Die deutsche Kriegsflotte im Seekriege 1870/71.
1. Allgemeiner Überblick.
Als im Freiheitskampfe der Schleswig-Holsteiner gegen Dänemark der kleine Staat mit seinen Seekräften die deutsche Küste blockieren konnte, da begann der Flottengedanke zuerst Raum einzunehmen im deutschen Gemüte. Allüberall wurde die Notwendigkeit einer deutschen Bundesflotte erkannt. Jedoch man kam über den Gründungsgedanken nicht hinaus. Die Zerrissenheit in den Anschauungen der einzelnen Bundesregierungen bedingte, daß die schnellerworbenen Kriegsschiffe wieder unter den Hammer kamen und verkauft wurden. Preußen allein nahm den Gedanken auf, eine Marine zu gründen, und hielt den Gedanken eines Ausbaus der Flotte aufrecht. Das Einigungswerk schritt rüstig vorwärts, und als der Schlußstein im Völkerringen von 1870/71 gelegt werden sollte, da hielten sich die Vaterlandsfreunde die Frage vor: „Ist unser Küstenschutz in diesen schweren Tagen zur Beschirmung unseres Seehandels so auf der Höhe, daß wir uns der berühmten französischen Flotte erwehren können?“ Erfreulicherweise bewies die Marine ihre Tüchtigkeit. Preußens Minister hatten in den vorhergehenden Jahren wirksam gearbeitet. Die Ausstattung der Kriegsfahrzeuge mit Panzerplatten, mit schweren gezogenen Geschützen, die Ausbildung einer seetüchtigen geschulten Mannschaft war nicht vergessen worden. Leider wies der Küstenschutz in den Küstenbefestigungen und in den Kriegshäfen bei Beginn des Krieges einige Mängel auf; es fehlten noch moderne Befestigungsanlagen, die durch ihre Bewaffnung den fremden Panzerschiffen gewachsen blieben. Wohl gab es eine Reihe von Neuanlagen dieser Art, da sie sich jedoch noch im Ausbau befanden, konnten sie nicht in Betracht kommen. Brauchbare Seeminen und gute Torpedos besaßen wir noch nicht, Kiel und Wilhelmshaven machten beide einen unfertigen Eindruck. Und von den vielen der staatlichen Werftgebäude, die sich heute in unseren Reichskriegshäfen finden, zeigten sich 1870/71 nur die Anfänge. Alle diese unliebsamen Erscheinungen bildeten nur eine Folge des Zeitmangels. Frankreichs Kriegsflotte bestand bei Beginn des Krieges 1870/71 aus vierunddreißig gepanzerten Fregatten und Korvetten, fünfundzwanzig schwimmenden Batterien, vierundzwanzig Schraubenlinienschiffen, hundertzweiunddreißig Fregatten, Korvetten oder Avisos mit Rädern oder Schrauben, achtundsiebzig Kanonenbooten und sechzig Transportschiffen. Ein Teil dieser gewaltigen Macht kam natürlich für einen Angriff auf die deutsche Küste in Frage; weil Frankreich lange Jahre sich auf diesen Krieg rüstete, galt es nicht als unwahrscheinlich, daß ein Angriff der Seestreitkräfte auf die deutsche Küste Erfolg verhieß. Preußens Flotte hatte somit einen sechsfach stärkeren Feind gegen sich. In Frankreich hatte man, wie spätere Veröffentlichungen beweisen, den Gedanken gefaßt, auch friedliche Hafenplätze zu nehmen, um Deutschlands Handelsbeziehungen wirksam zu schädigen. Das Privateigentum der Kaufleute sollte nicht geschont werden, um dadurch dem Wirtschaftsleben Deutschlands Schaden zuzufügen.
Die französischen Schiffsgeschütze zeigten sich denen der deutschen Schiffe bedeutend überlegen. Während der zweiten Hälfte des Krieges konnten sie im Entscheidungskampf um Paris ein bedeutungsvolles Wort noch mitsprechen.
Wo befanden sich nun die Seestreitkräfte der beiden Nationen beim Beginn des Krieges?
In den Frühjahrsmonaten des Jahres 1870 sollten die drei deutschen Panzerfregatten ‚König Wilhelm‘, ‚Kronprinz‘ und ‚Prinz Friedrich Karl‘ mit dem Panzerfahrzeuge ‚Prinz Adalbert‘ ein gemeinsames Geschwader bilden, das zur Einübung der Mannschaft, zur Erprobung der neuen Geschütze, sowie zu allerlei taktischen Manövern eine größere Übungsreise zu unternehmen hatte, die sich bis nach den Azoren ausdehnen sollte. Leider war der Beginn dieser Übungsfahrt nicht von Erfolg begleitet. Dem ‚Prinz Friedrich Karl‘ wurden infolge einer falschen Lotsenanweisung im Großen Belt mehrere Schraubenflügel abgerissen. Die im Hafen von Plymouth vorgenommene Ausbesserung durch Einsetzen der Ersatzflügel gab dem Schiffe nur wenige Knoten Fahrtgeschwindigkeit. Durch Platzen eines Dampfzylinders erlitt die Maschine des Panzers ‚König Wilhelm‘ einen größeren Schaden, so daß auch dessen Fahrtgeschwindigkeit sich auf zehn Knoten herabminderte. Und um das Unglück vollzumachen, verminderte sich auch die Leistungsfähigkeit der Fregatte ‚Kronprinz‘ durch einen Maschinenschaden; auch das letzte der Schiffe, das Panzerfahrzeug ‚Prinz Adalbert‘, zeigte gleichfalls keine besonderen Vorzüge.
In den heimischen Gewässern befanden sich für den Krieg nur wenige Schiffe in Dienst: vier Kanonenboote und einige Schulschiffe, die für einen Seekampf nicht in Frage kamen. Auf den auswärtigen Stationen fuhren im Hinblick auf die noch geringen deutschen Seestreitkräfte nur wenige Schiffe: ‚Herta‘ und ‚Medusa‘ in Ostindien, ‚Arkona‘ im Atlantischen Ozean und ‚Meteor‘ in Westindien.
Die Stellung der französischen Kriegsflotte zu Beginn des Feldzuges war eine weit günstigere, da Frankreich ohne vorangehende Rüstung in seinen Küstengewässern zwei Übungsgeschwader besaß. Eine Flottenabteilung, die sich aus sechs Panzerfahrzeugen und den dazu gehörigen Begleitschiffen zusammensetzte, stand unter dem Befehl des Vizeadmirals Fourichon und befand sich im Mittelmeere. Drei Panzerschiffe unterstanden dem Admiral Dieudonné; dieses Geschwader zeigte sich im Kanal, ferner konnte eine größere Anzahl von Kriegsschiffen innerhalb zweier Tage in den fünf Kriegshäfen des Landes in Dienst gestellt werden. Bei der Größe der französischen Kriegsflotte ist es selbstverständlich, daß auf den verschiedenen Stationen in der Levante, in Ostasien, im Indischen und Stillen Ozean, in Westindien, in Südamerika, sowie auch an der Westküste von Afrika einzelne Fahrzeuge wie ganze Flottenabteilungen die französische Flagge zeigten, und somit waren die Befürchtungen, daß die französische Flotte urplötzlich in die deutschen Seehäfen einfallen könnte, durchaus berechtigt.
Was tat die deutsche Flottenleitung? Sie nahm darauf Bedacht, das in der Nähe der französischen Küste schwimmende Panzergeschwader heimzubeordern. In den Tagen der Verwicklungen trug Prinzadmiral Adalbert, der Führer der deutschen Panzerflotte, den politischen Verhältnissen durchaus Rechnung. Als er am 10. Juli aus Plymouth fuhr, führte er die Segelorder nach den Azoren wohl weiter aus, aber das Panzerfahrzeug ‚Prinz Adalbert‘ schickte er nach Dartmouth, um von hier aus die Nachrichten der deutschen Botschaft in London in Empfang zu nehmen. Nicht lange sollten diese ausbleiben. Schon am 13. Juli stieß das Panzerfahrzeug an einem vorher verabredeten Sammelplatz im Ozean zum Geschwader. Die Mitteilungen lauteten sehr ernst und veranlaßten den Admiral, nach Plymouth zurückzukehren und nach einem Aufenthalte von nur wenigen Stunden die Heimfahrt anzutreten. Die gefechtsbereiten Schiffe kamen glücklich am Abend des 16. Juli bei Wilhelmshaven an. Am 17. Juli wurde das überflüssige Segelwerk an Land geschafft und die Schiffe vollständig gefechtsbereit gemacht, dazu mit scharfer Munition Schießübungen abgehalten. Die schnelle Rückkehr des deutschen Geschwaders blieb der französischen Heeresleitung unbekannt, wie aus den Berichten des französischen Admirals hervorging, der noch am 25. Juli nach den deutschen Schiffen suchte und erstaunt war, sie nicht zu finden.
An den Ufern der Elbe, der Weser und der Ems, wie auch an den Gestaden der Nord- und Ostseeküste wurden Befestigungen geschaffen und in aller Eile bei Kiel, Wilhelmshaven, Cuxhaven schnell Werke angelegt und mit Geschützen besetzt, und die Flußhäfen sämtlicher gefährdeten Fahrwasser wurden durch Sperren eingeengt. Zu dem Zwecke benutzte man Seeminen, Ketten, Taue, Balken. Zahlreiche Beobachtungsstationen an der ganzen Seeküste von Borkum bis Memel standen mit dem Telegraphennetze des Landes in Verbindung. Diese gewiß nicht kleine Aufgabe der Verteidigung kam rasch zur Ausführung und bot trotz der Schnelle eine sichere Vorkehrung gegen etwaige Angriffe des Feindes. Vizeadmiral Jachmann mußte bei der Mobilmachung eine Verteilung der Seestreitkräfte an der Seeküste vornehmen. Drei Panzerfregatten, sowie die königliche Jacht ‚Grille‘ und fünf Kanonenboote wurden auf die Außenjade gelegt, um dieses Fahrwasser und Wilhelmshaven zu schützen. Für die Weser, die damals noch keine hinreichende Wassertiefe besaß, um größere Seeschiffe passieren zu lassen, genügten als Schutz vier Kanonenboote. Das Elbwasser wurde geschützt durch Küstenbatterien, die sich noch im Ausbau befanden, und durch drei Kanonenboote. Zur Bewachung der Ems und zur Beunruhigung der feindlichen Verbindungslinien dienten zwei Fahrzeuge. Ungeschützt blieb die Mündung der Eider. In der Ostsee besaß Kiel zwei Avisos zur Auskundschaftung, und zur Verteidigung vier Kanonenboote, eine Hafensperre, sowie die Küstenbatterien. Bei Rügen und Stralsund lagen zwei Schiffe, die ‚Danzig‘ und die kleine ‚Nymphe‘. Der sorgsam erwogene Verteidigungsplan konnte selbstverständlich sich nur auf eine Verteidigung beschränken. Denn die Stärke der französischen Kriegsflotte schloß ein Vorgehen der deutschen Flotte aus. Zur Verteidigung der Seeküste stellten die Landtruppen das Seebataillon, eine Seeartillerieabteilung und die vier mobilisierten Armeekorps der Küstenprovinzen. Vom 28. Juli an verblieben nur die 17. Division in Schleswig-Holstein, drei Landwehrdivisionen und etwa neunzigtausend Mann zur Verfügung des Generals Vogel von Falkenstein, der das Küstenkommando innehatte.
2. Auf der Wacht an der Seeküste.
An der deutschen Seeküste.
Tausend fleißige Hände arbeiteten in den kritischen Tagen tagaus, tagein, um die Häfen und Strommündungen in einen wirksamen Verteidigungszustand zu setzen. Das deutsche Geschwader erwartete stündlich den Angriff der anrückenden französischen Flotte; dies geschah jedoch nicht. Die feindliche Flotte nahm ihren Weg um Skagen nach der Ostsee und versperrte damit diese Fahrstraße für deutsche Schiffe.
An der deutschen Nordseeküste ließ sich wochenlang kein feindliches Schiff sehen. Im Süden von Skagen liegt die Aalbeck-Bucht. Hier warf das französische Geschwader Anker, wartete eine Reihe von Tagen, und an dieser unerklärlichen Wartezeit zeigte sich, daß eine zielbewußte Kriegführung zur See von seiten der Franzosen ausbleiben würde. Viel eher kann von einer Ratlosigkeit gesprochen werden. In späterer Zeit kam die Kunde hiervon auch nach Deutschland.
S. M. S. ‚Arminius‘.
Unter den deutschen Schiffen, die sich in der Ostsee befanden, hatten noch ‚Arminius‘ und ‚Elisabeth‘, sowie eine Anzahl Kanonenboote ihren Weg um Skagen zu nehmen. Es erschien fraglich, ob diese Schiffe noch vor der Ankunft der wiederholt gemeldeten französischen Flotte die Nordsee erreichten. Der Befehl zum Auslaufen war gegeben und wieder zurückgenommen worden; allein für den ‚Arminius‘ war es schon zu spät, dieser fuhr bereits in der See.
Am 28. Juli kam ihm die feindliche Flotte zu Gesicht. Es konnte durchaus als sicher gelten, daß die dänischen Lotsen die feindlichen Fahrzeuge auf das deutsche Schiff aufmerksam machten. Der Führer des ‚Arminius‘ schlug allen ein Schnippchen, indem er scheinbar den Rückzug einschlug, dann, als er aus der Gesichtsweite der feindlichen Flotte war, nach der schwedischen Küste hinübersteuerte und unter dem Schutze der Küste in weitem Bogen am 29. Juli um Kap Skagen fuhr. Der französische Admiral sandte dem deutschen Kriegsschiff drei Panzerfahrzeuge und einen Kreuzer nach, doch diese verloren die Spur des deutschen Schiffes. Der verdienstvolle Kapitän des ‚Arminius‘, Korvettenkapitän Livonius, entging durch seine geschickten Manöver der ernsten Gefahr und erreichte ohne Überfall die Nordsee.
Um der zweiten feindlichen Flotte nicht zu begegnen, die ja sicher unter dem Schutze von Helgoland die Blockade der deutschen Nordseeküste ausführen würde, fuhr das Schiff zur Nachtzeit in die Elbe ein. Einige Tage vor dieser Fahrt hatten auch einige Kanonenboote gleichfalls ihr Bestimmungsziel, die Jade, erreicht. Die größeren Kanonenboote, die noch im Ostseegebiete vorhanden waren, erreichten trotzdem ihren Bestimmungshafen an der Nordseeküste, indem man den Eiderkanal, dessen Schleusenanlagen durch rasch vorgenommene Arbeiten erweitert wurden, für diese Kriegsschiffe fahrbar machte. — —
Bis zum 17. August blieb das französische Geschwader völlig untätig; weder zerstörte es die errichteten Verteidigungswerke, noch wurden von ihm die Küsten beunruhigt, nur Kauffahrer jagte es und beeinträchtigte damit für kurze Zeit den Handel.
Ernsten Gefechten mit den Schiffen der deutschen Flotte ging der Admiral Villamuez-Bouët aus dem Wege. Nur einige Male kam es zu Zusammenstößen, die durchaus keinen ruhmvollen Ausgang für die Franzosen nahmen.
Am 17. August unternahm Korvettenkapitän von Waldersee eine Erkundigungsfahrt nach dem Sunde. Unweit der Insel Moen stieß sein Schiff, die ‚Grille‘, auf einen französischen Aviso, den sie einige Stunden feuernd verfolgte. Als säße der Böse hinter ihm, so eilte das fremde Fahrzeug davon, immer auf das Gjedser Reff los. Der Besatzung der ‚Grille‘ war so etwas noch nicht vorgekommen. Leider kam die ‚Grille‘ nicht in Schußweite, der Aviso hatte es gar zu eilig. Waren die Vorbereitungen zum Kampfe ganz umsonst gemacht worden? O nein. In der Ferne stieg Rauch auf. Dem Aviso kam Hilfe von dem Hauptteil der feindlichen Flotte.
Es war gegen elf Uhr. Fünf große feindliche Schiffe hatten die Not ihres Gefährten bemerkt und erwiderten seine Signale. Die ‚Grille‘ stoppte und beobachtete.
Jetzt kamen die Franzosen heran. Voran dampfte eine mächtige Panzerfregatte, dann folgte eine große Korvette. Unter diesem Schutze fühlte der Aviso Mut und griff an, um Lorbeeren zu ernten. Waldersee ließ sie genügend herankommen und schickte ihnen dann einen donnernden Gruß zu. Der Aviso, dem dieser Schuß galt, wendete wieder und floh hinter die Panzer. Nun begannen die Franzosen zu bombardieren. Leider fielen ihre Granaten zu kurz oder gingen über das deutsche Schiff hinweg. Die ‚Grille‘ blieb die Antwort nicht schuldig. Sie erhielt Verstärkung durch Kanonenboote unter Führung des Kapitäns Rodenacker. Sie griffen, obwohl nur für den Küstendienst bestimmt, sogleich lebhaft in den Kampf ein. Nach einer Stunde hatten die Franzosen noch keinen Vorteil errungen. Sie riefen durch Signale die noch in Reserve liegenden Schiffe heran. Vier Panzer, eine Korvette und ein Aviso stürmten brausend heran.
Kommandant Waldersee zog sich langsam mit den Kanonenbooten in das flachere Wasser bei der Insel Rügen zurück. Um fünfeinhalb Uhr lagen die Deutschen wieder auf ihrem alten Ankerplatze. Die Erkundigungsfahrt verlief glänzend. —
Eine zweite schöne Ruhmestat der jungen Marine bildete die Nachtfahrt der ‚Nymphe‘, die sich nach dem Berichte des Kommandanten, Korvettenkapitän Weickhmann, folgendermaßen zutrug:
„Am 21. August mittags kam das Danziger Schiff ‚Präsident von Blumental‘ in den Hafen von Neufahrwasser mit der Nachricht, daß es am 20. ein französisches Geschwader bei Rixhoeft passiert hätte, ohne angehalten worden zu sein. Die Nachricht, daß drei Panzer und ein Aviso dort seien, war schon telegraphisch bei der hiesigen Kommandantur den Abend vorher eingegangen; am 22. morgens dieselbe Nachricht von Rixhoeft und von Hela.
Die Erstürmung des Lagers von Buschiri.
„Um elf Uhr wurde zuerst Rauch bei Hela gesehen; um zwei Uhr steuerten drei Panzer, ein großer (Vollschiff) und zwei etwas kleinere (Barken), sowie ein Aviso langsam zwischen Hela und der Westerplatte in die Putziger Bucht, wo sie gegen Abend sechs Uhr etwa fünfzehn Meilen von S. M. Schiff ‚Nymphe‘ ankerten und liegen blieben. Die Schiffe lagen in Querlinie von Westen nach Osten. Infolgedessen beschloß ich, während der Nacht eine Rekognoszierungsfahrt zu machen. Um elfeinhalb Uhr, nachdem die Hafensperre beseitigt, ging ich mit der ‚Nymphe‘ unter Dampf nach See, um zwölf Uhr aus dem Hafen, Kurs Nord zu Ost Volldampf voraus. Um ein Uhr fünfzehn Minuten kamen die feindlichen Schiffe genau in Querlinie und dicht nebeneinanderliegend in Sicht. Östlich von den Schiffen oder zwischen ihnen durch konnte ich nicht gehen, da der Mond inzwischen aufgegangen war, weshalb ich an der Landseite soweit ging, bis sich die drei ersten Schiffe (bei einer Entfernung von etwa dreitausend Fuß) zu decken anfingen, dann Ruder hart Backbord, bis die Schiffe querab waren und die ‚Nymphe‘ sich in etwa zweitausendfünfhundert Fuß Abstand befand. Darauf gab ich bei Ruder mitschiffs und halb Dampf voraus eine konzentrierte Breitseite auf den ersten Panzer ab, und es erschien infolgedessen auf allen Schiffen sofort Licht, das bis dahin nicht vorhanden gewesen war. Dann wurde mit Steuerbord-Ruder hinter den Schiffen gewendet und die andere Breitseite abgegeben, die sofort von verschiedenen Schiffen mit etwa vier Schuß beantwortet wurde. Als der Rauch verzogen, war deutlich zu sehen, daß alle Schiffe schon Kohlen aufschütteten, obgleich seit der ersten Breitseite kaum fünf bis sechs Minuten verflossen waren. Da hieraus zu ersehen, daß die französischen Schiffe zum Kampfe vollständig vorbereitet waren, so hielt ich sofort mit Volldampf nach dem Hafen zurück. In etwa sechs bis acht Minuten drehte der große Panzer nach uns zur Verfolgung um und feuerte in Zwischenräumen von drei bis fünf Minuten etwa noch sechs Schuß, sich an unserer Backbordseite anfangs scheinbar nähernd. Gleichzeitig fielen etwa vier Schüsse etwas an Steuerbord hinter dem Schiffe von den beiden andern Panzern, die auch sofort die Verfolgung angefangen hatten, der Dunkelheit halber aber nicht unterschieden werden konnten. Nachdem wir zwei Meilen gelaufen, sahen wir die Schiffe nicht mehr, kamen etwa um drei Uhr gegen den Hafen und gingen hinein.“
Angriff der ‚Nymphe‘ auf das französische Blockadegeschwader.
Von Professor Hans Petersen.
Nicht lange darnach zog sich die französische Flotte an die heimische Küste zurück, die Schiffahrt in der Ost- und Nordsee war nicht mehr behindert.
3. Die Kreuzfahrten der ‚Augusta‘.
Nachdem die französische Flotte im Kriege 1870 das Ostseegebiet geräumt hatte, bestand die Möglichkeit, die schnellfahrenden deutschen Kreuzer in das Gebiet des Atlantischen Ozeans hinüberzuführen, um hier Kreuzfahrten zu unternehmen, die sich gegen die Zufuhr von allerlei Kriegsmaterial richteten. Gambetta hatte zur Wehrhaftmachung seines Volkes größere Lieferungsaufträge an das Ausland aufgegeben, und von amerikanischen und englischen Seeplätzen liefen dauernd Sendungen von Ausrüstungsgegenständen ein. Zahlreiche Dampfer brachten Geschütze und Gewehre nebst Munition. Gelang es Deutschland, diesen Handel zu unterbinden, so lag damit die Möglichkeit vor, das Ende des Krieges noch schneller herbeizuführen.
Admiral Jachmann setzte in richtiger Weise die Richtlinien hierfür fest, konnte sie aber nicht so schnell zur Durchführung bringen, da sich mancherlei Störungen in dem jungen Marinebetriebe zeigten. Für die Kreuzfahrten im Atlantischen Ozean konnte nur ein schnellfahrender Kreuzer in Frage kommen, und die Oberleitung der Marine gab der Werft in Danzig den Befehl zur Ausrüstung der ‚Augusta‘, da sie sich für diese Zwecke besonders eignete. Am 26. Oktober konnte das Schiff in Dienst gestellt werden. Die Vorbereitungen, das Einfahren des Maschinenpersonals, die Ausrüstung erforderten einen vollen Monat, so daß das Kreuzerschiff erst Ende November nach Kiel in See ging.
Kommandant des Kreuzers war Korvettenkapitän Weickhmann, dem ein Offizierkorps von zwölf Köpfen zur Seite stand. Die Mannschaft umfaßte zweihundertein Mann, dazu trug das Schiff an Geschützen sechs gezogene Vierundzwanzigpfünder und vier Zwölfpfünder; die Kohlenbunker faßten vierhundert Tonnen. Die großen Kohlenvorräte erlaubten dem Schiff, vierzehn Tage mit voller Kraft fortzudampfen; da auch die Segelausrüstung des Schiffes vortrefflich war, ermöglichte sie eine noch größere Zeitdauer der Kreuzfahrt. Auf einen Nahkampf mit französischen Panzerschiffen sich einzulassen, schien nicht geboten. In der Mitte des Monats Dezember dampfte die ‚Augusta‘ um Skagen herum in die Nordsee. Es mußte scharf Obacht gegeben werden — bei dem herrschenden Unwetter keine leichte Aufgabe.
In einem schottischen Hafen fand während der Weihnachtstage Kohlenübernahme statt. Am zweiten Weihnachtstag ging die ‚Augusta‘ wiederum in See, um eine Kreuzfahrt an der französischen Küste zu unternehmen. Als erste Aufgabe hieß es, besonders vor Brest zu kreuzen. Während der Kreuzfahrt vor dem französischen Hafen mußte scharf Ausguck gehalten werden nach den von Amerika eintreffenden Dampfern. Das Wetter und die Kürze der Tage erschwerten das Beginnen außerordentlich. Das Wetter gestaltete sich immer schlechter, und die fortgesetzt wehenden stürmischen Nordwestwinde erschwerten die Untersuchung bedeutend. Bei den am zweiten Weihnachtstag untersuchten Schiffen zeigte sich alles in Ordnung. Am Ende des Monats Dezember herrschten leichtere Winde, trotzdem war aber die Wellenbewegung so stark, daß die Boote nur mit größter Vorsicht zu Wasser gelassen und wieder gehißt werden konnten. Bis zum 2. Januar hielt sich die Korvette in den Gewässern vor Brest auf, ohne daß ein verdächtiger Dampfer in ihren Gesichtskreis kam.
Die ‚Augusta‘ nimmt vor der Girondemündung zwei französische Schiffe und verbrennt einen französischen Regierungsdampfer.
Von Professor Hans Petersen.
Der Führer der ‚Augusta‘ faßte den Entschluß, nach den südlichen französischen Gewässern vor die Gironde zu fahren, da dort sicherlich eher französische Handelsschiffe anzutreffen seien. In großer Fahrt eilte das deutsche Schiff seinem neuen Ziele zu, und schon in der Nacht zwischen dem 3. und 4. Januar lag die ‚Augusta‘ vor Bordeaux. Als eben das Dämmerlicht begann, wurde ein Segelschiff, eine Brigg ‚Sainte Marie‘, angehalten. Sie führte Mehl und Hartbrot nach Bordeaux, das für die neu zu bildende französische Südarmee bestimmt war. Wegen seiner Ladung wurde das Schiff als Prise erklärt. Der Kapitän und fünf Matrosen blieben an Bord, und als Befehlshaber erhielt es den Seekadetten Reimann, mit dem fünf deutsche Matrosen, die sich freiwillig meldeten, an Bord der ‚Sainte Marie‘ übergingen. Die Ausrüstung der Brigg wurde ergänzt, namentlich noch Süßwasser herübergebracht. Der junge Schiffsführer erhielt Befehl, um Schottland herum einen deutschen Hafen aufzusuchen. Als alles bereit war und die Brigg unter eigenem Segelbeistand dahinfuhr, bildeten drei Hurrarufe einen wirkungsvollen Abschiedsgruß. — Während dieser Zeit waren schon verschiedene Segelschiffe in die Gironde eingefahren. Wieder rauschte eine stolze Bark, ‘Pierre Adolphe‘, heran. Der deutsche Kreuzer hielt auf sie zu und feuerte einen blinden Schuß ab zum Zeichen, daß sie die Segel einziehe und anhalte. Die Untersuchung ergab, daß die Ladung der Bark, Weizen und Proviant, für die Südarmee bestimmt war. Auch diese Prise sollte die Seereise nach Deutschland antreten. Kapitän, Lotse und neun Mann waren an Bord dieses Schiffes. Drei Matrosen kamen an Bord der ‚Augusta‘ herüber. Nachdem man auch diesem Schiff die Wasservorräte ergänzt hatte, schickte man es unter Führung des Seekadetten Dühring, dem sich fünf deutsche Matrosen anschlossen, nach einem deutschen Hafen. Die üblichen Abschiedsrufe boten auch diesem Schiff den letzten Gruß, ehe die Fahrt begann. Inzwischen ließ der Kapitän Weickhmann die ‚Augusta‘ klar zum Gefecht machen, denn es war nicht unwahrscheinlich, daß französische Kreuzer ausliefen, um auf das deutsche Schiff Jagd zu machen, das nun schon während acht Stunden seine Tätigkeit ausübte. In der späten Nachmittagsstunde kam ein Dampfer in Sicht, der die französische Flagge führte. Ein scharfer Schuß, der vor dem Bug des Schiffes ins Wasser ging, ließ den Führer sofort die Lage erkennen, Flagge und Wimpel wurden niedergeholt und die Maschinen gestoppt. Der angehaltene Dampfer erwies sich als ein französisches Transportschiff, das keine Geschütze führte. Der die Untersuchung leitende deutsche Offizier konnte melden: ‚Transportdampfer Mars‘ von Rochefort nach Bordeaux mit Uniformen, Lager- und Lazarettgerät für die dort zu bildende Südarmee bestimmt. Kapitän Pierre Boudet, Besatzung siebenundzwanzig Matrosen und Heizer der französischen Marine, keine Geschütze, nur Handwaffen an Bord. Kohlenvorrat reicht für einen Tag.“ — Der Versuch, die Prise an den deutschen Kreuzer heranzubringen, um die kostbare Ladung zu bergen, glückte nicht. Daher wurden die Boote zu Wasser gelassen und die französische Besatzung nebst Kleidersäcken herübergebracht. Mehrere Ballen und Kisten, deren Inhalt meistens aus Uniformen bestand und an Deck lagerten, kamen gleichfalls noch an Bord der ‚Augusta‘. Nach einer kurzen Beratung mit den übrigen Offizieren bestimmte der Kommandant, daß das Schiff zu zerstören sei. Die Ventile der Maschine wurden geöffnet, das Schiff in Brand gesetzt, der Kreuzer feuerte zehn Granaten auf den Dampfer. Mit Einbruch der Dunkelheit verließ dann die ‚Augusta‘ den Schauplatz ihrer Taten. Wenn sie bis dahin auch vom Glücke begünstigt war, so galt es als nicht unwahrscheinlich, daß französische Kriegsschiffe aus den benachbarten Häfen gegen sie ausliefen. Der deutsche Kommandant fuhr deswegen mit seinem Schiff nach dem spanischen Hafen Vigo, der am 7. Januar, nachdem noch während der Fahrt verschiedene Fahrzeuge untersucht worden waren, glücklich erreicht wurde. In Vigo blieb das Schiff vorläufig liegen. Der Hafen zeichnet sich durch eine günstige Lage aus und hat drei Ausgänge.
Am 13. Januar lief eine französische Panzerfregatte ‚Heroine‘ in den Hafen ein, zwei andere Panzerschiffe folgten, um die Abfahrt des deutschen Schiffes zu verhindern. Dieses versuchte in der Nacht vom 27. zum 28. Januar zu entwischen; allein, es gelang nicht. Am 7. Februar, als der Waffenstillstand abgeschlossen war, trat die ‚Augusta‘ von Vigo die Heimreise an und beendete damit die erfolgreiche Kreuzfahrt.
4. Das Seegefecht bei Havanna.
Seit Ende des Jahres 1869 war das kleine deutsche Kanonenboot ‚Meteor‘ unter dem Kommando des Kapitänleutnants Knorr in Westindien stationiert. Das Schiff hatte eine Größe von dreihundertsiebenundvierzig Tonnen, eine schwache Maschine von dreihundertzwanzig Pferdestärken. Seine größte Geschwindigkeit betrug nicht mehr als sieben Knoten, das ist kaum fünfzehn Kilometer in der Stunde. Die Bewaffnung war eine recht starke. Außer einer mittschiffs aufgestellten Fünfzehnzentimeterkanone, die nach beiden Seiten feuern konnte, trug das kleine Schiff noch zwei Zwölfzentimetergeschütze, die am Bug und am Heck standen. Die Besatzung zählte im ganzen zweiundsechzig Mann. Am 7. November 1870 morgens fuhr der ‚Meteor‘ in den Hafen von Havanna auf Kuba ein. Die notwendigen Arbeiten waren kaum beendet, da ankerte auch der französische Kriegsaviso ‚Bouvet‘, der bedeutend stärker war, im Hafen. Durch eine Maschine von 620 Pferdekräften erzielte das Schiff eine Fahrt von 20,4 Kilometer in der Stunde. Außer einer Besatzung von fünfundachtzig Mann gaben dem französischen Kriegsdampfer ein Sechzehnzentimetergeschütz auf dem Achterdeck, zwei Zwölfzentimetergeschütze an den Breitseiten und vier Drehbassen auf der Verschanzung eine größere Kampfkraft. Die Neutralität des Hafens erforderte, daß in seiner Nähe kein Gefecht stattfinden durfte. Trotz der vorzüglichen Verfassung des feindlichen Schiffes wollte das Kanonenboot unter Knorr einen Kampf erzwingen. ‚Meteor‘ dampfte deshalb des Mittags wieder hinaus und lud dadurch den ‚Bouvet‘ zum Kampfe ein. ‚Bouvet‘ kam nicht, er ließ sich nicht hinauslocken. Am Abend fuhr das deutsche Kanonenboot wieder in den Hafen ein. Kaum hatte das deutsche Schiff festgemacht, da erschien ein spanischer Offizier und eröffnete dem Kapitänleutnant Knorr, daß es der Neutralität entspräche, erst vierundzwanzig Stunden nach Abfahrt des französischen Schiffes den Hafen zu verlassen. Am 8. November mittags lichtete das französische Kriegsschiff seine Anker und fuhr hinaus. Genau vierundzwanzig Stunden später, am 9. November um ein Uhr mittags, folgte nach ungeduldigem Warten das kühne deutsche Schiff. Stolz wehte von der Gaffel die Flagge des Norddeutschen Bundes, und mutvoll beseelte das Kampfgefühl die deutschen Marinesoldaten. Nur ein Gedanke war in ihnen: im Kampfe zu siegen oder unterzugehen. Die Kunde von dem zu erwartenden Seegefecht verbreitete sich blitzschnell in der Stadt, und viele tausend Zuschauer begaben sich in die Nähe der Hafenausfahrt auf die Festungswerke und die hohen Ufer. Die vielen Deutschen, die in der Stadt wohnten, beherrschte die bange Sorge, ob das kleine deutsche Kriegsschiff auch dem stärkeren französischen Gegner gewachsen sei. Stolz zog das deutsche Schiff seine Bahn. Vor dem Hafen wurde ‚Klar Schiff‘ gemacht; alles war zum Gefecht bereit und jedem Geschütz ein bestimmter Teil des feindlichen Schiffes als Zielpunkt angewiesen. Besonders sollten die Maschine und die Wasserlinie beachtet werden. Die Absicht des kühnen Kommandanten ging dahin, den Gegner so zu treffen, daß er sich nicht bewegen konnte, und dann wollte er ihn durch Enterung nehmen. Etwa drei Seemeilen vom Lande entdeckten sie das französische Schiff. Der Kommandant Knorr, der nachmalige Admiral der deutschen Flotte, richtete an die Mannschaft kernige und herzliche Worte und legte ihnen vor allen Dingen die Pflicht auf, im Kampfe auf die Kommandos zu achten und nicht eher zu feuern, als bis der Befehl dazu gegeben sei. Während dieser Zeit schon grüßten die ersten Schüsse, die ihr Ziel verfehlten und ins Wasser schlugen, in einer Entfernung von zweitausend Meter vom französischen Schiff herüber. Ein lautes Hurra der deutschen Matrosen war die Antwort. Nachmittags halb drei Uhr war der ‚Meteor‘ auf etwa tausend Meter an den feindlichen Aviso herangekommen; jetzt eröffnete er das Feuer. Der Tanz hatte begonnen. Für kurze Zeit wurde nun von beiden Seiten ein lebhaftes Geschützfeuer unterhalten, ohne jedoch irgendeine ersichtliche Wirkung zu erzielen. Eine leichte nordöstliche Brise bewegte das Schiff, das durch sein Schlingern die Bedienung der Geschütze erschwerte. Das Kanonenboot stand südlich vom Feinde und steuerte, immer Feuer gebend, in nordöstlicher Richtung auf ihn zu. Da, als die Entfernung nur noch sechshundert Meter betrug, ging der ‚Bouvet‘ mit voller Dampfkraft auf den ‚Meteor‘ los, um ihm in die Seite zu rennen und ihn so dem sicheren Untergange zu weihen. Mächtig schnitt das Schiff durch die aufschäumenden Wogen. Rechtzeitig erkannte der umsichtige Kapitänleutnant Knorr die Gefahr, und keinen Augenblick verlor er die Ruhe. Ein klarer Befehl, eine entsprechende Ruderbewegung, und der Plan des Gegners war vereitelt! Gleichzeitig wurde der Befehl zum Entern gegeben; nur einige Mann, die bei den Geschützen standen, blieben zurück, die übrigen griffen zu den Handwaffen, um in den wenigen Sekunden, da das stattliche, hochbordige französische Schiff vorbeistrich, dieses unter Feuer zu nehmen. Als der ‚Bouvet‘ heranbrauste, war die ernsteste Gefahr vorüber. Beide Schiffskörper stießen in einem schwachen Winkel zusammen und jagten unter entgegengesetztem Kurse aneinander vorbei. Im Vorbeifahren fiel auf deutscher Seite ein Steuermann, der neben dem Kommandanten auf der Kommandobrücke stand; ein Matrose wurde an Deck getötet. Die deutsche Mannschaft hatte sich im Augenblick der Gefahr glatt auf die Erde gelegt, um nicht von den Bordwänden des ‚Bouvet‘ aus unter Feuer genommen zu werden, da diese einundeinhalb Meter höher waren. Während dieser Zeit hatte die Artillerie mit einigem Mißgeschick zu kämpfen. Im Augenblick des Vorbeistreichens riß dem Buggeschütz die Abzugsleine, und als dann endlich der Schuß losging, wurde nur noch das Hinterteil des ‚Bouvet‘ getroffen. Der ‚Bouvet‘ hatte sämtliche Backbordwanten und die beiden an Backbord hängenden Boote abgerissen und zerschlagen. Dazu zertrümmerte die Fockrahe des Franzosen diejenige des ‚Meteor‘ und knickte den Großmast über Deck ein, der wiederum den hinteren Mast abbrach. Dabei fiel der letztere sofort über die Steuerbordseite und zertrümmerte mit seinem unteren Ende auch die Kommandobrücke. Freischwebend hing er an dem zugehörigen Tauwerk an der Bordwand über Wasser. Eine angsterregende Szene; das Kanonenboot schien in große Bedrängnis geraten zu sein. Der Wellenschlag kam vom Steuerbord und holte bei den heftigeren Schlingerbewegungen stärker nach Backbord über. Der Großmast schwankte hin und her und drohte jeden Augenblick nach der Backbordseite hinüberzufallen und die Geschütze gefechtsunfähig zu machen. Die Gefahr war aufs höchste gestiegen. In diesen Augenblicken hing alles von der Tüchtigkeit der Geschützführung ab. Durch ein geschicktes Manövrieren wollte der Schiffsleiter das Schiff so führen, daß der gebrochene Mast nach Steuerbord hinüberfiel, damit die Geschütze wieder ungestört Feuer geben konnten. Vorzüglich glückte das Manöver. Während dieser Drehbewegung war der ‚Bouvet‘ in die Visierrichtung des Hintergeschützes gekommen, und der Geschützführer, der beste Schütze an Bord, Bootsmannsmaat Wage, der die Gunst der Lage erkannte, wartete keinen Befehl ab, sondern feuerte mit größter Kaltblütigkeit. Sausend schlug die vierundzwanzigpfündige Granate in den Rumpf des ‚Bouvet‘ ein. Sie hatte gut getroffen. Die weißen Dampfwolken, die gleich darauf aufstiegen, bewiesen, daß der verwundbarste Teil des Schiffes, die Maschine, getroffen war. Das fremde Schiff war kampfunfähig. Ob dieses erfolgreichen Schusses brach unter den deutschen Matrosen ein heller Jubel aus. Jetzt hieß es, sich so schnell wie möglich von den hängenden gestürzten Masten zu befreien und die verbindenden Taue zu kappen, um dem Gegner auf den Leib zu rücken. Ein letzter Kampf, Mann gegen Mann, sollte über das Schicksal der Schiffe entscheiden. Leider ging das nicht so schnell, wie man auf dem deutschen Schiffe erwartet hatte. Durch Tauwerk der herunterhängenden Takelage war die Schraube unklar geworden. Als endlich Schraube und Ruder wieder arbeiteten, war eine kostbare halbe Stunde vergangen. Während dieser Zeit hatte der ‚Bouvet‘ Segel gesetzt, um in schleuniger Flucht den schützenden Hafen zu erreichen. Der ‚Meteor‘ näherte sich, da er mit voller Kraft fuhr, zwar wieder dem feindlichen Schiffe und nahm das Geschützfeuer auf, jedoch schon nach dem vierten Schusse erreichte der Franzose die schützende spanische Hoheitsgrenze, und die spanische Korvette ‚Hernan Cortez‘ zeigte dies durch einen Schuß an. Jetzt mußte der ‚Meteor‘ die Verfolgung aufgeben. Unbeholfen und schwer bewegte sich das französische Schiff in den Hafen; die Zuschauer an der Hafeneinfahrt grüßten es mit eisigem Schweigen. Bald darauf lief schnell und behende der ‚Meteor‘ ein. Sein Äußeres wies deutlich darauf hin, daß er durch den Kampf schwer mitgenommen war; die Masten und ein Teil der Kommandobrücke fehlten, aber dennoch: stolz als Sieger zog das kleine deutsche Schiff dicht an den Ufern vorbei, und mächtiger Beifallssturm brauste vom Land herüber. Er galt der kleinen, tapferen Streiterschar, die mutvoll für die Ehre der deutschen Flagge einem stärkeren Gegner entgegengetreten war.
Am nächsten Tage wurden die beiden an Bord fürs Vaterland Gefallenen auf dem Gottesacker von Havanna bestattet; es war eine selten schöne Begräbnisfeierlichkeit. Den Gefallenen des ‚Bouvet‘ wurde ein Seemannsgrab auf offener See zuteil.
Der ‚Meteor‘ blieb noch lange im Hafen von Havanna, um gründlich seine Schäden auszubessern; den glücklichen Schützen und den umsichtigen Kommandanten schmückte von dem Tage an das Eiserne Kreuz.
Michel, horch, der Seewind pfeift!
Michel, horch, der Seewind pfeift,
Auf, und spitz die Ohren!
Wer jetzt nicht ins Ruder greift,
Hat das Spiel verloren.
Wer nicht jetzt sein Teil gewinnt,
Wird es ewig missen.
Michel, horch, es pfeift der Wind,
Segel gilt’s zu hissen!
Denk’ des Ruhms vergangner Zeit
Und der alten Lehre:
Volkes Wohl und Herrlichkeit
Blüht auf freiem Meere.
Schläfst du wieder, altes Kind?
Hurtig aus den Kissen!
Hurtig auf, ins Boot geschwind,
Segel gilt’s zu hissen!
Droben überm Nordseestrand
Schimmern Meeresweiten:
Deutsches Meer war’s einst genannt —
Hei, das waren Zeiten!
Heldenzeiten, hochgesinnt,
Kühner Tat beflissen —
Michel, horch, es pfeift der Wind,
Segel gilt’s zu hissen!
Und wie alter Helden Ruf
Tönt’s aus fernen Tagen:
Was die Kraft der Ahnen schuf,
Du auch sollst es wagen!
Michel, eh’ die Zeit verrinnt,
Schlag an dein Gewissen —
Michel, horch, es pfeift der Wind,
Segel gilt’s zu hissen!
Sieh die Nachbarn! Meer um Meer
Sperren sie mit Ketten,
Michel, schärf’ die alte Wehr,
Rette, was zu retten!
Michel, bist du taub und blind?
Hurtig aus den Kissen!
Hurtig auf, ins Boot geschwind,
Segel gilt’s zu hissen!
Gottfried Schwab.
(Aus: „Wolkenschatten und Höhenglanz“. Augsburg, Theodor Lampart.)