Zweites Kapitel.

»Christ ist erstanden!« Der dicke Kaufmann aus Nischni Nowgorod küßt Nadja auf die Stirn, und sie entgegnet gläubig: »Er ist wahrhaft erstanden« und fügt hinzu: »Was haben Sie mir mitgebracht, Michail Michailowitsch?«

Er lacht und zieht ungelenk den schweren Pelz aus. »Herrliche Dinge, mein Täubchen, einen Ring mit einer schwarzen Perle und eine alte Uhr. Der Händler sagt, sie habe dem ersten Kaiser der Franzosen gehört.« Er wirft sich in einen bequemen Lehnstuhl, keucht und betrachtet Nadja mit vergnügtem Grinsen.

Nadja dehnt sich auf der Chaiselongue, bläst blaue Rauchwolken in die Luft, spielt mit einer Perlenkette, die ihren Hals schmückt. Sie lächelt ein wenig verlegen. »Michail ...«

»Ja, Teuerste?«

»Es hat bei uns ein Pogrom gegeben.«

»So ...«

»Ich glaube, es sind an die dreihundert Juden erschlagen worden.«

»Schadet nichts, es gibt ihrer immer noch zu viel.«

Nadja wirft einen hastigen Blick nach dem schweren seidenen Fenstervorhang, hinter dem sich etwas regt.

»Kleine Kinder haben dabei alle ihre Angehörigen verloren.«

»Man muß sich in Gottes Willen fügen.«

Nadjas schlanke Finger trommeln ungeduldig auf der Tischplatte.

»Ganz kleine Kinder, Michail Michailowitsch.«

Der dicke Kaufmann rückt unruhig auf seinem Sessel hin und her. Nadja betrachtet ihn von der Seite.

»Dauern Sie die kleinen Kinder nicht?«

Ein merkwürdiger Ausdruck huscht über des dicken Kaufmanns Gesicht, eine Art erschrockener Grimm, doch entgegnet er gleichmütig: »Alle Menschen verlieren früher oder später ihre Eltern.«

Nadja setzt sich mit einem plötzlichen Ruck auf.

»Wissen Sie, Michail Michailowitsch, was Gregor Stepanowitsch neulich über Sie gesagt hat?«

»Was denn?«

»Sie seien gar kein Russe, seien ein getaufter Jude!«

Des dicken Kaufmanns Gesicht erglüht plötzlich dunkelrot, er schnauft vor Wut, wendet die Augen von Nadja ab: »Der verfluchte Hund! So zu lügen! Ich, ein Jude! Es ist ...«

Nadja lacht laut auf, ein listiger Zug legt sich um ihren kleinen Mund. »Komm heraus, Ivan!« ruft sie unvermittelt.

Der Vorhang wird zurückgeschlagen, das Kind tritt ins Zimmer, nicht mehr der kleine Moische, schmutzig, ungepflegt, mit zerrissenen Kleidern, nein, Ivan, in schwarzem Sammetanzug mit großem Spitzenkragen, gekämmtem Haar, sauberem Gesicht. Die großen schwarzen Augen blicken zwar noch immer schreckhaft, doch eilt das Kind voll Vertrauen zu Nadja hin.

»Was ist das?« Michail Michailowitsch starrt verblüfft auf den kleinen Eindringling.

»Das ist ein Judenkind.« Nadja betont jedes Wort, »dem sie die einzig lebende Anverwandte erschlagen haben. Ich habe es zu mir genommen. Sind Sie mir böse, Michail?«

Fragend, bereit beim geringsten Widerspruch in Zorn auszubrechen, blickt sie den dicken Kaufmann an. Der aber scheint seine ganze Umgebung vergessen zu haben. Starr hängen seine Augen an dem blassen Kindergesicht, bohren sich in die zarten Züge, die trotz ihrer Unreife bereits die Rasse verraten. Seine fetten, mit Diamantringen geschmückten Hände zittern, er schluckt hörbar.

»Nun?« Nadjas Stimme klingt ungeduldig.

Der dicke Kaufmann zieht sein Taschentuch hervor und schneuzt sich heftig. Dann murmelt er halb zu sich: »Ein Judenkind! Eine Waise!« Und plötzlich mit verbissenem Zorn: »Möge Gott sie strafen!«

Nadja lächelt befriedigt. »Sie sind also nicht böse, Michail?«

Echtes Gefühl verleiht dem gedunsenen, roten Gesicht plötzliche Würde. »Gott wird es Ihnen lohnen, mein Täubchen. Und ... falls Sie einen Wunsch haben ...«


So blieb denn der kleine Ivan bei Nadja, schlief in einem weichen Bett, aß sich täglich satt, erhielt von Nadjas Freunden die herrlichsten Spielzeuge und wurde allmählich ein verwöhnter kleiner Herr.

Die ersten Wochen lastete das Erlebte noch schwer auf ihm. Er schrak zusammen, wenn er laute Stimmen hörte, wollte nicht auf die Straße gehen, fuhr des Nachts schreiend aus dem Schlaf. Auch um die Großmutter weinte er, um die treue, nimmermüde Liebe, die seine Kindheit schützend umhüllt hatte. Nadja war zu ihm gut und zärtlich, doch fand sie nie Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen. Das Kind verbrachte seine Tage einsam in dem schönen, hellen Zimmer, das die Frau für den Knaben eingerichtet hatte.

Nach einigen Monaten war das Vergessen wie ein schwarzer Schleier auf Ivans Denken gefallen. Er kannte kein anderes Leben, als die behagliche Üppigkeit in dem schönen Hause; wußte nicht mehr, daß er gehungert und gefroren hatte, daß ihm auf der Straße große böse Buben »grindiger Judenbengel« nachgeschrien und ihn mit Steinen beworfen hatten.

In Nadjas duftendem, prunkendem Schlafzimmer hing in der einen Ecke ein Muttergottesbild, vor dem Tag und Nacht ein rotes Lämplein brannte. Nadja lehrte das Kind, sich vor dem Bild verneigen und ein Kreuz schlagen.

»Wer ist die Frau mit dem Kind?« fragte Ivan.

»Die Muttergottes.«

»Und wer ist die Muttergottes?«

Nadja lächelte verlegen: »Die Mutter des Heilands. Wenn Du brav und fromm bist, wird sie Dich immer beschützen.«

»Beschützt sie Dich?«

»Sie wird sich meiner erbarmen.«

»Bist Du brav und fromm?«

Das schöne Gesicht drückte sich gegen den lockigen Kinderkopf und ward dunkelrot. »Nein, mein kleiner Ivan; deshalb mußt Du, wenn Du vor der Muttergottes das Kreuz schlägst, immer sagen: »Heilige Jungfrau, bete für Nadja, die arme Sünderin.«


Zwei Jahre waren verflossen, Ivan zählte nun bereits sechs Jahre. Er war zu einem schmächtigen Knaben mit blassem Gesicht und leuchtenden schwarzen Augen herangewachsen. Die Zeit war ihm vergangen wie ein Traum. Zwei herrliche Sommer in Peterhof, wo er am Meer spielen und baden durfte, zwei Winter in der Stadt. Nun kam der dritte Frühling, den er mit Nadja verlebte. Doch schien, er wußte nicht warum, nun plötzlich alles anders zu werden. Die vielen Besuche, die lachend in den Salons saßen und Champagner tranken, blieben aus; Nadja selbst, die sonst nie daheim war, wenn es keine Gesellschaft gab, saß tagelang allein in ihrem Schlafzimmer, lag müde und verdrossen auf dem Bett, starrte in den Spiegel und weinte bisweilen, was Ivan stets sehr erschreckte. Sie hustete, war mager geworden und wurde oft von jäher Ungeduld erfaßt, die auch den Knaben nicht verschonte.

Einmal fand er sie vor dem Spiegel sitzend und ihre Wangen mit einer roten Puderquaste betupfend. Die eine Wange war weiß, während die andere rosig schimmerte. Dies deuchte dem Kinde äußerst drollig und es lachte. Da warf Nadja die Puderquaste auf den Boden, vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu schluchzen. »Du siehst es auch schon, Du! ... Wie eine alte Hexe sehe ich aus, Nikolai Tichonowitsch sagte gestern zu mir: »Sie müssen sich erholen, Nadja.« Ich weiß, was das heißt. Keiner will mich mehr. Und früher, auf den Knien haben sie vor mir gelegen, die Hunde! Und Du lachst, herzloses Kind. Du wirst nicht lachen, wenn wir verhungern, in einer Dachkammer verrecken.« Sie sprang auf, trat vor den Spiegel und riß mit zitternden Händen den Schlafrock herunter. »Da, schau das an, diese Knochen, diese eingefallenen Brüste. Aus ist es mit mir, aus. Wir können betteln gehen. Und Du lachst!«

Das erschrockene Kind begann zu weinen; Nadja kniete sich neben es hin. »Weine nicht, mein Täubchen, mein Seelchen. Ich werde Dich nicht verlassen. Die Muttergottes wird mich gesund machen, und ich werde an Michail Michailowitsch nach Nischni Nowgorod schreiben, der soll uns nach dem Süden schicken. Und wenn ich dann zurückkomme, gesund und schön, dann werde ich es den Hunden schon zeigen. Weine nicht, mein kleiner Ivan.«

Der Brief ging ab, doch kam nicht die Antwort von Michail Michailowitschs klobiger Hand geschrieben, eine feine spitze Frauenschrift teilte »Fräulein Nadja Sklowski« mit, sie habe den ihr unverständlichen Brief erhalten und glaube, es müsse sich um ein Mißverständnis handeln, ihr verstorbener Gatte habe sich nie im Leben, bestimmt aber nicht seit seiner Verehelichung, mit leichtfertigen Personen abgegeben.

Der Sommer kam, drückende, luftlose Hitze lag über der Stadt, die Sonne brannte auf das Pflaster nieder, die Straßen wurden öder und menschenleerer, Nadja weinte immer öfter, häufig kamen Männer, die lange Bogen Papier vorlegten und etwas zu verlangen schienen, und dann widerhallten die schönen Räume von groben Worten und Beschimpfungen. Ivan flüchtete erschrocken in eine Ecke und kam erst wieder zum Vorschein, wenn die Männer abgezogen waren.

Eines Tages begann Nadja zu packen. Ivan freute sich, als er inmitten des Schlafzimmers den großen Koffer erblickte. »Gehen wir ans Meer?« fragte er freudig.

Nadja lachte böse auf. »Ans Meer! Ja, ich habe einen Palast am Meer gemietet; wir sind ja so vornehme Herrschaften. Weißt Du, wo wir hingehen? Dorthin, woher wir beide kommen, in den Schmutz, in den Rinnstein.«

Und dann weinte sie wieder und hustete und warf Kleider und Wäsche und Schuhe kunterbunt in den Koffer.

Ein schäbiger Einspänner brachte Nadja und den Knaben in ihr neues Heim. Keiner der Diener, keines der Mädchen begleitete sie. In einer engen, übelriechenden dunklen Gasse machte der Wagen Halt. Der Kutscher trug den Koffer unzählige schmutzige Treppen hinauf und schob ihn in eine kleine Stube, die er fast ausfüllte. Dann brummte er über das geringe Trinkgeld und stampfte schwerfällig die Stufen hinab; der Klang seiner Schritte hallte dumpf gegen die schwarzen Mauern.

Ivan sah sich im Zimmer um, ein Bett, ein Waschtisch, zwei Stühle und ein kleiner wackeliger Tisch. An den schmierigen Wänden hatte die Feuchtigkeit seltsame Muster gezeichnet, die Decke war rauchgeschwärzt. Die schwere Luft roch nach Kohl und Spülwasser. Eine beklemmende Angst erfaßte den Knaben, all dies hatte er schon einmal gesehen, doch gehörte zu diesem Bilde noch etwas anderes. Warum glaubte er, gleich würde die Tür aufgehen, böse Menschen würden eintreten, brüllen, fluchen, Drohungen ausstoßen? Jählings fühlte er sich ganz klein, ganz verlassen. Er schmiegte sich an die Frau, wollte bei ihr Schutz suchen. Nadja jedoch stand reglos in der Mitte der Stube, die verkrampften Hände hingen schlaff herab. Ihre Augen starrten vor sich hin, ein leises Keuchen drang aus ihrer Kehle. Wie unheimlich war diese Stille, wenn sie doch sprechen wollte, nur ein einziges Wort!

»Mütterchen,« er zupfte sie am Rock.

Sie schien es nicht zu bemerken, starrte mit geweiteten, verzweifelten Augen die Wand an.

»Mütterchen, wo werde ich schlafen?«

Sie lachte heiser. »Ja, mein Prinzlein, wo wirst Du schlafen? Auf dem Stuhl, auf dem Tisch, auf dem Boden vor meinem Bett?« Sie hustete heftig, dann sich jäh einer anderen Stimmung hingebend. »Sei nicht traurig, Ivan, es wird schon wieder besser werden. Und dann kaufen wir uns ein großes Haus und leben schöner als zuvor.«

Sie trat an den Koffer, warf Kleider und Wäsche achtlos auf den schmutzigen Boden und wühlte unter den Gegenständen etwas hervor. Es war das Muttergottesbild. Sie fand einen Haken an der Wand, befestigte das Bildnis und lachte plötzlich vergnügt wie ein Kind. »Es wird uns Glück bringen, Ivan, ich fühle mich schon besser. Mach aber das Fenster auf, hier ist es zum Ersticken.«

Sie schwankte, tastete sich an den Möbeln bis zum Bett und fiel bewußtlos auf die rauhe, schmierige Decke.