Achtes Kapitel.
Was wird aus dem welken Laub des Herbstes, was aus den abgeblätterten Jahren der Kindheit? Verfliegen sie spurlos im All, zerzaust und verweht, häufen sie sich an, wie Schneeflocken zur Lawine, um später als schwere Last müde Schultern zu drücken, oder gleichen sie einer Wunderblume, die, aus unzähligen Samenkörnchen bestehend, des Regens und der Sonne, der Glut und des Frostes unzähliger Jahreszeiten bedarf, um sich endlich zur höchsten Pracht zu entfalten?
Wie Nebelgebilde huschen die Kinderjahre vorüber, gleiten scheinbar wesenlos über die jungen Seelen dahin, bisweilen jedoch trifft greller Sonnenschein einen Augenblick, ein Bild, oder schwarze Schatten verdichten sich zu Gestalten, und diese bleiben im Gedächtnis haften. – –
Aus dem kleinen erschrockenen Ivan, den ein seltsames Schicksal in ein deutsches Heim verschlagen hatte, war nun ein langer, hagerer, vierzehnjähriger Johannes geworden. Wenn er es versuchte, sich an die langen sieben Jahre zu erinnern, die er in der kleinen ostpreußischen Stadt verbracht hatte, so verschwammen sie ineinander, grau und farblos, eintönig und traurig; nur wenige Begebenheiten, einige Zeitpunkte hoben sich schroff von dem fahlblassen Hintergrund ab.
Die schwere hilflose Traurigkeit, als er nach Margarete Selders Abreise allein bei den Fremden zurückblieb; das qualvolle Nörgeln und Erziehen der Erwachsenen, die böswilligen Neckereien der älteren Kinder. Ungestüm hatte es ihn fort verlangt; lieber hungern und frieren, lieber nachts in den Straßen singen, als diese entsetzlichen Tage, an denen alles nach der Uhr ging, jede Stunde festgelegt und eingeteilt war. Und niemals ein liebes Wort, eine Zärtlichkeit, morgens und abends ein Kuß von Frau Selder, das gehörte ja mit zur Tagesordnung, wie das Essen oder der sonntägliche Familienspaziergang. Sein einziger Trost war Lene gewesen; teils aus Widerspruchsgeist, teils aus ahnender, unbewußter Kindergüte schloß sich das kleine Mädchen dem Einsamen an, verteidigte ihn gegen die Geschwister, half ihm bei seinen ersten Schularbeiten, ließ die Freundinnen im Stich, um bei ihm zu bleiben.
Und dann kam die Schule, der enge Raum, die unerträgliche Nähe fremder Körper, die Disziplin, die endlosen, langweiligen Lehrstunden.
»Und es müßte doch gar nicht langweilig sein,« klagte er Lene seine Not, »es ist doch schön zu wissen, wie die Menschen früher gelebt haben, wie alles so kam, wie es heute ist. Aber das erzählt uns der Lehrer nicht. Immer nur Jahreszahlen und Kaiser und Könige und Schlachten. Warum werden immer die Kriege so hervorgehoben; ist es denn recht und gut, Menschen zu töten?«
Am meisten hatte er noch die Religionsstunden geliebt. Etwas Verwandtes klang in ihm nach, wenn das Alte Testament durchgenommen wurde; Jerusalem, Zion – seltsam vertraute Musik deuchten ihn diese Worte, Heimatsklänge. Doch gerade in der Religionsstunde war es zu einem Auftritt gekommen, der ihm daheim viel böse Worte eingetragen, ihm seltsamerweise aber auch ganz unerwartet einen Freund gewonnen hatte. Er zählte damals zehn Jahre, saß als einer der besten Schüler in der ersten Bank. Neben ihm befand sich der Sohn eines Gutsbesitzers, Ewald Bronken, ein frecher Junge und berüchtigter Raufbold. Der alte Pastor sprach über die Kreuzigung Christi, und wie die Menge den Gefolterten noch am Kreuze verspottete. Der alte Mann sprach mit der ganzen Innigkeit eines warmen kindlichen Glaubens, und Johannes fühlte ehrliche Ergriffenheit. Da schnellte neben ihm Ewald empor: »Herr Pastor, warum erschlagen wir nicht die stinkenden Juden? Mein Vater sagt auch, man müsse sie ausrotten.«
Wahnsinnige, ihm selbst unverständliche Wut übermannte Johannes, mit aller Kraft schlug er dem Kameraden auf den Mund.
Nach der Stunde behielt ihn der alte Pastor in der Klasse zurück; sorgenvoll prüften die gütigen verblaßten Augen das noch immer zornglühende Knabengesicht. »Was hast Du zu Deiner Entschuldigung vorzubringen, Johannes?«
Johannes senkte den Kopf.
»Weshalb hast Du Ewald geschlagen?«
Ohne Trotz, ohne Schuldbewußtsein, bloß verwirrt und fast erschreckt schaute der Knabe den alten Mann an: »Ich weiß nicht, Herr Pastor.«
»Tut es Dir nicht leid?« Es lag fast eine Bitte in der fragenden Stimme.
»Nein, Herr Pastor, das heißt, es tut mir leid, daß es in Ihrer Stunde geschehen ist, aber ich – ich täte es wieder, wenn einer so über die Juden spräche. Ich ertrage das nicht; ich weiß nicht warum.«
»Hast Du jüdische Freunde, die Dir lieb sind?«
»Nein, Herr Pastor.«
»Und früher, als Du ein kleines Kind warst, bist Du vielleicht bei Juden aufgewachsen?«
»Nein, Herr Pastor, als Mütterchen starb, wurde sie vom Popen beerdigt.«
Der alte Mann blickte lange forschend auf den Knaben.
»Ich weiß nicht, was Dich zu dieser Handlung hinriß, mein Sohn. Gott allein weiß, was sich in Dir geregt hat, darum will ich Dich auch nicht strafen; um so mehr, als auch Dein Kamerad im Unrecht war. Eines aber merke Dir, mein Kind, durch Schläge überzeugt man niemanden.«
Dieser Ansicht war Herr Selder freilich nicht; als er die Geschichte erfuhr, versuchte er auf höchst eindringliche Art, Johannes durch Schläge zu überzeugen, und auch Frau Selder verschonte den Sünder nicht mit bösen Worten.
»Warum hast Du's getan?« fragte Lene, als Johannes sich vorsichtig mit schmerzverzogenem Gesicht im Kinderzimmer neben sie aufs Sofa setzte.
»Ich weiß nicht, Lenchen, frage mich selbst, was mir einfiel, aber ich hätte ihn erschlagen mögen, als er das sagte.«
»Er wird's Dir heimzahlen wollen, aber wenn er Dich verprügelt, kratz' ich ihm die Augen aus!«
Seltsamerweise war der alte Pastor nach diesem Ereignis gütiger denn zuvor gegen Johannes, der, dem Lehrer zuliebe, mit doppeltem Eifer lernte. Bloß dies Jahr waren ihm plötzlich, er wußte selbst nicht weshalb, die Religionsstunden zuwider geworden. Die Schüler seiner Klasse wurden zum Abendmahl vorbereitet; die meisten blieben völlig unberührt, etliche ließen sich von religiöser Schwärmerei erfassen, Johannes hatte das Gefühl, als stünde er abseits, als trenne ihn plötzlich von den Kameraden und dem gütigen alten Lehrer eine unüberbrückbare Kluft. Mit wahrem Grauen dachte er an den Tag, da ihm vom Altar herab der Kelch gereicht werden würde. Die Worte: »Nehmet hin und trinket, dies ist mein Blut,« erfüllten ihn schier mit Ekel. Eines Tages suchte er den Pastor auf und erklärte ihm, er könne nicht zum Abendmahl gehen. Und wie an jenem Tag, da er in der Klasse den Kameraden geschlagen hatte, fragte ihn der alte Mann: »Weshalb?«
Und Johannes erwiderte wie an jenem Tage: »Ich weiß nicht, Herr Pastor.«
»Liebst Du den Heiland nicht, Johannes?«
»Doch, Herr Pastor. Aber ... aber anders als Sie es tun.«
Der alte Mann dachte nach; er wußte, welche schwere Folgen es für Johannes haben würde, wenn er sich weigerte, zum Abendmahl zu gehen. Er kannte den Gymnasialprofessor und dessen korrekte Frömmigkeit nur allzu gut. Und weshalb wollte gerade dieser, sein bester Schüler, sich der heiligen Handlung entziehen? Hatte er vielleicht atheistische Schriften gelesen, seinen Glauben verloren?
»Sage mir aufrichtig, was Dich quält, mein Kind.«
Der Knabe wurde rot, Tränen traten ihm in die Augen; er wollte den Lehrer nicht kränken; schließlich stammelte er: »Die Worte: dies ist mein Blut; ich kann nicht, es ekelt mich.«
Der alte Pastor blickte ihn traurig an. »Denke doch lieber an die anderen Worte: Das tut zu meinem Gedächtnis! Selbst wenn Du den Heiland nicht für Gottes Sohn hältst, willst Du nicht etwas zum Gedächtnis eines guten und edlen Menschen tun und so Teil haben an ihm?« Und da diese Worte noch nicht wirkten, bediente sich der alte Mann mit kindlicher List eines anderen Mittels: »Mir zuliebe, mein Kind.«
Johannes fügte sich. Als er jedoch nach dem Abendmahl daheim bei Tisch saß, konnte er keinen Bissen hinunterwürgen, brach zu seiner großen Beschämung in heiße Tränen aus und verließ eilends das Zimmer.
Frau Selder wischte sich bewegt die Augen: »Die Gnade des Herrn hat ihn gerührt.«
»Ja,« meinte der Gymnasialprofessor würdevoll, »ein echt deutsches, wahrhaft christliches Heim wirkt veredelnd. Wenn ich bedenke, daß der arme Junge ebensogut ein Russe und ein Götzenverehrer hätte werden können ...«