Sechstes Kapitel.

Es waren einige Tage vergangen, und es war von den Leuten im Dorfe und solchen, die zufällig hereinkamen, mancherlei Rat erteilt worden, wie man dem Kranken die Krankheit nehmen könne. Steffen hatte das Hemd, das der Vater trug, hinterm Hause in die Erde vergraben, um die Krankheit zu begraben. Marten hatte einen Nagel in die alte Linde am Tie geschlagen, um die Krankheit festzunageln; Mutter Drewes hatte dem Kranken den Saft vom „Dickkoppskrut“[22] eingegeben, um das Fieber zu beseitigen. — Es hatte aber alles nichts geholfen.

Die Borstelmannsche kam noch alle Tage, schüttelte über die zunehmende Geschwulst den Kopf und meinte, es wäre vielleicht der „Anschöt“, eine Art Rose. Sie ließ ihre Finger erneut über den Kranken gehen und flüsterte und flüsterte.

Es wollte aber alles nichts helfen, und Vater Oelkers sagte wie schon einmal, als ihn so ein eigentümlicher Frostschauder überfiel: „Der Tod läuft über die Stelle, da ich begraben werden soll, und der Tod läuft nicht umsonst.“

Da kam am Abend ein alter Schäfer aus dem Braunschweigischen, der in Woldhausen einige Schafe zur Zucht aufkaufen wollte. Es war aber derselbige Schäfer, der den alten merkwürdigen und geheimnisvollen Bautespruch kannte, mit dem ums Jahr 1663 Adelheid Neddermeyer aus Engelstedt bei Salder ihren Vetter Kurt Neddermeyer von einer schweren Krankheit geheilt hatte, wie man erzählte. Die Wirkung des Spruches hatte damals so großes Aufsehen gemacht, daß Adelheid der Hexerei angeschuldigt wurde, ums Haar auch verbrannt worden wäre, wenn ihr die „Argen und die Zwargen“ nicht geholfen hätten.

Der Braunschweiger Schäfer war bereit, den Spruch an Vater Oelkers zu versuchen und zog sich sogleich den langen Schäfermantel aus. Es hätte aber keinen Zweck, wenn der Kranke nicht fest daran glaube, bemerkte er nachdrücklich, als er sah, daß Oelkers ungläubig den Kopf schüttelte.

„Wenn glauben hilft, so will ich ja gerne glauben,“ beruhigte ihn der Kranke.

Nun strich der alte Braunschweiger wohl eine Viertelstunde lang mit flachen Händen über den ganzen Körper des Kranken und sprach dazu den Spruch, aber, gleich der Borstelmannschen, in so leisem Flüstertone, daß man nicht verstehen konnte, was er sprach. Indes glaubte Steffen doch die beiden Worte „Winnemus“ und „Spinnemus“ verstanden zu haben. Zuletzt machte er drei Kreuze, genau so wie die Borstelmannsche tat.

„Ich glaube, es hilft!“ rief Vater Oelkers nach dieser Baute ganz lebhaften und hellen Tones und hob den Kopf und reckte die Arme und streckte die Beine und fühlte in allen Gliedern eine solche Erleichterung, als ob die Krankheit wirklich im Abziehen sei.

„Wenn du’s nur glaubst,“ erwiderte der Schäfer und nickte zuversichtlich, „der Segen, den ich spreche, geht über alles, über die Kraft des Frühlings, über die Macht des Sommers, über den Reichtum des Herbstes, sofern nur der feste Glaube dazu kommt. Der Heiland hat gesagt: So ihr Glauben habt, sollt ihr Berge versetzen können. Selbst der Herrgott vermochte und vermag mit all seiner Macht und Kraft nichts, wenn der Mensch ihm nicht mit seinem festen Glauben entgegenkommt. Der Glaube ist alles und ist doch wieder nichts, wenn nicht das Mittel da ist. Ich will meinen Segen morgen früh, eh’ ich mich auf die Rückreise mache, noch einmal sprechen. Dann wird es wohl noch besser helfen.“

Also sprach der Schäfer aus dem Braunschweigischen und erzählte, ehe er auf den Schafhandel ging, noch von einigen schweren Krankheitsfällen, aus denen Vater Oelkers neue Hoffnung schöpfen konnte.

Unterdessen war Steffen schon nach Drewes hinübergelaufen und hatte erzählt, daß der Schäfer aus dem Braunschweigischen da sei, der den großen Segen der Adelheid Neddermeyer aus Engelstedt könne.

Mutter Drewes namentlich war über die Maßen verwundert, hatte keine Ruhe mehr auf der Stelle und nötigte ihren Mann, daß er schnell mit hinüber ging.

Und sie saßen lange mit dem wackern Braunschweiger zusammen, und Mutter Drewes redete ihm immer dringender zu, daß er ihnen den Segen lassen möchte, da er doch vielleicht niemals in ihr Dorf zurückkäme.

Der Schäfer sträubte sich erst; da er aber eine gutmütige Seele und nicht allein auf sich bedacht war, so willigte er zuletzt ein. Er könne ihn jedoch nur auf eine Frau oder ein Mädchen übertragen.

Freilich, das wußte man, und da in Oelkers Hause kein weibliches Wesen war, so schlug Mutter Drewes vor, daß er den Spruch ihre Tochter lehre, die „leichtlernig“ sei und ihn wieder auf Steffen oder Marten übertragen könne.

Der Schäfer war einverstanden und ging auch sogleich mit hinüber.

Meister Drewes machte ein ordentliches Abendbrot zurecht, um ihn gut zu bewirten, und bis es fertig auf dem Tische stand, lehrte der Schäfer das Mädchen in der verschlossenen Stube den Bautespruch. Sophie war erst ganz verwundert und scheute sich wegen der eigentümlichen Heimlichkeit, den Spruch zu lernen. Doch als ihr der Schäfer in seiner gutmütigen Art zuredete und ihr sagte, daß sie einen Vorzug vor vielen hätte, gab sie sich willig darein. Der Schäfer sah sie feierlich an und sagte: „Nun höre zu, meine Tochter. Erst sage ich ihn ganz und dann nehmen wir eine Reihe nach der andern. Und was wir tun, das tun wir alles im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.“ Dann sagte er diesen Spruch:

„Unsere liebe Frau und Sankt Johannes

Die gingen zu Hauf über einen Barg,

Da mötten[23] ihnen da ein Zwarg und ein Arg,

Ein Arg und Zwarg, ein Zwarg und ein Arg.

Da sprach sich unsre liebe Frauen:

‚Wo wollt ihr hin, ihr Zwargen und ihr Argen?‘

Da sprachen die Zwargen und die Argen:

‚Wir wollen hinziehn zu Henderk Oelkers und

Wollen ihm benehmen sein Gehend und

Stehend, sein Liegend und sein Sitzend, sein

Wachend und sein Schlafend, sein Essend und

Sein Drinkend und all seine Wahrheit. Sein

Fleisch wollen wir essen und sein Blot wollen wir drinken.‘

Da sprach sich unsre liebe Frau:

‚Ich verbiete dir bei dem Wachse und bei dem Flachse,

Bei der Taufe und bei dem heiligen Weihwort,

Daß du Henderk Oelkers Fleisch nicht essest

Und sein Blot nicht drinkest,

Und wesest heimlich und stille

Als unserer lieben Frauen ihr Atem im Munde,

So lange, daß Marie einen lieben Sohn gewonnen.

Das hab’ dir der Wind angeweiset,

Oder Regen angespreiet,

Oder ein gut Wichte angeleiet:

Das tun dir eine Winnemus und eine Spinnemus:

Das heißt der Gott und der heilige Christ,

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.‘“

Nun ging es Reihe für Reihe. Fieke hatte einen hellen Kopf und hielt die Wortfolge überraschend schnell fest, so daß sie zum Erlernen des ganzen Spruches nicht mehr Zeit gebrauchte, als die Mutter zum Anrühren und Backen des Speckpfannkuchen. Sie bewahrte auch bei dem allen einen großen Ernst; nur als die Worte „Winnemus“ und „Spinnemus“ kamen, mußte sie unwillkürlich lachen.

Da richtete der Schäfer den Finger hoch und sagte: „Das sind die Geheimnisse, die wir nicht verstehen und nicht zu verstehen brauchen. Es kommt zuletzt auch nicht, gar nicht auf die Worte an, sondern auf den Glauben. Der Gesunde muß seinen Glauben auf den Kranken übertragen, und der Kranke muß die Gesundheit im Glauben hinnehmen.“ Dann stand er auf und machte drei Kreuze und sagte: „Nun geb ich’s dir, nun bewahre es und gib es nur an einen Mann weiter, der würdig ist. Geh’ hin, meine Tochter und tu, wie du gelernt hast.“

Es war ein feierlicher Augenblick, als er so sprach und Fieke ihm mit etwas zaghafter Stimme ihren Dank sagte.

Am andern Morgen in aller Frühe trat der Schäfer noch einmal an das Krankenlager und wiederholte die Baute.

Aber es war, als hätte sie ihre Wirkung schon verloren, als der Alte die Gemarkung des Dorfes verließ. Bereits um die zehnte Morgenstunde mußte Fieke herüber kommen und die Baute wiederholen. Es kostete sie eine große Überwindung, denn es ging ihr stark gegen die Natur, und gern wäre sie dem Rufe ausgewichen. Doch ließ sie deshalb nicht einen Augenblick länger auf sich warten.

Als sie dann an Vater Oelkers Bette stand, hatte sie einen ganz roten Kopf, und als sie ihre Hände über den Kranken ausstreckte und den Spruch dazu flüsterte, zitterte sie trotz ihrer nervigen Festigkeit am ganzen Leibe.

Vater Oelkers sah sie dankbar an, und als sie zu Ende war, fiel er in einen erquickenden Schlaf.

Sophie durfte daraus schließen, daß ihre Baute ihm gut getan hatte; sie freute sich darüber, wünschte aber doch, daß Steffen oder Marten den Spruch sogleich von ihr lerne. Da Marten sich mit den Pferden im Felde befand, fragte sie Steffen, ob er es lernen wolle.

„Ja, Fieke, wenn du’s willst, so will ich’s auch,“ erwiderte er. Nun gingen sie leise hinaus und setzten sich auf die Küchentreppe, Fieke auf die unterste Stufe, Steffen zwei Bretter höher.

Sein Eifer zu lernen war groß, und nicht minder groß war ihre Unermüdlichkeit und Geduld, die sie bei dem seltsamen Unterrichte an den Tag legte. Aber als der Unterricht schon eine volle Stunde gedauert hatte, wußte Steffen nur erst die beiden Worte „Spinnemus“ und „Winnemus“ auswendig.

Sophie trat unwillkürlich mit dem Fuße auf und wollte eben von vorn anfangen, als Marten herein kam, beide mit scharfem Blick ansah, das Mädchen kühl grüßte und Steffen fragte, ob er Sperlinge gefangen hätte. Er dächte wohl nicht daran, daß sie bis Martini sechzig Sperlinge an den Hofherrn zu liefern und noch mehr als die Hälfte zu fangen hätten, und daß sie für jeden Sperling, der an dem Schock fehle, vier Pfennige zahlen müßten.

„No, störge[24] man nicht so, Marten, der Vater schläft,“ erwiderte Steffen unwillig und doch wie erleichtert. Er stand auf, trocknete sich den Schweiß von der Stirn, denn der Unterricht hatte ihm den Kopf sehr heiß gemacht, und sagte: „Ich will dreimal lieber Sperlinge fangen, als so ’n ... so ’n ...“ er verschluckte einiges und endigte: „so ’n gewitterschen Vers lernen.“

In Sophies Gesicht zuckte etwas Schelmisches und Lustiges, sie zwang es aber nieder und fragte Marten, indem sie halb an ihm vorbei sah, ob nicht lieber er den Bautespruch von ihr lernen wolle? Denn Steffen kriege ihn aller Wahrscheinlichkeit so leicht nicht in den Kopf.

In Martens Gesichte wurde es wieder heller. „Wenn du es gern willst, Fieke, und nicht schlägst, so will ich sehen, ob ich die Luke an meinem Dache aufkriegen kann,“ sagte er und setzte sich an die Stelle seines Bruders, der ihm gern Platz machte und sichtlich froh war, daß er draußen Sperlinge fangen konnte.

Mit großer Energie hörte Marten nun dem Mädchen zu; mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, als hätte er von ihr aufgereichte Korngarben auf dem Wagen oder im Scheunenfach zurecht zu legen, prägte er sich die Worte in ihrer Aufeinanderfolge ein, legte er wie im Garbenfache eine Reihe zu der andern.

Es dauerte keine Stunde, da konnte er den Bautespruch so glatt und gut wie seine Lehrmeisterin, deren Ton übrigens zuletzt immer freundlicher und, man möchte sagen, immer hingebender geworden war.

Als er den Spruch nocheinmal ohne zu stocken „hergesagt“ hatte, wollte sie ihm auch die eigentliche Anwendungsform zeigen und ihn lehren, wie er die Hände halten und führen müsse, wenn er die Baute täte. Sie stand auf, während er mit feurigen Blicken an ihrem Gesichte hing, und sagte mit ein wenig verhaltener Stimme: „Siehst du, so muß es sein, und du mußt all deine zwingbare Kraft und Macht durch die Hände auf den Kranken ausströmen lassen. Mit ganzer Seele mußt du es tun. Siehst du, so!“ Und sie strich erst mit den flachen Händen über ihn hin; plötzlich aber strich sie ihm lang und lieb über beide Backen.

„Fieke!“ flüsterte er und wollte nach ihr greifen.

Aber sie war flink wie ein Vogel, hüpfte auf die Küchendiele herab, klinkte die Hoftür auf, guckte herum, lachte und fragte Steffen, der mit einem netzartigen Gewebe in den Händen auf dem Strohboden des kleinen Anbaues hockte und nach Sperlingen auslugte, wie viel er schon gefangen hätte?

Steffen kraute sich hinterm Ohr. „Noch keinen.“

Das „Luderzeug“ hätte seine Absicht wieder gemerkt und höhne vom Wallnußbaume, daß es ihm was pfeifen wolle.

In der Tat saß der Wallnußbaum so „gerakelt“ voll von spektakelnden Sperlingen wie von Nüssen, die übrigens auch aussahen, als ob sie Flügel hätten, da ihre Schalen großenteils schon geplatzt waren.

Er wäre überhaupt ein schlechter Vogelfänger, rief Steffen noch in mehr komischer als ernster Verzweiflung.

„Da magst du wohl recht haben,“ erwiderte das Mädchen und klatschte lachend in die Hände, worauf ein dichter Schwarm in den Himmelsraum hinaus stob.

„Fliegt, fliegt geschwind nach Bodenburg,“ rief sie hinterdrein, „grüßt den Herrn der Bauern und bestellt, Oelkers Steffen schicke euch, und die ihr etwa zu viel wäret, sollte der Herr Baron fürs nächste Jahr anrechnen!“

Die Sperlinge waren aber wohl doch nicht zu dem „Herrn der Bauern“ geflogen; denn am andern Tage kam die Mahnung von Bodenburg, daß Martini bald vor der Tür stände und noch dreiunddreißig Sperlingsköpfe einzuliefern seien. —