Den 31. Dezember 1918.
Nordwind schlägt die Bäume und drückt schwer an die Fenster meines Arbeitsraumes. Eisesodem sticht nadelspitz durch jede Mauerfuge. Wie atme ich tief auf und beglückt, die letzten Stunden des Jahres allein und daheim sein zu können! Ludwig und Henno bleiben bis zum Neutag im jungen Jahr in der Stadt, bei Annemarie Grünhagen, die der Wiederkehr Kurt-Georgs ein Fest weihen will.
Das Mädchen hat schwere Blöcke in meinen Ofen getürmt solche, die langsam verschwelen. Ich zünde den letzten Spiritus unter dem Teekessel an, lösche das hyazinthblau hängende Licht, rücke einen Tisch vor den tiefen Sessel zum Feuer und horche dem Geflüster des Holzes. Die Farbe der Möbel lischt aus. Alle Formen verzittern. Aus dem Ofen blecken rotgeifernde Flammenzungen, zerwehen bei neuem Windesstoßen in nichts. Erscheinungen erstehen, durchhuschen als Spuk das frostumstarrte Zimmer. Irgendeine dunkle Begegnung wächst aus dem Gewelle schwarzer Vergangenheit empor. Fetzen trauriger Träume beben vorbei, verbleichen, kaum erst geboren. Etwas Versäumtes klagt um Nichterfülltheit. Mißverstandenes blickt drohend wie unter schwarzgerunzelter Braue. Verlorenes schluchzt auf. Dann hebt sich über Stille, über verflatternde Gesichte und Entsinnungen ein einfaches Lied und legt sich weich mir in die Seele ... Und wie die Töne des singenden Mädchens draußen in der Küche sich allmählich vereinsamen und wieder zueinander gesellen, blättern die letzten sechs Jahre vom Baum meines Daseins ab, als hätte ein Hagelschlag sie alle mitsammen zerschlagen. Und ich lebe und atme einen Tag, mit allen seinen Schauern und Trunkenheiten, die er mir damals zu geben hatte ...
Einen Frühlingsnachmittag, in fremder Weltstadt, von duftendem Lenzwind und sachtgrünem Baumgeschleier umjubelt ... Alle Häuser mit ihren Adelsfassaden, alle goldspitzigen Edelgitter, alle Alleen, alle Rasenflächen, Plätze, Parks und die unzähligen grauen Kirchentürme sprangen freudeberauscht aus der blaublauen Luft hervor. Vor allen Cafés, vor allen Bierstuben, vor allen zum Straßendamm vorgerückten Marmortischen frohe, schwatzende, stubenerlöste Menschen. Türkenjungen spreiteten anpreisend, mit liebkosenden Händen, sattfarbene Teppiche, Decken und Stoffe über die Erde, als bereiteten sie einer Geliebten huldigenden Willkomm. Zeitungsvertreiber warfen ihre Schreie wie flinke Bälle zur sonnendurchglänzten Höhe. Schwärme von Schuhputzern, Blumenmädchen, fliegenden Händlern mühten sich, sie zu überschrillen. Taxen, Autos, Dampf- und Straßenbahnen rasten im Freudentaumel durch diese Festesstraßen. Die Frauen trugen ein verträumtes Geleucht in den Augen und um den Mund, als schritten sie, in unsehbare Glückseligkeiten geschmiegt, durch diese Stunden. Die Männer, müßig, den Hut lässig ins Genick geschoben, die Zigarette im Mund, schlürften den Anblick all dieses zu Erraffenden, des ihnen zu entgleiten Drohenden. An einem Straßengewinkel, beschattet von altersgrau hohem Tore, sang mit geknittertem Gesicht, mit welken, vorgebreiteten Händen und von einer Menschenschar umbrandet, ein Zerlumpter alte Romanzen. Halbwüchsige Mädchen tänzelten auf hohen Stöckelschuhen den Rhythmus des Sanges mit. Jungen Burschen brach ein Blinken aus den Augen. Und in Hingegebenheit schwoll zum Schluß jeder Strophe der Kehrreim, von der ganzen Zuhörermenge wiederholt, an den siebenstöckigen Häusern hinan.
Später, beim Weiterschlendern, im leise fallenden Nachmittagsschein, hielt neues Gedränge uns gebannt. Auf einem öffentlichen Volksplatz trompetete Militärmusik. Ein Wirbel von Paaren drehte sich dazu in Verzücktheit: Mädchen mit verkommenen Leibern und Burschen mit noch kindhaft gerundeten Gesichtern, Rohlinge und Soldaten, Bäckerknaben und Lehrmädchen, schmalschultrige Studenten und zufällig des Weges kommende Zimmermädchen, enttäuschte Weltstadtstürmer, Kunstjünger mit zerwühlten Mienen, Modistinnen und Freudenmädchen mit flackenden Schwarzaugen und kirschrot gefärbten Mundrändern. Kleine von der Musik hergelockte Mädelchen mit schwankem Fußspann, gedrehten Hängelocken und langen schmächtigen Gesichtern machen im Vorübergehen mit ihrer Bonne eine Runde. Sie alle, die eine zuckende Melodie für eine Weile zusammengeworfen hatte, preßten sich in Inbrunst aneinander und kreisten ekstatisch, unbewußt zu der jungen Lust des Frühlingseins.
Matt und schwer von dieser Atmosphäre der Verheißungen und Entgleisungen winkte einer unserer Begleiter ein Auto her. Wir glitten zu vieren unserem weit entlegenen Ziele zu: der russische Ingenieur, die himmelsschöne Pianistin, die junge Schauspielnovize und ich. Das Fahrzeug hielt sich auf den breiten Fahrdämmen nahe dem Flusse, dessen unruhige Wasser die lusttaumelnde Stadt und die gelbblanke Sonne einfingen. So, wortlos in meine Ecke eingeschmiegt, nahm ich von dieser in lichtblauen Frühling hineingedichteten Wandelschau unveräußerbaren Besitz. Von den fernen, vergangenen Häusern, die mit uns durch köstliche Gassen zogen, von dem vielfarbigen Gestrahle der Blüten und den auffliegenden Wohlrüchen der Dolden auf dem unabsehbar weiten Blumenmarkt. Von dem Gewimmel und den Geräuschen der Straßen, der Brücken und der Kaie, von alten gewundenen Hintergäßchen, von finsteren Durchlässen, von der Buntscheckigkeit der zur Straße gelegten Waren, von den grellen Plakaten, von Spelunken und gotischen Kathedralen, von einem rubinfarben brennenden Kirchenfenster, von unbekannten, traumseligen Häusern und Straßenzügen.
Langsam begann der Nachmittag zu zerflammen, als wir in den Salon des böhmischen Edelmanns traten, der uns zu intimem Zusammensein hingebeten hatte. Wir waren etwas verspätet, und der Hausdiener bat sogleich zu Tisch. Breite Fenster und eine Glastür standen vom Speiseraum weithin nach dem Frühlingsgarten geöffnet, der sich in Terrassen zum Flusse niederließ; denn diese am Strome hingelagerte Vorstadt erhob sich auf beträchtlichen Hügeln über der Millionenstadt. Die blauen Schattungen des Abends trugen gebrochene Akkorde von fernen Glocken über den Strom. Zwei Freunde des Hausherrn, ein junger Dichter und einer, dessen Ruhm bereits im Absteigen war, gaben Langgewußtem Neuartigkeit, entdeckten ungekannte Tiefen. In der Frische, die Fluß und Garten brachten, und vor dem stillen Gespräch, das diese Stimmung erschuf, verfiel das Gebrause der lenzberauschten Weltstadt, das uns bisher im Blute gesungen.
Dann saßen wir in dem kleinen Salon, der angefüllt war mit Raritäten, mit verschollenen Bildern und Handschriften, und der im stillen Schein der hohen Kerzen erbleichte. Der junge Dichter sprach zum Gedämmer des Raums seine Frühgedichte, in denen er seine erste Liebe eingeschlossen hielt und allen Reiz der kaum herangeblühten Schauspielerin mit den adeligen Händen und dem feierlich weißen Stiel ihres Halses, die so traurig verenden mußte an ihrem Schminktisch, von weißen Spitzen berieselt, vor ihrer Antrittsrolle im größten Schauspielhaus, das an diesem Abend von grausigem Brande versehrt ward.
Schweigend vergingen unsere Gesichter in den hereinstürzenden Dunkelheiten. Wir hörten das Hintropfen der wächsernen Lichte und vom Garten einer tagmüden Schwalbe Zwitscherruf. Da zauberte die romanische Klavierkünstlerin vom Nebenzimmer uns singende Vögel, Hansnarren mit schallenden Glocken, das Geklingel alter Rokokouhren, das Stelzen bejahrter Schwerenöter her, Schäfereien, Jahrmärkte ... Die ganze verwehte Anmut Couperinscher Schalkhaftigkeiten. Sie lud Rameau zu Gast ... und ihre schmalen Finger wurden Werkzeuge zur Beseelung Chopinscher Wehmütigkeiten.
Die Frühlingsnacht stieg sehnsuchtsbang in die blassen Stuben ein. Sie zog uns zum mondweißen Garten hinaus. Die Bäume hatten sich in sanft gleitende, lila verschillernde Seiden getan. Tief unten murmelte der Fluß seine Liebesworte an die Stadt, die mit flammigen Reklamen und Millionen gelber Lichteraugen in die Ferne gemalt stand. Von vorzeitiger Wärme aufgewehte Düfte regneten über uns her. Weiße Steinbilder beugten sich wortlos über dunkles Gehecke. Wir lehnten an einer Brücke gebogenem Geländer. Breit um uns schossen grasige Hügel schräge zum Wasser ab. Auf ihnen – hingeschenkt dieser Mondnacht – verströmten Tausende Veilchen ihr Sein.
Die Reklamen hörten auf, über die Weiten zu schreien. Uhren und Glocken gingen dann und wann leise in kurzer Zwiesprache nebeneinander. Wir saßen auf gläsernem Vorbau des Hauses, nippten von alten Weinen, redeten von Kunst und Sehnsüchtigkeiten und schwiegen lange, vom Dichten, vom Getöne und von den Bildern des Heute durchklungen.
Da stieg vom Küchengeschoß ein Lied zu uns auf, fremd und zehrend und leidbeschwert. Der Hausherr richtete sich stehend hoch auf und ging zum Fenster. Gequältheit über den sonst so beherrschten Zügen, lauschte er in den Traumglanz des Mondgartens, lauschte ... Dann schob er seinen Lehnstuhl uns nahe, und ich hörte ihn die Rilkeschen Verse klagen:
| Mich rühret so sehr |
| Böhmischen Volkes Weise; |
| Schleicht sie ins Herz sich leise, |
| Macht sie es schwer. |
| Wenn ein Kind sacht |
| Singt beim Kartoffeljäten, |
| Klingt dir sein Lied im späten |
| Traum noch der Nacht. |
| Magst du auch sein |
| Weit über Land gefahren, |
| Fällt es dir doch nach Jahren |
| Stets wieder ein. |
Langsam entquollen die Silben seiner zerquälten Stimme, als müsse der Schönheit dieser Nacht eine Opferung werden.
Ich wollte ihm von Rilke sprechen und von der Seltsamkeit der Gedichte, die die Fremde ihm geschenkt hatte. Ob er seinen großen Landsmann nicht aufsuche? Doch ich ward stumm, als meine Augen sich zu den seinen hoben, denn die dichteten das Weh dieses Liedes vom vergangenen Glück mit preisgegebener Seele fort ...
Die andern, der deutschen Sprache und dem Dichter unvertraut, hatten flüsternd wieder zu reden begonnen.
Düfte welkender Veilchen flogen von den Tischen und schufen wehvolle Müdigkeit.
Dann gingen wir unter den leuchtenden Wundern schwimmender Wolken den Dämmerungen der werdenden Morgenstadt zu, in langem Wandern. Wer sprach es aus? Einer der Gruppe wußte unseres Gastgebers Leid, wie er als Jüngling Haus und Land gelassen, die Mutter tot, und er für immer vom Vater gegangen. Ringend mit seiner Heimwehnot, sei er ein Hort geworden allen Landesgenossen in der fernen Fremdstadt. Nur die Alte, die ihn als Kind gesehen, und ihre Lieder seien ihm Brücke zu seinem Land.
Glocken schwangen schwermütig in den entbrennenden Morgen ... schwangen traurig in meinen Pulsen, in meinen Schläfen ...
Frierend schauerte ich auf, Kälte faßte mich an, Eiswind hatte das Feuer im Ofen gepackt und erwürgt. Die Glocken der Nordstadt läuteten ... läuteten der Geburt des Jahres 1919 ...
Sein Anfang trug mir über die Vision des Geschauten hinweg neue Wirrnis zu. So war Auflehnung gegen Vater und Mutter nicht nur Begleiterscheinung von Krieg, Revolution und der durch sie gezeugten Verwilderung? War auch das Verhältnis von Eltern und Kind – wie Frau von Staël von der Liebe behauptet – ein ewiger Kriegszustand, der hier zur Niederlage, dort zum Sieg, zuweilen nur zu gerechtem Ausgleich wird?
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