Fünftes Kapitel.

Der Newski dehnt sich endlos im kalten Licht einer weißen Julinacht. Grimmigen Schatten gleich ragen die hohen Häuser zum bleiernen Himmel auf, in der Ferne ballt sich drohend die dunkle Masse des Admiralitätsturmes. Droschken jagen dahin, Autos gellen wild auf, Menschen kommen und gehen. Es ist weder Tag noch Nacht. Die Stunden, die schier ohne Übergang vom Abend zum Morgen gleiten, haben etwas Unheimliches, Feindseliges. Die Stadt gleicht trotz allem Treiben einem Gespensterort, wo Schatten die Straßen bevölkern, vom Grab befreite Tote lärmend ihre kurze Auferstehung feiern. Die erste Röte im Osten deucht Erlösung vom Banne der bösen Stunden, das Zwischenreich versinkt, eine lebendige Stadt der Lebendigen breitet sich der Sonne entgegen.

Leute strömen aus dem Theater, kommen von den Inseln gefahren. Hier und dort schreitet ein Polizist seine Runde ab, und dunkle Gestalten huschen tiefer in die Schatten der Häuser.

An einer Ecke steht ein kleiner Knabe mit einer Balalaika; verstimmt und falsch wimmern die Saiten, und eine dünne Kinderstimme singt:

»O schwarze Augen,
O schöne Augen!«

Seltsam klingt das schwermütig leidenschaftliche Lied aus Kindermund. Die kleinen Finger sind müde und greifen falsch. Schrille Mißtöne zittern durch die Nacht; immer heiserer wird die schwache Stimme.

Achtlos gehen die meisten vorüber; es ist spät, es drängt die Leute heim ins behagliche Bett; was geht sie das fremde Kind an?

Ein betrunkener Matrose torkelt heran: »Sing' einmal etwas anderes, Brüderchen, seit einer halben Stunde plärrst Du das gleiche Lied.«

»Ich weiß kein anderes.«

»Wart', ich pfeif Dir eines vor.« Der Matrose lehnt sich gegen eine Mauer, und die verbotenen Töne eines revolutionären Liedes klingen herausfordernd auf. »So, und jetzt sing dazu:

»Des Volkes Blut verströmt in Bächen
Und bitt're Tränen rinnen drein.
Doch kommt der Tag, da wir uns rächen,
Dann werden wir die Richter sein!««

Eine Frauengestalt huscht heran: »Grischa, Du bist verrückt! Komm fort!« Sie packt den Matrosen am Arm, versucht ihn weiterzuziehen.

»Wart' doch, mein Täubchen, ich muß dem Brüderchen eine Kopeke geben. Da hast Du, mein Söhnchen, und lerne andere Lieder.«

Ein Polizist nähert sich rasch; der Matrose und die Frau verschwinden in einer Nebengasse.

»Hast Du gepfiffen?« schreit der Polizist Ivan an.

»Nein, Euer Wohlgeboren; bei Gott, ich kann gar nicht pfeifen!«

»So, na hüte Dich, wenn ich nicht ein guter Mensch wäre ...« Auch der Polizist steht nicht mehr ganz fest auf den Beinen; Rührung überkommt ihn beim Gedanken an die eigene Güte. »Ein seelensguter Mensch, ja, frag' nur alle, die mich kennen, ob Sergei Stepanowitsch nicht ein seelensguter Mensch ist.« Er zieht ein Taschentuch hervor und schneuzt sich laut. »Ja, gut, seelensgut, und muß diese Hundearbeit verrichten. Da nimm, das Herz tut mir weh, wenn ich Dich so stehen sehe; Du solltest schlafen.« Zwanzig Kopeken gleiten in Ivans Hand. Schwerfällig trottet der Polizist weiter.

Ivan zählt das Geld, zehn Kopeken, zwanzig Kopeken, eine Kopeke, ein halber Rubel – noch nicht genug. »Bring' fünf Rubel mit«, hat Stasia am Abend gesagt. »Morgen muß ich die Miete bezahlen. Dann darfst Du Dich auch wieder ausschlafen.«

Nein, er kann noch nicht heimgehen, Stasia würde zornig sein. Nicht, daß sie böse zu ihm wäre, oder ihn schlüge, aber sie schreit so furchtbar, wenn sie zornig ist; davor hat Ivan Angst. Und wenn er nicht genug Geld heimbringt, droht sie ihm mit dem Waisenhaus, »wo man Schläge bekommt und den ganzen Tag beten muß«. Vielleicht ist sie auch noch gar nicht daheim, und er müßte im dunklen Gang warten, bis sie kommt.

Er gähnt, reißt die schlaftrunkenen Augen auf,

»O schwarze Augen,
O schöne Augen!«

Eine Saite reißt mit kläglichem Schrillen; das ist die zweite heute nacht; nun muß er mehr als fünf Rubel verdienen, denn die Saiten kosten viel Geld.

Kleine steife Finger greifen in die noch unversehrten Saiten, noch jammervoller denn zuvor klingt die Begleitung, schluchzt schrill und hoffnungslos:

»Unsel'ge Stunde Du,
da ich Dich sah!«

Sechstes Kapitel.

Der Tisch war fertig gedeckt; das große, stämmige »Mädchen für alles« wischte noch rasch mit einem zweifelhaft sauberen Tuch ein Glas aus, seufzte, rieb den erfrorenen juckenden Fuß gegen ein Stuhlbein und verfügte sich ins Wohnzimmer, um die Familie zu rufen. Sie saßen um die Lampe, in der kleinen ostpreußischen Stadt gab es noch kein elektrisches Licht. Frau Selder stopfte Strümpfe, die drei älteren Kinder, Friedrich, Gustav, Ilse waren mit Schularbeiten beschäftigt, die kleine Lene spielte mit ihrer Puppe, der Gymnasialprofessor saß vor einem Stoß Schulhefte und las stirnrunzelnd in einem Brief.

Schwere Luft lastete über dem Raum, der Geruch staubiger Plüschmöbel vermischte sich mit dem langgetragener Wollkleider, und über allem schwebte, von der Küche eindringend, fettiger Speisenduft. Die Gesichter waren verdrossen, die drei älteren Kinder arbeiteten unmutig, gelangweilt, die Mutter sah müde und sorgenvoll drein, auch Herrn Selders Züge verrieten Gereiztheit; bloß auf Lenes etwas blassem Kindergesicht lag zufriedene Heiterkeit.

Bei Tisch herrschte zuerst allgemeine Stille; wenn der Vater so dreinschaute, war es klüger, sich ruhig zu verhalten; endlich brach er das Schweigen. Er hatte den Brief zum zweitenmal gelesen und bemerkte nun verdrießlich mit harter, knarrender Stimme: »Margarete kommt demnächst zu Besuch!«

»Mein Gott, jetzt im Winter! Und der Ofen im Gastzimmer heizt nicht!« Frau Selders Gesicht wurde noch sorgenvoller.

»Ja, und sie bringt auch noch ein Kind mit!«

»Ein Kind?«

»Sie scheint ganz verrückt geworden zu sein, meine liebe Schwester. Das kommt davon, wenn eine Frau anstatt zu heiraten in der Welt umherstrolcht und Konzerte gibt. Dabei muß sie ja jedes Gefühl für das Schickliche verlieren. Sitz gerade, Gustav, ein deutscher Junge muß stramm sein. Ich will euch den Brief vorlesen. Kinder, klappert nicht so mit dem Besteck, das stört mich.«

Vier Paar neugierige Kinderaugen wandten sich dem Vater zu, als er zu lesen begann. Seine Worte kamen in mißbilligendem Ton heraus, etwa so, wie er in der Schule einen besonders schlechten Aufsatz vorlas, um den Schüler vor der Klasse zu beschämen:

»Liebe Geschwister!

Plötzliche Sehnsucht nach dem kleinen alten Nest hat mich gepackt, und ich werde demnächst bei Euch erscheinen. Hoffentlich komme ich Euch nicht ungelegen. Ich möchte gerne vor meiner Tournee in Amerika ein wenig ausrasten und auch die Kinder wieder einmal sehen. Diesmal komme ich nicht allein, ich bringe ein Pflegesöhnchen mit, für das ich um freundliche Aufnahme bitte. Es ist ein kleiner Russe, den ich, buchstäblich, auf der Straße aufgelesen habe; er sang zu einer Balalaika, und ich glaube, man könnte ihn in der Musik ausbilden. Da das arme Geschöpf keine Anverwandte hatte, war es mir ein leichtes, es zu adoptieren; übrigens geht mit Hilfe des Rubels in Rußland alles leicht. Ivan ist nun schon vier Monate bei mir und versteht bereits Deutsch; er ist ein äußerst kluges Kind, und es ist eine angenehme Abwechslung, einmal etwas Menschliches um sich zu haben, das einen weder betrügen noch ausnützen will.

Ich werde voraussichtlich in den ersten Tagen des Dezember bei Euch eintreffen.

Mit herzlichem Gruß an Euch und die Kinder

Euere Schwester Margarete.«

»Ein Russenkind!« rief die kleine Lene vergnügt, »wie lustig! Wie es wohl aussieht?«

Frau Selder seufzte: »Deine Schwester ist wirklich wunderlich; genügen ihr unsere Kinder nicht? Gott weiß, woher dieses Kind stammt.«

Der Gymnasialprofessor häufte sich den Teller voll Kartoffeln und begann hastig zu essen. Nach einer Weile bemerkte er: »Wenn es wenigstens ein Mädchen wäre, das könnte Margarete zu einem Dienstmädchen heranbilden; russische Dienstboten pflegen ganz besonders treu zu sein – aber ein Junge! Freilich, Margarete war immer so, maßlos in allem, genau wie mit ihrer Leidenschaft für die Musik. Maßhalten, kein Überschwang, immer schön nüchtern, das ist die Hauptsache im Leben.«

Die Kinder blinzelten einander zu; sie kannten diese Lehre des Vaters, hörten sie fast täglich. Herr Selder sprach im Kreise der Familie stets in Lehrsätzen; er fühlte, dies schulde er seinem väterlichen Pflichtgefühl, jenem Teil seiner selbst, das er »den Vater« nannte. Herrn Selders »Ich« war sorgsam in verschiedene Teile geschieden. Zuerst kam der »Untertan«, der ehrfürchtige Bewunderer Seiner Majestät des Kaisers. Dieses Gefühl lag in bedingungslose, gedankenlose Ergebenheit wie in Watte gebettet; dann kam »der Deutsche«, dies war mehr ein Fluidum, das den ganzen Menschen durchdrang, stählte, festigte mit der Überzeugung, der einzig wertvollen Nation anzugehören, dem zur Herrschaft berufenen, ethisch höchststehenden Volke, den Menschen aus Stahl und Eisen; hierher gehörte auch noch »der evangelische Christ«, der an »unseren« Gott glaubte, an einen Privatgötzen des deutschen Volkes, der auf dieses und sein Herrscherhaus mit ewig gnädigem Lächeln herabblickte, eine Art verklärter Barbarossa, dessen Unglück es gewesen war, einen weichlich-sentimentalen Sohn zu haben, einen unfähigen Kronprinzen, der mit der Masse liebäugelte. Auch der »Gymnasialprofessor« machte einen nicht unbeträchtlichen Teil der Selderschen Seele aus; jedenfalls einen der angenehmsten, ein köstliches Gegenstück zum »Untertan«, denn hier war Macht, Gewalt, Autorität, ein Stückchen Kaiser, ein Stückchen Gott. Außerdem gab es noch »den Vater« und einen letzten, kleinsten Teil »den Gatten«. Herr Selder sagte, wenn er eine Ansicht bekräftigen wollte, niemals: »Ich«, sondern stets: »Ich, als getreuer Untertan Seiner Majestät« oder: »Ich, als Gymnasialprofessor« oder: »Ich, als guter Deutscher«.

Mit all diesen Eigenschaften hielt er strenge Zucht im Hause; seine Frau, erschöpft und verbittert von den ewigen Geldsorgen, voller Bewunderung für das Wissen des Mannes, das ihrer eigenen, schlechten Bildung ungeheuer erschien, hatte sich vom ersten Tag ihrer Ehe an seinem Willen gefügt, und auch die drei ältesten Kinder wagten keinen Widerspruch. Nur die jüngste, die kleine Helene, machte ihm Sorgen. Er vermißte an ihr das »echt deutsche« Wesen. Schon die mutwilligen braunen Augen, die krausen schwarzen Locken paßten schlecht in dieses blonde, glatthaarige Heim. Außerdem hatte dieses achtjährige Kind die schlechte – in Augenblicken des Zornes sagte der Vater sogar die »verruchte« – Gewohnheit, nichts auf Treu und Glauben nehmen; bei jeder Belehrung, jedem apodiktischen Satz fand der trotzige kleine Mund ein »Aber«, und die Fragen des Kindes brachten Herrn Selder oft zur Verzweiflung. Auch jetzt störte sie die schöne Familienharmonie, die sich in einer fast feindseligen Stimmung gegen Margarete Selder und das fremde Kind äußerte. Die Mutter meinte bekümmert: »Es ist mir gar nicht recht, daß die Kinder mit diesem zugelaufenen Jungen verkehren sollen; Gott weiß, woher er stammt, welche Unarten er mitbringt, welch schlechten Einfluß er auf sie haben kann. Ein Kind von der Straße!«

Die kleine Lene rief dazwischen: »Einmal etwas Neues! Die Geschwister kenne ich so gut, die sind mir langweilig. Ich freue mich auf das Russenkind. Ich werde es sehr lieb haben!«

»Helene!« Der »Vater«, der »Gymnasialprofessor«, der »Deutsche« lagen im strengen Ton der Stimme, »ein artiges Kind liebt vor allem Eltern und Geschwister, dann liebt es seine Volksgenossen, Fremden gegenüber ist dies Gefühl nicht am Platze.«

»Warum?«

Dieses entsetzliche Kinder-Warum! Hier mußte schon die Religion herhalten. »Weil Gott will, daß wir unsere Nächsten lieben, jene, die er uns gegeben hat, die uns nahestehen.«

Eine weiße Kinderstirn runzelte sich, kluge junge Augen hefteten sich auf den Vater, ein Kinderverstand dachte angestrengt nach.

»Man darf also nur seine Familie lieben?« war das Ergebnis dieses Nachdenkens.

»Ja, hauptsächlich.«

»Und Gott tut nur was recht ist?« kam die unvermittelte Frage zurück.

Verblüfft sah der Gymnasialprofessor auf das kleine Mädchen: »Ja, selbstverständlich.«

»Aber ich habe doch heute in der Bibel gelernt: »Also hat Gott die Welt geliebt,« die Welt ist doch nicht Gottes Familie?«

»Das ist etwas anderes, überhaupt sollst Du nicht so viel sprechen, Lene,« und zu seiner Frau gewandt, fuhr Herr Selder ungeduldig fort: »Du solltest die Bibelstellen wirklich besser auswählen, Annie.«

»Aber ...«

»Schweig', Helene!«

Eine winzige rote Zunge streckte sich vor, ganz wenig und zum Glück unbemerkt, und eine rebellische Stimme murmelte halblaut: »Wenn Du etwas nicht weißt, muß ich immer schweigen.«

Nach dem Abendbrot kletterte Lene auf der Mutter Schoß. »Mutti, was ist maßlos?«

Verständnislos blickte Frau Selder ihre Jüngste an: »Was meinst Du, Lenchen?«

»Vater sagte bei Tisch, Tante Margarete ist maßlos; das muß etwas Schönes sein, denn Tante Margarete ist lieb und gut; wenn ich groß bin, werde ich auch maßlos sein.«

Frau Selder seufzte hilflos; sie wagte nicht, ihren Mann zu Hilfe zu rufen; er malte mit grimmigem Gesicht rote Striche in die Schülerhefte.

»Es ist Zeit, Schlafen zu gehen, Lenchen.«

Sie brachte die Kleine ins Bett.

Als sie bereits das Licht verlöscht hatte und an der Tür stand, durchschnitt Lenes Stimme die Dunkelheit: »Mutter, warum ...«

Frau Selder floh ins Wohnzimmer.