Neuntes Kapitel.
Steffens Gedankenraum war sehr klein, und die Gedankendinge konnten hier nicht nebeneinander, sondern nur nacheinander Platz finden. Da nun Martini immer näher rückte und seine Gedanken fort und fort mit dem Meierzins zu tun hatten, mußte Sophie immer mehr in den Winkel gedrängt werden, bis zuletzt gar kein Platz mehr für sie blieb.
Marten aber guckte mit blitzenden Augen in die Welt und sorgte dafür, daß Sophie unter dieser Zurücksetzung nicht zu leiden hatte. Sein bisher so trotziges Verhalten gegen sie schlug plötzlich um: er war lustig, lachte sie an und ging ihr, wenn sie zu der verabredeten Dienstleistung herüber kam, eifrig zur Hand.
Die Despe schwoll und rauschte, als hätte sie etwas besonderes zu sagen, vielleicht gar zu mahnen — und Sophie richtete es bald immer mehr so ein, daß sie gerade zu der Zeit auf den wüsten Hof kam, wenn sie Marten zu Hause wußte.
Der geschwollene Bach riß ein Stück vom Ufer mit sich fort und murmelte, daß man es deutlich auf dem wüsten Hofe vernehmen konnte. Steffen hatte kein Arg daraus; er grübelte und rechnete, wie er den Meierzins auf den Tag zusammenbringen sollte. Mindestens dreimal am Tage lief er auf die Bodenkammer, um den Beutel mit dem Gelde aus der alten Eichentruhe zu ziehen und den Inhalt zu überzählen.
Das Begräbnis des Vaters hatte einen guten Teil der Barschaft verschlungen, der Sarg nicht einen, sondern drei Taler gekostet, weil Marten es so wollte. Es waren auch nicht vier, sondern sieben Kuchen gebacken, weil Marten es so wollte. Dann die Kosten für den Leichenschmaus, den Branntwein und für so manches andere! Ja, er hatte gehörig in die Beilade hineingreifen müssen, ganz gehörig, um nur seinen Bruder zufrieden zu stellen. Manches hätte gewiß erspart werden können, doch Marten hatte beharrlich gesagt: „Unserm Vater soll die Ehre angetan werden, die ihm zukommt!“ —
Der Vater läge deshalb um nichts besser, er aber, des Vaters Nachfolger, um so schlechter, dachte Steffen und rieb sich die Stirne, auf der sich in dieser Zeit die ersten Falten bildeten. Er holte ein frisches Brot aus dem Keller, schnitt es an und sah, daß es stark verschimmelt war. Da freute er sich und aß so viel von dem Schimmligen als er konnte; denn wer schimmliges Brot ißt, findet Geld.
Die Spätkartoffeln waren gerodet, die Rüben gezogen, und jetzt hatte man nur noch eine halbe Woche bis zum Martinitage.
Steffen lief wieder einmal auf die Bodenkammer und überzählte, wie er schon alle Tage getan, die vorhandene Barschaft; fand aber immer nur elf Taler und vierundzwanzig Mariengroschen. Es war ein hartnäckiges Geld und wollte sich von selbst durchaus nicht vermehren. Und gefunden hatte er noch immer nichts, so viel schimmliges Brot er auch essen mochte.
Sollte er am Ende doch dem Rate des Vaters folgen und einen von den beiden „Läufern“ verkaufen?
Ja, wäre nur gleich ein Käufer zur Stelle gewesen, der ihm ein annehmbares Gebot gemacht hätte. Er klappte in seinen „Holschen“ die Treppe abwärts, ging in der Stube herum, holscherte die Küchentreppe herab und ging bedachtsam über den Hof nach dem neuen Anbau, um die kleine Tür aufzuriegeln. Zwei prächtige junge Schweine lagen da mollig im Kaff und hoben bei seiner Annäherung gemütlich die Köpfe.
In einem zweiten Abteil, das von dem ersten durch eine Bretterwand geschieden war, lag ein älteres, schon halbfettes Tier, das Steffen mit einem höchst mißliebigen Blick ansah. „Das Aas frißt einen noch ratzekahl,“ knurrte er.
Es war das Mahlschwein, das für den Meierherrn gefüttert werden mußte.
Mit Wohlgefallen hafteten dagegen seine Blicke auf den beiden Läufern. Er sah sie wohl eine halbe Stunde lang an, krauete ihnen und sich selbst den Kopf und seufzte: Es wäre doch schade, jetzt ein so junges Vieh aus der Hand zu lassen. Wie wacker hatten sie sich nicht in der letzten Zeit herausgemacht, seitdem Sophie sie regelmäßig fütterte.
Ja, es ginge doch nichts über eine Frauenhand, zumal wenn sie immer ein wenig im Schroteimer rühren könnte. Ihm stand das prachtvolle Fressen wieder vor Augen, das sie an jenem Tage, als er sich auf dem ersten Freierbesuche befand, zurecht machte. Er schnalzte wieder mit der Zunge wie damals und sagte zu den Läufern: „Ei weih, wenn die euch erst mal als ordentliche Frau vom Hause besorgt, ei weih, dann werdet ihr ein Leben kriegen ... Freilich wird dann auch mehr Schrot und Milch drauf gehen,“ unterbrach er sich etwas bedenklich.
Marten trug in diesem Augenblicke zwei Eimer von der Despe her. Da packte Steffen der Gedanke, ihn wegen des erwogenen Verkaufs um Rat anzugehen. Sicher würde auch er dagegen sein, dann aber doch nicht umhin können, ihm, ohne daß er darum bäte, das fehlende Geld zu leihen.
Marten setzte seinen Weg nach dem Pferdestalle gemächlich fort und antwortete über die linke Schulter: Der Vater würde in seinen gesunden Tagen einen solchen Rat nicht gegeben, sondern sich gewiß in anderer Weise zu helfen gewußt haben. Er riegelte die Tür auf, wobei die Eimer überschwankten, und rief nur noch in seiner unbrüderlichen Weise: „Mich geht’s aber gar nichts an; du willst ja der Bauer sein. Und ich kann, wenn ich will, auch anderswo in der Welt Wurst und Schinken zu essen kriegen.“ —
Steffen wußte nun, woran er war. Sollte er den Bruder dennoch um Geld bitten?
Nein! Er machte eine energische Gebärde. Hernach würde er ihm noch vorhalten, er hätte den Hof mit seinem Gelde gemeiert. Wie sollte er dann vor Fieke dastehen!
Er sah in den Baum und ging nach dem Herde, um nach der Petersiliensuppe zu sehen, die er vorhin aufs Feuer gesetzt hatte. Sollte er, so fuhr er fort mit sich zu ratschlagen, vielleicht doch Vater Drewes um Hilfe angehen?
Nein, auch dagegen sträubte sich alles in ihm. Das sähe gerade aus, als könne er die Zeit nicht abwarten, als wär’s ihm durchaus um das Geld zu tun; hatte doch auch der Vater nicht unbedingt dazu geraten.
Steffen ging umher und grübelte. Er hatte einmal sagen hören: Wer einen Ackerschachtelhalm mit der ganzen Wurzel herausziehen könne, fände darunter einen Goldklumpen. Es mußte aber wohl sehr schwer sein, denn es hatte noch keiner einen Goldklumpen gefunden, soviel Schachtelhalme auch in der Feldmark wuchsen.
Leider war’s jetzt aus der Zeit, sonst würde er sich schon zutrauen, das Kraut mit der Wurzel heraus zu kriegen und damit der Sage auf den Grund zu kommen. Ach, so ein Goldklumpen! Ach!
Steffen guckte ums Haus und grübelte. Er hatte den Vater auch sagen hören: „Ja, wenn wir nur einen Alraun hätten, dann brauchten wir uns nicht so zu plagen.“
Was mochte es nur damit für eine Bewandtnis haben? Der Vater hatte wohl näheres darüber erzählt, wie er sich erinnerte, aber er hatte nicht darauf zugeschlagen.
Da sah er die alte Annekathrine mit einer schweren Tracht Buchenreisig auf dem Rücken um den Kirchhof herum kommen.
In seinen Augen leuchtete es auf. Die würde gewiß etwas genaueres wissen, ihm vielleicht auch sagen können, wie sich’s mit dem Goldschatze verhielte, der nach dem Leutesagen im Rotenkampe verborgen sein solle.
Er sah sich um, ob ihn jemand beobachte, und ging der Annekathrine nach.
Die Alte ließ sich mit der Tracht auf den kleinen Reisighaufen fallen und hockte nun tief atmend da, die Arme noch in den Strippen und das quer über die Stirn gebundene graue Tuch fast ganz auf den Augen.
Steffen machte indes wieder kehrt und lief, als ob er etwas vergessen hätte, auf den Hof zurück, guckte, wo Marten war, ging dann ins Haus, öffnete rasch den Küchenschrank und ergriff den kleinen, noch halbgefüllten Branntweinsbuddel, der in die Tasche gesteckt wurde, wenn’s zum Pflügen hinausging. Er hielt den Buddel gegen das Licht, zog den Papierpfropf ab und nahm einen Zug. Nun steckte er den Buddel geschwind in die Hosentasche und ging wieder hinaus, erst ruhig und gemächlich, dann, als er sich unbemerkt wußte, raschen Schrittes dem Armenhause zu.
Die Annekathrine saß noch so, wie er sie vorhin gesehen hatte; nur den rechten Arm hatte sie schon halb herausgezogen.
„Du hast aber ’ne mächtige Tracht gehabt, Annekathrine.“
„Ja,“ sagte sie und bückte den Kopf, damit der gefesselte Arm das Tuch heraufschieben konnte.
„’ne mächtige Tracht,“ bewunderte Steffen noch.
„Eh’ de Esel tweimal geiht, dröchte, dat ne’t Lief weih deit,“[27] antwortete sie mit einer eigentümlich groben Mannesstimme.
Steffen lachte und zog den Buddel aus der Hosentasche. „Prost, Annekathrine!“ Er tat aber erst selber noch einen Zug.
Rasch hatte sie die Arme aus den Strippen. Ihre etwas verschwärten Augen funkelten. „Das hat dir der liebe Gott eingegeben,“ meinte sie, indem sie das Fläschchen hinnahm. „Denn grade, wie ich so dalag, dachte ich: Wenn dir nur jemand ’n kleinen Schluck brächte.“ Mit langen, röhrenartig zusammengepreßten Lippen tat sie einen ordentlichen Zug.
„Trink’n nur aus, Annekathrine,“ nötigte er.
Nicht zweimal ließ sie sich das sagen.
„Ja, wenn man so ’n Alraun im Hause hätte, wie manche Leute, dann brauchte man sich so nicht zu plagen,“ sagte und seufzte Annekathrine, indem sie mit knackenden Knochen mühsam aufstand und Steffen den leeren Buddel zurück gab.
Steffen horchte freudig auf. Grade so hatte ja der Vater in der Geplagtheit gesagt. Es bedurfte also keiner besonderen Einleitung mehr, um von ihr näheres zu erfahren, ohne daß sie den Grund seiner Frage merkte.
„Da war mal,“ begann sie schon ganz von selbst zu erzählen, „da war mal in Hildesheim eine Frau, die hatte einen Alraun, den ließ sie ’n Jahr lang in ihrer Lade liegen, da guckte sie nach, und da hatte er ’n Hecketaler bei sich. Den konnte sie nun nehmen und sie nahm ihn auch und bezahlte alles, was sie kaufte, mit dem Hecketaler. Wenn sie aber nach Hause kam, war der Hecketaler auch schon wieder da. Das ging denn auch ’ne ganze Zeit gut; kein Mensch merkte, daß der Taler wieder mit ihr wegging. Sie aß den schönsten Kuchen, den fettesten Braten, trank den süßesten Wein, den stärksten Kaffee, konnte beim wärmsten Ofen sitzen und wurde kugelrund. Kein Mensch merkte was. Aber einem Schlächter kam es doch mit der Zeit kurios vor, denn er wollte reich werden und merkte, daß er immer ärmer wurde, wenn diese Frau bei ihm eingekauft hatte. Sollst doch mal ordentlich aufpassen, nahm er sich vor. Und als die Frau wieder mal so ’n schönen Happen kaufte und wieder mit dem schönen blanken Taler bezahlte, dachte er sich gleich, es müsse wohl etwas mit dem Taler sein. Aber er ließ sich nichts aus, gab der runden Frau auf den Taler heraus, legte ihn in den Kasten und paßte mit beiden Augen auf. Und siehe dich da! Kaum ist die Frau zur Ladentür ’raus, wird auch der Taler im Kasten unruhig und will sich wieder auf die Reise machen. Aber mein Schlächter nicht faul, packt dich den Taler mit seiner dicken Faust, hält ihn mit seiner ganzen Schlächterkraft fest umklammert, holt geschwind ’n Klopfhammer und nagelt dich den Taler auf den Hackeklotz ...“
„Och, den Düwel!“ rief Steffen und schabte sich das Hosenbein, als wäre da der Nagel durchgegangen.
... „nagelt dich den Taler auf den Hackeklotz,“ wiederholte Annekathrine nochmals mit tönender Baßstimme, worauf sie fortfuhr: „Da wurde dich dann aber der Hackeklotz auf einmal rattentoll, hüpfte und sprang, daß es ganz schrecklich anzusehen und anzuhören war, und als jemand die Tür aufmacht, was meinst du, da nimmt sich der Klotz auf und tanzt holtedipolter hinter seiner lieben Frau her. Da war’s denn am Tage, und da mußte sie zur Strafe all ihr Hab und Gut hergeben und den Alraun mit dem Hecketaler natürlich auch. Sie behielt kein Hemd auf’m Leibe und mußte nun Holz tragen und hungern und dursten wie unsereiner auch.“
Steffen schabte sich und kratzte sich. Das wäre doch nicht das Rechte, meinte er, so ’n Alraun nähme er nicht geschenkt, so gut er auch den Hecketaler gebrauchen könne. „Ehrlich währt am längsten, hat mein Vater gesagt, als er auf ’m Sterbebette lag.“
„Nicht immer,“ bemerkte Annekathrine kurz und lächelte etwas eigen dabei. Dann lehnte sie sich gegen ihre Tracht und knüpfte das Traglaken auf. „Wenn ich nur wüßte, wie man so ’n Alraun kriegt,“ murmelte sie noch vor sich hin. Steffens Gedanken waren aber schon bei dem Goldschatze im Rotenkampe, und nachdem er eine Weile vergeblich gewartet hatte, ob sie vielleicht von selbst davon anfangen würde, sagte er: „Es soll ja auch noch immer ’n großer Goldschatz im Rotenkampe vergraben liegen.“
Annekathrine zuckte die Achseln und begann von dem Holze zu knappen. „Der soll noch vom großen Kriege da liegen; aber er wird wohl schon ganz tief, tief in der Erde stecken,“ meinte sie und erklärte dies damit, daß vergrabenes Gold alle sieben Jahre einen Zoll tiefer rutsche.
In Steffens Gesicht kam etwas Begieriges. So tief läge es doch wohl nicht, daß man’s nicht mit einer guten Schute und Hacke in einer Nacht bloß graben könne, meinte er und sah sie forschend an.
Die Alte legte die kurz geknappten Reisigstücke neben sich und sagte: „So leicht ist denn das man doch nicht, Junge. Sonst läg’s wohl längst nicht mehr im Rotenkampe.“ Und darauf erzählte sie: „Da waren ’mal zwei Nachbarsleute in Sibbesse, die hatten sich schon lange vorgenommen, den Schatz auszugraben. Sie fasteten drei Tage lang und machten sich eines Abends im Dunkeln mit Hacke und Schute auf den Weg. Sie kamen um elf bei dem Baume an, unter dem sie den Schatz hatten brennen sehen, warteten, bis die Glocke in den Dörfern zwölf schlug und fingen nun mit aller Gewalt zu graben an. Es war eine rabenfinstre Nacht, aber auf einmal wurde es feuerhell, und da kam ein Mann an dem Baume vorüber, der hatte den Kopf unterm Arm und sagte: „Gun’ Abend, Bur!“ Die beiden Sibbesser hüteten sich aber wohl, zu danken oder sonst etwas zu antworten, denn sie wußten sehr gut, daß dann ihre Mühe eitel gewesen wäre. Und sie gruben mit aller Gewalt weiter, so daß ihnen der Schweiß man so von der Stirne pladderte. Und was meinste? Es dauerte nicht mehr lange, da stießen sie dich auf eine eiserne Kiste. „Wollt ihr Silber oder Gold?“ fragte es friedlich aus der Kiste. „Was drin ist,“ dachten die Männer, hüteten sich aber gar wohl, es zu sagen. Und nun packten sie die Kiste mit ihren Fäusten, mußten aber böhren, daß ihnen der Rücken knackte, so schwer war dich die Kiste ...“
„Die wird ganz stoppenvoll gewesen sein,“ unterbrach Steffen in seinem Eifer die Erzählerin.
„Stoppenvoll,“ bekräftigte sie und fuhr fort: „Sie packten nun immer fester zu und merkten auch schon, daß sich die Kiste zu heben begann. Jetzt aber kommt dich auf einmal etwas Wulkriges den Berg herauf gewälzt, und als es nahe ist, sieht es aus wie ein Regiment Mohren. „Platz da! Platz da! Oder wir schlagen euch die Köpfe runter!“ schreit es wie aus tausend Kehlen. Die Sibbesser kriegen keinen kleinen Schrecken, rühren sich aber nicht vom Fleck, sondern böhren mit aller Gewalt weiter. Da geht das ganze Heer wie ein Nebel über ihren Köpfen hinweg. Schon haben sie die schwere Kiste halb über der Erde, da denkt der eine: jetzt haben wir sie, aber er denkt es nicht nur, sondern schreit’s auch in seiner unbändigen Freude laut heraus. Aber da gibt’s ein höhnisches Gelächter um sie ’rum und — die Kiste rutscht in die bodenlose Tiefe hinab.“
Steffen schlug sich auf die Kniee, daß es klatschte und rief: „So ’n Dummerjan!“
„Ja, Steffen, das sag nur,“ erwiderte Annekathrine. „Hätte das Menschenkind nur noch ’n paar Minuten geschwiegen, bis es eins schlug, so wäre der Schatz ihr eigen gewesen; daran hätten tausend Teufel nichts ändern können.“
Steffen ging ganz aufgeregt hin und her. Endlich blieb er dicht vor der Alten stehen und fragte mit unsicherer Stimme, ob sie in dieser Nacht ’mal mit ihm hingehen würde!
Sie wurde ganz strack und wehrte mit beiden Händen ab: „Ne, ne, Steffen, lieber hundert Tote waschen als in so ’n Teufelsspuk ’rein gehen!“
Zudem wäre diese Nacht auch gar nicht geeignet. Man müsse den Schatz erst wieder brennen sehen, und das könne noch Jahre dauern. —
Steffens Gesicht zeigte große Enttäuschung. Er steckte den Buddel in die Tasche und schob sich nachdenklich auf den Hof zurück.
Als er unter den Walnußbaum kam, rauschte es so seltsam laut in seinen Zweigen, als wollte er ihm etwas zurufen. Und wahrhaftig, er rief etwas, und Steffen hörte, was er rief: Der Hofherr war gewohnt, daß ein Oelkers seine Pflichten allezeit aufs pünktlichste erfüllte; sollte er nicht ein Einsehen haben, wenn er vernähme, aus welchem Grunde diesmal der Zins nicht vollständig sei; wenn er die Versicherung erhielte, daß der Rest bis Neujahr getilgt werde? Ei gewiß, der gnädige Herr ist doch auch ein Mensch, hat doch auch ein Herz im Leibe, und lieber ihm zu Füßen fallen, als dem eigenen Bruder! Das rief der Walnußbaum, und Steffen nickte, nickte immer lebhafter. Ein freudiges Vertrauen stieg in ihm auf, und nachdem er rasch drei Teller voll Petersiliensuppe gegessen hatte, eilte er auf die Scheuer, um die erste Lieferung Zinskorn, die Probe, zurecht zu machen. O, er wollte dem Herrn schon ein Korn eintun, wie er’s gewiß noch bei keinem seiner Meier gesehen haben sollte, und müßte er das Korn auslesen wie Linsen.
Er siebte und sichtete den ganzen Nachmittag, verwandte auch noch den ganzen folgenden Tag darauf. Er konnte es gar nicht rein genug kriegen, das Korn; nicht eine Drespe oder Rade sollte dazwischen sein, gelobte er sich.
Das war freilich ein schweres Stück Arbeit, zu der er schon die dienstwilligen Tauben aus dem Märchen hätte gebrauchen können; denn Drespen und Raden hatte es in diesem Jahre wieder mehr gegeben als eigentliches Korn.
Marten ging durch die Scheune, sah mit seitlichem Blick auf den unermüdlichen Eifer des Bruders, tat aber, als sähe er nichts. In seinen Augen züngelte etwas, — und fester kniff er seine schmalen Lippen zusammen.