Viertes Kapitel.
Der Frühling kommt; selbst in die enge übelriechende Gasse dringt die Sonne; ihre Strahlen klettern die Mauern entlang, fallen durch die blinden Scheiben in Nadjas Zimmer. Sie hat das Bett ganz nahe ans Fenster gerückt, hält die durchsichtig gewordenen Hände der Wärme entgegen und freut sich des blauen Himmels, von dem sie zwischen Dächern und Schloten ein kleines Stück zu sehen vermag.
Seit sechs Wochen hat sie das Bett nicht mehr verlassen. »Ich bin nicht krank,« versichert sie Ivan wieder und wieder, »bin nur so entsetzlich müde. Wenn der Mai kommt, werde ich aufstehen und gesund sein.«
Den ganzen Tag liegt sie reglos da, stöhnt bisweilen leise, antwortet kaum auf des Kindes ängstliche Fragen. Am Abend jedoch färben sich die blassen Wangen dunkelrot, sie spricht, spricht unentwegt mit heiserer, keuchender Stimme. Oft sind ihre Worte Ivan unverständlich. Bisweilen scheint sie zu vergessen, wo sie sich befindet, ruft nach ihrer Zofe, verlangt »das neue Kleid aus Paris«. Dann wieder lacht sie in tollem Übermut, verspottet Leute, die sie vor sich zu sehen glaubt, verlangt nach Champagner, plaudert von großen Städten, fremden Ländern.
Sie ist ganz zufrieden, nur manchmal, wenn das Fieber ihren Geist nicht völlig trübt, wird sie unruhig, murmelt zaghaft vor sich hin: »Das Kind, was soll aus dem Kind werden?«
Die Nachbarn sind sehr gut zu den beiden. Die bucklige Schustersfrau bringt ihnen täglich von ihrer Suppe, und die dicke Anastasia mit den geschminkten Wangen aus dem vierten Stock drückt Ivan häufig einen Rubel in die Hand, damit er für Nadja etwas kaufe. Sie kommt zu der Kranken, bettet sie um, sitzt plaudernd an ihrem Lager. Sie ist es auch, die Ivan ein paar Griffe auf der Balalaika lehrt und einige Liebeslieder, ihn auf die Straße singen schickt, damit er etwas Geld verdiene.
Ivan zieht durch die engen Gassen, singt mit der schwachen Kinderstimme auf Höfen und Plätzen, und die Armen geben von ihrer Armut: Kopeken, Piroggen, bisweilen sogar ein Stückchen Fleisch.
Die Dämmerung liegt weich über der engen Stube, das letzte Licht hat sich im kleinen Spiegel gefangen, der hell aufleuchtet. Anastasia sitzt an Nadjas Bett. Sie hat sich schon für ihre Arbeit bereitgemacht, ist geschminkt und gepudert, eng geschnürt. Mit besorgten Augen schaut sie auf die Kranke, deren Atem schwer pfeifend die schmerzende Brust hebt. Anastasia hat getrunken, ihr Mund strömt Wodtkageruch aus, und schwere Traurigkeit lastet auf ihr.
»Ein Hundeleben!« seufzt sie. »Und wenn man das Ende bedenkt.«
Nadja schweigt.
»Und in der Kirche will keine neben mir knien«, fährt Anastasia fort. »Bin ich denn schlechter als sie? Ich stehle doch nicht, tue keinem Menschen etwas zuleide, bin eine Rechtgläubige.«
Der letzte Lichtstrahl erlischt, der silberglänzende Spiegel wird zur toten, grauen Fläche.
»Nadja, Du solltest doch einmal den Popen kommen lassen.«
»Weshalb?«
»Man weiß doch nicht. Gott wird Dir Deine Sünden vergeben, Täubchen, aber so, ohne Popen, ohne Gottes Verzeihung darfst Du nicht sterben. Man ist doch kein Vieh.«
»Sterben?« Nadjas schwache Stimme gellt auf. »Wer spricht vom Sterben?«
»Mein Seelchen,« die rauhe, rote Hand streichelt beruhigend über die Decke, »Du weißt doch selbst, daß Du nicht mehr lange leben wirst. Der Tod steht Dir schon auf dem Gesicht. Wozu willst Du auch leben? Das Leben ist gar nicht so schön für unsereins.«
Nadjas abgezehrte Hand greift nach Anastasias Arm, verkrallt sich in das weiche Fleisch. »Ich will nicht sterben, Stasia, will nicht. Das Leben ist so gut und schön. Und ich bin noch so jung. Stasia, halte mich fest; ich fürchte mich!«
Etwas erschreckt über die Wirkung ihrer Worte drückt Anastasia die Kranke an sich. »Still, still, mein Täubchen, es braucht ja nicht so zu kommen. Ich meine nur, weil Du genau so aussiehst, wie Natascha, die vor einem Monat starb.«
»Und Ivan,« Nadja beginnt zu weinen, »was soll aus ihm werden, wenn ich sterbe? Er ist noch so klein.«
»Wir werden für ihn sorgen,« beruhigt sie die andere. »Und dann gibt es ja auch Waisenhäuser.«
Nadja scheint ihre Worte nicht zu hören. Mit starren Augen blickt sie vor sich hin, ein Zittern erfaßt ihren Körper, ihre Zähne schlagen gegeneinander: »Sterben! Sterben!«
Ivan bringt eine ganze Tasche voll Geld heim. Hat der herrliche Frühlingstag die Herzen erweicht, fächelt der laue Wind den Menschen leichtsinnige Großmut zu? Jeder hat ihm heute etwas gegeben, und nicht nur Kopeken, auch Silbermünzen, ja sogar einen ganzen Rubel schüttet er auf Nadjas Bett aus.
»Morgen bekommst Du gut zu essen, Mütterchen!« ruft er freudig und schlingt die Arme um ihren Hals. »Milch und Piroggen, und Stasia soll uns eine gute Kohlsuppe kochen. Bist Du froh, Mütterchen?«
»Ja, mein kleiner Ivan.«
»Und dann wirst Du nicht mehr müde sein, wirst aufstehen und mit mir in die Sonne gehen. Nicht wahr, Mütterchen?«
»Ja, mein Täubchen!«
Ivan klettert aufs Bett. »Mütterchen, heute, wie ich ganz weit draußen war, sah ich Jungen, die liefen einem kleinen Knaben nach und warfen mit Steinen nach ihm und schrien: »grindiger Jud!« Sie wollten, ich solle auch mit Steinen werfen, aber mir tat das Herz weh, weil der kleine Knabe so weinte. Warum verfolgten sie ihn, Mütterchen, was hat er Böses getan?«
Nadja schlingt den Arm um das Kind, ihre Lippen beginnen zu beben, wie in schwarze Nebel gehüllt steigt ein schauriges Bild vor ihr auf: zerschmetterte Schädel ... blutige Leiber ... ein kleines, schwarzäugiges Kind hockt weinend neben einer toten Frau. ...
»Warum weinst Du, Mütterchen?«
»Ivan, versprich mir, daß Du nie mit den bösen Buben gehst und Steine nach einem anderen wirfst. Du darfst auch nie jemand: »grindiger Jud« nachschreien. Versprich mir das, Ivan.«
Unklar durchzuckt ihren müden Kopf der Gedanke: »Nun wird mir die alte Frau verzeihen, daß der kleine Moische zur Muttergottes betet.«
»Ja, Mütterchen.«
»Du darfst auch niemals gegen Schwache böse sein, Ivan. Mußt ihnen immer helfen. Du mußt alle Menschen lieben, Ivan.«
»Auch die bösen Menschen, Mütterchen?«
Da blitzen die großen Augen wild aus dem hageren Gesicht, schrilles Beben kommt in die müde Stimme, fieberglühende Hände pressen sich schmerzhaft um die kleine Kinderhand.
»Nein, Ivan, die mußt Du hassen; die bösen Menschen, die uns zu Tieren machen und dann verachten, die uns verhungern lassen, den kleinen Kindern ihre Eltern erschlagen; die bösen Menschen, die unsere Herren sind, die reich und glücklich leben, die unsere Freunde nach Sibirien schicken. Die mußt Du hassen. Dein ganzes Leben lang, Ivan, mußt gegen sie kämpfen, sie vernichten!«
Die Stimme versagt ihr, kraftlos fällt sie auf die Kissen zurück. Der Knabe hat ihre Worte nicht verstanden, doch begreift er, sie fordere eine Antwort; er nickt ernst: »Ja, Mütterchen.«
»Und jetzt schlafe, mein Seelchen, ich bin müde.«
»Gute Nacht, liebes Mütterchen, morgen wird ein herrlicher Tag sein.«
Es ist noch dunkel in der kleinen Stube, da fühlt Ivan, wie er an den Schultern gepackt und gerüttelt wird. Schlaftrunken öffnet er die Augen: »Ist es schon spät, Mütterchen? Ich stehe schon auf.«
Eine fremde Stimme röchelt auf: »Ivan, ich ersticke! Mache Licht!«
Zitternd entzündet er die Kerze.
Nadja sitzt aufgerichtet im Bett, ringt nach Atem, stöhnt, schluchzend hebt sich ihre Brust, Tränen rinnen aus den starren, entsetzten Augen.
Ratlos steht das Kind vor dem Bett.
»Was fehlt Dir, Mütterchen, was soll ich tun?«
»Ich sterbe, Ivan, ich sterbe,« weint die Kranke auf.
Das Kind beginnt zu schluchzen: »Ich werde Stasia rufen.«
»Schnell, schnell!«
Ivan hastet die Treppe hinauf, rüttelt an des dicken Mädchens Tür; sie ist verschlossen. »Stasia! Stasia!«
»Was ist's?«
»Komm schnell, Mütterchen ... Sie stirbt ...«
Eine Männerstimme brüllt auf: »Verfluchte Bande! Nicht einmal jetzt hat man Ruh. Laß sie sterben!«
Anastasias erschrockene Stimme klingt heraus: »Gleich, Ivan, gleich!« und fährt zornig fort: »Du Bestie!«
Ivan läuft in die Stube zurück. Nadja liegt röchelnd da, aus ihren Mundwinkeln rinnt Blut. Sie packt das Kind an der Hand: »Ivan ... Angst ... Ich ersticke ... Bete ...« Und da das zu Tode erschrockene Kind stumm verharrt, flüstert sie abermals wimmernd: »Bete!«
In Ivans kleinem Kopf wirbeln die Gedanken durcheinander; beten? Er findet keine Worte ... eine große Leere ist in seinem Gehirn. Sternchen tanzen vor seinen Augen, kalter Schweiß perlt ihm auf der Stirne.
Und wieder tönt das verzweifelte Wimmern vom Bett: »Bete für mich!«
Da endlich löst sich die Starre in seinem Gehirn, Worte kommen, irgendwoher, aus schwarzer Ferne, fremde und doch vertraute Worte. Er fällt vor dem Muttergottesbild auf die Knie, schlägt ein Kreuz und betet:
»Boruch ato adonai ...«
Der Tag, auf den Ivan sich so gefreut, ist gekommen. Aber Mütterchen will keine Milch und keine Piroggen; Mütterchen liegt ganz still und weiß im Sonnenschein, und Anastasia hat ihr die Hände auf die Brust gefaltet und zwei brennende Kerzen neben das Bett gestellt.
Anastasia ist trotz der frühen Morgenstunde vollständig betrunken. Sie kniet weinend neben dem Bett, murmelt eintönige Worte, schwankt und trinkt von Zeit zu Zeit ein Gläschen Wodtka.
Ivan kauert erschreckt in einer Ecke.
Die bucklige Schustersfrau bringt Blumen und legt sie auf Nadjas Brust. »Sie soll doch noch den Frühling merken, die Arme.«
Das Zimmer füllt sich mit Sonne. Vor dem Bett betet die betrunkene Dirne; die Worte verwirren sich ihr im Munde, mit schwerer Stimme lallt sie: »Heilige Muttergottes, bitte für sie. Bitte, heilige Muttergottes. Bitte, Muttergottes, für die Heilige!«