Zwölftes Kapitel.
Nach Mitternacht war ein leichter Schnee gefallen, gegen Morgen ein scharfer Frost gekommen. Eine herbe Kälte strich durchs Tal, von den Bäumen stoben die feinen glänzenden Krystalle, daß es wie ein ordentliches Klirren tönte, als Marten mit dem Einspänner vom Hofe fuhr.
Steffen mußte, als er Wasser holen ging, mit den Eimern schon ordentlich auf die junge Eisdecke stoßen, um ein Fülloch zu bekommen. Er wunderte sich aber erst eine Weile hinterher darüber, denn seine Gedanken waren heute bei allem, was er vornahm, weit weg. Sie waren mit dem Bruder gegangen, begleiteten ihn auf Schritt und Tritt, ermunterten und stärkten ihn.
Von Zeit zu Zeit sprach er leise vor sich hin: „Es ist nur gut, daß er den Wagen genommen hat, denn so ’ne Tracht Zinskorn kann verteufelt drücken.“ — „Jetzt wird er bei dem Hagedorn sein, wo der Vater mal den dreibeinigen Hasen sah, der ihn so grausig groß anguckte.“ — „Jetzt ist er gewiß in der kalten Grund, wo die drei Bäume stehen.“ Und dazwischen dachte er: „Es ist doch ’n guter Mensch, mein Bruder, werde es ihm nie vergessen, und Fieke soll auch gut mit ihm sein, ja, das soll sie.“ —
Nun spähte er wieder nach den kahlen Bäumen über dem Bache aus; aber es zeigte sich kein Rock und kein Schuh.
„Werde gegen Mittag ’mal ’rüber gehen,“ beruhigte er sich, „gewiß ist sie böse, daß ich mich in dieser Zeit so wenig um sie gekümmert habe.“
Als die Turmuhr zehn schlug, quoll es auf einmal ganz heiß in ihm auf; er rannte über den Hof, atmete schwer und rief vor sich hin: „Jetzt wird er am Schlosse sein. — Jetzt ist er gewiß schon beim Herrn.“
Es wurde ihm siedendheiß im Gesicht, er bückte sich, schloß mehrmals die Augen und hielt sich die Hände an die Ohren, um nicht zu sehen und zu hören, was nun vorging. Er lief nach der Küche zurück, jagte die Hühner vom Herde, stieß einen Eimer um und polterte aufgeregt umher, daß die Hühner mit wildem Geschrei durcheinander flogen, in die Eimer und Töpfe „bliesterten“ und einen fürchterlichen Wirrwar machten. Ein Topf flog in Scherben auf dem Boden herum, und um ein Kleines wäre dem geheimnisvollen Kruge, den Steffen aus dem wackelnden schwarzen Schranke nahm und zu einem geräuschvollen Zuge an die Lippen setzte, das gleiche Schicksal passiert.
Er kratzte sich den Kopf, schlug sich angesichts der Scherben mit der Faust auf die Stirn und sagte in einer Art Verzweiflung: „Wieder so ’n schöner, schöner Pott hin! Und sechs Dreier hat der gekostet!“
Ja, freilich! Und sechs Dreier waren keine Kleinigkeit.
Er trug die Scherben hinaus an den Bach, guckte nach Drewes Hause, kehrte geschwind wieder um, sprang die Treppe zur Stube hinauf, nahm den zerbrochenen kleinen Spiegel vom Schranke, guckte hinein, scheuerte sich mit dem hinter der Stubentür hängenden graulichen Handtuche das Gesicht, strich sich das lange, wirre Haar zurecht, hastete wieder hinaus und tauchte nach wenigen Minuten drüben zwischen den Eichen auf. Er betrat aber nicht den Pfad, der durch den Baumhof nach der Haustür führte, sondern blieb auf dem links abbiegenden Fahrwege, dem das Haus gegen die sonstige Gewohnheit der Bauernhäuser die Rückenwand zukehrte. Durch die kleine zweiklappige Hintertür gelangte man sogleich in die Küche.
Steffen spähte und horchte und guckte dann wieder ins Feld hinaus, als käme er nur so von ungefähr vorbei.
Die Tür war geschlossen; aber neben der Obertür befand sich eine schmale Klappe, die offen stand. Er ging sachte über den knirschenden Schnee, guckte hinein und zog eine krause Stirn, denn Meister Drewes hatte mal wieder den ganzen Küchenraum inne, und da blieb gewöhnlich für die Frauen kein Platz.
Steffens Herz pochte, er spähte in dem dämmerigen Raume vergeblich nach der schlanken Mädchengestalt. Da der Meister, der sich gerade am „Radestock“ beschäftigte, ihn nicht bemerkte, blieb er eine Weile unmutig stehen.
Der Radestock, der gerade durch das Klappenlicht beleuchtet wurde, war ein schmales, mit Feldsteinen ausgemauertes und von einem schweren Eichenrahmen umgebenes Loch, das zum Radaufspeichen diente.
Meister Drewes stand mit gespreizten Beinen über dem Loche und suchte mit einer „Zapfenlehre“, einem Holzstücke, in dem sich das Normalloch befand, die Dicke der Speichenenden zu bestimmen.
„No, immer so fleißig, Andreisvetter?“ rief Steffen endlich hinein.
„Wie du siehst, Junge!“ antwortete Drewes, ohne sich sogleich in seinem Eifer stören zu lassen. Er zirkelte noch drei Speichen ab, ehe er die „Zapfenlehre“ an die Wand hängte und den Türriegel zurückschob.
„No, Steffen, läßte dich auch ’mal wieder sehen?“ begrüßte Drewes ihn und sah über ihn hin ins Feld, als ob der dort kreisende Krähenschwarm ihn interessiere.
„Ja seht, Andreisvetter,“ erwiderte Steffen und schabte sich das Bein, „ich hatte die ganze Zeit den Kopf so voll, daß ich bald gar nicht mehr wußte, wo er stand. Es ist doch keine Kleinigkeit, wenn der Vater gestorben ist, und man muß nun auf einmal für alles Rat schaffen.“
„No gewiß! Ja, Junge!“ sagte Drewes in etwas verlegener Weise und deutete auf einen neben der Bohrbank stehenden Hauklotz. „Mußt schon ’mal mit dem Sitze vorlieb nehmen. Ich wollte gern das Salrad noch zurecht haben. Soll heute abend abgeholt werden, und was man verspricht, das muß man halten. Sonst — er stockte etwas, eh’ er endete — sonst kann man ’n Menschen hernach nicht gerade ins Gesicht gucken.“
Steffen nickte. „Laßt Euch man ja nicht aufhalten, Andreisvetter!“
„Stoß dich nur nicht an der Deichsel, Junge!“ mahnte der Alte in einem Tone, als müßte er wieder etwas gut machen.
Die Deichsel kam aus einem Wandloche und ging quer durch die Küche bis nahe an die andere Wand, — weil die angebaute Scheune zu kurz war, um den Wagen mit der Deichsel in sich aufzunehmen.
Steffen sah unruhig an dem Kamine hin, setzte sich zögernd nieder und gedachte nun von seinen gestrigen Erlebnissen anzufangen, besann sich aber sogleich eines besseren. Fragte Drewes nicht, wollte er auch nichts sagen, sondern warten bis zum andern Abend, da er den Hof doch sicher gemeiert haben würde.
Und Drewes fragte wirklich nicht, sondern fing, während er die Kefferschraube in das Nabelloch brachte, vom jungen Frost an und erzählte danach lang und breit von den schwersten Wintern, die er erlebt hatte und langte zuletzt beim Wicken-Thies an.
Steffen hörte geduldig zu, ließ aber seine Augen immer um den Herd herum schweifen. Der Wäschestein neben dem Herde, der Kesselhaken über dem Herde, der dreibeinige „Stritten“, das dunkle Backofenloch unter dem Herde, das blanke Geschirr an der Wand, die weißen Eimer auf der Bank — jedes einzelne fiel ihm heute ins Auge, erregte sein Interesse, löste seltsame Empfindungen in seiner Seele, weil er mit allem die ersehnte Gestalt des Mädchens in Verbindung brachte. Es war vielleicht so etwas wie das poetische Schauen der Liebe, das, aus tiefster Seele aufsteigend, plötzlich die rohe Sinneshülle des Bauernburschen durchbrochen hatte und nun sein Denken und Fühlen im Banne hielt.
Drewes rückte die Bohrbank in das Klappenlicht, auf der die Felgen gebohrt wurden, nahm die „Schürgiffel“, die in der Herdecke neben dem Ofenloch stand, schürte das sachte brennende Holzfeuer und rief in den Ofen hinein: „Fieke, das Wasser! Daß ich die Speichen kochen[29] kann!“
Da der Lehmaufsatz des Ofens Risse hatte, konnte man das Rufen in der Stube deutlich verstehen.
„Das Kind ist draußen,“ antwortete Frau Drewes von ihrem Spinnrade her.
„No, denn bleib man sitzen, Mutter!“ rief Drewes gutmütig zurück, „es hat so ’ne Eile gerade noch nicht.“ Er machte sich nun an die Bohrbank und begann dabei wieder von den teuren Jahren zu erzählen, da man nur Wickenbrot und getrocknete Steckrüben gehabt, das doch keinem geschadet hätte.
Steffen nickte regelmäßig zu Drewes’ Gefallen, sagte von Zeit zu Zeit „soso“, „ja“, oder „kuck einer“ oder „i nä!“, bis es ihm auf einmal zu heiß wurde auf seinem Sitze und er aufstehend den unermüdlichen Erzähler mit der Versicherung unterbrach, daß dieser Winter gewiß sehr kalt werden würde und man daher dies Jahr wohl nicht so viel Holz verkaufen könne.
In der Pause, die nach seinem Worte entstand, hörte man deutlich Sophiens seltsam ergreifende Stimme von der Diele hertönen:
„Ach, Mutter, gib mir keinen Mann,
Ich leb’ nicht länger denn ein Jahr;
Ich leb’ nicht länger denn ein Jahr,
So legen sie mich wohl auf die Bahr’.“
Steffen öffnete den Mund und horchte mit angespanntem Ohre nach der Diele. Drewes hielt mit bohren an, um ebenfalls zu lauschen.
Sophie schien auf der Diele aufzuräumen, man hörte die Hobelspäne rascheln, wobei sie in dem gleichen schwermütigen Tone fortsang:
„Durch das Wasser bin ich gegangen,
Und das Rad hat mich gefangen;
Ihr sollt mit mir zu Grabe gehn,
Wie’s tut wohl einer Braut anstehn.
Dort oben im Himmelsgarten
Da tut mein Bräutigam mich erwarten,
Dort oben in der Ewigkeit
Da steht mein Brautbett schon bereit.“
„So schön habe ich Fieke ja noch gar nicht singen hören!“ rief Steffen freudestrahlend. „Ei nicht ’mal, so ’ne Stimme! ’s geht ordentlich rührend.“
Drewes waren über dem Lauschen die Augen feucht geworden. „Das Lork hat sich in den letzten Tagen ganz umgekrempelt, es ist nichts mehr mit ihr anzufangen. Ich meine immer, es wäre unsere Fieke gar nicht mehr. Der Kuckuck mag’s wissen. Zuletzt habe ich doch nur die eine Tochter; — da greift einen die Besorgnis immer leichter an.“
„Na, das wird jetzt schon wieder anders werden, Andreisvetter,“ beruhigte Steffen, „ich habe mich in der letzten Zeit wegen der vielen Scherereien bald gar nicht mehr um sie kümmern können. Das wird’s wohl sein, das wird sie wohl verdrossen haben. Ja, das wird’s sein!“ Und er stand hastig auf. „Aber jetzt will ich gleich ’mal mit ihr reden, und ich denke auch, daß wir nun doch bald Anstalt zur Hochzeit machen.“
Drewes faßte ihn beim Arm, hielt ihn zurück und sagte mit Stocken und Zögern und einem Tone voll herzlichen Mitleids: „Junge, rede heute lieber nicht mit ihr; sie soll sich erst wieder besinnen. Sie wird etwas krank sein, besorge ich. Komm lieber mal ’n andern Tag wieder, das ist besser.“
Steffens Gesicht wurde etwas lang. „Das ist ja aber ... i, da kriege ich ja ’n ordentlichen Schrecken — krieg’ ich ja. Aber ich muß ihr doch wenigstens ’mal die Tageszeit bieten.“
Indem trat das Mädchen unter der „Wipprauge“ aus der Tür. Ihre Schürze war mit allerlei Holzstümpfen gefüllt, deren weiße Schnitt- oder Hauflächen oben herausschimmerten.
„Wir haben sie gekränzt mit Rosmarin ...“ sang sie, während sie sich von der „Wipprauge“ dem Herde zukehrte.
Da rief Steffen aus dem Hintergrunde: „Gu’n Dag, Fieke! Ich bin hier, ja, wir kennen uns bald gar nicht mehr.“
Das Lied endete in einem leisen Aufschrei. Der eine Schürzenzipfel entglitt ihrer Hand, und ein Teil der Stümpfe und Späne fiel zu Boden. Sie sah nicht danach, sondern ergriff hastig den hängenden Zipfel und floh auf die Diele.
Als Steffen unter die „Wipprauge“ kam, waren nur noch leise forteilende Tritte zu vernehmen.
Er blickte nach dem Hintergrunde der Küche zurück, schüttelte den Kopf, daß die langen Haare raschelten, ging auf die Diele, guckte durch die an der einen Wand befindliche Stalltür, steckte auch den Kopf aus der Scheunentür in der andern Wand und rief verwundert: „Fieke, Menschenskind, wo bist du denn?“ Er forschte, während der Meister strack an der Bohrbank stand und eine Felge betrachtete, überall herum, wurde ihrer aber nirgends ansichtig, erhielt auch keine Antwort.
Ärgerlich und achselzuckend rief er: „Biste mir böse, Fieke, so mußte ’s man bloß sagen.“ Er ging wieder unter der „Wipprauge“ hin und rief dem Alten an der Bohrbank zu: „Ja, denn will ich doch man lieber ’n andermal wieder kommen, — wenn sich Fieke so anstellt.“
„Ich denke auch,“ sagte Drewes nur und schüttelte seufzend den Kopf.
Steffen schritt durch die Haustür und ging, ohne sich umzusehen, auf die Eichen zu.
Drewes begab sich in die Stube, sah ihm durchs Fenster nach, schüttelte traurig den Kopf und sagte leise: „Armer Mensch, du!“
„War denn Steffen da?“ fragte die Frau, den Finger in das schnurrende Rad haltend.
Drewes nickte.
„Hat er sich mit Fieke ausgesprochen?“ fragte sie und legte die Hände aufeinander.
Drewes kratzte sich mit beiden Händen am Kopfe. „Ist ja gar auf kein Wort ’ran zu kriegen, das Starrkopf das! — Was soll man da nun machen?“
„Meine Zeit — ja!“ seufzte die Frau und schlug die Hände zusammen.
Sie hörten, wie draußen vor dem Ofen die Holzabfälle hingeschüttet wurden. Gleich darauf trat Sophie in die Stube. Ihr Gesicht war auffallend blaß, und ein herber, fast trotziger Zug hatte sich um ihre Mundwinkel gelegt.
Drewes suchte auf der Hobelbank, nahm einen Meißel und drückte sich nach der Tür, denn er war angesichts seiner Tochter immer entwaffnet, mochte sich auch noch so viel des Unmuts und Ärgers in ihm angesammelt haben.
„No, Vater, nun gehste wieder ’raus!“ rief die Frau ärgerlich und redete ihm noch deutlicher mit Augen und Stirnfalten zu. „Das Rad kriegste doch wohl noch fertig.“
„No, ich muß mich dran halten,“ erwiderte er, „und du kannst mir dann man gleich das Wasser heiß machen, Fieke, daß ich die Speichen kochen kann.“
„Aber erst wollen wir ’mal ’n Wort über was anderes reden,“ bestimmte die Mutter, als das Mädchen wieder nach der Tür gehen wollte. „Als ich höre, war Steffen vorhin beim Vater?“
Sophie machte eine halbe Wendung von der Mutter ab. „Mutter, der braucht um meinetwegen nicht mehr zu kommen!“ fiel sie fast heftig ein.
Die Mutter stand auf und stemmte die Hände in die Seiten. „I, du bist ja ein ganz schlechtes Mädchen — biste ja!“
Sophie preßte die Lippen aufeinander, über ihre Wange rollte eine Träne.
Vor den Augen seiner Frau zum äußersten getrieben, begann nun der Alte, der bis dahin den Meißel an den Schwielen seiner Hand probiert hatte: „Mädchen, denkste denn gar nicht daran, daß dein Versprechen auf dem Kirchhofe eingegraben ist? Denkste denn gar nicht daran? Wär’s bloß ein Versprechen zwischen euch zweien, zwischen dir und Steffen, wollte ich schließlich sagen: Das müßt ihr miteinander abmachen. Lebende können lösen, aber die Toten — die Toten halten fest.“
„Denn grabt mich nur auch in den Kirchhof hinein!“ schluchzte das Mädchen.
„Nun hör’ einer an,“ jammerte die Frau; und der Alte, verzweiflungsvoll durch die Stube schreitend: „Muß er sich nicht im Grabe umdrehen, der gute alte Nachbar, daß ich mein Wort so schlecht einlöse? Muß es nicht kommen, daß er mir in jener Welt weit aus ’m Wege geht, wo wir doch auf dieser Welt so gute Freunde waren und uns nie das Geringste zu nahe getan haben?“
Sophie hielt die Schürze an die Augen und schluchzte: „Vater, kann ihm denn das eine Kind nicht so lieb sein wie das andre?“
Die Alten sahen das Mädchen an, sahen einander an und schwiegen beide still. Die Frau setzte sich wieder an ihr Rad und sagte nur, ohne die Tochter anzusehen: „Geh jetzt und mach das Wasser heiß!“
Der Meister, der eben zwischen den Sägen an der Wand gesucht hatte, ging hinter ihr drein und raunte ihr draußen am Herde ins Ohr: „Fieke, magste wohl ’mal mit mir um Mitternacht auf ’n Kirchhof gehn?“
Sie sah ihn groß an. Leise fuhr er fort: „Wir wollen ins Grab ’runter rufen und dann auf ’n Zeichen warten.“
„Ja, Vater, ich gehe mit dir!“ flüsterte sie und sah ihn dankbar an. Er strich mit leiser Hand über ihr Haar und begab sich rasch an den Radstock, während das Mädchen Kohlen aus dem Ofen nahm und ein Feuer auf dem Herde entzündete.