Der Pflicht getreu bis in den Tod.
Wenn zur Sommerzeit die Reisenden aus dem Binnenlande die Reichskriegshäfen aufsuchen, um einen Einblick zu gewinnen in Deutschlands Flotte, dann beachten sie auf ihren Rundfahrten durch die Häfen besonders die Torpedoboote, die Blitzboote, die zu Dutzenden an einer verborgenen Stelle des Hafens zusammenliegen. Ruhig und friedlich liegen sie beieinander; aber wehe, wenn sie losgelassen werden und in schneller Fahrt das Wasser durchfurchen! Dann glühen die Feuer, und der dicke, schwarze Rauch fliegt aus den Schornsteinen, die Sirenen gellen, und dahin fahren die Boote wie wildgewordene Tiere. Wehe dem Feinde, dem sie auf kurze Entfernung nahekommen, um auf ihn den verderbenbringenden Torpedoschuß abzugeben!
Die Torpedoboote bilden eine der jüngsten Waffen der Marine, sie sind unheimlich und furchtbar. Eine ungemein starke Maschine verleiht den schlanken und rasch lenkbaren, leicht gebauten Booten eine große Geschwindigkeit; die Schnelligkeit ist ihre einzige Waffe im Kampfe gegen Panzerriesen, die die Torpedoboote mit Schnellfeuer und Maschinengewehren gar leicht in den Grund bohren können.
Wenn die Boote irgendwo im Hafen liegen, steigen die Landratten gern bewundernd in ihnen hin und her. Die wagemutige Jugend klimmt vergnügt aus den Innenräumen des Schiffes durch die schmalen Aufgänge, die nur die Breite eines Mannes haben, ohne zu ahnen, einen wie schweren und verantwortungsvollen Dienst diejenigen haben, die während der Friedenszeit ihrer Dienstpflicht auf den Torpedoschiffen genügen müssen. Nur dadurch, daß immer und immer wieder Offiziere und Mannschaften im Kampfe mit der See für ihre schwierige Aufgabe — schneller Angriff auf eine feindliche Flotte im Ernstfall — geschult werden, wird diese Waffe das, was sie sein soll: ein wirksamer Verteidiger unserer bedeutenden Seehäfen.
Die Aufgaben, die unsere Marine den Torpedomannschaften und ihren Offizieren stellt, sind gewiß keine leichten. Besonders, wenn der Nordweststurm über die Nordsee fegt und die heranwälzenden Wasserberge den Schiffen den Garaus bereiten wollen. Bei solchem Wetter brausen Sturm und See um die Wette. Oft genug fährt bei einer schweren See der Bug des Torpedobootes steil in die Höhe, um sofort wieder in ein tiefes Wellental niederzustoßen.
Angstgefühl durchzittert die Rekruten, die zum ersten Male eine solche Fahrt mitmachen; aber die, welche schon länger dienen, kennen diese Gefahren. Sie haben sich vertraut gemacht mit dem Gedanken, daß ein unglücklicher Umstand in solchen Augenblicken, wenn der Wind schaurig um die Schornsteine und die Signalmasten weht, leicht das Ende bedeutet. Nur diese fortdauernden mannigfachen Friedensübungen bei schwierigem Wetter, die Fahrt über die See und die Angriffsübungen auf die heimische Kriegsflotte ermöglichen es, Großes von der Torpedowaffe im Ernstfalle zu erwarten. Vom Geist, der die Mannschaften beseelt, haben Vorkommnisse der letzten Jahre den besten Beweis geliefert. Wir müssen dieser todesmutigen Männer gedenken, weil auch sie starben für die Ehre der deutschen Flagge.
Angriff eines Torpedobootes.
Es war im September des Jahres 1912. Die deutsche Hochseeflotte hatte Torpedoangriffe abzuwehren. Bei diesen Übungen erhielt das Torpedoboot G 171 von dem Panzer ‚Zähringen‘ einen so unglücklichen Kammstoß, daß das hintere Viertel des Torpedoschiffes vom übrigen Teil abgeschnitten wurde und früher sank, als der größere Teil des Wracks. Im Augenblick des Zusammenstoßes empfanden die Mannschaften des Torpedobootes, daß das Schiff seinen Todesstoß erhielt, aber alle blieben während der unheilschwangeren Minuten in musterhafter Ordnung an ihren Posten. Die Befehle der Offiziere wurden so ruhig gegeben, als handle es sich um eine Gefechtsübung, und die Mannschaft führte sie genau und schnell aus. Nichts von Panik, obgleich die Sendboten des Todes das Schiff umlauerten. Als in den gefahrdrohenden Augenblicken die Klappen und Ventile, die Düsen und Sicherheitstüren sich schlossen, zuckte wohl durch manches Hirn der Gedanke an den Tod, aber zum Ausdruck kam er nicht.
Gerade dieser peinlichen, getreuen Pflichterfüllung bis zum letzten Augenblick, die auch die übten, die unten in den Schiffsräumen bei den Maschinen ihren Dienst versahen, ist es zu verdanken, daß das Wrack eine Viertelstunde sich über Wasser hielt und fast die ganze Mannschaft gerettet wurde. Als die gierigen Wellen das Wrack umfaßten, stand die Mannschaft unter Kapitänleutnant Hoppenstedt am Vorderdeck. Schwimmer und Nichtschwimmer waren geschieden. Die an der Schiffswand befestigten Schwimmwesten, soweit sie nicht schon den erregten Meereswogen zur Beute fielen, wurden verteilt. Die Nichtschwimmer erhielten die vorhandenen Westen. Und dann ging’s auf Befehl des leitenden Offiziers Mann für Mann über Bord. Schon eilten die Rettungsboote der Panzerschiffe heran, um die im Wasser Schwimmenden aufzunehmen. Hier auf brandendem Meere übten sie Mannszucht; in dem Augenblick, da das Hinterteil des Schiffes immer tiefer sank und von den gierigen Meereswogen überspült ward, übten sie noch treue Kameradschaft.
Die kurze Mittagspause, die die Mannschaften in Ruhe genießen sollten, brachte den unheilvollen Zusammenstoß. Einer der Matrosen, der in diesem Augenblick aus einem der schachtartigen Niedergänge herauskam, wurde schwer verletzt. Hilflos lag er auf dem von Meereswogen überspülten Verdeck. Selbst konnte er sich nicht mehr helfen. Sein Kamerad, der schon sprungbereit an der Schiffswand stand, um zum Rettungsboote hinüberzuschwimmen, sah ihn liegen. „Hein! Du kannst ja mit deinem gebrochenen Arm nicht schwimmen; komm, ich nehme dich mit!“ Ein Mann, ein Wort. Er hat dies gehalten bis zum letzten Augenblick. Mit seinem Schützling im Arm kämpfte er gegen die Meereswogen, um sich einen Weg zu bahnen, dem helfenden Boote entgegen. Allein vergebens! Den Verletzten im Arm, sank er vor den entsetzten und machtlosen Helfern in die Tiefe, seinen Kameraden getreu bis in den Tod.
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In den Märztagen des Jahres 1913 ereignete sich ein ähnliches Unglück, das durch die Größe des Verlustes an Mannschaften das schwerste Unglück darstellt, das bis dahin die deutsche Torpedoflotte erlitt. Über siebzig brave Seeleute fanden dabei den Tod, alles junge, pflichtbewußte Menschen, die im Friedensdienste für das Vaterland ihr Ende in den Nordseewellen fanden.
Torpedoboot S 178.
Zur mitternächtigen Stunde erhielt das Torpedoboot S 178 durch den Panzerkreuzer ‚York‘ einen schweren Stoß, der das Wasser mit Mächtigkeit und Schnelligkeit in das verletzte Boot hereinströmen ließ. Einer der Mitfahrenden und wenigen Geretteten schrieb darüber in einem Zeitungsbericht:
„Das Unglück geschah elf Uhr vierzig Minuten. Ich lag in der Koje und verspürte den Stoß selbst nicht. Auch als ich Wasser hereinrauschen hörte, dachte ich schlaftrunken: ‚Das ist wie gewöhnlich bei schwerem Wetter.‘ Da legte sich das Boot schief nach Backbordseite. Jetzt war ich bei klaren Gedanken: ‚Reiß dich zusammen!‘ Ich sprang aus der Koje, tastete nach rechts — niemand mehr da, ging nach vorn an den Niedergang und griff dabei links — niemand mehr da. Ich war also meiner Meinung nach der Letzte. Das Wasser stieg und stürzte mit Macht durch den Niedergang. Ich arbeitete mich mit Riesenkräften dem Wasserdruck entgegen, Stiege für Stiege. Auf der obersten Stufe stand ich dann bis zum Leib im Wasser und holte tief, tief Atem, wie ein Schwimmer vor langer Tauchstrecke. Da sank das Hinterteil des Bootes. Ich wurde in den Wirbel gezogen — tiefer und tiefer. Da fühlte ich, daß sich eine Leine um meine beiden Füße gewickelt hatte. Blitzschnell kam mir der Gedanke: Sollst du hier elend ertrinken? Nein! Mit verzweifelter Kraft riß ich die Unterhose vom Leibe, wobei die Leine mit abging, und arbeitete mich hoch. Es dauerte lange, sehr lange, und als all meine Luft verbraucht war, kam ich an die Oberfläche. Nicht weit von mir schwamm jemand auf irgendeinem Wrackteile. Ich schwamm hin und schwang mich mit hinauf. Wir verteilten uns, damit das Gleichgewicht blieb. Und nun das Drama! Das Vorderteil des Bootes war noch nicht gesunken, sondern stand schräg aus dem Wasser. Sämtliche übrigen Menschen standen darauf und schrien durcheinander. Alles dauerte drei bis vier Minuten. Wir auf unseren Planken krallten uns im Holze fest. Die See ging über uns und erstarrte uns. Der Ingenieur gesellte sich zu uns. Und das Boot sank. Wir trieben etwa dreiviertel Stunden, riefen die naheliegenden Schiffe an — keine Rettung. Trotzdem blieben wir vollständig klar bei Sinnen. Des sehr schweren Wetters wegen konnte von den Linienschiffen kaum ein Kutter ausgesetzt werden. Ich sagte zu meinem Gefährten: ‚Noch zehn Minuten tragen uns die Bretter — dann ist Schluß.‘ Da kam ein Kutter; dreimal zurückgeworfen, kam er endlich doch heran, und wir flogen hinein. Jetzt waren wir geborgen, und das Frieren fing an. Der Obermaat hatte Unterhose und Hemd, der Ingenieur Lederzeug, und ich nur das Hemd an. Nach halbstündiger Fahrt kamen wir an Bord. Der Unterkörper war wie abgestorben.“ — — —
Nur elf Mann wurden gerettet, die andern fanden den Tod in den Wellen; alle waren der Pflicht getreu bis in den Tod!
Ehre ihrem Andenken!
Unterseeboot U 11.