang auf? Henno, den Säugling mit atlaßnen Härchen, die Händchen kosend mir an den Wangen. Henno, den Schüler, mir an der Hand. Und mein Glück bei seinen kindhaften Malereien. Henno im Krankenbett, und ich in leisen Schneefallnächten sein Leben von neuem erkämpfend. Henno ... am Boden liegend ... aus schwarzer, kaum sichtbarer Öffnung sein Blut verströmend, sein purpurrotes ... sein geliebtes Blut hinströmend ...

»Henno,« meine Lippen waren weit aufgetan, »Henno, ja ... ich schenke es dir, Henno ... mein Bild ... da ... hast ... du ... es ...«

Und in Hast, vor dem totverblaßten Jüngling, schnitt ich ins Fleisch meines Werkes ... kreuz und in die Quere. Und längshin und in die Breite ...

Und hielt ihn und tastete seine Glieder an, die unversehrten. Und aus der Ferne, aus einem entschollenen, verlorenen Leben tropften Worte in meine brennende Herzenswunde. Verse einer bretonischen Ballade. Vom Sohne, der seiner Liebsten das Herz der Mutter für ihre Gunst bringen sollte, das Herz seiner Mutter für ihren Hund.

Der ging und schlug seine Mutter tot
Und nahm ihr Herz, das zuckte so rot ...
Und als er es trug in zitternder Hand,
Da fiel er – es glitt das Herz in den Sand.
Und als es so vor ihm im Staube lag,
   O sieh, es sprach ...
Es sprach, das hörte wie Weinen sich an:
»Mein Kind, hast du dir weh getan?«

Wir Verlag / Dr. Kurt Bock / Berlin NW 87

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