Achtes Kapitel.

Am ersten Tage nach dem Begräbnis befand sich Steffen schon früh auf dem Wege nach Bodenburg, um dem Hofherrn in aller Förmlichkeit den Todesfall anzuzeigen und sich ihm zugleich als Nachfolger seines Vaters zu präsentieren.

Er überlegte auf dem Gange, ob er auch zugleich um die Heiratserlaubnis anhalten solle, kam aber nach langem Bedenken zu der Ansicht, daß er damit besser warte, bis er den Meierbrief sicher in Händen habe, bis überhaupt Martini mit all seinen Lasten und Schwierigkeiten erst vorüber sei. Sonst könne es ihm passieren, wie voriges Jahr dem kleinen Wolter in Westfeld, dem der Herr geantwortet hatte: „Erst beweise mir mal, daß du ’n ordentliches Zinskorn und ’n ordentliches Mahlschwein liefern kannst; dann hast du auch den Rottlandszins noch nicht bezahlt.“

Als Steffen am Mittag zurückkam, ging er sogleich bei Drewes vor und erzählte, daß der Herr bei recht guter Laune gewesen sei, ihm den Hof bis Martini so belassen und ihn dann gegen die hergebrachten Meiergefälle als neuen Meier einsetzen wolle.

„Und die Bedemund?“ fragte Drewes und meinte damit die Abgabe, die für die Erteilung der Heiratserlaubnis an den Hofherrn zu entrichten sei.

Davon hätte er dem Herrn noch nichts sagen mögen, erklärte Steffen und freute sich, daß nicht nur Vater und Mutter ihm zunickten, sondern auch Sophie seine Gründe dafür völlig billigte. Daß Sophie ordentlich erleichtert aufatmete, bemerkte er in seiner Arglosigkeit nicht.

Der Haushalt der Brüder sollte aber darunter nicht leiden; denn Sophie, die morgens und abends herüber kam, sorgte mit redlichem Eifer, daß es ihnen an nichts mehr mangelte und Steffen sich nun auch wieder mehr auf eigentliche Mannesarbeit legen konnte. Auch Vater und Mutter Drewes verfehlten keinen Tag, mindestens einmal hinüberzugehen und den Hausstand mit Rat und Tat zu fördern.

Sophie machte ihren Besuch in der Regel, wenn sie Marten fern vom Hause wußte, wie auch er sich den Anschein gab, als ginge er dem Mädchen mit Fleiß aus dem Wege. Trafen sie dennoch einmal zusammen, sprachen sie kaum ein Wort miteinander.

Gegen seinen Bruder zeigte Marten sich andauernd kühl und hart und von unbrüderlicher Verschlossenheit, er sprach nicht mehr, als unumgänglich nötig war, und wenn er sprach, war der Ton nie ohne auffällige Gereiztheit.

Steffen ahnte allmählich, daß Marten ihm das Mädchen nicht gönnte, es wohl selber gern genommen hätte. Herrje ja! Er zuckte die Achseln und guckte in solchen Fällen gern in den Küchenschrank, — wo der schülpende Butt stand.

Du lieber Gott, darein müsse er sich schon geben, der stolze Marten, dachte er für sich. Der Vater habe doch nur den einen Hof hinterlassen, und wer einmal keinen Hof hätte, könne doch auch nicht daran denken, solch ein Mädchen wie die Fieke zu bekommen. Wäre er vom lieben Gott zum Zweitgeborenen bestimmt gewesen, würde er eben auch zusehen müssen. Eine Ziege könne keinen Schwanz haben wie eine Kuh, und der Sperling könne in kein Gänsenest legen wollen. Das wäre nun einmal wider Gottes Ordnung. Dann aber begann er zu fürchten, daß Marten sich mit der Absicht trage, in die Stadt zu gehen und Kutscher zu werden oder sonst was, hatte doch sein Sinn immer nach höhern Dingen gestanden.

Steffen grübelte darüber nach und zog schließlich die Stirn kraus: Denn er betrachtete diese Möglichkeit nicht als ein eifersüchtiger Liebhaber, wozu er wohl allen Grund gehabt hätte, sondern erwog sie als Bauer, der auf seinen Vorteil bedacht sein muß. Jedes Buchenblatt und jedes Strohspier, das wußte er von klein auf nicht anders, mußte man achten und nützen; von wie großem Gewicht mußte ihm darum der Verlust der Arbeitskraft erscheinen, der mit Martens Weggange eintreten würde.

Es kam aber hinzu, daß Marten dann auch seine Abfindung zu haben wünsche, und das waren bare 80 Taler. Achtzig Taler aber war für den Hof ein ganzes Kapital, wenn es auf einmal gegeben werden sollte, zumal in diesem Jahre mit den neuen Meierkosten. Dann könne man nicht umhin, einen Knecht zu mieten, erwog Steffen weiter, und ein Knecht, solle er einigermaßen sein, koste doch gut und gern seine sechzehn oder achtzehn Taler, und die habe man doch auch nicht gleich in der Hand. Nun noch, was dazu gehöre an Trinkgeld und Deputat.

„Meinst du nicht auch, Fieke?“ fragte er sein Mädchen, als es gerade damit beschäftigt war, die Milchbriwen von den hohen Wandbrettern in der Stube zu nehmen.

Sophie probierte ein wenig mit dem Finger, ob der „Smand“ (Rahmen) schon wäre, und überhörte dabei seine Frage ganz und gar.

„Meinst du nicht auch, Fieke?“ wandte er sich nocheinmal an sie, indem er den wackelnden Stuhl hielt, auf dem sie stand, um an die Milchbretter zu reichen.

Sie sprang auf den Boden und begann die erste der Briwen, die sie auf den Tisch gestellt hatte, mit einem hölzernen Löffel abzurahmen.

„Meinst du nicht auch, Fieke?“

Fast ungehalten sah sie nun den Frager an und antwortete — aber da guckte sie schon wieder auf ihre Arbeit: „Dazu kann ich dir eigentlich nichts sagen, Steffen, das mußt du als Bauer selbst am besten wissen. Doch wenn du einmal meine ehrliche Meinung hören willst“ — nun sah sie ihn wieder mit offenen und ehrlichen Augen an — „dann laß deinen Bruder getrost gehen, wohin er will, wenn es ihm einmal zu Hause nicht mehr behagt. Das wird doch nichts Rechtes zwischen euch beiden, und wir müssen sehen, daß wir auch ohne ihn fertig werden. So, Steffen, das ist meine Meinung.“

Steffen kratzte sich den Kopf, wiegte ihn zwischen den Schultern, ging hinaus und kam wieder herein, sah Sophie wieder an, sah durchs Fenster den scharrenden Hühnern zu und dachte wie sie immerfort und immer nur an das, was ihm nützte.

„Ein Knecht kostet aber achtzehn Taler und ist doch nicht so auf die Arbeit wie einer von den eigenen Leuten,“ gab er ihr noch einmal zu bedenken. Er wolle darum doch lieber trachten, wieder in ein ordentliches brüderliches Verhältnis mit ihm zu kommen. „Meinst du nicht auch, Fieke?“

Sie zuckte jetzt nur die Achseln.

Er nahm ihr eine Briwe ab, stellte sie auf den Tisch und fragte nochmals: „Fieke, meinst du nicht auch, daß es so ’s beste ist?“

Aber sie meinte nichts mehr.

Das beunruhigte ihn nun wieder, und er überlegte aufs neue, „druckste“ um sie herum und stand ihr im Wege, so daß sie ihn mehrmals beiseite schieben mußte.

Auf einmal lachte sie und lachte ganz lustig und ganz herzlich.

Das gefiel ihm, denn im Lachen war sie nochmal so schön, dann kam ein wundersamer Tau in ihre Augen und eine süße Musik in ihre Stimme.

„Was lachste denn, Fieke?“ fragte er und lachte auch.

Sie rollte den dicken gelben „Smand“ mit dem Löffel über die runde weiße Briwenfläche zurück, füllte den kostbaren Ballen in das Smandbecken, sah Steffen darauf lustig lachend an und sagte: „Ich denke eben daran, wie viel Katzenschwänze wohl dazu gehören, um den Mond an die Erde zu binden. Weißt du’s, Steffen?“

Steffen lachte. „O, das müssen wohl so viele, viele sein, daß man sie gar nicht zählen kann.“

„Nein,“ kicherte sie, „es braucht nur ein einziger zu sein, aber er muß lang genug sein.“

Steffen deutete den Scherz zu seinen Gunsten, machte ein pfiffiges Gesicht und sagte: „Weißt du, wie viel Sorten Frauensleute es gibt?“

Nein, das wußte sie nicht. Sie sollte raten. Das wollte sie aber gar nicht.

Da sagte er’s. Es gäbe nämlich drei Sorten: „De Swineart, de Göseart un de Häunerart.“ Und da sie ihn nun neugierig ansah, legte er den Finger an die Nase und gab die Erklärung, wie er sie von seinem Vater gehört hatte: „Die Gänse schnattern, das ist nicht die rechte Art; die Hühner kratzen, das ist auch nicht die rechte Art; aber die Schweine wühlen zusammen, das ist die rechte Art.“

Sie sah ihn mit großen Augen an, in denen das Lachen verhalten war, und fragte gespannt: „Zu welcher Sorte rechnest du denn mich?“

„No,“ entgegnete Steffen und guckte mit großer Befriedigung an ihr herauf, „no, du bist doch wohl von der — Swineart.“

Sie stand einen Augenblick ganz starr und still; dann lachte sie hell auf, unterdrückte aber das Lachen sofort, als sie Marten mit den Pferden am Fenster vorüber kommen sah.

Steffen ging sogleich hinaus, um dem Bruder beim Ausspannen zu helfen.

Marten sprang vom Pferde, sah seinen Bruder finster an und murmelte etwas vor sich hin.

„Ist’s gut gegangen, Marten?“ fragte Steffen, indem er die Stränge abhängte.

„So gut wie im Heu liegen nicht,“ knurrte der und stieß mit dem Fuße zwischen die Hühner, die eben wie in heller Freude über die Ankunft der Pferde herbei gelaufen kamen.

Da gröhlte der Hahn: „Wat is dat für ’ne Sak?“

Alsbald reckte auch ein kleines Huhn den Hals und strengte sich seltsamer Weise gar sehr an, um etwas ähnliches wie der Hahn heraus zu bringen.

Nun ließ Steffen die Ringkoppel fallen, die er eben lösen wollte, scheuchte das Huhn weg und rief: „Ich dreh’ dir ’n Hals um, wenn du nicht still bist.“

Marten aber nickte dem Huhne, das sogleich wieder umkehrte, befriedigt zu und sagte: „Krähe nur, krähe nur!“

Die Brüder wußten alle beide: Wenn ein Huhn wie ein Hahn kräht, so gibt’s ein Unglück. Man soll ihm lieber den Hals umdrehen. —

Steffen überwand aber seinen Unmut, führte die Pferde in den Stall, rief nach dem Bruder zurück, ob sie die Weidenbreite als Dreisch liegen lassen oder doch lieber umpflügen sollten und fragte noch nach diesem und jenem, ob er auch keine oder höchstens eine „quere“ Antwort erhielt.

So ging es nun die folgenden Tage ständig fort. Je unzugänglicher Marten sich erwies, desto größer wurde Steffens Hingebung gegen ihn. Er übersah und überhörte vieles und alles, was Martens immer größer werdende Anmaßung ihm Ärgerliches bot, ertrug seine üblen Launen ohne Mucken, ließ sogar Martens Willen in allen Dingen den Ausschlag geben. Und da Marten sich diese Gutwilligkeit nicht nur gefallen ließ, sondern sie als etwas durchaus Selbstverständliches anzusehen begann und das Übergewicht seiner Stellung mit Fleiß zur Schau trug, so schien es in der Tat, als wäre er der Herr und Steffen der Knecht.

Eines Morgens, als Sophie auf den Hof kam, sah sie zu ihrer Verwunderung, daß Marten, den sie längst im Felde glaubte, gerade erst die Gäule an den Pflug spannte. Er fuhr seinen Bruder, der den Pflug erst hilfsbereit auf den „Stert“ stellte, mit herrischer Stimme an und ließ ihn laufen wie einen kleinen Buben. Und Steffen lief ohne Unterlaß.

Das heiße Blut schoß ihr ins Gesicht, und es war ein zorniger, ja ein fast böser Blick, den sie Steffen zuwarf.

Marten, dem ihre Erregung nicht entgangen war, sah sie herausfordernd an. Die Blicke begegneten sich über Steffen, senkten sich ineinander; es sprühte, es leuchtete — und Marten ging mit hellem Pfeifen davon.

Ein großer Rabe kam mit schwerem Flügelschlage über das Haus hergeflogen, setzte sich in den Wipfel des Walnußbaumes, zwischen dessen vergilbten Blättern nur noch wenige Nüsse hingen, stieß einzelne tieftönige, schaurige Rufe aus und flog in seinem schweren Fluge wieder über das Haus zurück. Zu gleicher Zeit strich ein heftig krächzender Rabe von den Ulmen am Bache her und kreuzte den Flug des ersten Raben über dem Hofe.

Die schwarzen Gesellen flogen noch lange lärmend über dem Dorfe her und hin, und manchmal hörte sich’s an, als schrieen sie um die Wette: „Ein Kreuz! Kreuz! Kreuz!“