Sechste Szene

Zarncke. Marie. Lenchen. Später Lore

Zarncke (verzweifelt)

Na — nu is er rabiat. Nu geht er sausen. —

Marie

Du warst milde genug, Vaterchen.

Zarncke

Ja, wenn's Maschinen wären. Aber jeder is 'n Mensch. Jeder hat sein Schicksal.

Marie

In sich, Vater.

Zarncke

Wenn das wahr wäre, dann wär' ich nicht schon so vielen ihr Schicksal gewesen ... In sich! ... Spreu sind wir im Winde. Es kommt nur drauf an, von wo er bläst ... Na — vielleicht kann man's an einem andern wieder gutmachen. (Nimmt die Papiere) Da wird heute einer kommen. So einen hatten wir noch nicht.

Marie

Was hat er denn pekziert?

Zarncke

Frag nicht. Nachher drückt's dich.

Lores Stimme (draußen rufend)

Lenchen! Lenchen!

Lenchen (aufhorchend)

Das is Mama. Ich will zu Mama.

Marie

(das Fenster öffnend, durch das diesmal kein Geräusch hereindringt)

Das Kind is bei mir drin, Lore.

Zarncke (nach der Uhr sehend)

Alles still? Is schon Frühstückspause?

Lores

(Kopf erscheint in der Fensteröffnung)

Dank' schön, Fräulein Mariechen. (Zu Lenchen, die die Arme ausstreckt, sich vorbeugend) Na, hopp!

Zarncke

Du kannst mal 'reinkommen, Lore.

Lore

Wenn ich darf, Herr Zarncke. (Verschwindet)

Marie

(schließt das Fenster und beruhigt Lenchen, die weinen will)

Zarncke

Und findet sich der Mann hier 'rein — der Mann von diesem Brief — Biegler heißt er — dann schick ihn nicht ins Komptor, dann laß mich lieber rufen. (Es klopft) Herein!

Lore (erscheint in der Tür)

Zarncke

Du, Lore, ich muß dir was sagen: Vater is von heute ab —

Lore

(Mitte der Zwanzig. Hübsch, vollkräftig mit Spuren seelischen Leidens. Sprechweise bald ohne Grund erregt, bald scheinbar teilnahmslos. Bewegungen müde, schwerfällig, jäh in Leidenschaftlichkeit umschlagend. Helle, schlichte Sommerkleidung des Mädchens aus dem Volke, ein wenig über dem Habitus der Dienerin stehend)

Ich weiß schon, Herr Zarncke. Es ging ja schon lang' nich mehr.

Zarncke

Na, Gott sei Dank, daß ich mich bei dir nicht zu entschuldigen brauch'.

Lore

Ach, Sie! (Beugt sich rasch nieder, um ihm die Hand zu küssen)

Zarncke

Na, na, na! Und wegen Unterhalt, da — (Beruhigt sie mit einer Handbewegung) Aber stell ihm die Kümmelflasche höher. Das rat' ich dir, Kind! (Klopft sie auf die Schulter. Ab)

Lenchen (die Arme hochhebend)

Mama! Mama!

Lore

(ihr mit dem Schürzenzipfel den Mund putzend)

Ich hab' immer Angst, daß ihr ein Steinsplitter ins Aug' fliegt.

Marie

Ach, sie passen schon auf. Sie haben sie ja alle lieb.

Lore

Ja ... Die andern ja. — Bloß der der nächste dazu is —

Marie

Er wird's nicht zeigen wollen.

Lore

Gestern hat ihr einer 'ne Wippe zurechtgemacht. Und wie er vorbeikommt, da ruft sie ihn an, er soll sie schaukeln. Da hat er sie weggeschoben — na wie? 'n jungen Hund schiebt man nich so.

Marie

Das hängt anders zusammen, Lore. So schlecht ist kein Mensch. Und er sicherlich nicht. Sicherlich nicht.

Lore

Wenn Sie alles wüßten, Fräulein Mariechen. —

Marie

Kannst ruhig »du« sagen. Es hört uns keiner.

Lore

Ach, ich verdien's ja nich ... Warum rührst du mich an? Warum gibst du dich ab mit mir? (Verbirgt den Kopf an ihrer Stuhllehne)

Marie (sie streichelnd)

Na, na, Lore. Als du so groß warst wie die, da hab' ich dich schon gestreichelt. Dabei lassen wir's auch. (Da Lenchen weinerlich dazukommt) Du, Lenchen, der weiße Bär ist ein Eisbär. Und den bind mal nu an die Leine. (Reicht dem Kinde eine Porzellanfigur und ein Garnknäuel)

Lore

Ja, Lenchen, tu das.

Lenchen

(fängt beruhigt von neuem zu spielen an)

Marie

Und laß uns mal vernünftig reden. Was versteckst du dich? Warum sagst du nicht ganz offen, daß er der Vater ist?

Lore (verängstigt)

Gott, wie kann ich denn? Er hat's doch verboten.

Marie

Warum läßt es dir verbieten?

Lore

Als er im Herbst von der Wanderschaft kam, da sagt' er zu mir: »Willst du, daß ich wieder eintrete auf dem Platz?« Ich glaub', ich hab' ihm noch die Hände geküßt in meinem Glück ... Aber eine Bedingung hatte er dabei. »Mund halten,« sagt' er, »daß keiner was erfährt.« ... Die's von früher wußten, waren inzwischen weg. Bloß der Polier ... Und das ist sein Freund. Vater hat er auch in der Tasche ... Und nun beiß' ich mir rein die Zunge ab Tag für Tag und denk': Endlich muß das Schweigen doch ein Ende nehmen. Aber es geschieht nichts ... Er kommt in die Kantine. Ganz vergnügt. Bloß nicht allein. Da hütet er sich.

Marie

Was soll er zu dem allem aber für 'n Grund haben?

Lore (achselzuckend)

Ich denk' mir, er hat eine andere im Sinn.

Marie (erschreckt, beklommen)

Wen denn?

Lore

Vielleicht hat er sich eine aus Mailand mitgebracht, vielleicht — ach, wer kann wissen?

Marie (auf Lenchen weisend)

Und du meinst, daß auf'm Platz keiner was ahnt?

Lore

Die denken sich schon ihr Teil. Aber er tut ja doch mit allen, was er will ... Er ist mehr Herr auf dem Platz als der Polier. Da wagt keiner zu mucksen ... Und wenn er ihnen gar was vorsingt, was er da unten von den Weibern gelernt hat ... Darauf sind sie rein doll ...

Marie (träumerisch)

Ja, schön singt er! ... Ach, Lore, was bist du dumm! (aufschluchzend) Da spielt dein Kind! Dein Kind spielt da. Und du jammerst.

Lore (erschrocken)

Mariechen!

Marie (sich zusammenraffend)

Ach, es ist der Frühling ... Es ist der ... Der macht einen ganz ... Und du jammerst.

Lore (mit wehem Lächeln)

Ich jammer' ja auch nich.

Marie

Aber du schleichst 'rum und quälst dich mit deiner Schande. — Schande! Was ist Schande? ... Unser Leib ist ein Tempel ... Und Gebären ist Gottesdienst ... Nur wenn der Tempel im Bau verpfuscht wurde, dann ist es schlimm ... dann kommt der Frühling, und das Amselweibchen baut, und man selbst ist schon Ruine.

Lore

Du kannst auch noch glücklich werden, Mariechen.

Marie

Ich möcht' schon ... Aber wer wird vorliebnehmen mit mir? ... Und ich bin so mutig da drinnen! ... Ich möcht' was verpflanzen von mir in dich. Daß du den Kopf wieder hebst. — Nicht mehr wie 'n Stein bist in deinem Gram.

Lore (lacht bitter)

Marie (mit sich kämpfend)

Du — soll ich — reden mit ihm?

Lore

Du — mit ihm?

Marie (nickt)

Lore (ohne Hoffnung)

Ja, wenn du das willst. Aber noch nicht ... Wart lieber noch ... Vielleicht, daß er doch

Marie (stockend)

Es wird mir — ja nicht — leicht fallen ... Ich kenn' ihn ja auch kaum mehr — den großen Herrn ... Aber wenn man was sehr gerne will, dann wird man's doch auch — können. — Na, freut's dich gar nicht?

Lore

(die Hand mutlos vor die Stirne legend)

Ach! ... (Es klopft)

Marie

Herein!