Der neue ‚Iltis‘ vor Taku.

(17. Juni 1900.)

Glorreich und süß ist sterben fürs Vaterland.

Horaz.

Der neue ‚Iltis‘ verließ unter dem Befehl des Korvettenkapitäns Lans am 6. Februar 1899 den Kieler Kriegshafen. Das neue Schiff führte vier Stück 8,8 Zentimeter-Schnellfeuergeschütze und einige 3,7 Zentimeter-Revolverkanonen und hatte stärkere Maschinen als der alte ‚Iltis‘, dazu zählte die Besatzung vierzig Mann mehr.

China galt auch für den neuen ‚Iltis‘ als Reiseziel.

Der Chinese liebt den Europäer nicht, die Bezeichnung ‚roter Barbar‘ weist schon darauf hin. Kaufleute, Priester, Missionare haben zunächst am meisten zu leiden unter den Aufständen, die die Geheimbünde, an denen China so reich ist, anzetteln.

Im Jahre 1898 begann die Gesellschaft der Boxer den Kampf gegen die Europäer, die Gesandten in Peking wurden belästigt und verlangten daher Schutzwachen, zahlreiche Missionare erlagen, meuchlerisch hingeschlachtet, den Boxerbanden, die im Jahre 1900 einen großen Aufstand begannen. Wohl hatten alle Seemächte Truppen und Schiffe nach China entsandt, aber dennoch überraschte sie der Ausbruch der Unruhen, bei deren Beginn der deutsche Gesandte Freiherr von Ketteler ermordet wurde. Peking, von Boxern besetzt, die das Gesandtschaftsviertel belagerten, schwebte in großer Gefahr. Während des Anmarsches der Entsatztruppen unter Admiral Seymour hatten Teile der Landungstruppen den starken Hafen von Peking, die Takuforts, zu erobern. Die Befestigungen lagen an der Mündung des Peiho in das Meer, die meilenweiten Versandungen hinderten das Herankommen größerer Kriegsschiffe, und so konnten die vereinigten Seemächte in den Peiho nur flachgehende Kanonenboote entsenden und ihnen die Aufgabe stellen, diesen Zugang nach Peking und Tientsin offen zu halten.

Die Boote, denen die Lösung dieser Aufgabe zufiel, hießen: ‚Iltis‘ (deutsch), ‚Algerine‘ (englisch), ‚Lion‘ (französisch), ‚Bobo‘, ‚Borejets‘, ‚Hillate‘ (russisch) und ‚Atage‘ (japanisch).

Eine letzte Benachrichtigung schrieb den Chinesen vor, am 17. Juni früh die Befestigungen zu räumen, andernfalls der Angriff von beiden Seiten beginne. Dieser Mitteilung kamen die Chinesen zuvor: um Mitternacht eröffneten sie bei hellem Mondschein gegen die Kanonenboote das Feuer ihrer gutbesetzten Befestigungen. Die Schiffe, anfangs durch die Ebbe in ihrer Bewegung gehindert, fuhren um zwei Uhr in die verabredeten Gefechtsstellungen und erwiderten von jetzt an das Feuer.

S. M. S. ‚Iltis‘.

Als es heller wurde, vermochten sich die Gegner besser aufs Korn zu nehmen. Immer wirkungsvoller schossen die Forts. Kurz hintereinander trafen sechs Geschosse die Schornsteine vom ‚Iltis‘ und durchschlugen sie. Die ersten Schwerverwundeten lagen an Bord des Schiffes: Berichterstatter Herrings und Obermaat Homann. Immer heftiger wurde der kleine ‚Iltis‘ getroffen. Seine hohen Aufbauten boten ein gutes Ziel. Schüsse in die Takelage nahmen Wanten und Stage weg. Als dann in der Morgendämmerung die Landungstruppen vorrückten und die Wälle des Nordwestforts stürmten, war es die höchste Zeit, den Ankerplatz zu wechseln, so gut hatten sich die Chinesen mit den Südfortgeschützen eingeschossen. Vorwärts, langsam vorwärts ging es dann. Brausend begrüßte sich die Iltisbesatzung durch Hurrarufe mit den Landungstruppen, die das Nordwestfort, auf dem bald alle Flaggen der am Kampfe beteiligten Nationen wehten, besetzt hielten. Nur kurze Zeit feuerte der ‚Iltis‘ auf das Nordfort. Als es schwieg, richteten sich alle Geschütze, soweit sie nach Steuerbord feuern konnten, gegen die Kanonen der Südforts und bewarfen diese mit Schnellfeuer. Mit lautem Knall flog dort ein Munitionslager in die Luft. Wieder trafen sehr schwere Schüsse den ‚Iltis‘.

Ein anderer Treffer zündete die 3,7 Zentimeter-Maschinenkanonen-Munition an, so daß sie knisternd abbrannte. Binnen kurzer Zeit hatte Oberleutnant Nerger mit den Feuerlöschmannschaften das Feuer gelöscht. Ein Geschoß traf die untere Brücke und tötete den im Gang stehenden Artillerieoffizier Oberleutnant Hellmann und den neben ihm stehenden Hornisten. Kurz, Schlag auf Schlag folgten die schmerzlichen Verluste.

Eine Granate schlug unter dem Kommandoturm ein und richtete hier große Verheerungen an. „Ruder zerschossen!“ meldete der Signalmatrose; der Telegraphenposten rief: „Maschinentelegraphen und Sprachrohr zerschossen!“ — „Befehlsübermittelung an die Maschinen über Deck!“ lautete der Befehl des Kommandanten, und kaum war es gesprochen, da zuckte ein Feuerstrahl, ein Knall — und die Sprengstücke der Granate durchlöcherten den anderen Schornstein, zerschmetterten dem Kommandanten das Bein und rissen ihn zu Boden. Der Schreckensruf: „Der Kommandant ist gefallen!“ eilte durch die Räume des Schiffes.

Vizeadmiral von Lans.

Als der Pulverrauch sich verzogen hatte, stand der Führer, gestützt auf das Geländer, wieder aufgerichtet da und rief dem Steuermann zu: „Das linke Bein ist zerschossen; hier ist mein Taschentuch, schnüren Sie es über die Wunde fest um das Bein!“

Oberleutnant Hoffmann übernahm das Kommando; in einem Berichte, den er veröffentlichte und dem auch wir folgen, schreibt er: „Nun stand ich neben dem Verwundeten, der sich beim Passieren der ‚Algerine‘ noch einmal zusammenraffte und um ärztliche Hilfe hinüberrief, da unser Arzt und unsere Krankenträger durch die schweren Verwundungen alle Hände voll zu tun hatten, — dann brach der Kapitän Lans zusammen. Er wurde von mir und dem Steuermann Schmidt auf einen an Deck stehenden Munitionskasten gesetzt, bis auf den Ruf: ‚Krankenträger!‘ sich unter persönlicher Leitung des Stabsarztes diese zum Transport des Kapitäns nach dem Verbandplatz anschickten.

„Ich sah noch, wie die Krankenträger den schwerverwundeten Kapitän Lans hoch nahmen und an die Backbordtreppe brachten. Da traf uns wieder ein Schuß, der die Bereitschaftsmunition der Maschinenkanonen zum zweitenmal in Brand setzte, die im Gang liegenden zwei Leichen noch mehr verstümmelte und bei seiner Explosion die Treppe wegriß, auf der einer der Krankenträger schon stand, den verwundeten Kommandanten im Arm. Alle wurden weggerissen, durch den Luftdruck beiseite geschleudert. Ein Wunder war’s, daß sie nicht alle den Tod fanden. Um sie konnte ich mich leider nicht mehr bekümmern.“ —

Wie durch ein Wunder blieben der Arzt und seine Leute unverletzt. Den ohnmächtigen Kommandanten hatte einer seiner Matrosen in die an der Längsseite haltende Pinasse von der ‚Herta‘ getragen; hier bemühte sich der wieder zur Besinnung gekommene Stabsarzt um den Schwerverwundeten. Nach Anlage eines Notverbandes bettete man ihn sorgfältig im Boot und labte ihn durch Moselwein und Wasser.

Vor und hinter dem ‚Iltis‘ schlugen fortgesetzt Geschosse ein. Heftig erwiderte der ‚Iltis‘ das Feuer. Da — plötzlich ein Knall, der allen Schlachtenlärm übertönte: eine leuchtende Feuersäule im Südfort bewies, daß wieder ein Pulvermagazin des Feindes in die Luft geflogen war. Donnernde Hurrarufe an Deck schreckten den Feind, der denn endlich, nach langen, opferfordernden Minuten, in regelloser Flucht, im wilden Durcheinander das Fort verließ.

Mit zwei intakten Maschinenkanonen und den vorderen Schnellfeuergeschützen sandte der ‚Iltis‘ ihm noch eine Unmenge Abschiedsgrüße nach. Mit lauten, weithin schallenden Hurrarufen wurden die Forts besetzt. Der ‚Iltis‘ hatte nach beinahe sechsstündigem hartem Kampf die Feuertaufe erhalten!

Wie sah aber das gestern noch so schmucke Schiffchen aus! Überall wüste Zerstörung an den Aufbauten und Schornsteinen, Feuerspuren, Blut und Leichenteile am Deck. Etwa siebzehn Volltreffer im Schiff und viele andere durch Granaten, Schrapnelle, Vorderladerkugeln und Sprengstücke verursachte Schäden! Die Leute zum großen Teil schwarz vom Pulverqualm und Kohlenteer, zum Teil blutbespritzt, in der als Totenkammer eingerichteten Abteilung sieben Tote, im Lazarett fünf Schwerverwundete und fünfundzwanzig Leichtverwundete!

Als dann der ‚Iltis‘ hinausfuhr zur Reede, glich die Fahrt einem Triumphzug. Beim Passieren der internationalen Flotte wurde das deutsche Kanonenboot von den in Parade angetretenen Besatzungen unter Spielen der Nationalhymne mit donnernden Hochrufen begrüßt. Stolz winkte das Signal vom deutschen Flaggschiff:

„Iltis nachzueifern sei unser Stolz,

Ihm gleich zu werden, unser Ziel!“ — — —

Dann fiel der Anker — und der ‚Iltis‘ schlingerte wie sonst, als ob gar nichts passiert sei, in der bewegten See, und dabei war ein Tag dahingegangen, der wohl einzig in der Geschichte der deutschen Marine dasteht. Lebenslänglich wird er für alle Teilnehmer unvergeßlich sein, da er ein Ruhmesblatt einflocht in den Kranz unserer jungen Marine. Viel war durch dies an Opfern reiche, siegbringende Gefecht erreicht.

Ein letzter Liebesdienst mußte nun noch den Gefallenen erwiesen werden, die Bestattung im Seemannsgrabe.

Am nächsten Vormittag wurden die Särge, nachdem sie vielfach angebohrt und, um schneller untersinken zu können, mit Roststäben beschwert waren, auf dem Deck aufgebahrt. Die deutsche Flagge deckte die Särge, und darüber lagen Orden und Ehrenzeichen, Säbel und Seitengewehr. Alle deutschen Schiffe sandten Abordnungen, dazu kam die Geschwaderkapelle an Bord, zuletzt alle dienstfreien Offiziere und der Pfarrer.

Dann lichtete der ‚Iltis‘ den Anker zur letzten Fahrt für die Gefallenen, alle Flaggen wehten auf Halbstock. Fünf Seemeilen weit ging’s hinaus in die See; hier stoppte das Schiff. Nach einer ergreifenden Ansprache des Marinepfarrers spielte die Musik, und gesenkten Hauptes, nassen Auges brachten Matrosen die Särge ans Fallreep, der Trauersalut knallte als letzter Scheidegruß über die Meereswogen.

Während der Bootsmann ‚Fallreep‘ pfiff, salutierten die Offiziere, und die Mannschaft stand still. Bald verschwanden die sieben Särge auf Nimmerwiedersehen in den Fluten des Gelben Meeres. — — „Flaggen vor! Äußerste Kraft! voraus!“ So nahmen sie Abschied für immer von den braven Helden, die so ehrenvoll und ruhmreich fürs Vaterland starben! —

Am 27. Juni traf das ehrende Telegramm des Kaisers ein: „Voller Freude über die Bravour des ‚Iltis‘ und seiner Besatzung bei Taku spreche ich dem Kommandanten und der Besatzung Meine Anerkennung und Meinen Kaiserlichen Dank aus. Ich sehe, die Tapfern des alten ‚Iltis‘ sind neu erstanden, es wird Meiner Marine nie daran fehlen, dessen bin Ich sicher. Dem Kommandanten, Korvettenkapitän Lans, verleihe ich Meinen Orden pour le mérite. Für alle Offiziere und Mannschaften sind Ordensvorschläge telegraphisch einzureichen.

Ehre den Gefallenen!

gez. Wilhelm I. R.“

Deutsches Flottenlied.

Hurra! Ihr blauen Jungen,

Wohlauf an Bug und Heck!

Aus kräft’gen Seemannslungen

Laßt’s dröhnen übers Deck;

Laßt brausen durch die Meere

Den Spruch, dem keiner gleich:

Mit Gott für Deutschlands Ehre —

Hurra!

Für Kaiser und für Reich!

Hurra! Wir blauen Jungen,

Wir schirmen jeden Strand,

Wo deutscher Fleiß errungen

Ein neues Vaterland;

In eisigen Nordwinds Schauern,

Im Südhauch lind und weich

Stehn wir wie Wall und Mauern —

Hurra!

Für Kaiser und für Reich!

Hurra! Wir blauen Jungen

Sind Brüder allzumal,

Uns hält ein Band umschlungen,

Das fester als von Stahl;

Denn wo wir auch geboren,

An Düne, Strom und Deich,

Wir haben Treu’ geschworen —

Hurra!

Für Kaiser und für Reich!

Hurra! Wir blauen Jungen,

Wir führen gute Wehr;

Und wird dereinst gerungen

Zur See um Sieg und Ehr’,

Dann stehn wir jedem Rede

Und zahlen Streich mit Streich;

Wir scheuen keine Fehde —

Hurra!

Für Kaiser und für Reich!

Hurra! Wir blauen Jungen,

Wir lachen der Gefahr;

Zu Häupten, unbezwungen,

Fliegt uns des Reiches Aar;

Und sehn den Tod wir winken,

Wird keiner schwach und bleich,

Wir rufen noch im Sinken:

Hurra!

Für Kaiser und für Reich!

Reinhold Fuchs.

(Aus: „Strandgut“. Stephan Geibel, Altenburg.)

I. Geschwader im Sturm.