Siebenter Auftritt.
Solneß. Doktor Herdal.
Solneß. Haben Sie Eile, Doktor?
Herdal. Durchaus nicht.
Solneß. Wir können also ein wenig miteinander plaudern?
Herdal. Wird mir sehr angenehm sein.
Solneß. Dann setzen wir uns. (Er weist dem Doktor den Platz im Schaukelstuhl an und setzt sich selbst in den Lehnstuhl; mit einem forschenden Blick.) Sagen Sie mir — merkten Sie Aline etwas an?
Herdal. Soeben, während sie hier war, meinen Sie?
Solneß. Ja. Mir gegenüber. Merkten Sie etwas?
Herdal (lächelnd). Na, hören Sie mal — das mußte man ja wohl merken, daß Ihre Frau — hm —
Solneß. Nun?
Herdal. Daß Ihre Frau keine besondere Vorliebe hat für dieses Fräulein Fosli.
Solneß. Weiter nichts? Das habe ich schon selber bemerkt.
Herdal. Und ein Wunder ist es ja eigentlich nicht.
Solneß. Was denn?
Herdal. Daß sie es nicht gerade gern sieht, wenn Sie da tagtäglich ein anderes Frauenzimmer um sich haben.
Solneß. Nun, darin können Sie recht haben. Und Aline auch. Aber das — das kann nun einmal nicht anders sein.
Herdal. Könnten Sie sich denn nicht einen Buchhalter anschaffen?
Solneß. Den ersten besten Kerl? Nein, da dank' ich — damit ist mir nicht gedient.
Herdal. Aber wenn nun Ihre Frau —? So schwach, wie sie ist — Wenn sie's nun nicht aushält, die Sache mitanzusehen?
Solneß. Na, dann mag's in Gottes Namen so sein — hätt' ich beinahe gesagt. Ich muß Kaja Fosli behalten. Kann niemand anderen brauchen als gerade die.
Herdal. Niemand anderen?
Solneß. Nein, niemand anderen.
Herdal (seinen Stuhl näher rückend). Jetzt hören Sie mal, lieber Herr Solneß. Erlauben Sie mir eine Frage ganz im Vertrauen?
Solneß. Bitte.
Herdal. Frauenzimmer, sehen Sie — die haben in gewissen Dingen einen verflucht feinen Spürsinn —
Solneß. Den haben sie. Das ist so wahr wie nur irgend etwas. Aber —?
Herdal. Nun gut. Hören Sie weiter. Wenn nun Ihre Frau diese Kaja Fosli schlechterdings nicht ausstehen kann —?
Solneß. Nun, was dann?
Herdal. Hat sie dann nicht so 'nen — 'nen ganz winzig kleinen Grund zu dieser unwillkürlichen Abneigung?
Solneß (blickt ihn an und erhebt sich). Oho!
Herdal. Nehmen Sie mir's nicht übel. Aber hat sie das nicht?
Solneß (kurz und bestimmt). Nein.
Herdal. Nicht den allermindesten Grund also?
Solneß. Keinen anderen Grund als ihr eigenes Mißtrauen.
Herdal. Ich weiß, daß Sie in Ihrem Leben verschiedene Frauen gekannt haben.
Solneß. Das leugne ich nicht.
Herdal. Und auch, daß Sie einzelne davon ganz gern gehabt haben.
Solneß. O ja, das auch.
Herdal. Aber in dieser Sache mit Fräulein Fosli —? Hier ist also nichts derartiges mit im Spiele?
Solneß. Nein. Absolut nichts — meinerseits.
Herdal. Aber von der andern Seite?
Solneß. Danach, scheint mir, haben Sie kein Recht zu fragen, Doktor.
Herdal. Es war der Spürsinn Ihrer Frau, von dem wir ausgingen.
Solneß. Richtig. Und insofern — (Er senkt die Stimme.) Alines Spürsinn, wie Sie's nennen — der hat sich denn auch gewissermaßen erprobt.
Herdal. Na — sehen Sie wohl!
Solneß (setzt sich). Doktor Herdal — jetzt will ich Ihnen eine sonderbare Geschichte erzählen. Wenn Sie sie anhören wollen, heißt das.
Herdal. Sonderbare Geschichten höre ich immer gern.
Solneß. Nun gut. Sie entsinnen sich jedenfalls, daß ich Knut Brovik und seinen Sohn in meinen Dienst nahm — damals, als es mit dem Alten so sehr bergab gegangen war.
Herdal. Das ist mir so ziemlich bekannt, jawohl.
Solneß. Denn sie sind im Grunde ein paar tüchtige Kerle, die beiden, wissen Sie. Sie haben Anlagen, jeder auf seine Art. Da bekam aber der Sohn den Einfall, sich zu verloben. Und nun, natürlich, wollte er auch heiraten — und anfangen selber zu baumeistern. Denn alle miteinander denken sie nun einmal an solche Geschichten, die jungen Leute.
Herdal (lachend). Sie haben in der That die üble Gewohnheit, daß sie gern einander kriegen wollen.
Solneß. Gut. Damit konnte aber mir nicht gedient sein. Denn Ragnar hatte ich ja selber nötig. Und den Alten auch. Der ist nämlich ausgezeichnet zu verwenden bei Berechnungen von Tragfähigkeit und Kubikinhalt — und all dem Teufelszeug, wissen Sie.
Herdal. Nun ja, das gehört wohl auch mit dazu.
Solneß. Allerdings. Aber Ragnar, der wollte auf eigene Hand beginnen um jeden Preis. Da war alles Reden umsonst.
Herdal. Dann blieb er ja aber trotzdem bei Ihnen.
Solneß. Jetzt passen Sie nur auf. Eines Tages also, da kommt diese Kaja Fosli zu ihnen herauf, um etwas auszurichten. War früher nie hier gewesen. Und als ich sah, wie herzlich die zwei ineinander vergafft waren, da kam mir plötzlich der Gedanke: hätte ich nur das Mädchen hier im Bureau, dann bliebe vielleicht Ragnar auch bei mir sitzen.
Herdal. Das war ein ganz erklärlicher Gedanke.
Solneß. Gewiß. Damals aber ließ ich keine Silbe von so etwas fallen. Ich stand nur da und sah sie an — und wünschte so recht beharrlich, ich hätte sie hier. Dann sagte ich ihr ein paar freundliche Worte — sprach von ganz gleichgültigen Dingen. Und darauf ging sie.
Herdal. Nun?
Solneß. Den nächsten Tag aber, zur Abendzeit, als der alte Brovik und Ragnar heimgegangen waren, da kam sie wieder her zu mir und benahm sich, als hätte ich mit ihr eine Abrede getroffen.
Herdal. Eine Abrede? Worüber?
Solneß. Genau über das, was ich mir nur so gewünscht hatte. Wovon mir aber kein einziges Wort entschlüpft war.
Herdal. Das war recht merkwürdig.
Solneß. Ja, nicht wahr? Und nun wollte sie wissen, was sie hier zu thun bekäme. Ob sie den folgenden Morgen gleich anfangen dürfte. Und dergleichen mehr.
Herdal. Glauben Sie nicht, daß sie es that, um mit ihrem Bräutigam beisammen zu sein?
Solneß. Anfangs war das auch meine Idee. Aber nein, so verhielt sich's nicht. Ihm entglitt sie, sozusagen vollständig — als sie erst hierher gekommen war zu mir.
Herdal. Da glitt sie wohl zu Ihnen hinüber?
Solneß. Ganz und gar. Ich merke, daß sie es fühlt, wenn ich hinter ihr bin und sie ansehe. Sie bebt und sie zittert, so oft ich nur in ihre Nähe komme. Was halten Sie davon?
Herdal. Hm — das läßt sich schon erklären.
Solneß. Nun gut, aber dann das andere? Daß sie glaubte, ich hätte ihr gesagt, was ich bloß gewünscht und gewollt hatte — so in aller Stille. Inwendig. Ganz für mich. Was sagen Sie dazu? Können Sie mir so etwas erklären, Herr Doktor?
Herdal. Nein, darauf lasse ich mich nicht ein.
Solneß. Das dachte ich mir im voraus. Darum habe ich bisher auch nie davon reden wollen. Aber auf die Dauer fällt mir die Sache verdammt lästig, begreifen Sie wohl. Da muß ich tagtäglich herumgehen und thun, als ob ich — Und es ist ja eine Sünde gegen das arme Ding. (Heftig.) Aber ich kann nicht anders. Denn rennt sie von mir fort — so macht sich auch Ragnar auf den Weg.
Herdal. Und Ihrer Frau haben Sie diesen ganzen Zusammenhang nie erzählt?
Solneß. Nein.
Herdal. Du lieber Gott, warum thun Sie denn das nicht?
Solneß (sieht ihn fest an und sagt gedämpft). Weil's mir vorkommt wie — wie so eine Art wohlthuende Selbstquälerei, wenn ich mir von Aline Unrecht geschehen lasse.
Herdal (schüttelt den Kopf). Davon verstehe ich kein Sterbenswörtchen.
Solneß. Ja, sehen Sie — so trage ich doch gleichsam ein bißchen ab von einer bodenlosen, ungeheuern Schuld —
Herdal. Ihrer Frau gegenüber?
Solneß. Jawohl. Und das erleichtert ja immerhin das Gemüt ein wenig. Dann kann man eine Weile freier aufatmen, wissen Sie.
Herdal. Nein, da begreif' ich, weiß Gott, kein Wort —
Solneß (kurz abbrechend, indem er sich aufs neue erhebt). Schon gut — reden wir nicht mehr davon. (Er geht nachlässigen Schrittes durchs Zimmer, kehrt um, bleibt am Tische stehen und blickt den Doktor mit einem launigen Lächeln an.) Jetzt, Doktor, meinen Sie wohl, daß Sie mich recht schön aufs Glatteis geführt haben?
Herdal (etwas ärgerlich). Aufs Glatteis? Davon fasse ich auch nicht ein Tüpfelchen, Herr Solneß.
Solneß. Ach, sagen Sie's nur rein heraus. Ich hab's ja doch sehr wohl bemerkt, hören Sie!
Herdal. Was haben Sie bemerkt?
Solneß (gedämpft, langsam). Daß Sie da so ganz harmlos herumgehen und mich im Auge behalten.
Herdal. Ich thäte das! Du lieber Himmel, warum sollte ich denn das thun?
Solneß. Weil Sie glauben, daß ich — (Aufbrausend.) Na, zum Teufel — weil Sie von mir dasselbe glauben, was Aline glaubt!
Herdal. Und was glaubt denn Ihre Frau von Ihnen?
Solneß (sich wieder beherrschend). Sie hat angefangen, zu glauben, ich wäre so — wie soll ich sagen — krank.
Herdal. Krank! Sie! Davon hat sie mir nie eine Silbe gesagt. Und was sollte Ihnen denn fehlen, bester Herr Solneß?
Solneß (beugt sich über die Stuhllehne und flüstert). Aline geht mit der Idee herum, ich wäre verrückt. Das ist's, was sie glaubt.
Herdal. Aber liebster, bester Herr Solneß —!
Solneß. So wahr ich lebe, sie thut's —! So ist es. Und das hat sie auch Ihnen eingeredet. O ich versichere Sie, Doktor — ich merke es Ihnen nur zu deutlich an. Ich laß mich nämlich nicht so leicht hinters Licht führen, will ich Ihnen sagen.
Herdal (ihn verwundert anblickend). Niemals, Herr Solneß, — niemals ist mir der leiseste Gedanke an so etwas gekommen.
Solneß (mit einem ungläubigen Lächeln). So? Wirklich nicht?
Herdal. Nein, niemals! Und Ihrer Frau gewiß auch nie. Darauf, glaub ich, könnte ich getrost einen Eid ablegen.
Solneß. Na, das sollen Sie doch lieber bleiben lassen. Denn gewissermaßen, sehen Sie, da — da könnte sie wohl auch Grund haben, so was zu denken.
Herdal. Nein, da muß ich gestehen —!
Solneß (ihn unterbrechend, macht eine Handbewegung). Schon gut, lieber Doktor — gehen wir auf die Sache nicht näher ein. Mag jeder seine Ansicht für sich behalten. (Er geht zu einer stillen Leutseligkeit über.) Aber hören Sie mal, Doktor — hm —
Herdal. Nun?
Solneß. Wenn Sie nun also nicht glauben, daß ich — so — krank bin — und verrückt — und toll und so weiter —
Herdal. Was dann, meinen Sie?
Solneß. Dann bilden Sie sich natürlich ein, ich wäre ein außerordentlich glücklicher Mann?
Herdal. Sollte das nur eine Einbildung sein?
Solneß (lachend). I Gott bewahre, wo wollen Sie denn hin! Denken Sie nur — der Baumeister Solneß zu sein! Halvard Solneß! Alle Achtung!
Herdal. Nun, ich muß gestehen, mir kommt's vor, als hätten Sie ganz unglaubliches Glück gehabt.
Solneß (unterdrückt ein schwermütiges Lächeln). Das hab' ich auch. In der Beziehung kann ich mich nicht beklagen.
Herdal. Gleich anfangs, da brannte Ihnen ja die garstige alte Räuberburg nieder. Und das war doch wirklich eine große Chance.
Solneß (ernst). Es war Alines Elternhaus, das da niederbrannte. Vergessen Sie das nicht.
Herdal. Für Ihre Frau muß es allerdings recht traurig gewesen sein.
Solneß. Sie hat's heute noch nicht verwunden. In all' den dreizehn, vierzehn Jahren nicht.
Herdal. Das, was hinterher kam, das war wohl der schwerste Schlag für sie.
Solneß. Beides miteinander.
Herdal. Aber Sie — Sie selbst — Sie schwangen sich dabei empor. Da hatten Sie angefangen wie ein armer Bursch vom Lande — und jetzt stehen Sie da als der erste in Ihrem Fach. Wissen Sie was, Herr Solneß, Sie haben wahrhaftig Glück gehabt.
Solneß (mit einem scheuen Blick auf ihn). Jawohl, aber das ist's ja eben, wovor mir so entsetzlich graut.
Herdal. Es graut Ihnen? Darum, weil Sie Glück haben?
Solneß. Früh und spät ist mir angst und bang. Denn einmal muß doch wohl der Umschwung kommen, verstehen Sie.
Herdal. Ach was! Woher sollte der Umschwung kommen?
Solneß (fest und sicher). Der kommt von der Jugend.
Herdal. Pah! Die Jugend! Sie sind doch wohl nicht abgenutzt, sollt ich meinen. O nein — Sie stehen jetzt so festgemauert da, wie vielleicht niemals zuvor.
Solneß. Der Umschwung kommt. Ich ahne ihn. Und ich fühle, daß er näher rückt. Irgend einer drängt sich heran mit der Forderung: Tritt zurück vor mir! Und alle die andern stürmen ihm nach und drohen und schreien: Platz gemacht — Platz — Platz! Jawohl, passen Sie nur auf, Doktor. Eines Tages, da kommt die Jugend hierher und klopft an die Thür —
Herdal (lachend). Na, du lieber Gott, was dann?
Solneß. Was dann? Ja, dann ist's aus mit dem Baumeister Solneß.
(Es klopft an die Thüre links.)
Solneß (zusammenfahrend). Was ist denn das? Hörten Sie etwas?
Herdal. Es klopfte jemand.
Solneß (laut). Herein!
Hilde Wangel (tritt durch die Vorzimmerthür ein; sie ist von mittlerer Größe, geschmeidig, fein gebaut, von der Sonne ein wenig gebräunt; Touristenanzug, das Kleid ein bißchen aufgeschürzt, umgeschlagenen Matrosenkragen, ein Seemannshütchen auf den Kopf, Ranzen auf dem Rücken, Plaid in einem Riemen, und mit einem langen Bergstock).