Der hansische Kaufmann.

Vor dem 12. und 13. Jahrhundert kann von einem hansischen Kaufmann noch nicht gesprochen werden, denn erst in dieser Zeit trat er in die Erscheinung. Es ist ein eigenartiges Merkmal des Mittelalters, daß der einzelne Mensch unfreier, gebundener und der Gesamtheit weit mehr untergeordnet war als heute. Ordnung und Zucht hielten das Ganze — sei es Stadt oder Land — viel schärfer zusammen. Der einzelne konnte seiner Eigenart viel weniger nachgehen. Solchem Zwange unterlag auch das Kaufmannsleben der Hansezeit. In Heimat und Fremde mußte er die örtlichen Vorschriften beim Kauf und Verkauf der Waren beachten. In den ausländischen Kontoren in Nowgorod, Bergen, London lebte er in strenger, enger Tischgesellschaft mit seinen Genossen. Bei der Meerfahrt unterstand der Kaufmann der Gerichtsbarkeit des Admirals, und trotzdem war er in Heimat und Fremde ein freigeborener Mann. Gerade die persönliche Freiheit bildete die eigentliche Vorbedingung für das unbehelligte Wandern der Kaufleute. Mancher Kaufherr hatte im Mittelalter aus kleinen Anfängen sein Handlungshaus zur Höhe gebracht. Sein Wohlstand begründete den seines Geschlechtes, und in großartiger Wohltätigkeit schuf der Kaufmann Stiftungen für die Heimat, die seinen Namen bis in unsere Zeit rühmend nennen.

Wie war der Lebenslauf eines Kaufmanns in der hansischen Zeit? Sein Eintritt in das Leben, die Taufe und die ersten Kinderjahre verliefen kaum anders als bei sonstigen Sterblichen. Und wenn der neue Erdenbürger seinen ersten Schrei tat, nahmen daran nicht nur die Hausgenossen teil, sondern auch Verwandtschaft und Bekanntschaft. Die freudige Nachricht brachte die mit einem Blumenstrauß geschmückte Magd den Verwandten und befreundeten Nachbarn, und gern stellten sich die Freundinnen ein, um Mutter und Kind zu sehen und sich selbst bei gutem Mahle und gutem Trunk zum Wohle von Mutter und Kind zu stärken.

In jener Zeit hat vielfach die Obrigkeit durch Verordnungen eingegriffen, um die Gelage zu bekämpfen, aber mit wenig Erfolg. Die Taufe geschah nach den Vorschriften der Kirche bald nach der Geburt; meistens erfolgte sie schon am zweiten oder dritten Tag. Vielfach war auch die Taufe mit Festlichkeiten verbunden, die allerlei Aufwand aufwiesen, daher hatten manche Stadtobrigkeiten durch Verordnungen die Schmausereien und das Übermaß der Patengeschenke einschränken wollen. Es half aber wenig. Lieber zahlte man die Buße, die auf der Übertretung der Verordnung stand, und ließ alles beim alten. Nicht allemal verliefen die Tauffestlichkeiten friedlich; oft genug trennten sich die erhitzten Gemüter in Hader und Zwist.

Handelsbetrieb im fünfzehnten Jahrhundert.
Nach einer alten Miniatur.

Über den Verlauf der ersten Kinderjahre berichten die hansischen Geschichtsquellen wenig. Sie wissen wohl davon zu erzählen, daß die Kindersterblichkeit eine hohe Ziffer aufwies, ebenso war aber auch der Kinderreichtum der Familien groß. Die Sterblichkeit lag der Hauptsache nach in dem damaligen Stande der ärztlichen Kunst begründet. Allerlei Medizinen, viele Haus- und Geheimmittel begleiteten das neugeborene Kind von der Wiege an durch alle Lebensabschnitte der Kindheit. Sie sollten das Zahnen, das Gehen und Sprechenlernen unterstützen, und der Aber- und Wunderglaube jener Tage, der den Wolfs- und Pferdezähnen und ähnlichen Amuletten wunderbare Wirkungen zuschrieb, ist ja in unserer Zeit noch nicht ausgestorben. Auch in jenen Tagen hat es nicht an Beispielen gefehlt, daß der Kampf ums Dasein hart war, daß Vater und Mutter sich nicht, wie es sein mußte, um ihr Kind kümmern konnten.

Mit dem Eintritt in die Schule begann ein neuer Zeitabschnitt in dem Leben des jungen Menschenkindes; daß der Kaufmann jener Tage eine Schule besuchte, war selbstverständlich. In den Archiven der hansischen Städte finden wir neben den Aufzeichnungen, die in den Kanzleien geschahen und von Ratmannen oder Beamten stammten, auch Rechnungen einfacher Handwerker und Kaufleute. Und die Starrheit und Ungelenkigkeit der Schriftzüge beweisen, daß die Feder nur widerwillig der Führung der Hand gehorchte. Das Schulwesen jener Tage zeigte keine einheitliche Gliederung, sondern die örtlichen Verhältnisse und die recht verschiedenen Bedürfnisse und Rücksichten entschieden alles. Die Schule bildete keine Angelegenheit des Staates oder der Stadt, sondern der Kirche, und daher kam es oft zwischen beiden zu Auseinandersetzungen. Die Zucht in den Schulen war strenge; Stock und Rute spielten eine große Rolle, sie blieben die unentbehrlichsten Hilfsmittel im Unterricht. Auf bildlichen Vorstellungen des Mittelalters ist die Rute das Standessymbol des Lehrers. Als Unarten der Schüler jener Zeit werden nur solche Vergehen berichtet, die auch die heutige Jugend noch nicht abgelegt hat. Nach der Schulzeit kam die Lehre und damit der Ernst des Lebens.

Über die Lehrzeit sagen die niederdeutschen Quellen wenig. Sie war verschieden bemessen und schwankte zwischen zwei und zehn Jahren. Alter, Bildungsstand, Lebensstellung des Lehrlings spielten eine bestimmte Rolle. Lehrlingsordnungen überlieferte erst eine spätere Zeit. Es darf jedoch als sicher gelten, daß manche von diesen schon früher bestanden. In einigen dieser Bestimmungen fesselt besonders die Verfügung, die dem jungen Kaufmannsgesellen einen zweijährigen Aufenthalt in der Fremde vorschrieb. Hierin haben wir den Schlüssel zu der Stellung des hansischen Kaufmanns. Jeder mußte hinaus, um sich an anderen Orten, an fremden Plätzen, an fremden Märkten Erfahrungen zu sammeln, die ihn später in den Stand setzten, nicht nur für sich, sondern auch für das Wohl seiner Vaterstadt zu wirken. Die Lehrzeit war gewiß recht hart, denn der junge Kaufmannslehrling mußte auch im Haushalte tüchtig zugreifen; Einheizen, Feuerstechen, Hauskehren, Wein-, Bier- und Wasserholen gehörten vielfach zu seinen Dienstobliegenheiten. In den Bestimmungen wurde der Lehrherr darauf hingewiesen, den Lehrling in Gottesfurcht zu erziehen und allseitig auszubilden. Es darf nicht vergessen werden, daß der Lehrling oft sehr jung in die Lehre kam und häufig genug erst jetzt seine Schulbildung vervollständigte. Wenig hören wir von der Erlernung fremder Sprachen, abgesehen von dem Latein. Man darf als sicher annehmen, daß der Kaufmann der hansischen Zeit auch versucht hat, die Sprachen der Völker, mit denen er Handel trieb, zu beherrschen. Lehrjungen und Gesellen waren bei den Kaufleuten besonderen Aufnahmegebräuchen unterworfen, die nach Ort und Zeit durchaus verschiedenartige waren. Am bekanntesten sind die Spiele am Kontor zu Bergen geworden. Von ihnen soll noch in einem anderen Kapitel die Rede sein.

Nach überstandener Lehrzeit wurde aus dem Lehrling ein Handlungsdiener, er wurde Knecht oder Geselle. Die Bezeichnungen haben eben verschieden gelautet. Jetzt begann für ihn die Zeit der Reise; entweder begleitete er dabei seinen Herrn, oder dieser beauftragte den jungen Menschen, in die Fremde zu gehen. Gleich dem Wandern der Handwerkergesellen waren diese Handelsfahrten für den jungen Kaufmann von Wichtigkeit, sie gaben ihm Weitblick und Unternehmungsgeist und verliehen seinem Dasein Reiz. „Koplude, loplude“ sagt ein altes Wort, das die Seite des kaufmännischen Lebens jener Tage dadurch scharf beleuchtet. Heutzutage, der Zeit der Durchgangszüge mit Speisewagen, reist es sich bequemer und schneller als in jener Vergangenheit, in der die Land- und Heerstraßen nur schlecht im Stand gehalten wurden. Nur die ärgsten Stellen und Löcher auf den großen Landesheerstraßen besserte man notdürftig mit Reisig und Knüppeln aus. Langsam und mühsam bewegten sich die hochbeladenen, mit einer großen Plane überspannten Frachtwagen vorwärts. Staub und grundloser Schmutz belästigten die Begleiter. Manches Rad und manche Achse gingen an Steinen und in Tiefen zuschanden.

Der wandernde Geselle schritt mit seinem Ränzel nebenher, der reiche Kaufherr ritt nebenan. Es war notwendig, sich mit Lebensmitteln wohl zu versorgen, denn die Wirtschaften an Straßen und in den Dörfern hatten nur selten etwas Genießbares. Auf Heuböden, bei der Ofenbank, auf den Tischen der Wirtsstuben wurde genächtigt. Oft blieb der Reisende lieber unter freiem Himmel. Geiler von Kaisersberg ruft mitleidig aus: „Was muß der Kaufmann alles leiden! Er muß elende Herbergen aufsuchen, manch böses Mahl mit guten Zähnen essen und teuer bezahlen.“

Schiffbruch eines Bergenfahrers.
Nach einem Altargemälde in der Marienkirche zu Lübeck.

Die Schiffahrt, das wichtigste Hilfsmittel des hansischen Handels, erfreute sich allseitiger Anteilnahme. Der norddeutsche Kaufmann begleitete in der Regel seine Ware und wachte persönlich über sie. Wie im Laufe der Zeit sich ständige und enge Beziehungen zwischen den verschiedenen Häfen und Gebieten entwickelt hatten, dazu die Handelsgesellschaften und Lieger sich mehrten, veranlaßten säumige Schuldner oder andere Gründe einen großen Teil der Handelsherren, sich oft den Gefahren einer Meeresfahrt auszusetzen. Die Seekrankheit mit ihren unangenehmen Begleiterscheinungen focht nicht weiter an. Dafür drohten Seeraub, Kaperei und Strandrecht, ferner konnten die Naturgewalten durch Sturm und Unwetter Schiffbruch und Strandung herbeiführen. An der Westwand der Briefkapelle in der Marienkirche zu Lübeck hängt ein Gemälde, das den Untergang eines lübischen Dreimasters an der norwegischen Küste im Jahre 1489 darstellt. Der Sturm hat die Masten zersplittert, die Segel zerrissen; an Kisten und Planken geklammert, sucht sich die Schiffsbesatzung zu retten, einige haben glücklich die Felsenküste erreicht. Spruchbänder an der Tafel erzählen, daß der Schiffer und dreiunddreißig Mann ertrunken seien.

Der unbekannte Stifter des Bildes, wahrscheinlich ein aus dem Schiffbruch glücklich geretteter Bergenfahrer, schließt daran die Ermahnung:

Och, guden gesellen, holdet nicht to licht,

Er gi to scepe gat, gat jo to der bicht.

Et was so kort ene tyt,

Dat wy unses levendes worden quid.

En pater noster vor alle cristen seelen![2]

Aus diesen einfachen Versen spricht das religiöse Empfinden, das jeden vor Beginn einer größeren, mit Gefahren verknüpften Reise veranlaßt, für sein künftiges Seelenheil zu sorgen. Man darf jedoch die Unsicherheit der Land- und Wasserstraßen nicht übertreiben. Es lauerten weder an jeder Straßenecke oder in jedem Walde Räuber auf, noch verbargen sich hinter jeder Klippe oder in jeder Bucht Vitalienbrüder. Die Regel bildete das sichere Vollbringen der Fahrten. Von ihnen wird nicht viel gesprochen. Ohne das glückliche Vollenden vieler Fahrten wäre ein so reger und ständig wachsender Handelsverkehr nicht möglich gewesen. Mehr sprach man von den Reisen, die durch Raub und Plackerei betroffen wurden, und umfangreiche Schriftstücke in den Archiven der Städte beweisen, daß man mit vieler Umständlichkeit Beschwerden zu Papier gebracht hat. Der hansische Kaufmann reiste gern. In das Einerlei des Tages brachte die Fahrt willkommene Abwechslung. Nach der Heimkehr erwartete den jungen Kaufmann die Pflicht des Tages. Er mußte mitwirken in der Schreibstube, in den Räumen des Hauses oder auf den Kaufhöfen. Einerlei, ob er in das väterliche Geschäft eintrat oder sich selbständig machte. Spärlich ist die Auskunft über diese Tätigkeit; und in den Handelsbriefen und Handelsbüchern jener Epoche des deutschen Handels wird wenig darüber berichtet. Bildliche Darstellungen von den Meistern jener Zeit wissen uns mehr zu erzählen. Sorgen aller Art haben auch damals den Kaufmann bedrückt. Der Durchschnittskaufmann jedoch überarbeitete sich nicht. Das Hasten unserer Zeit, Telephon und Telegraph kannte er nicht, und reiflich und langsam überlegte er seine Geschäftsabschlüsse. Man erhob sich zwar früh aus den Federn, um der Frühmesse beizuwohnen. Dann kam das gemächliche Verzehren der Morgensuppe, dann die Arbeit oder die Ratssitzung, und wenn sich zur Mittagszeit der Hunger wieder einstellte, so gab’s nach dem Essen eine längere Ruhepause. Des Nachmittags ging man wieder den Berufsgeschäften nach, um zwischen vier und fünf Uhr zu vespern; damit war dem Arbeitstage sein Ziel gesetzt, und nur in eiligen Zeiten, wenn die Arbeitsmenge sich häufte, so zum Beispiel bei der Ankunft oder vor der Abfahrt von Flotten, wird sich mancher Kaufherr noch einmal des Abends in seine Schreibstube verfügt haben, um die Geschäftspapiere zu erledigen.

Der Artushof in Danzig.
Nach einer Aufnahme der Kgl. Meßbildanstalt in Berlin.

Das Haus der Schiffergesellschaft zu Lübeck.

Das Leben war im Mittelalter bis in das 15. Jahrhundert hinein arm und hart, und erst in einer Zeit, da von Italien der Prunk und Anspruch nach Deutschland vordrangen, wurde die Lebensart eine andere. Das Haus und seine Einrichtung dienten bis dahin in erster Linie den geschäftlichen Zwecken; für das Familienleben blieben nur enge und unbehagliche Räume. Erst mit dem 15. Jahrhundert begann hier ein Wechsel einzutreten, da zu dieser Zeit in norddeutschen Städten die Verwendung der Glasscheiben ihren Eingang fand. Aus dem Grunde ist es erklärlich, daß die Bewohner jener Zeit den Trieb nach Geselligkeit außerhalb des Hauses befriedigten und in Klubhäusern und Ratskellern ihre Zusammenkünfte pflegten. Die Artus- und Junkerhöfe, Seglerhäuser und Schüttinge, Bursen und Säle, unter welchen Namen diese Versammlungs- und Trinkhäuser ihren Zwecken dienstbar waren, sahen namentlich in den Wintertagen und nach des Tages Last und Hitze trinkfrohe Kreise in ihren Räumen versammelt.

Ein bemerkenswertes, eigenartiges und noch in unserer Zeit viel aufgesuchtes Versammlungshaus aus den Tagen der Hanse bildet das Haus der Schiffergesellschaft zu Lübeck.

Doch treten wir ein! Eine große Diele umfängt uns. Immer von neuem übt dieser Raum auf den Besucher seine Wirkung. Wie wunderlich ist er, und doch wie charaktervoll! Hier weht Seeluft. Wie der Seemann selbst in alter Zeit war, so ist auch sein Vereinslokal, behäbig, derb und voller Erinnerungen; und wie den Seemann erst ein längeres Verweilen und das Eingehen auf seine Worte veranlaßt, sich dem Gaste zu erschließen und sein ‚Garn zu spinnen‘, so lösen sich auch hier erst allmählich und nach einigem Verweilen aus der Dämmerung des Raumes die ‚Erinnerungen‘, jene sonderbaren Dekorationsstücke, die, in Jahrhunderten aus aller Welt zusammengebracht, den Raum bis in die fernsten Winkel füllen. Von der verräucherten Decke hängen die alten Schiffsmodelle herab, dazwischen prangt der mächtige Messingkronleuchter. Alte Heiligenstatuen bemerken wir an den Schränken, Bilder an den Wänden, Kränze und Teller auf den Borden. Jedes Stück hat seine Geschichte. Zwei große Bilder an einem Pfosten stellen den ‚Adler‘ dar, jenes gigantische Lübecker Admiralsschiff vom Jahre 1567. Das Gestühl an der südlichen Wand trägt als Wappen zwei gekrönte, gekreuzte Bootshaken. Dies ist das eigentliche Wappen der Schiffergesellschaft. Auf den Lehnen der übrigen ‚Gelage‘ in der Mitte des Raumes erblicken wir die Wappen der Bergenfahrer: ‚Gekrönter Stockfisch‘ und ‚Halber Adler‘, der Rigafahrer: ‚Burg mit gekreuzten Schlüsseln‘, und der Revalfahrer: ‚Drei Leoparden‘.

Hier fanden sich die Schiffer nach den Gesellschaften zusammen, denen sie dienten, und hier trafen sie am ehesten gute Bekannte. Aus dicken Eichenplatten ist das Gestühl gezimmert, derb wie der Seemann, der einst darauf saß. Am Tische der Älterleute, dem sogenannten Beichtstuhl, finden wir wieder das Wappen der Gesellschaft, die gekreuzten Bootshaken. Die Hausordnung stammt aus dem Jahre 1580. Ohne Umschweife ward hier verfügt:

„Dit Nafolgende hebben de Hanße Bröderschop bewilliget: de disses Huses Gerechtigkeit nicht wil dohn ahne Kiwen den schall men up disse Taffel schriewen unde schall dar so lang up stahn dat he disses Huses Gerechtigkeit hefft gedahn. Beer tappen schall men ehm hir nicht, so lange dat he sine sake Hefft maket schlicht.[3]

Anno 1580.“

Ein strammes Regiment scheint hier geherrscht zu haben. Es mußte wohl so sein, besonders bei den ‚großen Schaffen‘, den jährlichen gemeinsamen Festmählern, die nach Schluß der Schiffahrt gefeiert wurden. Dann erhellte der herrliche vielarmige Kronleuchter den Raum, Wachslichter brannten überall, und über dem Ölleinenbezug der vier großen Laternen huschten die Silhouetten von Schiffern, Reitern und Fußsoldaten.

Versetzen wir uns im Geiste einmal in die vergangenen Tage zurück. Es geht hoch her. Die ganze Diele sitzt gedrängt voll. Mancher, der am Feste teilnehmen möchte, kehrt mißmutig wieder um. Die Musikanten sitzen auf den Schränken und blasen mit anerkennenswerter Stärke gegen die Unterhaltung an. Immerhin ist noch der Lärm erträglich. Eben ist das Essen abgetragen, und die ersten Krüge schäumenden Bieres sind aufmarschiert. Zufrieden sehen wir einen der Schiffer zwischen den Bänken umherwandeln. Er und sein Genosse haben es nicht leicht. Auf ihr eigenes Risiko geht die ganze Veranstaltung. An nichts haben die beiden es fehlen lassen. Man sieht es aber auch den Gesichtern der Brüder an: es hat geschmeckt. Vier Musikanten sind diesmal auch mehr als beim Schaffen des vorigen Jahres. Auf ihre Kosten kommen die beiden Schaffer diesmal wohl nicht. Aber man sieht’s dem gutmütigen Gesicht der Veranstalter an, daß sie es nicht verdrießt, wenn nur alles ‚in goden freden‘ verläuft und die Brüder sich amüsieren. Das Gelage nimmt seinen feuchtfröhlichen Verlauf ohne Störung. Im Durcheinander von Singen, Erzählen und Musizieren muß man selbst schon ziemlich laut werden, um sich verständlich zu machen. Das ist etwas für Leute mit Nerven! So fühlen sich unsere Seebären gerade wohl und sind angeregt wie selten. Rauchwolken wie aus einem kleinen Schornstein steigen in die Luft und lagern über der munteren Gesellschaft, die grause Gefahren und Abenteuer des vergangenen Jahres mit Phantasie verbrämt zum besten gibt. Und seßhaft sind sie! Der grauende Morgen findet noch alles fidel beisammen. „Und sind lustig gewesen bis des Morgens halb sieben,“ bemerkt schmunzelnd der Schaffer in seinem Buche und fügt erleichterten Herzens hinzu: „und is wol thogan“.[4] Nicht immer kann er das berichten. Im hohen Seegang der Bierbegeisterung wird wohl mancher Zusammenstoß erfolgt sein. Schwerwiegende Vergehen gegen die Ordnung des Hauses finden wir jedoch nur selten vermerkt. Die warnende Tafel hat doch wohl ihre Bestimmung nicht verfehlt. Heutzutage schreckt sie niemanden mehr. Wann hat wohl der letzte Name darangestanden? Lang, lang ist’s her! Anders sind die Gäste, die im Schifferhause heute verkehren, ruhiger vor allem und weniger ausdauernd. Und wenn’s auch jetzt noch manche späten Zecher gibt, bis ‚des Morgens halb sieben‘ hat das Haus der Schiffergesellschaft wohl lange keine Gäste mehr bei sich gesehen.

„Es ändert sich die Zeit und wir mit ihr!“

Auch das Kirchenjahr mit seinen vielen Feiertagen bot alt und jung, hoch und niedrig Gelegenheit, sich an besonderen Festlichkeiten zu vergnügen, dem Frohsinn und der Erheiterung gaben die Tage vor den Fasten viele Gelegenheit. An sie reihten sich wiederum Mai-, Pfingst- und Schützenfeste und die Jahrmärkte mit Gaukelspielern, Akrobaten, Possenreißern und sonstigen Künstlern.

Mit der Zunahme des Wohlstandes wuchs das Bestreben, sich gegenseitig zu überbieten, und nicht immer vergrößerte sich damit der innere Gehalt der Vergnügungen. „Speise und Trank, Kleidung und Schmuck, Tanz und Spiel blieben für lange Zeit die vornehmsten Vergnügungen“.