Siebentes Kapitel.

„Nun kommt wieder die lange, rabenschwarze Nacht,“ seufzte Vater Oelkers, wenn in der Dämmerung die Betglocke geläutet hatte. Denn es kam kein Schlaf mehr in seine Augen, und das Bäuten, das Marten und Sophie noch abwechselnd taten, schlug nicht an, es hatte nur einen trügerischen Schein geweckt. „Die Argen und die Zwargen hören auf die Lutherischen nicht,“ sagte der Leidende einmal mit peinvollem Lächeln zu Meister Drewes, der aber die Hoffnung noch lange nicht aufgeben wollte. „Du glaubst nur nicht fest genug daran, Naber,“ mahnte er, und Oelkers schüttelte den Kopf. Es war nichts mehr mit seinem Glauben, und er hatte sich völlig aufgegeben. „Der Glaube hilft nur den Gesunden,“ sagte er. Kam Sophie aber an sein Bett, so versicherte er ihr selbst unter den größten Qualen, wie gut ihre Baute ihm täte und wie dankbar er ihr sei, daß sie ihm so viel geholfen hätte; denn sonst wäre er gewiß schon vor zwei Wochen gestorben.

Wieder war eine qualvolle Nacht vergangen, und als Marten, der an diesem Tage in Bodenburg Spanndienste zu verrichten hatte, in noch dunkler Frühe ans Bett trat, sagte der Vater mit schwerem Ächzen: „Sorge, daß du zeitig zurückkommst, Junge. Ich fühle, heute ist mein letzter Tag.“

„Es wird noch so schlimm nicht sein, Vater,“ erwiderte der Zweite in beruhigendem Tone, „ich werde es aber ’m Herrn sagen, daß er mich früher ziehen läßt.“

Als der Jüngste mit den beiden etwas müde gehenden Gäulen vom Hofe zog, rief Oelkers seinen Ältesten zu sich und sprach mit ihm, so gut es sein Zustand erlaubte, von alledem, was nun werden sollte. „Du bist der Älteste und stehst vorn und mußt der Stab sein, an dem unsere Familie weiter geht. Denke nur daran, daß Gott dir hilft, und denke daran, daß du wohl morgen schon zu unserm irdischen Herrn gehen mußt. In der Eichenlade auf der Bodenkammer liegt das Geld für den Meierzins, es sind erst 15 Taler und 14 Mariengroschen. Es ist noch nicht alles bei’nander, denn der Hofzins in bar macht 25 Taler und 4 Mgr., wie du weißt, und dazu kommt noch der Rottlandszins mit drei Talern und 24 Mgr. Und dann mußte für ’n neuen Meierbrief auch ’n Stempel bezahlen. Die Ernte ist, Gott sei’s geklagt wieder schlecht ausgefallen, weil wir wegen der Spanndienste wieder nicht rechtzeitig einfahren konnten und ’s Beste wie immer verregnen lassen mußten. — Von der guten Frucht kannste kaum noch was abstehen, willst du nicht mit ’m Zinskorn ins Gedränge kommen, oder hernach um vieles teurer wieder kaufen. Dann das Begräbnis, das kostet auch wieder was. Laß nur ja keinen teuren Sarg für mich machen, hörste? ’n paar schlichte Tannenbretter, die genügen. Mehr als ’n Taler braucht er nicht zu kosten, der Sarg, hörste, Junge? Und das gute Zeug sollt ihr mir nicht anziehn: En Hemd un en Dauk is in ’n Grawe enaug.[25] Es ist ganz einerlei, wie man in der Erde liegt. Es ist nur, daß man hinkommt auf ’n Kirchhof. Und die Begräbnisfeier sollt ihr auch nur ganz einfach machen, Junge. Vier weiße Kuchen, das wird hinreichen. Und das mußte alles mit Drewes besprechen, hörste, Junge? Was sie denn sagen, so mach’s nur, denn sie sind für dich wie für sich. Kommt dann der Martinitag, und es fehlt dir noch, so sprich mit deinem Bruder, daß er dir für ’ne Zeit was vorstreckt. Der hat sich doch bei den Stadtfuhren was erspart und wird gut seine fünfundzwanzig Taler und mehr für sich haben. Oder du sprichst mit Drewes Vetter. Willst du aber beides nicht, und es ist ja aus guten Gründen besser, brauchst du im Anfange weder deinem Bruder noch deinem Schwiegervater zu kommen — dann mußte lieber sehen, daß du eins von den beiden Läufern[26] gut verkaufen kannst, Junge. ’s wäre ja schade, denn sie kommen nun erst ins Wachstum; aber du mußt dann eben sehen, Junge.“

Steffen stand halb abgewandt am Fußende des Bettes und schluchzte.

Der Alte winkte ihn näher zu sich, atmete heftig, würgte den Schmerz und ächzte: „Du weißt, daß der Herr außer dem Baren noch zu fordern hat: 25 Himten gutes, marktgängiges Korn, ein Schwein und ein Schaf, beide von ihm selbst ausgesucht, drei Schock Eier zu Ostern und zu Pfingsten, und zehn Hahneken oder Hinneken, die aus ’m Scheffel springen können. Und dann müßt ihr sehen, daß ihr die 33 Sperlinge noch kriegt.“ Er erholte sich einige Atemzüge lang und fuhr fort: „Die ersten zehn Himten, weißt du, will der Herr immer pünktlich mit dem Martinizins gebracht haben, den Rest bis Fastnacht, wie du weißt. Nun höre aber, Junge: Nimm das erstemal kein Hinterkorn in die Mitte; später, d. h. wenn du den Hof schon ’n Jahrer zwei hast, kannste ja immer gut ’n halben Scheffel Drespen und Raden mit untermengen, denn man muß sich zu helfen wissen; aber beim Antritt und eh’ du ’n neuen Meierbrief in der Hand hast, mußte nur vom Allerbesten nehmen. Lieber Schaden als Schimpf, denn der Herr könnte imstande sein und sich beim ersten Male jedes Korn einzeln vorschütten lassen, dann hättest du bei ihm gleich schöne in’n Tran getreten. Er ist gar nicht so unrecht, unser Herr und kann auch kein Unrecht leiden. Also höre, Junge, und denke: Ehrlich währt am längsten.“

Steffen schluchzte und nickte.

Eine Weile lag der Alte in tiefer Erschöpfung still. Sein Gesicht war gänzlich eingefallen, sein Bart in langen Stoppeln gewachsen. Plötzlich kam es wie ein neues Leben in ihn.

„Wir wollen alles in Ordnung bringen, Junge,“ flüsterte er und winkte mit der zitternden Hand nach dem Fenster, „geh’ und sag’ Drewes Vetter, wie’s um mich steht. Er soll gleich kommen, hörste, und Fieke mitbringen. Hörste, Junge, das sagste ihm. Wir wollen alles in Ordnung bringen.“

„Ja, Vater!“ schluchzte Steffen und wandte sich nach der Tür, zögerte aber wieder.

„Geh’, Junge, geh’,“ drängte der Vater, „manchmal ist ein Augenblick ein Scheffel Weizen, manchmal ein Hof mit vier Pferden.“

„Ja, Vater,“ schluchzte Steffen nochmals, und bald tönte vom Hofe her das Dröhnen seiner eilenden Tritte und das Gekreisch der auseinander stiebenden Gänse.

In der engen schwülen Stube herrschte eine dumpfe Stille, nur unterbrochen durch die ächzenden Atemzüge des Kranken. Eine einsame Fliege kam schräg vom Balken hergeflogen, kroch matt über die Decke, kletterte an der kalten welken Hand empor, putzte sich schnurrend das verschlafene Köpfchen.

Eine späte Fliege zeigt an, daß noch Geld im Hause ist. Unwillkürlich erinnerte sich der Bauer dieser alten Volksmeinung, und nicht ohne ein leises Wohlgefallen betrachteten seine Augen die kleine Gesellschafterin, die von Tausenden noch allein übrig geblieben war. „Ach, ich bin auch so ein Übriggebliebener; aber nicht lange mehr, und wir beide werden sein, wo die andern sind,“ dachte er und machte eine leise Bewegung.

Die Fliege erschrak und flog wieder empor nach dem dämmernden Gebälk.

Er blickte ihr nach. „So wird meine Seele auch emporfliegen,“ sagte er leise, „und es wird bald sein. Lieber Heiland, du wirst ihr die Himmelstür offen halten!“ Krampfhaft faltete er die blutleeren Hände und betete mit oftmals aussetzender Stimme:

„Ich bin ein Gast auf Erden,

Hier ist kein fester Stand ...“

Mit sicherem Gedächtnis sprach er von dem alten ergreifenden Gesange einen Vers nach dem andern und stockte nur, um dem schwergehenden Atem Zeit zu lassen.

Schon hatte er den zehnten Vers beendet und eben mit dem letzten angefangen, als Meister Drewes in der Tür erschien und hinter ihm seine Tochter ängstlich hereinsah.

Oelkers nickte und betete den Vers zitternden Tones zu Ende.

Die Eingetretenen falteten die Hände und blieben in tiefer Ergriffenheit an der Tür stehen. Sophie empfand den hohlen, zitternden Klang der Stimme mit leisem Schauder.

„Amen!“ hauchte der Kranke und winkte mit einer schwachen Bewegung der Hand.

„Henderk! Naber!“ rief Drewes schmerzbewegt und wischte sich mit beiden Händen über die Augen.

Auch Sophie konnte ob des jammervollen Anblicks ihre tiefe Bewegung nicht verbergen; sie wandte sich zur Seite und trocknete mit der Schürze die hervorbrechenden Tränen.

Der Kranke nickte ihnen mit mühevollem Lächeln zu und rang um jeden Atemzug. Plötzlich bäumte sich etwas in ihm; er stemmte sich mit Aufbietung seiner letzten Kräfte auf die Hände, hob den zitternden Kopf, sah Drewes mit einem fast zornigen Blicke an und wiederholte, während seine Mienen einen bittern Zug annahmen, den zweiten Vers des alten Sterbegesanges:

„Was ist mein ganzes Wesen,

Von meiner Jugend an

Als Müh und Not gewesen?

So lang ich denken kann,

Hab’ ich so manchen Morgen,

So manche liebe Nacht

Mit Kummer und mit Sorgen

Des Herzens zugebracht.“

Die Stimme versagte, er sank zurück, lag eine Weile wie tot; doch als Drewes sich über ihn beugte, hörte er ihn wiederholen: „Mit Kummer und mit Sorgen.“ Dann schlug er die Augen wieder auf und sagte: „Es wird nun ein großer Bauernmorgen kommen, ich hab ihn nicht mehr erleben sollen ...“

Da kam Steffen und lud schluchzend zum Sitzen ein.

Der Kranke flüsterte: „Es ist gut, daß ihr gekommen seid, Andreis! Du siehst, ich habe keine Zeit mehr.“

Drewes rückte ihm das Kopfkissen zurecht und erfaßte ihn bei der Hand.

„Wo ist deine Tochter, Andreis?“

„Hier, Oelkers Vetter!“ rief sie leise und trat nahe ans Bett.

Über das Gesicht des Kranken ging ein Aufleuchten, er suchte die Hand nach ihr zu heben.

„Ach, wenn ich Euch doch helfen könnte, Oelkers Vetter!“ sagte sie herzlich und reichte ihm die Hand, zuckte aber leise zusammen, als sie die Todeskälte des alten Mannes fühlte. Das warme, blühende Leben sträubte sich vor der Berührung mit dem nahenden Tode. Aber der Sterbende hielt ihre Hand fest.

„Habe Dank, gutes Kind! Ja, Kind, du kannst helfen, wenn auch nicht mir, so doch meinem Sohne. Du weißt, daß Steffen den Hof übernehmen und darum auch gleich eine ordentliche Frau haben muß. Soll er nun erst in der Welt herumlaufen? Und wenn er acht Tage weit ginge und noch weiter, könnte er doch keine so gute finden, wie du bist, Fieke.“

Sophie zuckte zusammen, zog die Hand zurück und sah verwirrt und hilflos nach dem Vater.

Der stand da mit feuchten Augen und nickte ihr ermunternd zu.

Steffen war in den Ofenwinkel zurückgegangen und hatte sich zur Erde gebückt, als suche er etwas.

Draußen auf dem Zaune krähte der Hahn; am Bache schrie der Enterich: „Natt, natt, natt, natt!“

„Du willst doch, Kind, du willst doch?“ rief der Kranke ängstlich bittend.

Ein Sperling flog gegen die Fensterscheibe, guckte neugierig herein und flog wieder fort.

„Na, Fieke, so antworte aber auch!“ mahnte Drewes nachdrücklich.

Sie kämpfte in peinvoller Verlegenheit mit sich und sagte, während ihre rechte Fußspitze auf dem Lehmboden einen Kreis zog: „Oelkers Vetter, ich will Eurem Steffen wohl helfen so viel ich kann.“ ... Da stockte sie wieder, obgleich es ihrem Tone anzuhören war, daß sie noch etwas sagen wollte.

Draußen schrien die Gänse. Ein vorüberfahrender Knecht rief den Pferden etwas zu und knallte mit der Peitsche.

Drewes, dessen Stirn sich in Falten gelegt hatte, schob das Fenster auf und winkte hinaus. Da hörte das Peitschenknallen auf; aber dafür begann ein Hund, der im Despegebüsch etwas entdeckt hatte, heftig in das Gebüsch hinein zu kläffen.

„Willst du mich sterben lassen ohne Antwort, Kind?“ jammerte es aus dem Bette. „Soll ich nicht mehr erleben, daß mein liebster Gedanke sich erfüllt?“

„Fieke!“ mahnte Drewes.

Regungslos, mit gesenktem Kopfe stand sie da und schluchzte in ihre Schürze. „Euer Steffen,“ stieß sie endlich mit ersticktem Tone heraus, „hat mir ja davon gar nichts gesagt.“

Fast bis zum Boden hatte sich der Bursche gebückt.

„Mädchen, der hat sich gescheut ... er hat’s nicht ’raus kriegen können,“ versicherte Oelkers und rief in Todesängsten: „Steffen, ist’s nicht so? Wo biste denn, Junge? Rede doch!“

Da richtete der Bursche sich auf, sein Gesicht war eine Glut, er tappte mit den Händen umher und stammelte: „Ja, Fieke, schon im ganzen Jahre hab’ ich’s dir sagen wollen, aber wenn ich meinte, ich war so weit, dann“ ...

„Ja, Junge,“ fiel Drewes lachend ein, „so ’nem vertrackten Mädel muß man aber auch ’n bißchen forscher kommen! Den Düwel auch! Da hätteste mich und deinen Vater mal sehen sollen, als wir ... na ja, so — nun ist’s ja gut. Gebt euch man gleich mal die Hände. Die Sache ist abgemacht!“

Steffen faßte sich, hustete, reichte dem tief erblaßten Mädchen die Hand und sagte treuherzig: „Sei nur nicht bange, Fieke, daß du’s schlecht kriegtest bei uns, und du sollst es gewiß mal nicht zu bereuen haben. Und daß nun unser Vater noch diese Freude hat“ ...

Aufschluchzend verhüllte sie ihr Gesicht mit der Schürze, und ein heftiges Beben ging durch ihren Körper.

„Ich hätte nicht sterben können, ich hätte im Grabe keine Ruhe finden können,“ flüsterte der Sterbende gänzlich erschöpft.

Da wischte sich das Mädchen mit der Schürze kräftig über die Augen her und hin, ließ dann die Schürze fallen, strich sich mit beiden Händen das Haar über den Kopf zurück und sagte: „Ihr sollt ruhig einschlafen können, Oelkers Vater, wenn es Gottes Wille ist.“ Sie hatte zum ersten Male „Oelkers Vater“, statt wie sonst „Oelkers Vetter“ gesagt. Und nun ging sie auf Steffen zu, reichte ihm die rechte Hand und sagte, wenn auch mit etwas dumpfem Tone: „Wenn’s Gottes Wille ist, Steffen, so will ich’s tun.“

„Gott segne euch, Kinder!“ flüsterte Oelkers mit einem matten Freudenstrahle.

„Gott mache euch glücklich, Kinder!“ sagte Drewes laut und feierlich.

„Nun will ich das Abendmahl nehmen und geduldig warten, bis mein letztes Stündlein kommt,“ flüsterte der Sterbende erleichtert und schloß ruhig die Augen.

Drewes rückte den Stuhl leise zurecht und sagte, indem er von Steffen auf seine Tochter sah, die beide noch verlegen dastanden: „Der Pastor wird nun gewiß bald kommen; da kannste nur Stube und Küche gleich ’n bißchen in Ordnung bringen, Fieke! So ’n Pastor hat seine Augen allerwärts, und wenn ein Kranker das heilige Abendmahl kriegt, muß es rein und ordentlich sein; denn der Heiland sieht nicht nur auf den Kranken, sondern auch auf die Gesunden.“

Froh, sich mit der Arbeit von dem schweren Banne, der auf ihr lag, etwas befreien zu können, nickte sie dem Vater zu und begann sofort in der Stube aufzuräumen, während Steffen auf den Zehen hinausschlüpfte, um Besen und Mulde hereinzuholen.

Oelkers versuchte sich noch einmal auf die Ellbogen zu stemmen, was ihm aber nicht mehr gelingen wollte. Da legte Drewes den Arm um seine Schulter und hielt ihn.

„Sie sollen das Trauerjahr nicht erst abwarten,“ flüsterte der Sterbende, „wenn ich begraben bin, ist der erste Tag der beste zur Hochzeit, damit das Haus wieder in Ordnung kommt. So will ich es, Naber. Hört ihr, Kinder, so will ich es.“

Drewes ließ das sterbensmüde Haupt leise in das Kissen zurücksinken, nickte und sagte, indem er seine eifrig hantierende Tochter ansah: „Kommt der Pastor denn doch ’mal her, so können wir ja gleich mit ihm über das Aufgebot sprechen, wenn du’s so willst, Naber.“

„So will ich es, Naber,“ bekräftigte Oelkers noch einmal durch lebhafte Gesten.

Steffen sah das Mädchen unverwandt an, als wollte er fragen: „Ist dir’s auch recht?“

Aber Sophie hatte in ihrem Eifer, zu säubern und zu ordnen, kein Auge für ihn, sie schob das Fenster auf, warf eine Handvoll Spiere und Erdbröckeln hinaus und atmete in der hereinströmenden frischen Luft tief auf.

Da der Geistliche nicht so rasch kam, als der Sterbende ihn begehrte, so machte sich Steffen auf den Weg ins Kirchdorf, um ihn herbei zu holen.

Die Glocke läutete gerade den Sonntag ein — denn es war Sonnabend — als Steffen mit dem Geistlichen und dem Küster ins Dorf kam.

Die Leute, die des nahen Sonntags wegen auf den Höfen kehrten, sahen auf und wußten nun, daß die Glocke bald wieder läuten würde, dann aber zu ungewohnter Stunde.

„Ah, da kommt er schon, der Herr Pastor!“ rief Drewes nach einem Blick durchs Fenster, worauf er rasch an sich herunter sah und mit beiden Händen über sein Sonntagswams strich, das er inzwischen angezogen hatte.

Sophie rückte schnell den letzten Stuhl zurecht und lief die Treppe hinab um den Kamin herum, um sich neben dem Herde in die Ecke zu drücken.

Der Geistliche stand aber schon in der Tür, und da Sophie sich sagen mußte, daß sie nicht unbemerkt geblieben war, kam sie mit rotem Gesicht hervor und grüßte den ehrwürdigen Herrn.

Er nickte ihr freundlich zu und stieg rasch die Treppe empor, während Sophie sich über den Herd bückte.

Steffen tappte polternd um sie herum und wurde von ihr deswegen fast etwas unwillig zurechtgewiesen.

Jetzt rasselte ein Wagen auf den Hof, und gleich darauf kam Marten eilenden Trittes zur Tür herein. Als er das Mädchen gewahrte, flammte eine dunkle Röte durch sein Gesicht, und einen Augenblick stand er wie angewurzelt. „Guten Tag, Fieke!“ rief er, als sie nicht aufsah, in beinahe heftigem Tone.

„Guten Tag!“ antwortete sie leise, ohne aufzusehen.

Ein blitzender Blick nach Steffen hinüber — der ihn ebenfalls anzusehen vermied; dann richtete er sich strack auf und schritt festen Trittes die Treppe hinauf, als sollte jeder Schritt ein Wort für die beiden sein.

Sophie legte nun aufs neue in der Küche Hand an.

Schon waren alle Töpfe und Teller durch ihre emsigen Hände gegangen, blitzblank gescheuert standen sie da in Reih und Glied, so daß Steffen aus dem Danken und Bewundern gar nicht herauskam. „Herrgott ja, es geht doch nichts über eine ordentliche Frau im Hause; es ist wahrhaftig wahr, Fieke!“ beteuerte er und verschlug kein Auge von ihrer sich emsig rührenden Gestalt.

Gutmütig erwiderte sie ab und zu seinen Blick und jetzt sagte sie: „Ja, Steffen, es ist auch nichts, wenn ein Mann eine Frau ist; das ist mir ganz zuwider, ganz!“ Und sie stieß das letzte Wort heraus, als wäre ihr ein plötzlicher Ärger gekommen.

Da steckte Drewes den Kopf aus der Tür: „Fieke! Steffen! Fieke! Macht schnell, der Herr Pastor will mit euch reden!“

Sophie ließ den Eimer fallen, den sie eben scheuern wollte, und Steffen strich sich voller Aufregung am Halskragen herum.

Mitten auf der Treppe begegnete ihnen Marten, sichtlich in schmerzlicher Aufwallung. Er streifte dicht an Sophie vorüber, sie empfand seine Berührung, wurde blaß und rot und zauderte einen Augenblick, als wollte sie den Burschen ansprechen. — Doch der Vater drängte.

Als Sophie mit Steffen über die Schwelle der Stubentür trat, eilte Marten laut aufschluchzend auf den Hof hinaus. Die Gäule standen noch mit hängenden Köpfen vor dem Wagen. Er sah sie nicht. Der Walnußbaum warf ihm ein paar Nüsse um den Kopf, und ein Rudel Gänse lief mit vorgestreckten Schnäbeln nach den zerplatzten Schalen, zog sich aber bald enttäuscht zurück.

Nach einer Viertelstunde trat der Geistliche, von Drewes vor die Haustür geleitet, den Heimweg an. Er sah sich um und bemerkte Marten, wie er am Hause stand und das Gesicht auf den an die Wand gelegten Arm gepreßt hielt. Er trat auf ihn zu und rief teilnahmsvoll: „Marten!“

Der Bursche verharrte in seiner Stellung. Durch die schlanke Gestalt ging ein heftiges Zucken, und man hörte ein tiefes Aufschluchzen.

„Der Zustand seines Vaters geht ihm nahe,“ sagte Drewes voll Bedauerns.

Der Geistliche ging näher an ihn heran und klopfte ihm auf die Schulter: „Lieber Marten, ja, du hast wohl deinen Vater recht lieb? Gott tröste dich und stehe dir bei, daß du dich in seinen Willen schicken lernst. Schäme dich nur der Tränen nicht, die du um einen braven Vater weinst. Solche Tränen ehren den Sohn. Wenn’s Gott dem Herrn gefällt, wird er deinen Vater wohl recht bald zu sich nehmen; aber es muß dir ein Trost sein, mein Sohn, daß es ein seliges Hinnehmen sein wird. Und also mußt du dich aus deinem Schmerze erheben und sagen: ‚Gottes Wille geschehe‘ ...“

Marten schrie zornig auf, lief, ohne den Seelsorger anzusehen, über den Hof hin und verschwand hinter dem Hause.

„Es ist ’n eigener Charakter,“ entschuldigte Drewes, „er läßt sich nicht gern ins Herze sehen. Sie müssen’s ihm nicht verübel nehmen, Herr Pastor.“

„Er tut mir recht leid, der arme Mensch,“ sagte der ehrwürdige Herr und verabschiedete sich von Drewes.

Am folgenden Tage hatte der Kotsasse Henderk Oelkers vom „wüsten Hofe“ ausgelitten.

Als der letzte Augenblick gekommen war, zog Meister Drewes seinem alten Freunde das Kopfkissen weg, um ihm das Sterben zu erleichtern, und öffnete dann schnell das Fenster, damit die Seele ungehindert hinausfliegen könne. Auf Geheiß der Mutter nahm Sophie den einsam in der Fensterecke stehenden Rosmarinstock und trug ihn zur Tür hinaus ins Freie — „damit er nicht mitstirbt,“ erklärte die Mutter.

Unterdessen ging Steffen und holte die Annekathrine aus dem Armenhause herbei, deren Amtes es war, die Toten zu waschen und „anzuziehen“. Als sie ihr Werk an dem Verblichenen getan und Hemd und Bettlaken für sich zum Mitnehmen eingewickelt hatte, wurde der Leichnam von den Söhnen mit Unterstützung der Nachbarn auf die Bodenkammer getragen, zu der man durch eine zweite Tür in der Stubenwand und eine hinter ihr aufwärts führende kurze Treppe gelangte.

Man trank einen Krug Branntewein, und Mutter Drewes schnitt die Namenszeichen aus der Wäsche des Verstorbenen, denn man glaubte, daß er sonst im Grabe nicht ruhen könne, bis er einen Verwandten nachgezogen hätte.

Als die Nachbarn von dannen gegangen waren, trugen die Brüder das Bettstroh hinaus auf den Hof und schlugen die Bettstatt ab. Marten war wortkarg und tief verbittert; Steffen, durch den Branntweingenuß angeregt, allerlei Worte machend, die bei dem Bruder keinen Widerhall fanden.

Nachdem die Fenster einen Tag und eine Nacht offen gestanden, trug Steffen einen großen Backtrog, den er aus Drewes Hause geholt hatte, an die Stelle der abgeschlagenen Bettstatt, und Sophie buck nun den Begräbniskuchen. —