Die deutsche Flotte im Kampf um den Kolonialbesitz.
1. Ostafrika.
In den achtziger Jahren ließen sich an verschiedenen Stellen der afrikanischen Küste deutsche Kaufleute nieder, die von den dort ansässigen Häuptlingen der Eingeborenen Gebietsteile erwarben. Eine festere Gestalt nahmen diese Landstriche für das Vaterland an, als sich im Jahre 1884 auf Anregung Doktor Peters’ in Berlin ein Kreis von Herren zusammentat, um eine Gesellschaft für deutsche Kolonisation zu gründen. Sie erachteten als ihr Arbeitsgebiet, in außereuropäischen Ländern Ackerbau- und Handelskolonien zu schaffen. Die zur Ausführung solcher weitgreifenden Pläne nötigen Gelder wurden in verhältnismäßig kurzer Zeit beschafft. Man begann sofort mit der Ausführung des Planes, indem man die Herren Doktor Peters, Graf Pfeil und Jühlke nach Ostafrika hinaussandte.
Diesen kühnen Männern gelang es, eine Reihe Verträge mit den Häuptlingen der Eingeborenen abzuschließen, so daß ein Gesamtgebiet von über zweitausend Quadratmeilen von ihnen erworben wurde. Diese Bezirke konnten dann im Jahre 1885 unter den Schutz des Deutschen Reiches gestellt werden.
Gegen das Auftreten der Deutschen im Küstengebiete Ostafrikas wandte sich der Sultan von Sansibar, und ihm mußten erst die in die dortigen Gewässer gesandten Schiffe ‘Prinz Adalbert‘, ‘Stosch‘, ‘Elisabeth‘ und ‘Gneisenau‘ Achtung vor der deutschen Macht einflößen. Als die deutsche Flottenmacht gegenüber dem Sultanspalaste vor Sansibar lag, willigte er in die von deutscher Seite aufgestellten Forderungen und erkannte Deutschlands Oberhoheit über die Küstenbezirke an.
Die junge Kolonie sollte sich nicht ungetrübt entwickeln. Das Eindringen der deutschen Kaufleute als Kulturpioniere paßte den im Küstenstriche ansässigen arabischen Händlern durchaus nicht, ihre Macht schwand, und da die herrschende Gewalt auf das Deutschtum überging, sahen sie sich in ihren Einkünften geschmälert, zumal auch jetzt Ernst gemacht wurde in der Bekämpfung des Sklavenhandels, der bis dahin ein gutes Geschäft für die farbigen Händler bildete. Der offene Aufstand begann. Die noch nicht hinreichend befestigten Stationen fielen den Aufständischen im ersten Ansturm in die Hände. Gewalt und grauenhafte Taten wurden von den aufständischen Eingeborenen und Arabern verübt, das Hinterland der Kolonie befand sich im hellen Aufstande. Wenn nicht alles verloren gehen sollte, mußte kraftvoll eingegriffen werden. Im Küstengewässer waren zu Beginn des Aufstandes nur die Korvetten ‚Leipzig‘ und ‚Sophie‘, sowie der Kreuzer ‚Möwe‘ anwesend; die von diesen Schiffen gelandeten Marinemannschaften hatten die Ehre der deutschen Flagge zu wahren, sie mußten den ersten Ansturm aushalten, bis neue Verstärkungen aus dem Heimatlande herankamen.
Im August des Jahres 1888 begann der Aufstand im Norden des Schutzgebietes, in Pangani; dort weigerte sich der Wali des Ortes, den von der Ostafrikagesellschaft eingesetzten Bezirkshauptmann anzuerkennen. Das Erscheinen des Kreuzers ‚Möwe‘, dem bald die ‚Carola‘ folgte, genügte, um den Widerstand des Walis zu brechen. Von seiten der Schiffsleitungen sah man davon ab, die Schwarzen zu bestrafen, und dadurch schwoll diesen der Mut. In Tanga, Bagamoyo und anderen Küstenplätzen begann die offene Empörung.
Am 6. September 1888 lag der Kreuzer ‚Möwe‘ vor Tanga. Ein Marineboot, das ans Land fuhr, um Lebensmittel aufzukaufen, wurde vom Lande her mit Schüssen empfangen. Die Mannschaft sah sich gezwungen, zurückzukehren. In verstärkter Zahl kam eine Landungsabteilung von vierzig Matrosen zurück, die Schiffsgeschütze der ‚Möwe‘ feuerten in die arabischen Linien hinüber, dazu drang die in Schützenlinie aufgelöste Abteilung unter lebhaftem Gewehrfeuer vor. Die Araber mußten den erstürmten Ort räumen. Glücklicherweise gab es auf deutscher Seite nur zwei Verwundete, die zur Pflege in ein Lazarett nach Sansibar kamen. Große militärische Erfolge zu erreichen, war sehr schwer, überall gelang es dem Feind, zu entwischen, wenn die Landungsabteilungen in die Küstenortschaften einmarschierten. In Berlin glaubte man nicht an eine ernste Gefahr; das Kreuzergeschwader erhielt Befehl, nach Südafrika zu fahren. Erst durch einen gegen den Geschwaderführer Konteradmiral Deinhardt geplanten Anschlag sah man, daß man einer planmäßig vorbereiteten Empörung gegenüberstand.
Das Zentrum des feindlichen Aufstandes bewegte sich um die wichtigen Niederlassungen Bagamoyo und Daressalam. In Bagamoyo führten die aufständischen arabischen Rebellen Greuel der verschiedensten Art aus. Die von der Korvette ‚Leipzig‘, die vor Bagamoyo ankerte, gesandte Matrosenabteilung konnte gleichfalls, unterstützt von den Kanonen des Kriegsschiffes, den Ort stürmen und besetzen. Unter Zurücklassung zahlreicher Toter und Verwundeter entfloh der Feind wieder ins Innere des Schutzgebietes. Dreißig Matrosen blieben zum Schutze der Station zurück. Jetzt begannen die Wogen des Aufstandes höher zu schlagen.
Buschiri, der Halbblut-Araberhäuptling, stellte sich an die Spitze der ganzen Bewegung und entwickelte sich mit der Zeit zu einem gefährlichen Gegner. Die Flotte begann zunächst eine Blockade der Küste, um dadurch den Handel der Araber lahmzulegen, ferner wurde ihnen dadurch die Zufuhr von Waffen aller Art abgeschnitten, und insbesondere wurde der Sklavenhandel gehindert. Am 6. Dezember begann die Blockade durch sechs Schiffe der deutschen Marine mit einer Besatzung von 1337 Mann; ihnen schlossen sich englische und italienische Schiffe an. Energisch haben die deutschen Kriegsschiffe das Werk angegriffen.
Um die flachgehenden arabischen Sklavenfahrzeuge abzufangen, wurde ein ausgedehnter Bootsdienst bei Tag und Nacht eingerichtet, der außerordentlich beschwerlich war und die Mannschaften sehr anstrengte. Oft kamen sie nicht aus den Booten und mußten aus den Negerdörfern Nahrungsmittel holen, um keine Zeit mit der Rückkehr zu den weit draußen liegenden Schiffen zu verlieren. Sie hatten alle Unbilden der Witterung, brennende Hitze, schweren Regen, Sturm und See in ihren offenen Booten auszuhalten. Trotzdem erlahmten sie nicht und taten in treuester Pflichterfüllung ihre volle Schuldigkeit. Manche Heldentat wurde dabei von den braven deutschen Seeleuten ausgeführt. Dazu ein Beispiel:
Der Leutnant zur See von Bredow erspähte des Nachts einmal eine große arabische Dhau, die er mit seinem Boote, das mit fünf Matrosen besetzt war, zur Untersuchung anhielt. Als das Marineboot anlegte, traten den Deutschen plötzlich achtundzwanzig Araber schußfertig entgegen, doch der Ernst der Lage erschreckte von Bredow nicht. Sein sicheres und besonnenes Auftreten schüchterte die Araber so sehr ein, daß die anderen, auf die gegebenen Signale herbeieilenden Boote der Marine, ohne weiteren Widerstand zu finden, die Araber gefangennehmen konnten.
Diese Zeiten des Kampfes in den Jahren 1888/89 brachten für die Mannschaften unserer Marine schwere Gefahren mit sich, und wer die Geschichte unserer Kolonien verfolgt, wird dankbar auf die Taten der deutschen Seeleute stoßen. Der beschwerliche Wachtdienst in den Booten wurde unterbrochen, wenn es zu Kämpfen auf dem Festlande kam, denn auch dort dauerten die Kämpfe unentwegt fort. Buschiri, der kühne Araberhäuptling, schuf sich zwischen Bagamoyo und Pangani einen festen Stützpunkt, um von hier aus seine Räuberbanden nach allen Seiten bequem aussenden zu können. Er glaubte sich um so sicherer an diesem Platze, als die deutschen Schiffsbesatzungen vorläufig nur Bagamoyo und Daressalam hielten; er spottete der ‚feigen Weißen‘. In Deutschland war man jedoch zur Erkenntnis gekommen, daß nur eine durchgreifende Änderung erzielt werden würde, wenn man kraftvoller gegen diesen Häuptling vorginge. Zur Lösung dieser Aufgabe war Major Wißmann ausersehen.
Unentwegt hatte inzwischen Buschiri bald Bagamoyo, bald Daressalam gestürmt, aber immer wieder mußten seine Scharen mit blutigen Köpfen heimkehren. Am 25. Januar und am 3. März 1889 fanden besonders heftige Angriffe statt. Mit dem 4. März desselben Jahres verhängte Admiral Deinhardt, der den Oberbefehl über die deutschen Schiffe innehatte, die Blockade auch über Sansibar, und acht Tage später das Standrecht über den ganzen Küstenstrich von Bagamoyo bis Daressalam. Im April traf Wißmann ein, und im Mai 1889 ging er zum Angriff über, als seine Truppen zur Stelle waren und die notwendigsten Vorbereitungen dies erlaubten.
Admiral August Deinhardt.
Der Bericht des Reichskommissars über die Erstürmung des feindlichen Lagers lautet:
„Nach Verständigung mit dem Chef des Kreuzergeschwaders, Herrn Konteradmiral Deinhardt, beschloß ich, sofort in Aktion zu treten. Den eingegangenen Berichten zufolge hatte Buschiri seine Streitkräfte in der Stärke von sechshundert bis achthundert Mann in einem etwa eineinhalb Stunden von Bagamoyo gelegenen, nach afrikanischen Begriffen außerordentlich starken Lager versammelt.
„Die Durchführung unseres Angriffes wurde auf den 8. Mai festgesetzt. Wir brachen um sieben Uhr morgens auf. Der Weg führte uns anfangs auf den Kamm des an der Küste entlanglaufenden Höhenzuges. Ungefähr um acht Uhr wurde dieser schöne, mit Palmen und Fruchtbäumen dichtbewachsene Höhenzug verlassen, und ein ungefähr neunhundert Meter breites, schattenloses, sumpfiges, mit fast mannshohem Grase bewachsenes Tal lag vor uns. Glühend heiß brannte die Sonne auf dasselbe herab, kein Luftzug machte sich fühlbar, ein übler Geruch entströmte den morastigen Stellen, welche den Marsch außerordentlich erschwerten.
„Nach dem Überschreiten des Tales wurde wieder auf dem Höhenzuge entlangmarschiert. Auf diesem lag in einem Palmenhain Buschiris Lager. Dasselbe war weithin sichtbar und bot den Anblick einer hohen, aus dicht aufgestellten Baumstämmen bestehenden Verschanzung. Nachdem wir bis auf sechshundert Meter an das feindliche Lager herangekommen waren, schwärmte der Vortrupp sofort aus, während die Artillerie — drei Geschütze — Aufstellung in der Schützenlinie nahm. Die Marineabteilung unter Korvettenkapitän Hirschberg von S. M. S. ‚Schwalbe‘ stand dicht hinter dem Vortrupp beziehungsweise der Artillerie. In dieser Formation wurde bis auf zweihundertfünfzig Meter an das Lager herangegangen. Beim ersten Sprung auf zweihundert Meter begann das Feuern aus dem Lager, das unsererseits nicht erwidert wurde. Als jedoch bald darauf der weiße Reitesel Buschiris vor dem Lager erschien, beschoß ich und verwundete scheinbar das dem wohlbeleibten Buschiri notwendige Mittel zur Flucht, auch war dieser Schuß das Zeichen zum Beginn des Feuers auf der ganzen Linie. Das Feuergefecht wurde auf beiden Seiten ein sehr heftiges. Zugleich trat im Lager ein Geschütz, mit Eisenstücken geladen, in Tätigkeit. Wir schossen uns sprungweise bis auf hundert Meter an das Lager hinan. Nachdem das Schnellfeuer etwa eine Minute gedauert hatte, gab ich auf Verabredung mit Korvettenkapitän Hirschberg den Befehl, das Seitengewehr aufzupflanzen und zur Attacke vorzugehen. Die Sudanesen des Freiherrn von Gravenreuth waren zuerst an den Palisaden und Leutnant Sulzer der erste am Lager. In der Front brachen gleichzeitig die Matrosen unter Korvettenkapitän Hirschberg und die Askaris unter Freiherr von Eberstein ein. Den Matrosen voraus, nicht wartend, bis Bresche gerissen war, überklomm Leutnant zur See Schelle die Palisaden und wurde im Lager tödlich getroffen. Während jetzt die Matrosen die Palisaden soweit niedergerissen hatten, daß Mann hinter Mann eindringen konnte, war Freiherr von Eberstein mit den Askaris durch eine eingerannte Tür gedrungen. Nun wurde alles, was sich im Lager befand, niedergemacht. Die Flüchtlinge ließ ich noch eine Strecke verfolgen, bis das hohe Gras den Nachstürmenden ein Ziel setzte. Buschiri selbst soll nur mit Mühe entkommen sein. Erbeutet wurden zwei arabische, mit Koransprüchen beschriebene Geschütze und eine Menge anderer Waffen. Ferner fielen den Soldaten drei Kisten mit 6000 Rupien in die Hände. Nach zuverlässigen Nachrichten soll sich der Verlust des Gegners auf hundertsechs Mann belaufen.“ —
Die günstigen Folgen des Sieges blieben nicht aus. Viele Orte unterwarfen sich der deutschen Oberhoheit, und wo sich Eingeborene und Araber nicht freiwillig unterwarfen und sich noch aufsässig zeigten, gingen die Land- und Seetruppen gegen die Aufsässigen vor. Ungeheure Strapazen haben die deutschen Seeleute damals zu ertragen gehabt. Das feuchtheiße afrikanische Klima, vereint mit den Anstrengungen mußte naturgemäß zeitweise zu Krankheitserscheinungen führen. Die Erfolge der deutschen Waffen mehrten sich; nachdem der Küstenstrich in Besitz genommen war, folgte das Innere. Im Dezember des Jahres 1889 konnte die Blockade aufgehoben werden. Der Handel kam wieder zur Geltung; selbstverständlich blieb der Sklavenhandel für immer verboten.
2. Die Opfer der Samoainseln.
Schon in den siebziger Jahren bildeten die Samoa- oder Schifferinseln eine wichtige Station für die deutschen Handelsbeziehungen in der Südsee. Die Natur hat gerade über diese Inselwelt ihre Schätze in verschwenderischer Pracht ausgeschüttet und ihnen ein Klima gegeben, das sie mit Recht den Namen ‚Paradies der Südsee‘ führen läßt. Doch nicht ungetrübt können wir diese Inselwelt nennen, ohne der schweren Opfer zu gedenken, die hier zur Ehre des deutschen Namens fielen oder umkamen im Wüten der aufgeregten Elemente. Die für das Deutsche Reich so schicksalsschweren Jahre 1888/89 brachten hier der deutschen Marine große Verluste.
Bereits seit dem Jahre 1872 tobten auf diesen Inseln Kämpfe zwischen zwei Parteien, in die oft genug unsere dort anwesenden Kriegsschiffe eingreifen mußten.
Im Jahre 1876 wurden von beiden Gruppen die dortigen deutschen Niederlassungen als neutraler Boden anerkannt; dieser Vertrag erfuhr 1877 eine Erweiterung, die bestimmte, daß die Insulaner versprachen, die deutschen Rechte auch gegen eine Benachteiligung von anderer Seite zu sichern.
England und Nordamerika versuchten im Laufe der Zeit zum Schaden der deutschen Handelsbeziehungen ihren Einfluß geltend zu machen. Daneben nahmen die Parteikämpfe weiter ihren Fortgang. Entgegen den abgeschlossenen Verträgen wurden im Jahre 1879 auf neutralem Boden sogar Befestigungen angelegt. Unter der geschickten Leitung des Kapitäns zur See Deinhardt, der die damalige Kreuzerfregatte ‚Bismarck‘ führte, die zum Schutze der deutschen Faktoreien herbeigerufen war, gelang es, die Beseitigung der Befestigungen zu erreichen, desgleichen auch Frieden zu stiften und die Anerkennung Malietoas als König über sämtliche Samoainseln durchzusetzen.
Der Untergang des „Iltis“.
Von Professor Hans Petersen.
England und Nordamerika zogen in geschickter Art den neuen König auf ihre Seite und hetzten ihn gegen Deutschland auf, und fortdauernde Parteikämpfe blieben nicht aus. Sie wären vermieden worden, hätte der deutsche Reichstag die überreichte Regierungsvorlage, die eine Garantie des Reiches für eine neu zu gründende Seehandelsgesellschaft auf Samoa und anderen Südseeinseln forderte, angenommen. Der nächste Reichstag zeigte sich den kolonialen Bestrebungen günstiger, und damit entschied sich auch die Zukunft Samoas.
Malietoas, der Feind der deutschen Regierung, war in die Verbannung geschickt und an seine Stelle Tamasese zum König ernannt worden. Den geschickten Wühlereien der Fremden gelang es, auch ihm Feinde zu erwecken. Die Folge davon war ein neuer Bürgerkrieg, der besonders von Mataafa, einem Unterhäuptling, geschürt wurde. Die vor Apia anwesenden deutschen und fremden Kriegsschiffe griffen in die Streitigkeiten der kriegslustigen Eingeborenen nicht ein. Tamasese flüchtete im Laufe des Streites in die deutsche Plantagengebietszone, und nur durch eine energische, starke Bewachung konnte diese vor Beschädigungen bewahrt werden.
Auf Verfügung des Konsuls erhielten die deutschen Kriegsschiffe ‚Olga‘, ‚Adler‘ und ‚Eber‘ Befehl, vor Apia sich einzufinden, um den Schutz der deutschen Kaufleute und Farmer zu übernehmen. Einer Verabredung gemäß sollten am 18. Dezember die Rebellen ihre Waffen niederlegen; auch Tamasese erhielt diese Aufforderung.
In den frühen Morgenstunden verließen neunzig Mann der Besatzung der ‚Olga‘ auf einem Prahm das Kriegsschiff, ferner in zwei Booten noch weitere fünfzig Mann, die Führung der Landungsabteilung hatte Kapitänleutnant Jäckel, gelandet sollte werden bei der deutschen Pflanzung Hufnagel in Vailele. Von den geheim betriebenen Vorbereitungen erhielten die Samoaner Kenntnis. Am Abend des 17. Dezember lief in der Stadt das Gerücht um, daß bei der ‚Olga‘ Anhänger Tamaseses versteckt seien, die in der Nacht landen wollten, um Mataafa zu überfallen. Als die Boote der ‚Olga‘ abfuhren, erging von allen Seiten der Ruf an die Bewaffneten, die sich am Strande aufhielten, sich bereit zu machen. Binnen kurzer Frist hatten sich fünfhundert Anhänger Mataafas am Strande versammelt unter Anführung des Deutsch-Amerikaners Klein. Die am Strande gedeckt durch Buschwerk vorlaufenden Samoaner hielten sich in gleicher Höhe mit den deutschen Landungsbooten. Der Prahm entfernte sich von den beiden anderen Booten, da diese bei ihrem größeren Tiefgang in der Nähe des Landes nicht so schnell fortkamen. Als der Prahm in die Nähe des Ufers kam, sprangen die Matrosen auf den flachen Strand, und dabei erhielten sie plötzlich ein überraschendes Salvenfeuer. Der Angriff auf die deutschen Seeleute durch eine zehnfache Übermacht gestaltete sich trotz der wiederholten Vorstöße immer gefährlicher. Auch die Besatzungen der beiden Boote, die nach Vailele ruderten, wurden angegriffen. Die deutschen Matrosen wären verloren gewesen, hätten nicht durch das Eingreifen des ‚Adler‘ und ‚Eber‘ die Granaten die Aufrührer zurückgedrängt und in die Flucht geschlagen. Schwere Verluste erlitt die Landungsabteilung: zwei Offiziere und dreizehn Mann tot und sechsunddreißig Verwundete. Es waren schwere Opfer eines frevelhaft heraufbeschworenen Kampfes, die Sühne durfte nicht ausbleiben. Die Dörfer der Aufständischen wurden am nächsten Tage in Brand geschossen; leider konnte man des Anführers Klein nicht habhaft werden. Für friedliche Verhandlungen war die Bahn wohl frei, aber die verwickelte Lage dauerte fort. Weil die Fortsetzung der Verhandlungen sich so lange hinzog, blieben die deutschen Schiffe noch weiterhin vor Apia.
Am 15. März 1889 brach ein furchtbarer Orkan los, dessen Verheerungen in Apia und auf den davorliegenden Koralleninseln ein unsägliches Unglück anrichtete. Wohl ruhten von der deutschen Marine schon damals zwölf Schiffe mit Mann und Maus auf dem Grunde des Meeres, aber ein so großes Unglück, wie es der Märztag vor Apia brachte: zwei Schiffe auf einmal zu verlieren, hatte die deutsche Flotte bis dahin noch nicht betroffen. Die Augenzeugen jener denkwürdigen schrecklichen Sturmtage wissen davon zu berichten. Noch niemals wütete auf den Samoainseln ein so furchtbarer Sturm. Kurze Zeit vor dem 15. März ward das Wetter immer trübe, dazu fiel ständig das Barometer, aber niemand vermutete den Ausbruch eines derartig verheerenden Orkans, wie er tatsächlich in den Nachmittagsstunden am 15. März losbrach. Nachts arbeiteten die Maschinen, um den ungeheuren Druck zu mindern, den der Orkan auf die Ankerketten ausübte. Die Besatzungen der im Hafen liegenden Segelschiffe ließen meist Reserveanker fallen und gingen dann an Land. Um Mitternacht begann es zu regnen. Noch immer wuchs der Orkan. Vom Meere her drangen mächtige Seen in den Hafen, und die Gewalt der Wasserwogen trieb die Kriegsschiffe wie Nußschalen hin und her. Gegen Mitternacht verloren die Anker des ‚Eber‘ den Halt; unter Ausnutzung der vollen Dampfkraft hielt sich das Schiff noch von den gefährlichen Korallenriffen und den übrigen ankernden Fahrzeugen fern.
Unaufhaltsam stieg die Wucht des Sturmes, immer stärker rauschte der Regen herab. In der frühen Morgenstunde war das Wetter einfach grausig. Die sämtlichen Anker der Kriegs- und Handelsschiffe verloren ihren Halt, und jetzt bestand die Gefahr, daß die wild durcheinandergeworfenen Schiffe zusammenstießen. Auf einzelnen amerikanischen Kriegsschiffen brach eine Panik aus, und nur mit Mühe konnten die Offiziere Ordnung und Ruhe erhalten.
Die Bewohner der Stadt waren an den Meeresstrand geeilt. Die Eingeborenen schienen die Gefahr und die Lage der Schiffe zu kennen, denn ihre volle Aufmerksamkeit galt besonders den draußen hin und her geworfenen Kriegsfahrzeugen. Wohl sah man die Lichter der Kriegsschiffe glänzen, aber da diese fortwährend hin und her geschleudert wurden, erwarteten die Eingeborenen jeden Augenblick, daß zwei Schiffe aneinanderrennen und in der Tiefe versinken würden.
In der fünften Morgenstunde begann es leicht zu tagen, und ein schauriges Schauspiel offenbarte sich den ängstlich harrenden Zuschauern. Der tobende Nordoststurm hatte sämtliche Fahrzeuge von ihren Ankerplätzen losgerissen und trieb sie alle dem Riff zu. Mächtige Rauchwolken schossen aus den Schornsteinen auf; sie bewiesen, daß man auf den Schiffen alle Anstrengungen machte, der gefährlichen Lage Herr zu werden, und mit voller Maschinenkraft gegen den Ozean ankämpfte, so gut es ging. Auf den Schiffsdecken standen die Mannschaften und hielten sich am Maste oder im Takelwerk, oder suchten einen Halt. Die Schiffe glichen einem Spielball der Wellen, die sie hin und her schleuderten; alle Kraftanstrengungen waren vergebens. Die deutschen Schiffe ‚Adler‘, ‚Eber‘ und das amerikanische Kriegsschiff ‚Nipsic‘ lagen dicht beieinander. Unaufhaltsam trieben sie dem Riff zu. Noch wenige Meter vom Riff entfernt versuchte der ‚Eber‘ seinem Schicksal zu entgehen. Vergebens!
Die starke See trieb das Kanonenboot etwas ab, so daß es mit dem Vorderteil die Breitseite der ‚Nipsic‘ traf, die durch den Zusammenstoß ein Boot und einen Teil der Schanzkleidung verlor. Der von den Wellen zurückgeworfene ‚Eber‘ stieß dann mit der Korvette ‚Olga‘ zusammen, ohne daß sie beide beschädigt wurden. Langsam drehte sich der ‚Eber‘ und trieb nun seinem unentrinnbaren Schicksal, der Strandung auf dem Riff, entgegen. Die Kraft des kleinen Kanonenbootes war verbraucht, und da es mit der Breitseite dem Winde zu lag, brachen gewaltige Sturzwellen über das Kriegsfahrzeug herein; sie trieben es immer rascher dem verderbenbringenden Korallenriff zu. Noch eine riesige Woge stürmte heran, hob das Schiff wie ein Holzschifflein in die Höhe und schleuderte es dann mit der Breitseite auf das Riff. Es gab einen entsetzlichen Stoß, Wellen auf Wellen stürmten heran, und in wenigen Augenblicken war das stolze Schiff spurlos verschwunden. Mit dem Kiel hatte das Schiff zuerst das Riff getroffen, rollte dann völlig über die Seite und verschwand im tiefen Wasser. Jeder Balken des Kanonenbootes mußte zersplittert worden sein, und die meisten Leute der unglücklichen Besatzung wurden jedenfalls zermalmt, ohne zu fühlen, daß die See über ihnen zusammenschlug.
Die bei Apia gestrandeten Schiffe nach dem Orkan.
Das schreckliche Unglück geschah im Angesichte der vielen Zuschauer am Strande. Ein angstvoller Augenblick lähmte die Entschlußkraft der Eingeborenen, dann aber brach ein Schrei des Entsetzens los, und tollkühn stürmten die Samoaner mit ihren Booten in die Brandung hinein, um Ausschau zu halten, ob nicht irgendeiner der unglücklichen Schiffbrüchigen wieder auftauchte aus dem wütenden Meer. Die Fehde mit Deutschland, der Gedanke an den Feind war vergessen, man wollte retten, soweit man konnte. Fast schien es, als ob alles Leben mit dem Schiffe seinen Untergang gefunden hätte, aber bald sah man, wie einige der Unglücklichen gegen die Wellen ankämpften. An einem kleinen Inselchen klammerte sich ein Mann fest: man holte ihn heraus, es war der Leutnant zur See Gaedeke, der einzige gerettete Offizier vom ‚Eber‘. Fast betäubt vom Kampf gegen die Meereswellen, konnte der Offizier sich nicht zurechtfinden, er brach beinahe zusammen, als er die Schwere des Unglücks erfuhr. Im Augenblick des Zusammenstoßes stand Leutnant Gaedeke auf der Kommandobrücke. Als er an die Oberfläche des Wassers kam, fühlte der Gerettete, wie er dem Strande zutrieb, an dem er denn auch glücklich Rettung fand. Ferner erreichten von der Besatzung des ‚Eber‘ noch der Steuermann und vier Matrosen, die in der Brandung mit dem Tode rangen, glücklich das Land.
Die bei Apia gestrandeten Schiffe nach dem Orkan.
‚Eber‘ ging in der sechsten Morgenstunde unter. Während der durch die Katastrophe hervorgerufenen allgemeinen Verwirrung und Aufregung verlor jedermann für einen Augenblick die Lage der anderen Fahrzeuge aus den Augen. Aber schon bald zeigte sich, daß auch diese sehr kritisch war. Der ‚Adler‘, durch die ganze Bucht hindurchgeschleift, stieß mit der ‚Olga‘ zusammen, dann befand sich der ‚Adler‘ in allernächster Nähe des gefährlichen Riffs, auf dem das gescheiterte Kanonenboot lag, dessen Schicksal auch ihm beschieden war. Eine ungeheure See warf ihn hoch auf das Riff, wo er aufgekantet liegen blieb. Seine Mannschaft wurde ins Meer geschleudert. Doch ein Glück im Unglück bestand darin, daß das Schiff sich vollständig auf die Seite legte und aus dem Wasser herausragte. Das Schiffsdeck stand senkrecht zum Korallenriff, und diese Seite des Schiffes lag der sturmfreien Himmelsrichtung zugekehrt. Hundertdreißig Offiziere und Mann befanden sich an Bord des Kriegsschiffes; trotzdem sie ins Wasser fielen, konnten hundertzehn von ihnen gerettet werden. Zwanzig Mann ertranken, außerdem erhielt eine Reihe schwere Verletzungen. Zu den Verletzten gehörte auch der Befehlshaber des deutschen Geschwaders, Korvettenkapitän Fritze.
Durch Umsicht und Tatkraft gelang es den Eingeborenen, Taue an dem Wrack zu befestigen, die das Deck mit dem Ufer verbanden. Mit Hilfe dieser Verbindungsstraße wurden zahlreiche Seeleute gerettet. Lange hielt sich jedoch dieser Rettungssteg nicht, und so mußte der nicht gerettete Teil der Besatzung sich am Deck des Wracks festklammern und noch den Tag und die ganze Nacht dort aushalten, ehe der Sturm soweit an Gewalt nachließ, daß es gelang, mit Booten vom Ufer aus an das Schiff zu kommen. Die ungeheuren Anstrengungen hatten diesen Teil der Mannschaft völlig erschöpft.
Das amerikanische Kriegsschiff ‚Nipsic‘ hatte sich unter Volldampf gegen den Wind gehalten, stieß dabei zweimal mit der ‚Olga‘ zusammen und bohrte den Schoner Lily in den Grund, von dessen Besatzung nur ein Mann gerettet wurde. Beim zweiten Zusammenstoß traf die ‚Olga‘ den ‚Nipsic‘ so schwer, daß der Schornstein brach und umfiel, auch die Maschine wurde gebrauchsunfähig. Dem stark betroffenen Amerikaner schien das Schicksal des Kanonenboots ‚Eber‘ gewiß zu sein. Dem beschloß der Kapitän zuvorzukommen und das Schiff auf die Sandbank zu setzen. Eine geringe Dampfkraft der Maschine, dazu die Ruderkraft reichten aus, um das Schiff von der gefährlichen Riffstelle forttreiben zu lassen; auf einer weiter nördlich gelegenen Sandbank lief das Schiff auf. Als die Boote ausgesetzt wurden, schlug eines um, und sieben Mann der Besatzung ertranken.
Schwierig gestaltete sich der Abstieg von dem von Sturzwellen überschütteten Wrack, und wieder halfen die Samoaner nach besten Kräften. Mit Hilfe von Tauenden, die sie an Bord geworfen hatten, ließ sich die Mannschaft nach und nach hinab; unten fingen die bereitstehenden Eingeborenen sie auf. Die beiden kleinsten Schiffe der im Hafen vereinigten Flotte, ‚Eber‘ und ‚Nipsic‘, hatten ihren Untergang gefunden, die größeren, darunter auch die ‚Olga‘, blieben noch flott.
Unentwegt tobte der Sturm weiter. Englische und amerikanische Schiffe kollidierten. Besonders das amerikanische Schiff ‚Trenton‘, das sich bis in die Morgenstunden gut hielt, hatte seit zehn Uhr morgens keinen Dampf; dazu war die Ruderstange gebrochen, und das hereinströmende Wasser löschte die Kesselfeuer. Der Versuch, das Hereinströmen des Wassers durch die Ankerklüsen zu hindern, gelang nicht mehr. Im Schiffe verließen die Heizer erst ihre gefährlichen Posten, als sie bis an die Hüften im Wasser standen. Das zur Beruhigung der Wellen in reichem Maße ausgegossene Öl richtete in dem wütenden, tobenden Elemente nichts aus. Hilflos trieb das amerikanische Kriegsschiff auf die ‚Olga‘ zu, deren Kommandant Kapitän von Ehrhardt die Gefahr erkannte. Er ließ die Anker fallen, dazu die Maschinen mit voller Kraft arbeiten. Es half jedoch nichts. Der unvermeidliche Zusammenstoß kam, beim ‚Trenton‘ zersplitterten schwere Balken am Heck des Schiffes, auf der ‚Olga‘ barst der Bugspriet. Nach dem Zusammenstoß kamen beide Schiffe wieder frei, und Kapitän von Ehrhardt ließ die ‚Olga‚ nach der an der Ostseite des Hafens gelegenen Schlammbank steuern und hier auf den Strand setzen. Nur mit äußerster Kraft erreichte das deutsche Schiff die Schlammbrücke, in die es sich sicher einbettete. Wohl gingen in der Nacht die Sturzwellen fortwährend über das Schiff hinweg, sie raubten ihm jedoch keine Menschenleben. Der ‚Trenton‚ trieb nach dem Zusammenstoß mit der ‚Olga‚ weiter. Kurz vor seinem Auflaufen spielte die Musikkapelle am Bord des Schiffes, um die Furchtlosigkeit zu beweisen, die amerikanische Nationalhymne: ‚das sternenbesäte Banner‘. Das gestrandete Schiff füllte sich sehr rasch mit Wasser, es blieb aber noch so viel Raum oberhalb der Wasserlinie über, um der bedrohten Mannschaft Schutz zu bieten; von ihr ging niemand verloren.
Als dann am 17. März die Gewalt des Sturmes nachließ, übersah man den Schauplatz der schauerlichen Tragödie, die sich hier abgespielt hatte, und die der deutschen Marine einen schweren Verlust brachte, aber auch bewies, daß deutsche Seeleute im Unglück eine unerschrockene Haltung zu bewahren und mannhaft zu sterben wissen.
„Nicht ertrunken sind unsere Kameraden,“ so rief der Kaiser, „sondern gefallen, ihre Pflicht bis zum letzten Augenblick erfüllend. Nachdem sie siegreich gegen Menschenhand gefochten, fanden sie im mutigen Kampfe gegen die entfesselten Elemente ihren rühmlichen Tod! Gott hat es so gewollt! Auch so starben sie den Tod für Kaiser und Reich!“
3. Die Helden des Kanonenboots ‚Iltis‘.
Admiral Tirpitz hatte im Juli 1896 die Kreuzerdivision, die aus den Schiffen ‚Kaiser‘, ‚Prinzeß Wilhelm‘, ‚Irene‘, ‚Arkona‘, ‚Kormoran‘, sowie dem Kanonenboot ‚Iltis‘ bestand, vor der Reede von Tschifu zusammengezogen, um eine angekündigte Mannschaftsablösung zu erwarten. Wiederholte Landungsmanöver wurden hier ausgeführt, da die Küsten- und Bodenverhältnisse eine günstige Gelegenheit dazu boten. Besondere Umstände, die auf sanitärem Gebiete lagen, verursachten, daß die Kreuzerdivision nach dem Norden Japans ging, während das Kanonenboot ‚Iltis‘, das vom Kapitänleutnant Braun kommandiert wurde, als Stationsschiff an der langgestreckten chinesischen Küste die deutsche Flagge zeigen sollte. Dieses Sommerkommando war keineswegs beneidenswert, weil Hitze und Moskitos die Seeleute sehr plagten. Am 23. Juli lief der ‚Iltis‘ aus Tschifu aus. Das Wetter war drückend heiß. Von den Philippinen her war ein gewaltiger Taifun im Anzuge. Nebel und Regen erschwerten die Ortsbestimmung. Dazu tobte der Orkan an der felsenreichen Küste Schantungs mit der Windstärke elf bis zwölf. Arge Besorgnisse herrschten über das Schicksal des ‚Iltis‘ bei der Kreuzerdivision, da dem kleinen Kanonenboot nur eine schwache Maschine zur Verfügung stand. Man nahm aber an, daß der ‚Iltis‘ den Hafen Wei-hai-wei als Nothafen anlaufen werde; um so mehr vertröstete man sich mit dieser Annahme, als ein chinesischer Bote die Mitteilung brachte, mehrere Schiffe seien in den Hafen eingelaufen. Erst am 28. Juli traf beim Flottenflaggschiff die Nachricht ein, daß der ‚Iltis‘ am 23. Juli 1896 zwischen zehn und elf Uhr nachts gestrandet und ganz verloren sei. Alle die Besorgnisse, die beim Herannahen des Taifuns gehegt wurden, hatten sich erfüllt. Das Schiff und die tüchtige Mannschaft waren verloren, die prächtigen Menschen lagen am Meeresgrunde oder als verstümmelte Leichen auf den Felsenriffen Schantungs. Ein Schreiben des Schiffsschreibers vom ‚Iltis‘ traf durch einen chinesischen Boten ein; hierdurch erst wurde die ganze Schwere des Unglücks offenbar. Die Schiffe ‚Arkona‘ und ‚Kormoran‘ dampften sofort nach der Unglücksstätte ab, um zu retten, was zu retten war. Während die ‚Arkona‘ bei der Strandungsstelle blieb, brachte der ‚Kormoran‘ die elf Geretteten zum Flottenflaggschiff; hier mußten sie neu eingekleidet werden, da sie alles verloren hatten. Am anderen Tage begab sich das Flaggschiff nach dem Felsenriff, das bei Flut und Sturm ganz unter Wasser liegt, bei Ebbe etwa einen Meter aus diesem hervorragt als zackige Felsenkante, scharf wie ein Messer. Wer auf dieses Riff geworfen wird, den zerschneiden die Felskanten, daher erklärt es sich auch, daß so wenig Leichen gerettet wurden, und die, die man rettend barg, zerfetzt waren.
Wie geschah das folgenschwere Unglück? Folgen wir den Ereignissen an Bord des Kanonenbootes. Am Mittag des Unglückstages dampfte der ‚Iltis‘ bei dem Hafen Wei-hai-wei, die Gefahr nicht ahnend, vorbei, trotzdem schon ein widriger Wind wehte. Der Weg ging nach Süden. Gegen Abend wurde der Wind unregelmäßiger, das Stoßen und Stampfen des Schiffes immer stärker, dazu nahm das Kanonenboot viel Wasser über Bord. Die Seen liefen hohler und höher, der Wind nahm ständig zu, die stärksten Sturmsegel mußten gesetzt werden, um vorwärtszukommen. An Deck war wegen der überkommenden Wasser der Aufenthalt kaum noch möglich. Noch mehr wuchs der Sturm. Das Pfeifen in der Takelage wurde schriller, die Segelflächen standen gespannt in der Wucht des einfallenden Windes. Eine Gaffel zerriß, eine neue wurde gesetzt. Mit voller Kraft arbeitete die Maschine. Nebel und Regen verhinderten jeglichen Ausblick. Schon fingen die Heizer an, matt zu werden; neue Kräfte aus den Reihen der Matrosen traten an ihre Stelle, um der Maschine den nötigen Dampfdruck zu erhalten. Tapfer arbeitete das kleine Schiff gegen Wind und Wellen an. Ein Wenden des Schiffes, um von der vermuteten Küste freizukommen, war nicht mehr möglich. Die dienstfreie Mannschaft lag angekleidet in den Hängematten. Gegen zehn Uhr abends überschlug der Kommandant noch einmal die Lage des Schiffes und die Richtung. Der gute Gang der Maschine bürgte für eine glückliche Rettung des arg bedrohten Schiffes. Beruhigt konnte eine Hälfte der ermatteten Mannschaft sich in die Hängematten legen, der Kommandant blieb auf der Brücke. Eine grausige Nacht! Kaum eine halbe Stunde darnach stieß das Schiff mit mächtigem Stoß auf. „Alle Mann aus dem Zwischendeck!“ tönte als Befehl durch die Finsternis und den heulenden Sturm. Das Schiff saß fest, der Schiffsboden war durchstoßen, und machtvoll drangen die Wassermassen in den Schiffsraum; gierig zischend strömten sie hinein in den Heizraum; die Feuer löschten, die Lampen stürzten, und mitten im Schiffe herrschte dunkle Nacht und brausendes Wogengetümmel. „Die Kranken an Deck und mit Rettungsgürteln versehen!“ lautete der nächste Befehl. Die Lage des Schiffes war jedem klar. Kommandant Braun, der das Ende vor sich sah, ließ als letztes Abschieds- und Treuezeichen ein dreifaches Hurra auf den Kaiser ausbringen. Nacht und Grausen ringsumher! Der Sturm nahm noch immer zu, hochauf bäumten sich die Wogen. Aus den dunklen Fluten tauchten gespenstisch weiße, zackige Felsspitzen auf, die mit ihren gräßlichen Armen nach den Unglücklichen zu greifen schienen, die am Schiff sich festgeklammert hielten. Mitten in der Brandung saß der ‚Iltis‘, er wurde hin und her geworfen. Ein Ächzen und Tosen erfüllte die Luft, gerade als ob die Geister der Hölle sich auf das unglückliche Schiff stürzten.
Unentwegt prasselten Regen und Hagel hernieder; das Gebrüll der Wogen erstickte jeden Befehl. Nieten und Haken zerbrachen und zerrissen; das Deck zersplitterte und fiel auseinander. „Ein ergreifendes Vorkommnis,“ so schreibt I. Langenberg, einer der Geretteten, „werde ich nie vergessen. Die Schiffsglocke, die an der Vorkante der Kambüse aufgehängt war, schlug durch das Hin- und Herstoßen des Schiffes von selbst an; es klang wie Totengeläut. Plötzlich hörte es auf.“ Der Augenblick des Untergangs war gekommen, denn jetzt machten die Wogen ganze Arbeit und rissen den Schiffskörper auseinander. In zwei getrennten Stücken, Vorschiff und Achterschiff, lag das Wrack da. Mächtiger rollte die See heran. Sie erfaßte das Hinterschiff und warf es mit donnerndem Getöse neben dem Vorschiff nieder. Menschliche Kraft war zu Ende, die entfesselten Elemente hatten den Untergang des Schiffes und seiner braven Besatzung beschlossen. Der Kommandant überschaute von der zusammengebrochenen Brücke aus noch einmal die Lage, ein letzter Gruß dem Kaiser, ein letztes Gedenken an Weib und Kind, und dann rief der Tod zur letzten Fahrt, der grausigen Todesfahrt fern von den Lieben.
Das Vorschiff lag eingekeilt und konnte sich nicht so viel bewegen wie das Achterschiff. Leuchtkugeln erhellten diese Stätte des Grausens, jedoch vergebens, keine Rettung kam den von der wilden Brandung umtosten Schiffbrüchigen; wer von ihnen noch nicht den gierigen Meereswogen zum Opfer fiel, dem schlug jetzt die Todesstunde.
Vom Hinterschiff erhob sich die mächtige Stimme des Feuerwerksmaaten Raehm. In heiteren Stunden hatten sein froher Sinn und seine Sangeslust oft genug die Mannschaft unterhalten, und im Augenblick des Sterbens halfen sie auch über das Bitterste hinweg. Die ersten Strophen des deutschen Flaggenliedes wurden angestimmt. Mannhaft klangen in das Gebrüll der Wogen die Worte hinein: ‚Stolz weht die Flagge schwarz- weiß-rot!‘
Und die Treue, von der die Braven sangen, haben sie dem Vaterlande gehalten bis zum letzten Atemzuge. Ein letzter Ton, und verstummt war der Mund für immer! Der wütende Orkan hatte das Hinterschiff hinabgezogen in die Tiefe und mit ihm den größten Teil der Mannschaft. Vierundsechzig brave deutsche Seeleute waren nicht mehr. Nur zwei Mann wurden besinnungslos an die eine Seemeile entfernte Küste geschwemmt, wo sie am nächsten Morgen von Chinesen aufgefunden und erquickt wurden.
Die auf dem Vorschiff zurückgebliebenen Schiffbrüchigen kamen auch in eine schlechte Lage, da die wilde See ungestümer heranrollte und sich ihnen auf dem Vorschiff kein Schutz mehr bot. An eine Rettung dachten die meisten nicht mehr, sie hatten abgeschlossen mit dem Leben; immer noch rollte die Brandung so stark über die kleine Schar hinweg, daß sie kaum atmen konnte. Gegen drei Uhr morgens brach noch der Fockmast, und von den zehn Seeleuten, die hier auf Rettung hofften, verschwand noch einer in den Wellen. Die übrigen krochen gegen Morgen in das Zwischendecksluk. So hatten sie leidlich Schutz vor der Brandung. Essen und Trinken gab’s nicht. Zwei Flaschen Mixed-Pickles fanden sie, zwei Tage erquickten sie sich an dem Essig. Im Innern hatten die Wellen alles zertrümmert. Die hin und her geschleuderten eisernen Wassertanke gestalteten die Lage im Innern noch gefährlicher. Am Mittag nach der Unglücksnacht versuchten die Schiffbrüchigen, aus Planken und Holztrümmern ein Floß zu zimmern, jedoch vergebens. Ein Matrose wurde durch die hohe Brandung über Bord gespült, er konnte sich als guter Schwimmer glücklicherweise noch ans Land retten. Als er nach einem in der Nähe gelegenen Dorfe kam, führten ihn die Dorfinsassen zu den beiden vom Achterschiff Verschlagenen. Es war eine herzliche Freude des Wiedersehens, die um so größer wurde, als sie vernahmen, daß noch mehr Kameraden vom Wrack zu retten seien. Sie scheuten keine Mühe, um in die Nähe des wildumbrandeten Felsenriffs zu kommen. Endlich gelang das Wagnis. Ein Chinese schwamm von einem verankerten Boot aus an einem Tau zur Unglücksstätte, und mit unsäglicher Mühe und größter Lebensgefahr rettete er die ermatteten Kameraden. Mit Hilfe eines noch an Bord vorhandenen Schwimmgürtels kamen die Unglücklichen trotz der scharfen Felskanten zum Boot, das sie ans Land brachte. Hier wartete der einarmige Leuchtturmwärter Schwilp auf die Geretteten. Halb verhungert und ganz zerschunden, wurden sie auf Esel gesetzt und nach dem Leuchtturm transportiert, wo er sie pflegte, bis der ‚Kormoran‘ die Überlebenden zu dem Flaggschiff ‚Kaiser‘ nach Tschifu brachte.
Die ‚Arkona‘ erhielt den Auftrag, nach den Leichen der Verunglückten zu suchen und sie auf einem dicht bei dem Leuchtturm angekauften Acker zu beerdigen. Wochenlang dauerte diese traurige Arbeit. Weit und breit lagen die angeschwemmten Leichen und Leichenteile an den Küstenländereien. Um sie zu rekognoszieren, blieben zwei Leute vom ‚Iltis‘ beim Leuchtturm zurück. Der Steuermann und der an seiner Kleidung kenntliche Zahlmeisterapplikant wurden wiedererkannt. Die übrigen konnten nicht ermittelt werden, da die Leichen von den scharfen Felskanten zerrissen waren. Nach wochenlangem Suchen konnten achtundzwanzig Leichen geborgen werden. Dreiundvierzig kamen nicht mehr zum Vorschein, trotz der hohen Prämien, die für die Auffindung ausgesetzt waren. Am 15. August hielt der Divisionspfarrer auf dem sauber hergerichteten Friedhof Gottesdienst und weihte ihn ein. Ein sieben Meter hoher weißer Marmorobelisk auf hohem Postament wurde in Tschifu aufgestellt, die Namen der Braven zum ewigen Gedenken eingegraben und auf die vierte Seite die Schlußstrophe des Flaggenliedes gesetzt:
„Und treibt des wilden Sturms Gewalt
Uns an ein Felsenriff,
Gleichviel, in welcherlei Gestalt
Gefahr droht unserm Schiff,
Wir wanken und wir weichen nicht,
Wir tun, wie Seemannsbrauch,
Den Tod nicht scheuend, unsre Pflicht
Noch bis zum letzten Hauch!
Ja, mit den Wogen kämpfend noch,
Der sterbende Pilot,
In seiner Rechten hält er hoch
Die Flagge schwarz-weiß-rot!“
Eine hohe Mauer umgibt dies einsame Stückchen deutscher Erde im fernen Osten. Hübsche Anlagen schmücken den Platz. Alljährlich kommt ein Schiff des Kreuzergeschwaders und bekränzt von neuem die Ruhestätten dieser braven Seeleute. Erst nach und nach hat sich eine wetterharte, dem Klima angepaßte Vegetation entwickelt, die die Ruhestätten dieser Braven, für die Ehre des Vaterlandes Verstorbenen ziert.
Die Deutschen in Ostasien ehrten ihre gefallenen Landsleute durch die Errichtung eines Denkmals, das im Parke zu Schanghai aufgestellt worden ist. Ein terrassenförmiger Unterbau trägt einen Mast, von dessen abgebrochener Spitze Tauwerk herabhängt, am Fuße des Mastes ruht die lorbeerumwundene deutsche Kriegsflagge.
Die Helden vom ‚Iltis‘.
Wild rast der Sturm an Chinas Küste
Aus grauer Nebel Hinterhalt;
Er hat die gelbe Wasserwüste
Zu flüchtigem Gebirg geballt.
Es dampft das Schiff: in allen Bohlen
Ächzt’s wie ein Tier in Todesqual,
Und bei des Sturmes Atemholen
Schießt es vom Berg zum Wellental.
Vor sich den Fels, den Sturm im Rücken...
Er legt das Fernrohr aus der Hand
Und steigt von der Kommandobrücken —
Zum letzten Male Kommandant!
Auf jenen glatten Felsenkanten
Läßt sinnend er das Auge ruhn,
Er kennt sein Schicksal: er wird stranden
Und untergehen im Taifun.
„Schart euch um mich!... Wir sind verloren,
Hier hilft nicht Anker, Segel, Tau;
Den wir so oft heraufbeschworen,
Der Tod, hält seine letzte Schau!
Kein Seufzer grüßt, kein banger, leiser,
Zum letztenmal die schöne Welt:
Ein donnernd Hoch dem Deutschen Kaiser,
Und, Kinder, dann — wie’s Gott gefällt!“
Und mitten durch der Stürme Tosen
Und durch der Wogen weißes Heer
Tönt aus den Kehlen der Matrosen
Ein letztes Grüßen übers Meer,
So kräftig, wie in frohen Tagen
Es einst daheim beim Becherklang...
Ein Ruck — ein Sturz — die Wellen schlagen
Zusammen über Schiff und Sang — —
Wir sahn euch nicht für immer scheiden,
Wir senkten euch nicht still hinab.
Der Schatten deutscher Trauerweiden
Fällt nicht auf euer Heldengrab.
Das Meer, dem ihr die Kraft ergeben,
Gab tief im Grund euch nun die Ruh’,
Und über eure Leichen schweben
Die Schiffe eurer Heimat zu.
Kann Liebe nicht zum Grabe wallen,
Als letzten Gruß den Kranz zu weihn,
So soll ein Held, im Kampf gefallen,
Im Herzen uns unsterblich sein.
Des Ruhm erlischt nicht auf den Lippen,
Der als ein Stolz der Mutter schied,
Dem an der Fremde öden Klippen
Die Woge singt das Sterbelied.
Und preisen sollen frohe Töne,
— Ob auch die tiefe Wunde brennt, —
Daß noch die Jugend solcher Söhne
Germania ihr eigen nennt.
Wir fürchten keines Feindes Tücken
Und bieten Trotz der Stürme Wehn,
Solang auf den Kommandobrücken
Noch Helden euresgleichen stehn!
Rudolf Presber.
(Aus: „Media in vita“, 5. Aufl., J. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart.)