Zehntes Kapitel.
Früh am Martinimorgen lud Steffen den Dreihimtensack, den er am Abend vorher sorgfältig zugebunden und zurechtgestellt hatte, auf die Schulter — denn die Pferde wollte er dieser Kleinigkeit wegen und um Martens willen nicht strapazieren — und stapfte hoffnungsvoll zum Dorfe hinaus, dem Laufe des Baches entgegen. In drittehalb Stunden hoffte er am Ziel, gegen die Vesperpause wieder daheim zu sein.
Auf einem nahen Gehöft schrie ein Schwein in Todesnot, denn mit Martini begann die Schlachtezeit. Aus den Scheunen hüben und drüben tönte das muntere Geklapper der Dreschflegel. Da dachte er bei sich: „Wenn ich meine Fieke erst habe, können wir auch zu dritt dreschen; ei weih, dann wird’s auch munter gehen!“ Er schritt mit diesem Gedanken noch einmal so kräftig aus und hatte das Dorf bald hinter sich.
Von dem Wegerich, der ihn auf beiden Seiten des Weges begleitete, sprühte der Reif, wenn seine Füße ihn streiften. Hin und wieder begegnete ihm ein Sperling oder eine Ammer; am Rotenberge erwartete ihn ein Schwarm Distelfinken, — aber er ließ sich auf kein Gespräch mit ihnen ein. Die Berge glänzten in herrlicher Klarheit, in der Ferne hob sich das riesige Brockenhaupt scharf wie selten aus dem Wolkenschleier. Steffen sah nichts von alledem. Der Weg war hart und holprig, und der Sack drückte je länger je mehr. Als er nach einer Stunde in öder Feldmark keuchend aufsah, gewahrte er einen schwarzen Dohlenschwarm, bald gespensterhaft im Nebel sich herumwirbelnd, bald dicht an ihm vorüberstreifend, als wollte er ihm das Geleit geben. „Wenn diese schwarzen Vögel nur nicht was bedeuten,“ dachte er, und es war ihm, als hätten die Dohlen ihm Sack und Seele schwer gemacht.
Unterdessen pfiff Bruder Marten daheim ein lustig Lied nach dem andern. Er striegelte die Pferde, trug frisches Stroh in die Ställe und kletterte dann in den „Bansen“[28], um eine Lage Gerste herunterzuwerfen. Aber einen großen Trieb zur Arbeit schien er heute nicht zu haben, denn jedesmal wenn er ein Bund geworfen hatte, guckte er eine Weile durch das kleine runde Wandloch nach Drewes Hause hinüber. Seine Gedanken, die den Augen längst vorausgeeilt waren, ließen sich nicht mehr bändigen. In seinem Gesichte begann es sachte zu brennen, und als er wieder nach einem Gerstenbunde griff, zitterten seine Hände wie im Fieber.
Das Bächlein dampfte, die Felder dunsteten, und auf den Steinen lag helles Sonnenlicht. Als es gegen Mittag kam, lief Marten alle Augenblicke an die Ecke des Hauses, wo man nach Drewes Garten hinübersehen konnte.
Die Despe gluckste, der Hahn schlug gröhlend mit den Flügeln, und hurtig liefen seine Hennen, die verdrossen unter dem Schuppen gekratzt hatten, um das Haus herum in den hellen, warmen Sonnenschein hinein, der sich noch einmal behaglich zwischen dem Hofe und dem Bache ausbreitete — vielleicht, daß auch einige Würmlein und Käferlein wieder zum güldnen Lichte heraufkamen, denen die guten Hennen wieder mal was vorgackeln konnten.
Gleich nach dem Elfuhrläuten kam Sophie herüber, die Schürze voller Hobelspäne.
Marten hatte sie bereits von der Giebelklappe aus bemerkt, als sie zwischen den Eichen herkam. Er strich sich über das Haar, schnäuzte sich und trat glühenden Gesichts in die Haustür.
Nach kurzem Gruße, in dem heute eine große Befangenheit zitterte, eilte sie an ihm vorüber nach dem Herde, wo sie die Späne ausschüttete und alsbald ein Feuer anzumachen suchte.
Marten erwiderte den Gruß mit nicht minder großer Befangenheit und stand einen Augenblick wie angewurzelt. Der dämmernde, schweigsame Raum, das leise Brummen der Kühe hinter der nahen Tür, das Stampfen der Pferde nebenan, ein pickendes Huhn auf der Treppe, dazu die tiefe, menschenleere Ruhe auf dem Hofe ringsum, und der Gedanke, allein mit ihr in der ungestörten Häuslichkeit zu sein, mit ihr, der sein ganzes Trachten und Träumen galt — alles das wirkte so eigen auf ihn, daß es wie ein heißer Schauer durch seine Seele ging. Seine Blicke, voll glühender, dürstender Leidenschaft, umspannten die frische, wonnige Mädchengestalt, seine Seele schwankte wie in einem feurigen Rausche.
Draußen schrie der Gänserich. Im Stalle wieherte der Wallach.
Marten tat einen Schritt nach dem Herde hin, stockte aber wieder und sagte mit bebender Stimme: „Ich will dir ’n Eimer frisches Wasser von der Despe holen, Fieke!“
„Das kannste tun,“ hauchte sie kaum hörbar. Ihre Hand begann zu zittern, das eben entzündete Streichholz fiel zu Boden.
„Fieke!“ stieß er mit keuchendem Atem heraus, und da sie den Kopf tief herabsenkte, schlang er mit leidenschaftlicher Gewalt beide Arme um sie und küßte ihr Gesicht mit heißem Ungestüm.
Sie ließ ihn gewähren, legte den Kopf an seine Brust und brach in tiefes Schluchzen aus.
An der Despe herauf hörte man einen Schwarm laufender Kinder, die heute einen lustigen Tag hatten.
Sophie zuckte zusammen. „Laß mich, laß mich! O Gott, was tu ich für ein Unrecht!“
Er aber hielt sie fest umschlungen. „Fieke, du hast meinen Bruder ja nicht gern ...“
Sie schwieg und weinte still.
„Du kannst ihn ja nicht gern haben,“ flüsterte er an ihrer Wange.
„Und dich darf ich nicht gern haben,“ schluchzte sie und machte abermals einen vergeblichen Versuch, von ihm los zu kommen.
„Warum darfst du mich nicht gern haben, nicht lieb haben, Fieke?“ Und in aufflammendem Zorn rief er: „Nur weil ich keinen erbärmlichen Hof habe?“
„Ach Marten, was fragte ich nach dem Hofe!“ klagte sie. „Barfuß und barhäuptig wollte ich gehen bis ans Ende der Welt, in einem nassen Erdloch wollte ich wohnen, hätte dein Vater nicht mein Versprechen mit sich hinabgenommen in die Erde. Denk’ an die Todesstunde deines Vaters, Marten, und sag: konnte ich armes, schwaches Menschenkind denn anders handeln?“
In dem Burschen wallte es mächtig auf. „O, was habe ich gezaudert! Warum habe ich meinen Vater und meinen Bruder so ruhig gewähren lassen! Weil ich keinen Hof hatte? Ha, hätte ich mir nicht einen verschaffen können — und — und wär’s auch mit Teufels Hilfe gewesen! — Aber ich bin selber schuld daran,“ fuhr er in wilder Selbstanklage fort, „es war ein unbändiger Trotz in mir, weil ich dachte, dir wär’s nur um den Hof: Ich wollte mich nie wieder um dich kümmern, ich wollte fort, in die Stadt oder in ein fremdes Land, ihr solltet nie wieder von mir hören. Aber, als ich dich dann wieder in unserm Hause und hier am Herd gesehen, als ich sah, wie glücklich mein Bruder war, ohne daß er’s doch recht wußte, da behielt ich keine Macht mehr über mich, eine heiße Hölle kam in meine Brust. Fieke, ich kann nicht fort, ich kann dich nicht lassen; ich muß dich haben, es werde, wie es will — und müßte ich dich haben mit meinem Bruder zusammen — ... Nein, Wahnwitz! Er soll nichts von dir haben, ich ertrage es nicht.“ Sein heißer Atem ging ihr durchs Gesicht, sein lauter Ton wandelte sich in ein leises, schmeichelndes Flüstern: „Fieke, sei mein, sei’s gleich, küsse mich“ ...
Jetzt wirbelte die Kinderschar um das Haus herum, jetzt kam sie auf den Hof, schon quoll sie zur Haustür herein, und aus lauten Kehlen erscholl der uralte Singsang:
„Wir treten jetzt für
Eines Reichenmanns Tür
Zu diesem Martenabend.
Wer uns was schenkt,
Den Marten auch bedenkt.
Dem wünschen wir ’nen weißen Schimmel,
Damit er kann reiten bis an den Himmel.
Wir haben eine Jungfrau geschoren,
Von Gold und Silber eine Krone.
Die Krone, die reicht so weit und breit,
Bedecket die ganze Christenheit,
Bedecket das Laub und grüne Gras,
Das unser Herrgott geschaffen hat,
Zu diesem Martenabend.“
Marten rief, es wäre noch nicht Abend und wehrte sie unwillig zurück, während Sophie sich mit feuerrotem Gesicht abgewandt hielt und an den Töpfen herumwischte.
Die Kinder lachten, und in der Haustür herein- und herausdrängend, sangen sie:
„Marten is en guet Mann,
Dei et woll vergellen kann.
Appel un de Beeren,
Nötte ät eck geren.
Dat Himmelrike is uppedahn,
Da will we alle herintergahn
Mit allen usen Gästen.
De leiwe Gott is de Beste.“
Sophie zupfte den ungeduldigen und unwirrschen Marten am Wams und flüsterte ihm etwas zu. Da ging er in die Kammer und kam mit einer Wanne voller Walnüsse zurück, streute sie unter dem Halloh der Jugend vor der Haustür aus und zog die Tür wieder zu. Die Kinder balgten sich um die Nüsse, und als sie dann weiter trabten, gröhlte ein rauhhaariger Junge um die Hausecke zurück:
„Brut un Brödigam
Wollen seck waschen,
Fällen in de Aschen;
Wollen seck wischen,
Fällen in de Mischen.“
Aber Marten hörte kaum noch darauf. Er riß die Geliebte aufs neue an sich, küßte sie leidenschaftlich und erdrückte sie fast.
„Marten, Marten!“ schluchzte sie, in seinem Arm sich windend, „hast du mich wahrhaftig gern, so hüte dich und mich vor einer Schlechtigkeit. Ich will keine Falschheit begehen hinter dem Rücken deines Bruders.“
„Was ist Schlechtigkeit, Mädchen, was Falschheit! Was ist Sturm und Eis? Kann der Sturm was dazu, daß er da ist? Kann das Eis was dazu? Kann das Feuer was dazu, daß es brennt? Kannst du was dazu, daß du meinen Bruder nicht magst? Wär’s nicht eher eine Falschheit, wollten wir ihn noch länger in seiner Meinung bestärken?“
„O Gott, o Gott!“ stöhnte sie.
„Kannst du die Sonne bedecken? Ist die Liebe in unserm Willen? Kann ich was dazu, daß ich dich lieb habe wie nichts anderes auf der Welt, daß ich wahnsinnig werden möchte, wenn ich dich aufgeben sollte?“ Er breitete die Arme aus, umschlang sie aufs neue, hob sie mit wilder Gewalt empor, trug sie durch den dämmernden Raum, ließ sie wieder an seiner Brust herniedergleiten und küßte sie schier bis zur Betäubung.
Die Pferde stampften, als wollten sie mahnen: Marten, vergiß dich nicht und vergiß uns nicht! Aber so aufmerksam er sonst auf die Pferde war, — heute hörte er sie nicht.
Da stapfte jemand am Hause her und näherte sich der Haustür.
Nun mußte er sie wohl lassen.
Sophie schlüpfte in ihrer Verwirrung durch die Tür, die in den Stallgang führte. Marten nahm eine Mulde aus der Ecke und tat, als wäre er in eifrigster Arbeit.
Es war der Schäfer, der, mit einem teilweise gefüllten Sacke auf dem Rücken, seinen „Marten“ einsammelte.
Marten log, er hätte gerade schon etwas für ihn holen wollen, und holte eiligst, ohne den Spruch des Alten abzuwarten, eine Mulde voll Steckrüben und Kohlköpfe aus dem Keller, schüttete sie in den Schäfersack und eilte geschwind auf den Boden hinauf, um noch eine Mulde voll Gerste zu holen, die er dann ebenfalls in den Sack leerte.
„Na, Marten, laß ’s man sachte gehen, ich habe ja Zeit,“ suchte der Schäfer ihn zu beruhigen und sah ihn verwundert an, denn er war nicht gewohnt, daß man um ihn so lief. Ich habe Zeit, Marten,“ wiederholte er.
„Aber ich nicht, Wolter,“ erwiderte Marten hastig und erzählte, daß er heute allein sei und alle Hände voll hätte. Und da die Pferde wieder stampften, sagte er, es wäre auch kein Häcksel mehr geschnitten, drum müsse er gleich auf den Boden, und Wolter möchte es nicht übel nehmen, wenn er ihm heute keinen Stuhl böte.
Och, er hätte Zeit, und im Dorfe käme er schon noch herum, versicherte der Schäfer nochmals in seiner Arglosigkeit und erbot sich gar, ihm beim Häckselschneiden „’n Augenblick“ zu helfen.
Marten stieß unwillkürlich mit dem Fuße auf und schüttelte den Kopf. Beim Häckselschneiden stände der eine dem andern nur im Wege; ihre Schneidelade wäre auch von einer ganz besonderen Art, die müsse man erst gewohnt sein, versicherte er immer hastiger und drängte den Schäfer förmlich zur Haustür hinaus.
Aber die Klinke, die eben der Schäfer losgelassen hatte, drückte im nächsten Augenblick bereits wieder der Kuhhirt, der gleichfalls mit einem über die Schulter geschlagenen Sacke herein kam.
Marten sah ihn an, als ob er ihn erwürgen wollte. Der alte Hirte sah aber nicht nach seinem Gesicht, sondern suchte sich gleich einen Platz zum Ruhen aus. Es half nichts, Marten mußte abermals mit der Mulde in den Keller und auf den Fruchtboden. Und da er wußte, daß der Kuhhirt nicht fortginge, eh’ er nicht einen aus’m „Stammende“ bekommen hatte, so nahm er schnell den Buddel aus dem Schranke und sagte: „Prost, Chrischan! Aber dann nimm’s nicht weiter übel, — ich muß auf ’n Boden und geschwind ’n bißchen Häcksel schneiden; du hörst, die Gäule scharren mir sonst ’n Loch in ’n Stall.“
Christian trank, nickte gutmütig, sah in den Sack, sagte „noch ’n bißchen Linsen könnteste mir geben,“ trank wieder, während Marten schnell nach den Linsen lief, warf sich dann den Sack gemächlich über den Rücken, sagte, daß voriges Jahr um diese Zeit Vater Oelkers noch gelebt hätte, seufzte, wischte sich über den eigentümlich zusammengezogenen Mund und ging ganz wie ein Leidtragender hinaus.
Marten stieß einen Fluch der Erleichterung aus und wollte die Haustür von innen abriegeln, als Sophie wieder auf die Diele schlüpfte und ihn daran hinderte.
„Wer am Tage die Tür verriegelt, bringt die Menschen auf arge Gedanken,“ sagte sie und stellte sich zwischen ihn und die Tür.
„Mögen die Leute denn ruhig sehen, wie’s zwischen uns steht!“ rief er heftig und fing sie abermals in seinen Armen auf. „Fieke!“ jauchzte er und trug sie mit stämmiger Kraft die Treppe hinauf in die Stube.
Und sie schlang beide Arme um seinen Hals, legte ihre Wange an sein Gesicht und flüsterte: „Du lieber, schlimmer, lieber Mensch du ... Ach, ich hab’ dich ja so gern, so gern ...“
Und er setzte sich und nahm sie wie ein Kind auf seinen Schoß und konnte sich gar nicht sättigen an ihrem Anblick und ihrer beseligenden Umarmung.
Da schlug die Uhr, die mit langstrippigen Sandgewichten an der Wand hing, und als die Gewichte niedergingen, schlug Sophie das Gewissen, und sie sprang auf.
„O Gott, was fange ich nun an?“ klagte sie. „Jetzt — jetzt kann ich Steffen nicht mehr nehmen! Nein, ich kann es nicht! Ach, der arme Mensch! Wie er mich dauert. Aber es würde ein ewiges Unglück!“
Da fuhr ein Windstoß in die Stube und trug eine hallende Stimme herein.
„Da soll denn aber doch gleich ein heilig Ungewitter reinschlagen,“ kam’s breit und wuchtig von der Tür her.
Sophie flüchtete in die Ecke und barg ihr Gesicht in beide Hände, während Marten ruhig an seinem Platze blieb und ganz gelassen zu erscheinen suchte.
Da stand in seiner ganzen gedrungenen Leibhaftigkeit Meister Drewes, Mund und Augen groß offen, und es war eine Weile nur das vergeblich verhaltene aufgeregte Atmen der jungen Leute hörbar. „Habe ich’s doch fast geahnt,“ grollte er nun, „und“ — sein Ton wurde grimmig, „so ’ne Dirn habe ich erzogen, so ’ne Dirn?“
Sophie ließ die Hände sinken, trat entschlossen vor den Vater und sagte mit fester Stimme: „Es ist gut, Vater, daß du alles gesehen und gehört hast; so brauche ich dir weiter nichts zu sagen, du weißt es nun. Ich kann Steffen einmal nicht nehmen. Eher sterbe ich.“
„Nicht?“
Drewes erhob die Hand wie zum Schlage, ließ sie aber langsam sinken und sagte mit kurzem Entschluß: „Du kannst Steffen nicht nehmen? Also gut, dann haste hier jetzt nichts mehr zu suchen!“
Und er wies sie mit einer energischen Bewegung vor sich hinaus. „Ich kann dich nicht zwingen, in die Erde zu kriechen, wo einer liegt, der dein Wort hat; aber ich will es verhüten, daß meine Tochter aus den Armen eines Bruders in die des andern läuft, daß die Leute mit Fingern auf dich weisen und sagen: Seht, seht ...“
Als sie heftig schluchzend vor ihm hinging. zerschmolz aber sein Zorn wie Eis im Feuer, und es blieb nur eine betrübte Mahnung übrig: „Fieke, überlege es dir noch einmal; denke an den armen, ahnungslosen Steffen! Wenn der nun nach Hause kommt ...“
Er schüttelte heftig den Kopf, sah Marten mit einem langen, ernsten Blicke an und folgte ihr, kehrte sich indessen nochmals nach dem Burschen um, der nun wie in keckem Trotze dastand und sich die Lippen zerbiß: „Ha, du bist mir ein sauberer, du! Schande dir, so deinem einzigen Bruder ’s Liebste abspenstig zu machen. Du bist ja ein — du bist ja ein — ein — richtiger Jakob biste ja!“
„Ach, Drewes Vetter, ich will Euch was sagen,“ antwortete der Bursche mit gemächlichem Achselzucken, „die Geschichte von Jakob — Ihr meint den alten Erzvater, den Bruder von Esau? — wie gesagt, die Geschichte habe ich schon in meinem achten Jahre lernen müssen und seitdem in Schule und Kirche so oft gehört, daß es Euch nicht wundern kann, wenn mir etwas davon ins Blut übergegangen ist. Da solltet Ihr Euch lieber beim Herrn Pastor beschweren ... Und übrigens war doch Jakob ein höchst angesehener Mann vor Gott dem Herrn und in seinem Volke.“
„Ei, sieh einer diesen infamen Bengel!“ schalt Drewes und stampfte mehrmals mit seinen Holzschuhen auf die Treppe, daß es durchs ganze Haus dröhnte, „führt er noch pfiffige und gotteslästerliche Reden obendrein. I, da sollte doch gleich ...“
Es schien aber eher, als wäre die Antwort wie ein riesiger Spaß in seine Seele gefallen, und als hätte er Mühe, sich eines drängenden Lachens zu erwehren. Er kehrte sich rasch um und guckte nach dem rauchschwarzen Balken, als suche er etwas.
Als Drewes sein Gesicht wieder in Ordnung hatte, drehte er den Kopf noch einmal zu dem Burschen herum und fragte, um ihm auch eins zu versetzen: „Wohin wollteste denn eigentlich mit dem Mädchen, Junge? Etwa ins Spritzenhaus? Hm?“
„Wenn man sich’s gut einrichtet, Drewes Vetter,“ antwortete er, „ist auch im Spritzenhause ganz gut wohnen.“
„Oder kannste ein Handwerk, daß du dir hättest ’n Haus erwerben können wie andere Leute, hm?“ fragte Drewes wieder. Er wartete aber die neue Antwort nicht mehr ab, sondern machte sich rasch fort und schüttelte nur noch immerfort den Kopf, so daß die Leute, die ihm begegneten, ganz verwundert hinter ihm hersahen.