Siebentes Kapitel.
Tante Margarete war gekommen; sie brachte einen Hauch frischer Luft mit, ein Stückchen Welt, das den geordneten Haushalt beunruhigte, die Erwachsenen verdroß und die Kinder mit Staunen erfüllte. Ihre Ansichten, ihre ganze Art verstimmten den Bruder, der sich stets von neuem fragte, wie es denn möglich sei, daß dieses »verrückte Frauenzimmer« seine Schwester sei. Immer wieder lag ein gereiztes Wort auf seinen Lippen, eine zornige Entgegnung, doch fiel ihm stets rechtzeitig die Bitte seiner Frau ein: »Wilhelm, vertrage Dich mit Margarete, Du weißt, wie großmütig sie ist, und nun, da Friedrich nächstes Jahr dienen wird ... Ihre Konzerte tragen viel ein ...« Und seufzend schluckte der Gymnasialprofessor seinen gerechten Zorn hinunter und lächelte säuerlich.
Eine unklare Aufregung hatte auch die Kinder erfaßt. Ilse, die Fünfzehnjährige, betrachtete mit geheimem Neid die eleganten Kleider, fühlte sich abgestoßen von dem ungewohnten Luxus der Tante, schlich aber doch im Verborgenen in ihr Zimmer, betupfte sich vor dem Spiegel die Wangen mit Rosapuder, fuhr mit dem Schwarzstift über die blonden Augenbrauen, stahl ein wenig Parfüm für ihr Taschentuch. Friedrich, der sich mit seinen achtzehn Jahren äußerst erwachsen vorkam, versuchte Margarete gegenüber den Welterfahrenen zu spielen, wurde gutmütig von ihr ausgelacht und empfand von da ab eine ausgesprochene Abneigung gegen sie. Die beiden Jüngsten jedoch gingen bedingungslos zum Feind über; Gustav, der stets Eßbereite, erlag den Bonbons, die Margarete freigebig verteilte, streckte begeistert den schulmüden Körper auf dem Sofa, dem zahllose seidene Kissen die puritanische Härte geraubt hatten, und prahlte in der Schule mit der »berühmten« Verwandten. Lene war überhaupt nicht von der Tante fortzubringen; alles an Margarete deuchte sie ein zur Wirklichkeit gewordenes Märchen, selig klammerte sie sich an den einzigen Menschen, der anscheinend für jedes »Warum« eine Antwort hatte und so herrlich von der großen Welt zu erzählen wußte.
Ivan fühlte sich äußerst unbehaglich; er verstand zwar die Worte, die gegen sein Ohr schlugen, die ganze Umgebung jedoch deuchte ihn fremd und bedrückend. Der große blonde Mann mit der knurrenden Stimme flößte ihm Furcht ein, die Frau, die ihn so eifrig nach seinen »lieben Eltern« ausforschte, brachte ihn in Verlegenheit. »Was war Dein Vater?« »Ich weiß nicht. Er war hinter den schwarzen Mauern.« Verständnislos blickte Frau Selder den Knaben an. »Hinter den schwarzen Mauern?« »Ja, böse Menschen haben ihn gefangen gehalten.« Dunkle Röte stieg in Frau Selders blasses Gesicht. »Gefangen?« Und bei sich dachte sie: »Ein Verbrecher, ein Zuchthäusler! – in unserem ehrbaren Heim das Kind eines Verbrechers!« Auf das Schlimmste gefaßt, fuhr sie fort: »Und wodurch hat Deine liebe Mutter euch erhalten?« »Mütterchen, ich weiß es nicht; zuerst lebten wir in einem schönen Haus, dann ...« Margarete Selder kam ihm zu Hilfe. »Laß doch das arme Kind in Ruhe, Annie. Hab' ich Dich je nach Deinen Eltern ausgefragt?«
»Margarete!« Empörung schrillte durch Frau Selders Stimme. »Das ist doch etwas ganz anderes. Du weißt doch, daß mein seliger Vater Pastor war und mein Großvater Konsistorialrat und ...«
»Und Dein Urgroßvater wieder Pastor und so weiter bis zu Adam hinauf, ich weiß schon.« Margarete trommelte mit dem Finger ungeduldig auf den Tisch, das Licht fing sich in dem Diamantring, der diesen Finger schmückte, und dieser Anblick verlieh Frau Selder die Kraft, eine ärgerliche Antwort zu unterdrücken und sich mit einem ergebenen Seufzer zu begnügen.
Gleich am ersten Abend erregte Ivan in aller Unschuld großes Ärgernis. Herr Selder hielt täglich eine Abendandacht ab; am Morgen fand er hierzu keine Zeit, vielleicht glaubte er auch am hellichten Tag ohne den Schutz »unseres Gottes« auskommen zu können; in der Nacht jedoch, im unheimlichen Dunkel, war es gut, einen allmächtigen Bundesgenossen zu haben.
Die ganze Familie umstand den Eßtisch und Herr Selder las eintönig, salbungsvoll einen Psalm vor, dann sagte er: »Laßt uns beten.« Ivan, der bloß die letzten Worte verstanden hatte, schlug artig ein Kreuz. Strenge Blicke trafen ihn. Gustav und Lene begannen zu kichern. Nach der Andacht bemerkte Herr Selder in strengem Ton: »Ivan, Du bist hier in einem christlichen Haus, derlei Hokuspokus mußt Du Dir abgewöhnen; das sind törichte Aberglauben; verstehst Du?«
Ivan verstand nicht, ängstlich schmiegte er sich an Margarete. »Was habe ich Böses getan?«
Sie streichelte die dunklen Locken. »Du darfst kein Kreuz schlagen, Ivan, das beleidigt den Gott meines Bruders.« Und halblaut, zu Herrn Selder gewandt, meinte sie spöttisch: »Ihr habt komische Götzen, meine lieben Leute.«
»Margarete!«
Auch am folgenden Tag kränkte Ivan ohne böse Absicht die heiligsten Gefühle der Familie. Er stand im Wohnzimmer und betrachtete zwei große farbige Bilder, die über dem Sofa hingen: einen Mann mit aufgezwirbeltem Schnurrbart und eine perlenbehangene Frau. Dann fragte er Lene, zu der er das größte Zutrauen hatte: »Wer sind diese häßlichen Leute? Der Mann sieht aus, wie der Polizist auf unserer Straße.«
Einen Augenblick herrschte eisige Stille; dann lachte Margarete hell auf, und Friedrich rief wütend: »Verdammter Russenbengel!« Herr Selder aber sprach mit zornbebender Stimme: »Ivan, das darfst Du nie wieder sagen. Diese Bilder stellen unser erhabenes Herrscherpaar dar, von dem Du mit Ehrfurcht sprechen mußt.« Und milder, gleichsam die Unwissenheit dieses fremden Kindes bedauernd, fügte er erklärend hinzu: »Diese Bilder sind uns Deutschen ebenso lieb und verehrungswürdig, wie euch Russen die Bilder des Zaren und der Zarin.«
Lene zog Ivan fort ins Kinderzimmer. »Erzähl' mir von Rußland.« Ivan wußte nichts zu erzählen.
»Gefällt es Dir bei uns?« fragte das kleine Mädchen.
»Nein!«
»Mir auch nicht; wenn ich groß bin, gehe ich fort und komme nie wieder. Warum gefällt es Dir nicht?«
Ivan rang mit Gefühlen, die keinen Ausdruck fanden, schließlich meinte er: »Dein Vater sagt immer: »Du darfst nicht«. Was darf man denn bei euch tun?«
»Gar nichts, bloß still sein und folgen. Waren Deine Eltern auch so?«
»Mütterchen nicht, die war lieb und gut.« Und jählings überfiel den kleinen Knaben ein Gefühl grenzenloser Verlassenheit; Tränen stiegen ihm in die Augen, er begann bitterlich zu weinen.
Lene schlang die Arme um ihn. »Weine nicht, Ivan, ich werde zu Dir halten, und wenn wir größer sind, laufen wir fort nach Rußland, wo nicht immer alles verboten wird und die Menschen gut sind.«
»Wird Deine Schwester noch lange bei uns bleiben?«, fragte Frau Selder ihren Gatten beim Schlafengehen. Sie flocht eben das Haar zu einem festen Zopf; in einen braunen Barchentschlafrock gehüllt, die Füße in Filzpantoffeln, saß sie am Rand des Bettes. »Seit sie hier ist, ist mit Gustav und Lene nichts mehr anzufangen. Und dann kleidet sie sich so auffallend, heute noch hat mich die Frau Doktor gefragt, wer diese »gar so elegante Dame« sei, die bei uns wohnt. Außerdem – wenn sie übt –, sie singt immer diese schamlos leidenschaftlichen Liebeslieder. Was soll sich Ilse denken, wenn sie solche Worte hört? Ich bat Margarete, doch gerade diese Lieder nicht zu singen, wenn die Kinder daheim sind. Weißt Du, was sie sagte: ›Mein Gott, habt Ihr eine verdorbene Phantasie!‹«
Herr Selder putzte sich eben die Nägel mit seinem Taschenmesser und war zu sehr beschäftigt, um zu antworten. Seine Frau fuhr fort: »Hat sie denn von ihrer Abreise noch gar nicht gesprochen?«
»Nein. Dafür hat sie aber angedeutet, daß sie geneigt wäre, uns finanziell zu helfen, damit Friedrich in einem guten Regiment dienen könne. Sie scheint in den letzten Jahren viel verdient zu haben.«
»Merkwürdig, daß die Menschen so viel zahlen, um jemanden singen zu hören. Mir machen die Choräle in der Kirche weit mehr Freude als Margaretes Lieder. Freilich, wenn sie uns helfen will ... Wir müssen gut gegen sie sein, Wilhelm, schließlich ist sie doch Deine Schwester ... Und vielleicht wird sie der Aufenthalt in einem deutschen christlichen Heim günstig beeinflussen.«
Herr Selder stieg ins Bett. »Sprich Du einmal mit ihr über Friedrich, so ganz nebenbei.«
»Ja,« Frau Selders blaue Augen glänzten auf, »wenn ich bedenke, Wilhelm, unser lieber Junge in des Kaisers Rock! Er ist so stramm, so tüchtig, er könnte es beim Militär weit bringen.«
»Jetzt nicht, freilich, wenn es wieder einmal Krieg gäbe; dann ...«
Die Frau nickte.
Herr Selder verlöschte die Kerze.
»Heute hat Graf Stramwitz mit mir gesprochen, Annie; ein äußerst liebenswürdiger Herr. Sein Sohn kommt nach den Weihnachtsferien in meine Klasse; er ist in Gustavs Alter. Es wäre gut, wenn die beiden Knaben sich anfreunden würden. Der Graf war sehr freundlich, ein vornehmer, ritterlicher Mann, äußerst schneidig; ja, unsere Aristokraten können sich sehen lassen.«
»Auch ich war im Pensionat mit einer Gräfin befreundet, Wilhelm; ich habe ihr immer die Rechenaufgaben gemacht; wir sagten sogar »Du« zueinander. Du weißt doch, Wilhelm, ich habe ihr Bild noch und ...«
Aber Wilhelm hatte diese Geschichte wohl bereits an die hundertmal gehört. Er drehte wortlos sein Gesicht der Wand zu und schlief ein.
Die Kinder waren schlafen gegangen, Herr und Frau Selder saßen mit Margarete im Wohnzimmer.
»Also abgemacht, mein kleiner Ivan bleibt bei Euch, Ihr werdet ihn behandeln wie euere eigenen Kinder – natürlich ersetze ich Euch alle Unkosten – und dafür lasse ich Friedrich bei einem guten Regiment dienen.«
Auf Frau Selders blassen Wangen glühten hochrote Flecke. Sie war gar nicht damit einverstanden, das »Russenkind« zu behalten, andererseits aber konnte man doch das Friedrich betreffende Angebot nicht ausschlagen.
»Ich hoffe, liebe Schwester, Du siehst ein, welch großes Opfer unsere geschwisterliche Liebe Dir bringt, indem wir das fremde Kind in unser Heim aufnehmen.«
»Opfer?« Margaretes Stimme klang nicht gerade liebenswürdig. »Schließlich tut Ihr es ja nicht umsonst.«
Herr Selder überhörte geflissentlich den taktlosen Einwand. »Du kannst überzeugt sein, daß Ivan alle Vorteile der Erziehung genießen wird, die unseren Kindern zuteil werden. Ich will mein Möglichstes tun, um einen echt deutschen Mann aus dem Kinde zu machen.«
»Mach' lieber einen Menschen aus ihm. Das dürfte Dir allerdings schwerer fallen.«
»Margarete,« Rührung bebte aus Herrn Selders Stimme, »ich sehe mit tiefer Trauer, wie sehr Dich Dein kosmopolitisches Leben verdorben hat. Du scheinst jedes Heimatsgefühl verloren zu haben. Vergiß draußen in der großen Welt nicht, daß deutsches Blut in Deinen Adern fließt.«
Margarete lachte. »Ich hab' genug mit dem deutschen Blut zu kämpfen, Wilhelm, mit der deutschen Arroganz und Kleinlichkeit, um das je vergessen zu können.« Dann wurde ihr spöttisches Gesicht weicher, sie wandte sich an die Schwägerin: »Annie, ich weiß, was für eine gute Mutter Du bist, finde auch für das fremde Waisenkind ein Fleckchen in Deinem Herzen, hab' es lieb.«
»Ich werde ihm gegenüber meine Christenpflicht erfüllen.«
Margarete schauderte leicht zusammen. »Armer Ivan, wenn ich ihn doch lieber mitnehmen könnte.« Dann zu ihrem Bruder gewandt: »Also die Angelegenheit ist erledigt. Übermorgen fahre ich nach Hamburg.«
Frau Selder hatte noch etwas auf dem Herzen. »Wäre es Dir unangenehm, Margarete, wenn wir den Knaben Johannes nennen würden? Ivan klingt so fremdartig, so – so heidnisch.«
»Meinetwegen, nenn' ihn wie Du willst, vielleicht findest Du leichter ein wenig Liebe für den Johannes als für den Ivan, Du – Du – deutsche Seele!«
Am folgenden Morgen teilte Gustav Ivan vergnügt mit, daß er von nun an »Johannes« heiße und kein »Russenkind« mehr sei, sondern ein Deutscher.
Ivan nahm die Kunde teilnahmslos auf, der Gedanke, ohne Margarete bei diesen fremden Menschen bleiben zu müssen, bedrückte ihn so sehr, daß ihm alles übrige belanglos erschien. Anders Lene, die stampfte mit dem kleinen Fuß auf, begann zu weinen: »Das ist eine Gemeinheit! Nun wollen sie ihn genau so machen wie alle anderen. Laß es Dir nicht gefallen, Ivan!«
»Johannes,« verbesserte Gustav grinsend.
»Es ist doch einerlei,« meinte Ivan traurig, »ob ich jetzt Ivan oder Johannes heiße. Ich weiß nicht,« fügte er sinnend hinzu, »bisweilen kommt es mir vor, als ob ich einmal noch anders geheißen hätte, aber ich weiß es nicht mehr.«