Drittes Kapitel.

Der kleine Ivan ist ein geschicktes Kind, schier vermag er Nadja die Zofe zu ersetzen. Er findet das richtige Kleid im Koffer – einen Schrank gibt es nicht im Zimmer –, versteht gar bald, die Haken zu schließen, die feinen Haare zu bürsten und zu kämmen, wenn Nadja dazu allzu müde ist. Auch hat er gelernt, Tee zu kochen, zum Bäcker zu laufen und allerlei kleine Einkäufe zu besorgen.

Er hat das schöne Haus und sein geräumiges Zimmer ebenso rasch vergessen, wie er damals das erste Heim seiner Kindheit vergessen hat, ist schier glücklicher denn zuvor. Nadja ist den ganzen Tag daheim, liegt meist auf dem Bett, plaudert mit ihm, erzählt ihm Geschichten aus der fernen Zeit, als »ich noch ein kleines Mädchen war«. Wenn nur die Nächte nicht wären, diese unheimlichen, einsamen Nächte. Am Abend kleidet sich Nadja an, legt ihn zu Bett, und geht fort. Kaum ist der Knabe allein, so foltern ihn unbegreifliche Ängste, Gespenster, die seinem Gedächtnis entsteigen. Kracht nicht die Treppe? Tönen nicht dumpfe Schritte? Wer schleicht vor der Tür umher? Gleich wird sie aufgehen, etwas Entsetzliches wird geschehen. Leise wimmernd kriecht er unter die Decke und schließt krampfhaft die Augen, bis endlich der Schlaf sich seiner erbarmt.

Spät nachts oder früh morgens wecken ihn dann Nadjas schleppende Schritte auf den Treppenstufen. Sie schwankt herein, erschöpft, zitternd vor Müdigkeit, mit glühenden Wangen und fieberglänzenden Augen. Er schlüpft aus dem Bett, hilft ihr beim Entkleiden, deckt sie fürsorglich zu und legt sich, in eine Decke gewickelt, zu ihren Füßen nieder. Bisweilen murmelt sie schon halb im Schlaf: »Ein guter Abend, Ivan, morgen können wir uns satt essen«, und schläft noch im Reden ein.

Manchmal jedoch kommt sie nach zwei Stunden wieder heim, und Ivan hat gelernt, diese Abende zu fürchten, das verzweifelte Weinen, das: »Wir werden beide verhungern!« Er sitzt auf dem Bett, streichelt die schluchzende Frau, küßt ihre heißen Hände und weiß sich keinen Rat.

Die Tage werden immer kürzer, kalter, schneidender Wind heult durch die Straßen. Nadja kommt halb erstarrt und frostbebend heim. Eines Abends ist sie nicht allein, ein häßlicher, roh aussehender Mann tritt nach ihr in die Stube. »Ein Kind hast Du auch?« ruft er lachend, als er Ivans ansichtig wird. Nadja lacht ebenfalls, Ivan wundert sich über ihre Lustigkeit.

»Soll denn der Fratz hier bleiben?« fragt der Mann etwas verdrießlich.

»Nein, um Gotteswillen!« Nadja scheint ganz erschrocken zu sein. »Ivan, Herzchen, geh ein wenig vor die Tür, ich ... ich habe mit dem Herrn zu sprechen.«

»Sprechen!« Der Mann lacht brüllend vor Vergnügen.

»Und komm erst wieder, wenn ich Dich rufe.«

Ivan gehorcht. Er sitzt auf der Türschwelle im dunklen Korridor und horcht ängstlich auf jedes Geräusch. Wird der Mann dem Mütterchen nichts zuleide tun? Warum lachen die beiden so viel? Der Knabe zittert vor Kälte und Angst, schließlich fängt er zu weinen an. Wie lange die beiden sprechen! Aber er hört ja ihre Stimmen gar nicht mehr, sicherlich tut ihr der Mann etwas zuleide. Plötzlicher Zorn übermannt ihn, warum muß er hier draußen sitzen, ganz allein, und der fremde Mann darf in der warmen Stube sein? Seinen müden Kopf deucht unklar, daß er immer draußen gesessen hat, allein, frierend, in der Dunkelheit, nicht nur heute abend, nein, viele, viele Abende, jahrelang, immer. Und es wird auch immer so sein. Andere werden behaglich in hellen, warmen Stuben sitzen und lachen. Er aber hockt im Dunkeln und weint. Wer war es nur, der immer weinte? Eine ferne Erinnerung steigt in ihm auf: Ein Mann, der um einen zerstörten Tempel weinte ... nein, es war eine Frau, die um ihren Sohn weinte, den ihr böse Menschen getötet hatten, die Frau auf dem Bilde, das in der Ecke hängt ... Oder war es noch anders? Einmal hatte er bei Nadja einen jungen Mann gesehen, mit blassem Gesicht und wilden Augen, der hatte laut geschrien, wie im Zorn: »Ihr trinkt und feiert Feste, und draußen vor euren Türen stöhnt und weint das Volk!«

Die müden Augen fielen ihm zu, unklar jagten Worte durch seinen Kopf: »der Mann, der um den Tempel trauert ... die Mutter, der sie den Sohn getötet haben ... das Volk ... sie weinen alle, alle ...«