Fünftes Kapitel.

Als Steffen auf den väterlichen Hof zurückkam, gab es eine heftige Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Bruder. Marten, der unterm Walnußbaume am Wagen hantierte, schien ordentlich zu rauchen vor Zorn und Unwillen; wie züngelnde Flammen schossen seine Blicke auf das Sonntagskaput des Bruders und die Sonntagsgamaschen des Vaters.

Steffen blieb erst ganz gelassen, warf nur hin und wieder einen Brocken hin, und als er endlich auch zu kochen begann, klopfte der Vater mit zitternder Hand ans Fenster.

Da wurden die Brüder still.

Steffen eilte in die Stube und sah den Vater ächzend auf der Erde liegen. Er half ihm wieder ins Bett und klagte: „Ich weiß gar nicht, was Marten in ’n Kopf gekommen ist.“

„Laß ’n, Junge!“ hauchte der Alte, „du mußt der Klügste sein: ein Brand brennt nicht lange. — Also, laß ’n! Du weißt, er steigt immer rasch in ’n Turm, ist aber auch bald wieder unten. Vertragt euch! Was soll denn werden, wenn ich erst zwischen euch raus bin?“ Er atmete eine Weile tief und begann wieder: „Was haste denn drüben ausgerichtet, Junge?“

Steffen erzählte, wie es stand. Nun wollte er doch lieber zu Hause bleiben; sonst gäb’s hernach gewiß noch mehr Spektakel.

„Gleich gehste wieder rum!“ befahl der Alte und machte eine energische Bewegung. „Ich habe keine Zeit zu verlieren und will doch die Sache noch in Ordnung gebracht sehen. Rufe mir Marten herein, daß ich mit ihm sprechen kann. — Und nun geh!“

Marten begegnete ihm bereits auf der kleinen Treppe, die zur Stube hinauf führte. Wie es schien, hatte er gehorcht.

Steffen ging in die Küche, sah nach der Eimerbank und holte noch geschwind eine „Reise“ Wasser vom Bache herein. Dabei kriegte er plötzlich das Grübeln. Eine eigentümliche Empfindung sagte ihm, daß er bei dem Besuche in Drewes Hause doch eine ziemlich klägliche Rolle gespielt hätte; eine heiße Welle schoß ihm ins Gesicht, und er duckte den Kopf, um die Empfindung zu verbergen. Er blieb im Wirrwar der Gedanken hängen und geriet allmählich in eine fiebernde Aufregung. Das fühlte er: So „stoffelig“ durfte er dem Mädchen nicht noch einmal kommen, sollte das Apfelpflücken ihm etwas anderes einbringen als einen freundlichen Dank. „Wenn ich nur nicht so einen abscheulichen Holzkopf hätte,“ seufzte er gar und machte zwei komische Fäuste gegen seine Stirne.

Plötzlich gab’s ihm einen Ruck, er machte einen hastigen Schritt nach dem schwarzen Schranke, der in der Herdecke stand, öffnete die schief hängende Tür mit einiger Behutsamkeit und nahm einen verkorkten schmalen Krug heraus, der bei der Bewegung ein eigentümliches „Schülpen“[17] hören ließ. Er tat einen raschen Zug, setzte den Krug hin, sah sich wieder um, trank abermals und flüsterte, während zwischen den fahlen Lidern ein heller Strahl herausschoß: „Du mußt mir ’s Herze kuragierter machen!“

Bald danach stand Steffen bei Sophie unter dem Rötchenbaume. Sie meinte etwas kleinlaut, er könne doch die Äpfel bald nicht mehr sehen.

„Oh, was ich nicht sehe, das fühle ich,“ erwiderte er eifrig, band sich ein weißes Laken um und stieg rasch hinauf. Sophie trat auf eine der unteren Sprossen und suchte von den nächsten Zweigen abzupflücken.

Meister Drewes ging eben mit einem Pflugrade am Zaune vorüber. „Na, das ist recht, Steffen!“ nickte er befriedigt und setzte seinen Weg fort, blieb jedoch nach einer kurzen Zeit wieder stehen und rief zurück: „Laßt aber ’n paar Äpfel sitzen, sonst trägt der Baum im nächsten Jahre nicht.“ —

Steffen pflückte behende Apfel um Apfel, wobei die Zungenspitze immer mitpflückte und um so länger herauskam, je schwieriger ein Zweig zu erreichen war.

Sophie kicherte, sagte aber nichts.

Ebensowenig sagte er etwas, denn er wußte nichts; er hoffte, daß ihm beim nächsten Apfel etwas Gescheites einfallen würde. Zu seinem nicht geringen Verdrusse fiel ihm jedoch gar nichts ein, und so hörte man außer dem Knicken und Knacken der Zweige und dem Rascheln der Blätter lange keinen Ton zwischen den beiden. Plötzlich klang es ihm im Ohr, so daß er im Pflücken innehielt, die Hand vor’s Ohr legte und das Mädchen witzig fragte, ob sie’s auch gehört hätte.

Lachend schüttelte sie den Kopf. Ob’s das linke oder das rechte Ohr wäre?

Das rechte wäre es.

Da zog sie die Brauen hoch und sagte:

„Recht Ohr, flecht Ohr;

Link Ohr, klink Ohr!“

Es wäre also ein unglücklicher Klang gewesen.

Dann hoffe er, daß es ihm bald auch im linken Ohr klänge, erwiderte er und pflückte weiter.

Da tauchte bei der Grandkuhle drüben auf dem Felde die Spitze der Schafherde auf. Die Lämmer mä—ähten, die Mütter bläkten, der Hund bellte und zog plötzlich eine scharfe Schnur um sie her. Auf dem Rande der Grandkuhle stand der langbemäntelte Schäfer und schlickerte mit seinem langen Haken ein Grübchen Erde unter die Herde.

Steffen hielt inne, guckte nach der Grandkuhle hinüber und lachte.

Neugierig sah Fieke ebenfalls dorthin.

„Kennst du die Geschichte, Fieke?“ fragte er.

„Welche denn?“ fragte sie.

Er legte den Finger an die Nase, stieg einen Ast abwärts und erzählte: „Es war mal ’n Schäfer, der mochte sich nicht gern rühren. Und er lag am liebsten unterm Baume im Schatten. Und einmal lag er unter einem wilden Feldbirnbaume, der Schäfer, und hatte seinen Holster, der voll gestopft war mit Wurst und Schinken, an einen Zweig gehängt, seinen Holster, der Schäfer. Ja, und wie er so ’ne Weile dagelegen hatte, da fing er auf ’nmal an zu heulen und heulte immer zu, der Schäfer. Und sein Hund heulte zuletzt auch mit, dem Schäfer sein Hund. Ja. Und da kamen Leute vorbei und wunderten sich, die Leute, daß der Schäfer und sein Hund so heulten, der Schäfer und sein Hund. ‚Ach Gott,‘ riefen sie mitleidig und blieben stehen, ‚ach Gott, Schäfer, was heulst du denn so!‘ riefen sie, die Leute. ‚Ach,‘ antwortete er da und schnuckte ordentlich wie ’n Kind, der Schäfer, ‚och, ich habe ja so ’n großen Hunger.‘ ‚Och lieber Gott,‘ sagen da die Leute und legen die Taschen ab und nötigen: ‚Dann komm’ doch nur erst gleich her, wir wollen dir was zu essen geben,‘ sagen die Leute. Aber da räkelt sich der Schäfer auf der Birnbaumwurzel und antwortet: ‚Och, wenn ich erst aufstehen wollte, dann brauchte ich ja nur nach meinem Holster zu langen, da ist noch genug Brot und Schinken drinne, in meinem Holster,‘ sagt der Schäfer.“

Das Mädchen lachte hell auf. „Nein, Steffen, so ’ne Geschichte! Die paßt aber auf unsern Schäfer gar nicht. Nein, der räkelt sich nicht auf der Birnbaumwurzel. Vorige Woche hat er uns ’n wunderschönen Schöttelkranz[18] gemacht, gerade so, wie ich ’n schon lange haben wollte; und diese Woche schnitzt er uns ’ne neue Krüselstange, mit Sternen und Kränzen daran und einem Engel, der unterm Himmel hinfliegt! Nein, Steffen, der ist nicht so ’n Faullax wie dein Schäfer.“ Und hinterdrein sang sie:

„Ein Schäfer fährt morgens mit Sorgen schon früh

Seine Schafe zur Weide, hat niemals keine Ruh.

Des Abends spät schlafen, des Morgens früh auf,

Die Sorgen am Morgen, die wecken ihn auf.

Keine Rose ...“

Hier brach sie ab, als hätte sie sich auf die Zunge gebissen.

„Es geht aber noch weiter,“ drängte Steffen.

„Ach nein, das ist dumm, das gehört gar nicht dazu,“ lachte sie. Dann sang sie doch weiter:

„Keine Rose, keine Nelke kann blühen so schön,

Als wenn zwei Verliebte beisammen tun stehn.

Keine Distel, keine Dorn kann stechen so sehr,

Als wenn zwei Verliebte von einander tun gehn.

Setz du dir ’nen Spiegel ins Herz tief hinein,

Dann kannst du ja sehen, wie gut ich es mein!“

Da Steffen sie mit leuchtenden Augen ansah, lachte sie wieder und sagte: „Das ist wirklich ganz albern.“ ...

In diesem Augenblicke machte der Hahn, der noch mit zwei Hühnern in der Nähe war, während die übrigen schon die kleine Leiter an Drewes Hause hinaufkletterten, einen hohen stracken Hals und schrie etwas, wobei er die Augen zudrückte.

„Weißt du, Fieke,“ fragte Steffen sogleich mit erneuter Pfiffigkeit, „warum euer Hahn beim Krähen immer die Augen zumacht?“

„Nein, das hat er mir noch nicht erklärt!“

„Nun, weil er seinen Text schon lange auswendig kann.“

„O, du Kujon!“

Eine Weile hörte man nun nichts als das Rascheln und Rupfen, Brechen und Knacken.

Steffen blinzelte aber immerfort zwischen den Zweigen hinab, und da er gewahrte, daß Sophie einen Apfel liebevoll betrachtete und plötzlich zwischen die prächtigen, weißen Zähne schob, rief er ganz entsetzt: „Fieke, Fieke, Mädchen, in aller Welt!“

Erschrocken sah sie zu ihm empor.

Da erhob er mahnend den Finger, über sein gerötetes Gesicht ging ein Strahlen und Zucken, und er sagte: „Weißt du nicht, was im ersten Buch Moses im zweiten Kapitel im sechzehnten und siebzehnten Verse steht? Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten, aber von dem Baume des Erkenntnisses Gutes und Böses sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben.“

„Aber Steffen!“ rief sie nach kurzem Stocken, und dann kam ein helles Lachen; und dann biß sie erst recht in den Apfel und lachte mit kauendem Munde noch lange fort.

Steffen kicherte für sich hin. Auf einmal begann er wieder: „Weißte was, Fieke?“

Sie schielte hinauf und fragte mit einem Apfelstück in der Backe: „Na, Steffen, welche Bibelstelle kommt jetzt?“

„Jetzt kommt keine, aber jetzt kommt etwas anderes,“ antwortete er mit wichtigem Tone. „Ich wollte nur sagen, es wäre eigentlich schön, wollte ich sagen, ja, Fieke, mußt aber nicht lachen — es wäre schön, wollte ich nur sagen: Könnten wir diese Äpfel nun alle Jahre mit’nander pflücken.“

„Aber das können wir ja, wenn dir’s so viel Vergnügen macht,“ erwiderte sie ruhig und ohne Lachen.

Jetzt ist’s Zeit, jetzt werde ich’s richtig machen; aber dazu muß ich festen Boden unter den Füßen haben, dachte er und sagte mit einem Ächzer: „Ho, ich muß ausschütten!“

Flugs sprang sie von der Sprosse ins Gras.

„Nicht wahr, so ein Rötchenapfel hat sein Gewicht?“ rief sie und rückte den Korb näher an die Leiter.

„Ei den Donner!“ stimmte er im Herabsteigen zu, und Sophie rückte den Korb zurecht und half ihm das Laken in korbgerechte Richtung bringen.

Als die letzten Äpfel hineinrollten, drängte er seinen Arm gegen ihr Mieder und sagte mit glühendem Gesicht: „Das sind wunderschöne Äpfel, Fieke, — aber ich weiß was, was noch schöner ist ...“

„Du, Steffen,“ fiel sie anscheinend ganz arglos ein, „ihr könntet uns eigentlich ’n Gefallen tun und uns ’n Korb voll Rötchen mit nach Hilmesse nehmen!“

„Ei, Fieke, hundert für einen!“ entgegnete er freudig, machte aber im nächsten Augenblick ein unmutiges Gesicht und lenkte ein: „Ja, weißt du, Fieke, die Fuhren besorgt Marten!“

„Und der tut’s natürlich nicht gern!“ rief sie, mit den Augen blinzelnd.

Steffen zuckte die Achseln und brachte nichts weiter heraus, schickte sich deshalb an, wieder hinaufzusteigen, machte aber auf der ersten Sprosse wieder Halt und sagte mit zwinkernden Augen: „Fieke, was kriege ich denn für das Apfelpflücken?“

Sie lachte auf: „’n tüchtiges Kopfwurststück, wenn du das gern ißt.“

„Hui!“ machte er und kehrte sich rasch um, „aber ’s darf nicht geräuchert sein, und — und — du mußt’s mir gleich auf der Stelle geben!“ Indes tat er auch schon einen kühnen Satz gerade auf das Mädchen los und ergriff es bei den Armen.

„He, Steffen!“ schrie sie überrascht auf, riß sich los und huschte wie der Wind nach dem Hause hin. Auf dem breiten Steine vor der Hintertür blieb sie stehen und rief lustig zurück: „Komm nur herein, Steffen, ich schneide dir sogleich das Kopfwurststück.“

Er warf das Pflückelaken hin und eilte ihr nach.

Sie lachte und lief in die Stube, wo die Mutter noch am Spinnrade saß, und nötigte ihn lustigen Gesichts von innen herein. „Er ist hungrig geworden, der arme Steffen,“ erklärte sie der Mutter und schlüpfte kichernd hinaus. Nach einer kleinen Weile, in der Steffen der gutmütig bedauernden Frau immer wieder seine Unschuld beteuerte, trug die Schelmin richtig eine mächtige Kopfwurst auf den Tisch. Natürlich war auch ein strammer Trunk dabei, kein gebrauter diesmal, sondern ein gebrannter.

Als sie dann aber zu nötigen beginnen wollte, mußte sie fast ersticken vor innerem Lachen.

Steffen merkte es wohl und lachte aus vollem Halse mit. Die Mutter lachte ebenfalls, ohne recht zu wissen, warum.

Angesichts des kostbaren Angebots konnte Steffen, trotz seiner „Unschuld“, doch nicht länger widerstehen, und das „Ende vom Liede“ war der Anfang der Wurst.

Über dem allen waren nun die Fledermäuse und die Abendsterne gekommen, und das Apfelpflücken konnte für heute nicht mehr fortgesetzt werden.

Mit einem wonnevollen Behagen in Herz und Magen brach Steffen endlich auf, nachdem er vorher noch versichert hatte, daß er am andern Nachmittage wieder kommen werde und den Baum dann blank zu kriegen hoffe. Leicht könne in den nächsten Tagen ein großer Sturm kommen, gab er zu bedenken, und es wäre doch schade um jeden Apfel, der auf die Erde fiele. „Puckäpfel“ hätten doch kaum den halben Wert.

Als er an die Eichengruppe kam, sah er sich um und atmete erleichtert auf. Vom Felde tönte Rebhuhnkreischen, von der Straße, die über den Roten Berg nach Hildesheim führt, hörte man die knirschenden Laute, die das Anschrauben des abwärts laufenden Wagens begleiten. Steffen sah nach dem leicht umwölkten Himmel und machte eine wichtige Miene. „Die Welt ist so hellhörig vernabend, da wird’s gewiß bald ander Wetter geben,“ sagte er für sich hin und ging wie einer, der etwas ist und etwas bedeutet, fürbaß. Beim Kirchhofe wurden seine Augen auf einmal ungewöhnlich groß. Eine kohlschwarze Katze, die ihn erwartet zu haben schien, miaute ihn kläglich an und ging neben ihm auf der Mauer her. Er hob einen Stein und warf nach dem Tiere, worauf es mit einem grausigen Kinderschrei auf den Kirchhof hinabsprang und zwischen den Gräbern verschwand.

Steffen fühlte, wie ihm die Haare steif wurden, und er würde den Rest seines Weges vermutlich im Laufschritt zurückgelegt haben, hätte nicht Marten mit einem Kameraden ganz nahe am Wege gestanden.

Kurz vor dem Hofe begegnete ihm Vater Drewes.

„Na, Junge, sind die Rötchen runter?“ rief er und legte die Hand auf Steffens Schulter.

„Noch nicht ganz,“ erwiderte Steffen. Aber morgen wollten sie schon den letzten Apfel herunterkriegen.

Marten drüben am Wege hustete, — oder er tat wenigstens so.

„Na, dann kommste also morgen wieder,“ sagte Drewes.

„Versprochen ist versprochen,“ erwiderte der Glückliche und trennte sich mit einem herzhaften Händedruck von dem Alten.

Steffen war in glückseligster Stimmung und trug all seine Freud und Wonne zum Vater hinein. War er auch noch nicht zum endlichen Ziel gekommen, so glaubte er sich doch sagen zu dürfen, daß er dicht davor wäre und es nur noch eines einmaligen Apfelpflückens bedürfe, um auch das letzte kleine Ende zu überwinden. Immerfort klang ihm ihr lustiges Lachen vor den Ohren, sah er die hübsche, herrliche Gestalt vor seinen Augen. Herrgott, gab’s denn auf der ganzen weiten Gotteswelt noch solch ein liebes, lustiges, kräftiges und behendes Mädchen? Nein und nochmals nein!

O, Fieke sollt’s aber auch gut haben bei ihm, gelobte er sich mit Inbrunst, und müßte er auch alle Tage noch eine Stunde früher aufstehen und eine Stunde später zu Bette gehen.

Hei, wie ging ihm jetzt schon die Arbeit von der Hand! Wozu er früher eine Stunde brauchte, das brachte er jetzt gut in einer halben fertig, und es wurde ihm nicht halb so sauer. Ja, es war ein Drang und Zwang in ihm, noch immer mehr zu tun, sich namentlich auch Marten nach Möglichkeit gefällig zu erweisen, um den alten dummen Hader, zu dem nach seiner Meinung doch eigentlich gar kein Grund vorlag, vergessen zu machen. Da Marten die Eimer an der „Despe“ hatte stehen lassen, lief er in der Überwallung seines Herzens rasch hinaus, um für ihn das Wasser hereinzutragen.

Doch kam er mit seiner Gutheit übel an.

Marten eilte herbei, schob ihn hart von den Eimern weg und sagte mit kaltem Hohne: „Ich brauche keinen Bedienten. Steig du man wieder in den Apfelbaum.“

„Dazu ist’s mir jetzt zu dunkel,“ gab Steffen ärgerlich zurück.

„Steig du man wieder in den Apfelbaum!“ wiederholte Marten und füllte die Eimer, daß es rauschte und platschte, warf sich das Joch über die Schulter und trug die „Reise“ mit häßlichem Auflachen ins Haus.

Steffen ging kopfschüttelnd hinterdrein und grübelte vergeblich darüber nach, was er dem „Menschen“ nur getan haben könne.

„Mach du man, daß du in ’n Apfelbaum kömmst!“ rief Marten noch einmal mit galliger Bosheit von den wasserschlürfenden Gäulen her.

„Kinder, vertragt euch!“ jammerte der Alte, als die Brüder dann zusammen beim Abendbrote saßen und einander das Brot zustießen. „Kinder, vertragt euch,“ wiederholte er, „ihr müßt doch miteinander hausen, müßt doch miteinander auskommen! Soll über meinem Sarge die Zwietracht anfangen, soll ich im Unfrieden sterben?“

Als Steffen danach den Tisch abtrug und Marten allein in der Stube war, begann der Alte noch einmal und rief mit zitteriger Stimme: „Sieh, wie lieblich ist’s und fein, wenn die Brüder einig sein!“

Marten antwortete nicht. Er saß unbeweglich am Tische und stützte den Kopf in die Hand. Neben ihm stand die schwelende Zinklampe, deren trübes Licht kaum bis in die Ecke reichte, wo das Bett stand.

Steffen ging noch geschäftig ein und aus, und wenn er durch die Stube nach dem Bette hinschritt, wandelte an den Wänden jedesmal eine gespenstige Schattenfigur von riesenhaften Formen.

Draußen erhob sich der Wind und rüttelte an den Fenstern.

Marten ging hinaus und sah über den Bach. Vom Oberdorfe ertönte helles Hundegebell. Unter dem Himmel zogen schwere Wolken. Zuweilen fielen dicke Tropfen nieder; ein leises Klatschen tönte dann vom nahen Wasser her.

Er ging langsam auf den Bach zu; erst allmählich konnte er in der schweren Finsternis, die zwischen den Ufern lag, die blinkenden Wellen erkennen. Einen Augenblick zögerte er, dann stieß er den Fuß vor sich hin und ging mitten durchs Wasser. Ein Klatschen und Knacken — und Marten war wie ein Stück Finsternis in der Finsternis verschwunden.

Wenn der Wind sich hob, rauschend durch die Bäume dahinfuhr, entstand unter den Apfelbäumen allemal ein heftiges Gepucke.

„So ist’s recht, Wind!“ ertönte da eine heisere Menschenstimme neben Drewes Rötchenbaume, „nun braucht sie keine andere Hilfe zum Apfelpflücken.“

Und von der finsteren Gestalt, die sich da um den Baum schlich, reckte sich etwas empor nach den Zweigen, — ein noch stärkeres Schütteln entstand, und ein vieltöniges „Pucken“ ging abermals über den Rasen hin.

Als die Söhne das Abendbrot — vom Mittag übrig gebliebene Linsensuppe — verzehrt hatten, ohne daß dabei ein Wort im Guten oder im Bösen gefallen war, rief der Alte beide an, hieß sie sich neben das Bett setzen und sagte:

„Wenn ihr mal von Föhrste über ’n Nattenberg nach Imsen gehen solltet, findet ihr dicht am Wege einen Denkstein, bei dem ihr ’n Augenblick stehen bleiben müßt. Das ist der Kirkstein, und der erzählt eine Geschichte und gibt zu denken, nämlich, daß Kain seinen Bruder Abel nicht nur einmal, sondern tausendmal tot geschlagen hat.“ Darauf erzählte der Alte diese Geschichte:

„In Imsen drüben über’n Bergen lebte um die Zeit, als Napoleon ins Land kam, ’n Bauer, der hieß Kirk. Er hatte zwei Söhne. Und der älteste mußte mit Napoleon nach Rußland und hatte nichts wieder von sich hören lassen. Man glaubte, daß er mit den vielen andern — ihr wißt ja, mein Bruder ist auch nicht wieder gekommen — im russischen Schnee liegen geblieben sei, man wußte es jedoch nicht genau. Als nun der alte Kirk starb, — ’s mag in dem Jahre gewesen sein, als unsre dem französischen Schustersohn bei Waterloo ’s Fell gerbten — da verschrieb er seinem Zweiten den Hof, machte aber die Bedingung: Sollte der Älteste wieder kommen, dann gehört der Hof ihm, und du bekommst in dem Falle 200 Taler. Das wurde geschrieben und besiegelt. — Ja und der Älteste kam wieder, zwei Jahre fast nach dem russischen Feldzuge. Er war in Gefangenschaft gefallen, krank und elend geworden und hatte den ganzen Weg von Rußland bis nach Alfeld zu Fuß gemacht. Als nun der junge Kirk, der sich unterdessen schon ’ne Frau genommen hatte, die Botschaft kriegte, daß sein Bruder noch unter den Lebenden und sogar schon auf dem Wege nach Imsen sei, packte ihn der Satan und machte in seinem Busen ’n Schwefelfeuer an. Kirk beredete sich mit seinem Tagelöhner Ruhmann und wurde mit ihm eins, daß sie dem Heimkehrenden entgegengehen und ihn schon unterwegs willkommen heißen wollten. Und sie nahmen Rübenhacke und Grabschute und gingen, als es so gegen Abend kam, hinter den Höfen herum ins Feld. An dem Wege, der von Alfeld herführte, stand ein dicker Hagedornbusch, da setzten sie sich hin und lauerten, ob er wohl käme. Es dauerte auch nicht lange — der Düwel lauert selten vergebens — da kam der ältere Kirk an, in abgerissenem, kunterbuntem Zeuge, angegriffen und wund, aber voll großer Freude, daß er nach all der langen und unsäglichen Trübsal nun die liebe Heimat wieder vor sich hatte. Und als er gar die beiden Männer am Busche sitzen sah, schwenkte er die Mütze und konnte sich in seiner Freude nicht lassen. Da ging der Tagelöhner Ruhmann hin und schlug ihn mit der Hacke.“ ...

„So ’n falscher Hund, so ’ne Kanaille!“ rief Steffen und sprang mit geballter Faust auf, während Marten ruhig sitzen blieb und, ohne eine Miene zu verziehen, auf den weiteren Verlauf der Erzählung wartete.

Der Alte atmete tief und setzte wieder ein: „Ja und schlug’n mit der Hacke. Das war der Willkomm. Der arme Kriegsmann, der weiß Gott in wie viel Schlachten tapfer zugehauen hatte und immer heil davon gekommen war, dachte jetzt gar nicht daran, sich zu wehren, so ungeheuerlich mochte ihm dieser Empfang vorgekommen sein. Stand denn da nicht auch der einzige Bruder, den er hatte? „Brauer, help!“[19] schrie der Angefallene, und nun sprang der auch hinzu. „Teuf, eck will deck helpen!“[20] antwortete er und schlug seinen Bruder mit der Grabschute vor den Kopf, daß er hinfiel und starb.“ ...

„Daß Gott so ’ne Schändlichkeit zugeben konnte!“ rief Steffen.

„Gott saß eben nicht hinter’m Busche,“ erwiderte Marten achselzuckend.

„Gott ist doch überall,“ warf der Ältere aufgeregt ein.

„Aber nicht als Gendarm,“ gab Marten überlegen zurück.

Da nahm der Alte das Wort wieder auf. „Gott war dennoch da. Vor den Busch stieß ein Kleeacker, der Kirk gehörte. Und der Klee stand hoch und schön und blühte weiß und rot und konnte jeden Tag gemäht werden. Da nahmen sie den Toten und scharrten ihn in den Kleeacker. Gott saß nicht hinterm Busche, aber er stand da, wo man die ganze Welt übersehen konnte, das Große und das Kleine, den Berg und den Multhucken[21], den Adler in den Lüften und die Biene im Klee. — Kirk und Ruhmann dachten daran nicht, sie wußten, es hatte sie keiner gesehen; und am andern Morgen in aller Herrgottsfrühe zog Kirk mit dem Pfluge nach dem Busche und pflügte, so rasch die Pferde gehen konnten, den Kleeacker um. Darüber verwunderten sich alle Leute, die vorüber kamen und bedauerten den schönen Klee und fragten Kirk, warum er denn so ’n schönen Klee umpflüge? Da sagte Kirk, er hätte gehört, daß grüner Klee so kolossal dünge, und darum hätte er’s getan, man müsse doch so etwas mal erproben. No ja. Die Leute schüttelten die Köpfe und gingen weiter. An dem gleichen Tage aber kam von dem benachbarten Wispenstein ein Förster mit seinem Hunde des Wegs, und der Förster wunderte sich ebenfalls über den umgepflügten Klee, denn die schönen weißen und roten Köpfe guckten noch frisch und schön unter allen Schollen heraus. Der Hund aber fing auf einmal mitten auf dem Acker heftig zu scharren an und guckte zwischendurch so eigentümlich und mit so seltsamem Winseln nach seinem Herrn, daß dieser ihm nachging und den Hund fragte, was er denn da hätte. Der Hund winselte und scharrte und scharrte — — und siehe da, ein Menschenarm reckte sich aus der Erde. Der Förster holte sofort den Bauermeister herbei, und nun dauerte es nicht lange, da war alles am Tage, und da wußten es bald alle Leute, warum Kirk den schönen Klee umgepflügt hatte. — Die beiden Mörder aber wurden auf einer Kuhhaut nach derselben Stelle geschleift, wo sie den Heimkehrenden ermordet hatten; sie wurden mit der Henkerskeule langsam totgeschlagen und dann aufs Rad geflochten. Und der Kirkstein, der an derselben Stelle errichtet wurde, wo der Bruder den Bruder erschlug, erzählt die Geschichte allen, die vorüber kommen — geht einmal hin, Jungens, es schadet euch nicht, wenn ihr euch den Stein auch mal anhört.“