Viertes Kapitel.

Am andern Tage spannte Marten die beiden braunen Gäule an, um eine Fuhre Klafterholz über den „roten Berg“ nach Hildesheim zu bringen. Es fielen auf die Hofstelle drei Klafter Spalt- und Knüppelholz und zwei Schock Wellen. Man behalf sich aber zumeist mit Raffholz. Das Klafterholz wurde erspart und in Hildesheim gegen ein gutes Stück Bargeld verkauft, das teils zur Erlangung notwendigster Bedarfsartikel, größtenteils aber zur Bestreitung des Meierzinses diente.

Steffen war also allein auf dem Hofe und hatte alle Hände voll zu tun. Er mußte die Kühe besorgen, für die Schweine kochen, mühselig Futter schneiden, Wasser aus dem Bache heraufholen, eine Lage allein dreschen, Saatkorn sichten, dazwischen dem Vater aufwarten und so fort ohne Ende. Das wäre ihm alles nicht so glatt von der Hand gegangen, wie er sich selbst versicherte, wäre in dem schwarzen Küchenschranke nicht ein Tröster zu finden gewesen, der ihn immer wieder munter und schließlich sogar ganz witzig machte, so daß selbst die Schweine zu lachen schienen, wenn sie ihn sahen und hörten.

Als es gegen die Vesperzeit kam, mahnte Vater Oelkers: „Jetzt mach’ und geh ’rüber, daß wir ins klare kommen!“

Steffen wischte sich mit dem Kittel über das schwitzende Gesicht und guckte durchs Fenster nach dem Drewesschen Hofe, bis der Alte abermals zu mahnen begann.

„Ja, Vater, denn will ich man gleich gehen,“ sagte er und wollte sich, so wie er war, auf den Weg machen.

Der Alte kämpfte einen Krampfanfall nieder, schüttelte den Kopf und keuchte: „Mach dich aber erst ’n bißchen zurecht, Junge! Zieh mein rotes Brusttuch mit dem grünen Besatz und mein sammetmanchesternes Kaput an; beides paßt dir gut, und ich brauche weder das eine noch das andere mehr. Für so ’n Gang, wie du ’n vorhast, Junge, darf einem nichts zu gut sein.“

„Ja, Vater!“ Steffen stieg eilends auf die „Böhne“ und tat, wie der Alte gesagt hatte. Und als er erst in Eifer geraten war, tat er noch ein Übriges, ging an den Bach und wusch sich Hände und Gesicht, so daß auf seinen Backen ein ganz roter Glanz wurde, was aber zu einem guten Teile auch von seiner außergewöhnlichen Erregung kommen mochte.

Als er an der Kirchhofsmauer vorüberging, wunderten sich die Leute, die ihm hier begegneten, nicht wenig über sein schmuckes Aussehen.

Meister Drewes war gerade an der „Wipprauge“[10] beschäftigt, als Steffen vor der Haustür erschien. Die Wipprauge, ein biegsamer Baum, war unter dem Küchenbalken befestigt, ging hoch über den Querbalken der Türe zwischen Küche und Diele auf die Diele hinaus und setzte hier eine Drehbank, mit der ihr Ende durch einen Strick verbunden war, in Betrieb, d. h. wenn des Meisters starker Fuß es wollte.

Als Drewes den glühenden, strahlenden Freiersmann gewahrte, setzte er sofort den Fuß vom Tretbrette ab, stellte die Radnabe, an der er gearbeitet hatte, an die Wand, wischte sich die Späne von der blauen Schürze, begrüßte den Besuch mit einem kräftigen Händedrucke und führte ihn über den rauchenden Küchenvorraum in die Stube. Wie Diele und Küche, so war auch noch die halbe Stube zur Werkstatt eingerichtet. Unter den beiden kleinen Schiebefenstern der Längswand stand die Hobelbank. Zwischen den Fenstern und einer Holzleiste, die quer unter den Fensterbrettern hinlief, hingen Bohrer, Feilen, Meißel, Stemmeisen und was dergleichen mehr war. An der Giebelwand stand die „Tögebank“[11]; ein Tögemesser lag darauf; Sägen in allen Größen hingen an der Wand; in der Ecke richteten blanke Holzenden, und daß auf der Hobelbank an diesem Tage fleißig gearbeitet war, bezeugten die krausen, frischen, duftigen Hobelspäne, die den Boden bedeckten.

Um so sorgfältiger war die andere Hälfte der Stube gehalten, zu der die trauliche Ofenecke, die Kammerwand und die halbe Giebelwand mit dem einen Fenster gehörte. Vor dem Fenster mit den blitzblanken „Ruten“ standen Blumentöpfe, soviel ihrer nur Platz hatten: Myrten, Fuchsien, Rosmarin und Balsaminen. Blumentöpfe standen auch, in seltsam eigenartiger und künstlerischer Weise gemalt, an den Türen der beiden kleinen Schränke, die nebeneinander in der Innenwand lagen. Es waren tulpenartige Gewächse, die aus den Töpfen in zierlichen Windungen und Verschlingungen herauswuchsen. Auch die Kammertür hatte einen Füllungsrahmen von anmutigem Blumengerank. Der Boden, mit Dielen belegt, war weiß gescheuert und mit frischem Sand bestreut; nicht das kleinste Holzspänchen hatte sich dazwischen gewagt, und als Steffen mit seinen schürfenden Schuhen etliche der krausen Dinger bis nahe an den Tisch schob, bückte sich der Meister hurtig danach und warf sie zurück in sein Reich. „Wenn das Fieke sähe,“ bemerkte er leise mit aufgezogenen Brauen und drolligem Mienenspiel, „gäb’s ein großes Unwetter — nicht wahr, Mutter?“

Die Meisterin, die mit etwas schiefer Schulter am Spinnrade saß und Wolle spann, nickte ihnen lachend zu, legte den braunen Wollstrang, den sie unterm Arm hielt, über das Rad, begrüßte Steffen herzlich, aber doch mit einer gewissen Zurückhaltung und fragte nach dem Zustande des Vaters.

„Hat ’n die Borstelmannsche gebötet?“[12] fiel Drewes schnell ein.

Steffen zuckte die Achseln. „Die Borstelmannsche ist freilich dagewesen, hat auch ihre Baute getan; aber geholfen hat’s nicht. Vater sagt selber, da hülfen keine Zimperteggen[13] mehr. Er wäre ein mürber Apfel, der nur noch halb am Stengel hinge und beim ersten Windstoße ins Gras fiele.“

Mutter Drewes, die in ihrem weiten Flausrock drall und rundlich aussah, legte bedauernd die Hände zusammen, während der Meister nachdenklich durchs Zimmer schritt. „Will’s Gott, Junge, so ist’s wohl nicht so schlimm,“ sagte die Frau und wischte sich mit der Schürze über die feuchtgewordenen Augen. „Wenn nur mal der alte Braunschweiger Schäfer wieder käme, der den wunderbaren Bötesegen kann, der schon so vielen geholfen haben soll,“ sagte sie und sah Drewes an, der an einer Pflugzunge hobelte. Er legte den Hobel hin und meinte, von dem hätte man schon so lange nichts mehr gehört, der würde wohl tot sein und den Bötesegen mit in die Erde genommen haben.

Frau Drewes riet noch dies und jenes und mahnte: „Seid nur recht um ihn herum und backt ihm öfters ’n Spiegelei, daß er nicht gleich zu sehr von Kräften kommt.“

„Mutter, unsere Fieke soll ihm mal was ordentliches zurecht machen,“ sagte Drewes, klinkte die Tür auf und rief nach der Küche hin: „Fieke! Fieke!“

„Wo brennt’s denn, Vater?“

„In der Kehle, dummes Ding! Steffen ist da. Mach geschwind und bring ’n Kraus Trinken rein!“

„Ho, hopsa, ja, gleich, gleich!“ erscholl’s von der Küche her.

Der Alte rieb sich die Hände und sagte: „Nun sollste mal sagen, wie dir unser Gebrautes schmeckt, Junge!“

Steffen hatte am Tische Platz genommen, die Meisterin wieder zu spinnen begonnen, während der Meister, wie er gern zu tun pflegte, sich auf die „Tögebank“ setzte.

„Der Kraus der kommt!“ ertönte es jetzt ganz nahe hinter der Tür.

„Was bringt er?“ rief Drewes, mit Lächeln den alten Spielspruch aufnehmend.

„’ne witten und ’ne greunen,

eck will jöck drei Junggesellen neumen.“[14]

antwortete Sophie lustig hinter der Tür.

„Ach, dumme Deer, was willste mit einem Weißen und einem Grünen?“ lachte Drewes, „nimm du dir einen Fahlen und laß die Schreiber und die Jäger zum Teufel laufen.“

Nun ging die Tür auf, und Sophie trat mit dem Kruge herein. Er war von kunstfertiger Töpferhand mit verschlungenem Blumengerank geziert, über das ein leichter Schaum herabfloß.

„Gesundheit, Steffen!“ sagte sie und reichte ihm den Krug, worauf sie sich die Schürze und der schwarzen Katze, die alsbald die hellen Kanten ihres gewirkten Rockes umschmeichelte, den Rücken glatt strich.

Steffen hielt den Krug einen Augenblick ziemlich unbeholfen in der Hand; dann sagte er mit verlegenem Lächeln: „Du mußt mir aber doch zutrinken, Fieke.“ ...

„Ah, es ist kein Gift drin, Steffen!“ entgegnete sie und kniff die Katze in den Schwanz, daß sie laut miauend nach dem Ofen lief.

„Nicht wahr, Drewes Vetter?“ wandte sich Steffen gleichzeitig mit mühevoller Spaßhaftigkeit an den Alten.

„Natürlich muß sie das, aber natürlich!“ nickte der Alte gewichtig, und die Mutter stimmte ebenfalls zu.

Das Mädchen drehte sich ein paarmal auf dem Absatz herum, daß die weißen Kanten ihres Rockes wie schnurrende Reife um sie flogen, und da der Bursch immer noch auf seinem Verlangen bestand, sagte sie mit einer komisch-ernsten Miene: „Aber Kinder, solche Umständlichkeit!“ nahm den Krug zurück und hob ihn mit beiden Händen empor an ihre roten schelmisch zuckenden Lippen.

Steffens Augen hingen an ihrer Gestalt. Er sah, als sie den Krug an der Lippe hielt, wie sich die volle Brust in der leichten Kattunjacke spannte und formte, wie das gesunde rote Blut durch die frischen, runden Wangen schoß, — und als er den Krug zurück erhielt und dabei von ihrer weichen, warmen Hand berührt wurde, überlief es ihn siedendheiß, und als er gar ihre lachenden Augen auf seinem Gesicht fühlte, wurde er ganz verwirrt, seine kräftigen Backen glühten auf einmal wie Eisen im Schmiedefeuer. Der Krug bebte in seiner Hand; es schien, als schämte er sich zu trinken.

„Na, Junge, nun mußte aber auch trinken,“ mahnte Drewes.

„Ja, ja!“ rief Steffen, schier zusammenzuckend und setzte an, verschluckte sich aber gleich beim ersten Zuge und mußte mit einem fürchterlichen Husten kämpfen, also daß ihm beide Augen überliefen.

„Oh, oh, Steffen!“ rief das Mädchen mit komischem Bedauern, „ist dir was in die Sonntagsstraße gekommen?“

„Ja, ja!“ stöhnte er, mit aller Kraft bemüht, den lächerlichen Hustenausbruch niederzuwürgen.

Die Katze strich sich mit der Pfote über die Nase und prustete. Da drohte ihr die Mutter und sagte: „Na, Kättchen, willste uns das Wetter verderben?“

Aus der Kirchstraße ertönte in diesem Augenblick ein starkes Wagengepolter. Meister Drewes trat ans Fenster, lachte und rief: „Der Marten fährt doch immer drauf los wie ein heiliges Ungewitter, als hätte er zwei Baronsfüchse vorm Wagen.“

Steffen wollte antworten, mußte aber immer noch husten.

Sophie stand ungeachtet der bannenden Miene des Vaters schon wieder an der Tür, um ihren häuslichen Obliegenheiten nachzugehen, und als Steffen sich endlich die Augen blank gewischt hatte, sah er das Mädchen nicht mehr. Ganz erbärmlich wurde ihm zu Mute; ja, es däuchte ihn, als wäre die Stube plötzlich ganz dunkel geworden. Er versuchte noch einmal, vorsichtig zu trinken, lobte darauf das Gebräu über die Maßen, legte dann beide Hände ausgestreckt auf die Knie, schielte alle Augenblicke nach der Tür und wurde, trotzdem Meister Drewes immer für neuen Gesprächsstoff sorgte, allmählich still und nachdenklich.

Der Alte warf der spinnenden Frau einen lächelnden Blick zu, stand auf und sagte: „Wie ist’s, Junge, willste dir nicht mal unsern Viehstand ansehen?“

„Ja, wenn’s Euch recht ist, Drewes Vetter!“ Da stand er auch schon bei der Tür.

Drewes meinte, er sähe nach der Inschrift, die das obere, von tulpenartigen Blumen umrahmte Fach der Tür enthielt, und sagte: „Die Schrift rührt noch von meines Vaters Bruder her, der dies Haus gebaut hat. Er hatte auch die Stellmacherei erlernt, konnte aber eigentlich ebenso gut zimmern und mauern und vielleicht noch besser malen. Die Tulpen, die du an der Tür siehst, hat er alle mit eigener Hand gemacht.“ Drewes legte den Zeigefinger auf die Inschrift und las laut: „Heinrich Friedrich Jürgen Drewes und Anna Katharina Dorothea Ossenkopp. Anno 1782.“

„Und die Inschrift hat er auch selber gemacht,“ fügte der Meister hinzu.

„Muß der aber ’n Kopf gehabt haben!“ bewunderte Steffen.

„Ja—a!“ machte Drewes in einem bedeutsamen Tone. „Das hat unser ehemaliger Vizekönig auch gesagt, als der mal im Woole auf der Jagd war.“ Hierauf schritt er voran nach der Küche, wo Sophie, beide Arme hochaufgekrämpelt, tief über einen schweren Eicheneimer gebückt stand, dessen Inhalt sie mit den Händen eifrig umrührte.

„Na, so fleißig, Fieke?“ fragte Steffen.

„Ein klein wenig,“ antwortete sie, und als sie sich erhob, waren die roten Arme rund herum mit Kleienhülsen und Milchtröpflein besprenkelt, während das hübsche Gesicht vom Eifer der Arbeit ganz feurig geworden war.

Sie nahm aus dem in der Herdecke stehenden Sacke noch eine Göpsche[15] voll Kleie, schüttete sie in den Eimer und bückte sich wieder, indem sie wie vorhin hantierte.

„Eiweih, ’n schönes Schweinefutter!“ lobte Steffen und schnalzte verständnisinnig mit der Zunge.

„Na, es geht an,“ meinte Drewes behäbig.

„Willste ’n bißchen?“ lachte Sophie und hielt ihm geschwind eine Hand voll des weißbraunen Gemisches dicht vor den Mund, strich ihm dann ein weniges an die Nase und hüpfte mit dem Eimer blitzschnell zur Hintertür hinaus.

„Fieke!“ mahnte Drewes, „kannste dich wieder nicht bergen!“

Steffen aber strahlte vor Freude und meinte, indem er sich mit dem Jackenärmel die Nase abwischte: „Da sollte man wahrhaftig Appetit auf kriegen.“

Drewes lachte breit auf und strich sich wohlgefällig übers Kinn.

Sie folgten dem Mädchen über die Diele nach dem kleinen Anbau, wo es grunzte und quiekte, sahen bewundernd zu, wie die saubern Borstentiere über das leckere Mahl herfielen und sich mit behaglichem Grunzen ganz lang streckten, als Sophie ihnen ein wenig den Rücken kraulte und ihnen dabei freundlich zusprach.

Da — wie ein Donner aus heiterem Himmel — tönte drüben von der Despe her Martens scharfe Stimme: „Schwerenot, Steffen, wo steckste denn so lange? Der Vater liegt im Bette und kann sich nicht helfen, und du gehst aus, als wenn’s Sonntag Nachmittag wäre!“

„I na, Marten!“ rief Drewes verwundert, während Sophie hastig ins Haus ging.

Über Steffens Gesicht zogen tiefe Schatten. „Was ist denn dir eingefallen? Was schreiste denn?“ rief er voll Verlegenheit und Zorn.

Marten antwortete nicht mehr, und Drewes ging mit Steffen nach der Küche zurück.

Sophie stand am Herde und blies ins Feuer.

„Ich hätte gern gesehen,“ ließ der Alte sich im Eintreten vernehmen, „daß du unsrer Tochter ’n bißchen beim Apfelabkriegen geholfen hättest, Junge! Du weißt, unsereiner kann so hoch nicht mehr steigen, und die Rötchen müssen sorgfältig gepflückt werden.“

„Aber Vater,“ fiel das Mädchen hastig ein, „das hat ja noch gar so ’ne Eile nicht. Und übrigens ist mir der Baum auch gar nicht zu hoch!“

„So!“ machte Drewes und warf ihr einen verweisenden Blick zu, während Steffen voll Eifers rief: „O, so ’n kleinen Gefallen tu ich euch herzlich gern! Muß nur geschwind mal nach Hause laufen und sehen, was der Gröhlhans will, dann bin ich gleich wieder da.“

Drewes trug dem Forthastenden noch einen Gruß für den Vater auf und wandte sich wieder zu seiner Tochter, die jetzt ganz übermäßig laut in der Küche herumwirtschaftete. „Du, Fieke,“ begann er in vorwurfsvollem Tone, „gestern ist dir aber der Apfelbaum noch zu hoch gewesen?“

Da sie nicht zu hören schien, zupfte er sie am kurzen Ärmel: „Hör’, Fieke, wenn Steffen zurückkommt, sei aber ’n bißchen anders gegen ihn, hörste?“

Sie kehrte sich beharrlich ab, brach plötzlich in ein helles Lachen aus und kehrte nun das lachende Gesicht dem Vater wieder zu. „Ja, Vater, wie soll ich denn nur anders gegen ihn sein? Ich kann ihm doch nicht auf n’ Rücken krauen, wie einem Ferkel.“

„Was ist das nur für ’n Vergleich, Kind!“

„No ja auch!“

„Fieke, sei verständig. Steffen ist ja ’n bißchen unbeholfen, aber du wirst ihn schon akkurat kriegen.“

Bautz!

Eine Milchbriwe[16], die Sophie gerade aus der Anrichte nahm, fiel zu Boden und zerplatzte in lauter Scherben.

„Wieder ’n Mariengroschen hin!“ rief Drewes fast ärgerlich und half die Scherben zusammenlesen.

Sophie war ganz still und bestürzt, ob infolge des Malheurs oder der unverhofften Wendung, die das Gespräch genommen hatte, das läßt sich genau nicht sagen.

„Na, die Pöttefrau wird wohl bald wiederkommen,“ tröstete Drewes und strahlte wieder in seiner behaglichen Gutmütigkeit.

„Drüben bei Oelkers wird sie auch nötig sein,“ meinte er hernach und setzte ihr eifrig auseinander, wie nötig bei „Oelkers Leuten“ überhaupt eine Frau täte. Dann hob er hervor, wie fleißig und brav der Steffen wäre, wie gut es ohne Zweifel ein Mädchen bei ihm kriege und was das noch für ein Hof werden könne, wenn erst einmal das alte abscheuliche Herrenrecht abgeschüttelt wäre und — „wenn — wenn — he ja nun, wenn unsre Fieke erst einmal darauf schaltet und waltet!“

Unbekümmert um den Eindruck, den seine Worte auf das gebückt am Herde stehende Mädchen machten, sprach er sich noch in eine ordentliche Begeisterung hinein: „Mutter und ich werden dann alle Tage ’rüber kommen und nach dem Rechten sehen, aber nicht den umständlichen Weg durchs Dorf, — nein, Fieke, ich werde die Stämme und Bohlen nehmen, die ich schon seit ’n paar Jahren zurecht gelegt habe, und werde uns ’n schönen Steg über die Despe bauen, so daß wir gleich aus unserm Hofe in euern ’rein kommen können. — Nun denke dir ’mal, Kind, wenn ich so abends im Schummern mit meiner Pfeife über den Steg komme, und dein Kleiner jauchzt: ‚Großvater, Großvater!‘ und kommt mir dann schon entgegengewackelt ... Fieke, ’ne größere Freude kann ich mir ja gar nicht ausmalen! Und dann der zweite Junge! der muß natürlich Stellmacher werden und ...“

„Vater, nein aber, so’ne Anschläge!“ zürnte Sophie mit abgewandtem feuerroten Gesicht. „Ich mag ja noch gar keinen.“

„Ein Mädchen wie du, das keinen Schatz hat, ist wie ’n Hund ohne Schwanz,“ rief Drewes und fuhr mit lachendem Munde fort: „Was sollte denn sonst ’mal aus unserm Hause werden und aus meinem schönen Werkzeuge? Das muß doch in der Familie bleiben. Es hat mir Mühe genug gekostet, darüber weg zu denken, daß du kein Junge geworden bist, Fieke, dem ich meine Werkstelle ’mal hätte übergeben können.“

Nachdem er noch eine Weile in Scherz und Ernst auf sie eingeredet hatte, sah sie an ihrer Schürze herunter auf den Pantoffel, den sie mit dem Fuße hin und her stieß und sagte: „Freien muß ich ja am Ende wohl ’mal, aber, Vater, muß ich denn gerade Steffen nehmen?“

Sie betonte den Namen so stark und eigentümlich, daß der Vater sie forschend ansah.

„Marten wäre dir am Ende wohl lieber?“

„Ach, bewahre Vater! Den ich lieber habe, der hängt ja noch am Löffelbrett!“ entgegnete sie sehr schnell und machte erst eine lebhaft abwehrende Gebärde, worauf sie flink einen derben Holzlöffel von der Wand nahm und vor den Augen des Vaters schwenkte; aber das Lachen, das sie dabei anhob, klang ganz ungewöhnlich gepreßt, und auf dem schelmischen Gesicht brannte ein ganz neues Feuer.

„An Marten kann ja auch ganz und gar kein Gedanke sein,“ erklärte Vater Drewes mit aller Bestimmtheit, begründete diesen Entscheid aufs umständlichste und schloß: „Es ist nun ’mal so eingerichtet auf der Welt, der Älteste geht vor, und es kann eben nicht jeder ’n Hof haben.“

Damit betrachtete er die Sache für abgemacht. Ein Liedlein summend, begab er sich wohlgemut in die Werkstatt zurück.

Über Sophie aber war von dieser Stunde an eine ganz eigene Stille gekommen.