Achtzehntes Kapitel.
Die eine Fackel, die große, hellstrahlende, die seit Jahren in Frankreich geleuchtet hatte, war erloschen. Die anderen bebten im gewaltigen Sturmwind, zitterten, brannten schwächer, immer schwächer – erloschen. Die Nacht des Wahnsinns breitete sich über die Länder, drang in Geister und Seelen. Ätzendes Lügengift spritzte aus Worten und Schriften, lähmte die Gehirne. Herden waren die Menschen geworden, sinnlos verschreckte Herden, denen des Hirten gellender Angstschrei den Wolf verkündet. Besinnungslos trieben sie vorwärts, rissen alle mit, zertraten unter ihren Füßen, wer im irren Lauf nicht Schritt halten konnte. Keiner riß sich los aus der Herde, keiner schrie den Betörten die Wahrheit zu. Wurde wirklich keine Stimme laut oder versank sie im Gebrüll der Masse? Wo waren die Führer? Wo die Männer, deren Geist durch Jahrzehnte die Menge gelenkt hatte? Verkrochen sie sich feige vor dem Sturm, wurden auch ihre Hirne geblendet, wie das des Unwissendsten ihrer Anhänger?
Aus geballten Leidenschaften und niedrigem Neid, aus Ehrgeiz und Habsucht, aus Feigheit und Leichtgläubigkeit formten die Menschen mit eigenen Händen den Moloch, das Ungeheuer mit den tausend Fangarmen und der unersättlichen Gier, das Mordgespenst, Tod und Verderben atmend. Und sie erhoben es, beteten es an, in selbstzerfleischender Raserei und nannten es Vaterland.
Vaterland! Nie mehr wird nach diesen furchtbaren Jahren ein Denkender dies Wort aussprechen können, ohne zu schaudern. Daß zwei heilige Dinge verbunden den Dämon ergeben können, der die Menschheit vernichtet! Vater: Hüter, Pfleger, Schützer der Seinen; Land: gütiger, nährender Boden, korngoldene Felder, Fruchtbarkeit, Segen.
Eine Fackel erlosch nach der anderen, hatten sie jemals gebrannt? In allen Parlamenten stimmten die Vertreter des Volkes für die Kriegskredite, nur in Serbien fanden zwei Männer den Mut, ihre Stimmung dagegen zu erheben und in Deutschland verließ bei der Abstimmung einer den Saal. Ein einziger!
Wo waren die Führer? Blinde und Verräter sprachen zum Volke, Blinde und Verräter drängten sich, des eigenen Vorteils eingedenk um den Kaiser. Schwarze Druckerschwärze spie Geifer unter die Menge.
Der Generalstreik? »Die anderen sollen damit anfangen,« hieß es in jedem Land, »dann werden wir ihrem Beispiel folgen. Wir dürfen unser Land nicht preisgeben.«
Urplötzlich hatten sie alle ein Land, die Menschen, die noch vor Wochen die ganze Welt Heimat genannt und der Grenzpfähle gespottet hatten. Und hatten ein Volk, die früher nur die »Internationale« gekannt. Jene, die außer dem Klassenkampf jeden Kampf zurückgewiesen hatten, sprachen mit volltönenden Worten auf offenem Markte von »unserem« Krieg, forderten Geknechtete, Unterdrückte auf, mit ihren Herren die Brüder zu bekämpfen.
»Gott hat Wahnsinn in die Welt geblasen und keiner vermag sich dessen zu erwehren,« seufzte Abraham Löw, als an einem Abend nach der englischen Kriegserklärung die Freunde bei Lene zusammengekommen waren.
»Wir sind angegriffen worden, wir müssen uns verteidigen!« warf Philipp Schermann ein.
»Wir sind nicht angegriffen worden,« entgegnete Johannes hart, und Gioia rief zornig: »Diese Lügen tragt Ihr ins Volk, um es für den Krieg zu begeistern!«
»Sollen wir unseren Boden den Feinden preisgeben?« fragte Philipp empört.
»Was ist der Boden gegen die Menschen?« Frau von Reuters milde, alte Stimme bebte. »Ich kann gar nicht auf die Straße gehen und die jungen, starken Leute ansehen, die abmarschieren. Rotwangig, stramm, singend schreiten sie einher und sind doch nur Gespenster, Tote, die sich noch als Lebende fühlen. Mir ist zumut, als müßte ich die Züge zum Stehen bringen, welche Menschen, gesunde, lebensvolle Menschen in den Tod tragen.«
»Und keiner tut etwas, keiner,« sagte Anatol düster, »die einen haben den Kopf verloren, die anderen, wie wir, sitzen daheim und jammern.«
»Deutschland ist an dem Krieg nicht schuld! Die Feinde haben ihn uns aufgezwungen!«
»Die Feinde? Philipp, wer sind die Feinde? Die unseligen Proletariermassen, die aus allen Ländern an die Front getrieben werden, oder die Regierungen im eigenen Lande?«
»Er redet schon ganz ›vaterländisch-korrekt‹,« höhnte Anatol. »Die Feinde! Du hast Dich schnell zurechtgefunden, mein guter Philipp.«
»Laß jetzt die dummen Hänseleien.« Philipps frisches Gesicht färbte sich dunkelrot. »Jetzt, wo das Vaterland in Gefahr ist, ist die Zeit des Haarspaltens vorbei. Das haben auch unsere Führer eingesehen und haben für die Dauer des Krieges den Kampf gegen die Regierung eingestellt. Wir können nicht anders handeln, aber die Sozialisten in den anderen Ländern, die es viel leichter haben, als wir, sind zu Verrätern an der ›Internationale‹ geworden.«
»Die Internationale,« meinte Lene sinnend, »klingt das Wort nicht wie ein Hohn? Wir meinten einen unzerstörbaren Bau aufgeführt zu haben, und beim ersten Sturm stürzt er zusammen.«
Der alte Rabbiner blickte wie betäubt im Kreise umher: »Ein stolzer Bau, fest stand der Tempel Jehovahs zu Jerusalem und dennoch ward er zerstört, doch wenn der Herr die Seinen versammelt, wird auch der Tempel wieder aufragen auf dem heiligen Berg. Viele Tränen werden die Mauern reinwaschen und der Schuldlosen Blut wird die Steine aneinanderkitten, wie Mörtel.«
Anatol war aufgeschnellt. »Ich ertrage euer nutzloses Gejammer nicht länger. Johannes, Gioia ...« er zog die beiden in eine Ecke und sprach eifrig auf sie ein.
»Ich habe Boris Isralew zu mir ins Haus genommen,« sagte Frau von Reuter, »als Russe und Revolutionär dürften ihm allerlei Schwierigkeiten drohen, so kann ich ihn mit meinem Namen schützen.«
»Ich hoffe, Sie werden aber auch darauf achten, gnädige Frau,« warf Philipp Schermann ein, »daß er keine kriegsfeindliche Hetze treibt. In diesem Augenblick ...«
»Wenn Sie gegen kriegsfeindliche Hetzer vorgehen wollen, lieber Philipp,« unterbrach ihn die alte Dame mit gelassenem Lächeln, »so müssen Sie bei mir anfangen. Ich leugne es nicht, daß ich bei jeder Gelegenheit gegen den Krieg rede und es auch stets tun werde.«
Philipp Schermann wurde etwas verlegen. »Sie können meinen Standpunkt nicht recht verstehen, gnädige Frau. Sie als geborene Engländerin ...«
»Sie sind es, der es nicht verstehen kann, Philipp. Ich würde in meiner Heimat ebenso handeln. Aber ihr scheint alle vergessen zu haben, daß man nicht nur Deutscher oder Engländer, Österreicher oder Russe ist, sondern in allererster Linie Mensch. Und als Mensch darf man wohl international sein, denke ich.«
Gioia und Johannes schickten sich zum Gehen an, und die anderen folgten ihrem Beispiel. Anatol setzte sich neben seine Frau auf das kleine Sofa. »Lene, die alte Frau hat mich auf einen Gedanken gebracht. Zu den Truppen können wir nicht gelangen, wohl aber zu den Eisenbahnern. Die muß man bearbeiten.«
Sie nickte. »Du willst es versuchen?«
»Ja, sofort. Heute nacht geht wieder ein großer Truppentransport vom Friedrichsbahnhof ab, Kerner hat es mir erzählt, einer seiner Freunde ist dort angestellt.«
»Ich gehe mit Dir.«
»Nein, Lene, die Sache dürfte gefährlich werden. Du darfst nichts riskieren, des Kindes wegen.«
Sie schlang die Arme um ihn. »Und Du? Und Du?«
»Kleine Lene, liebster, bester Kamerad, versuche nicht, mich zurückzuhalten.«
Sie war sehr blaß geworden. »Nein, das tue ich nicht.« Dann fuhr sie leiser, mit nicht ganz fester Stimme fort: »Weißt Du, Anatol, wie glücklich ich all die Jahre mit Dir war?«
Er drückte sie fest an sich.
»Was werden sie Dir tun, wenn sie Dich erwischen?«
»Ich weiß es nicht,« damit erhob er sich.
»Setz' Dich keiner unnötigen Gefahr aus.«
»Nein, Lene, Du wirst für unsere Sache weiterarbeiten, auch wenn ich nicht wiederkommen sollte.«
Er ging. Sie schaute ihm durchs Fenster nach, verfolgte mit ihren Augen die rasch ausschreitende Gestalt, bis sie ihren Blicken entschwand.
Auf dem Bahnhof herrschte wildes Gedränge, Stimmen klangen durcheinander, eilige Schritte dröhnten in der gewölbten Halle. Keuchende Maschinen bliesen schwarzen Rauch von sich, Wachen schritten auf und ab, blickten mit starren, gelangweilten Gesichtern auf das Treiben.
Plötzlich schien die geordnete Arbeit zu stocken. Alles drängte sich nach einer Stelle, wo auf hoch übereinandergestapelten Kisten ein Mann stand. Sein blasses Gesicht ragte über die vielen ihn umdrängenden Köpfe auf. Laut, mit wilder, verbissener Heftigkeit sprach er zu der Menge:
»Was treibt ihr da? Ihr arbeitet! Wißt ihr auch, was eure Arbeit bedeutet? Mord bedeutet sie, Mord an eueren Brüdern. Ohne euere Arbeit würden die Züge nicht abfahren. Euere Arbeit schleppt die anderen in den Tod, als schlepptet ihr jeden einzelnen an der Hand ins Verderben. Legt die Arbeit nieder! Wie oft habt ihr gestreikt, wenn es sich um eine erbärmliche Lohnerhöhung handelte, heute, da es um Menschenleben geht, könnt ihr euch nicht genug tun an der Arbeit für die Herren. Wie oft fiel in eueren Versammlungen das Wort: »Wir wollen nicht länger für die Herren arbeiten!« Heute mordet ihr für sie. Arbeiter, kein Zug geht ab, wenn ihr es wollt. Gebt das Beispiel! Wenn unsere Brüder in den anderen Ländern, die ihr mit törichtem Nachbeten die ›feindlichen‹ nennt, von euerer Tat hören werden, auch sie ...«
Er wurde von rückwärts zu Boden gerissen; vier Soldaten drangen auf ihn ein. Er wehrte sich aus allen Kräften. Wilde Beschimpfungen prasselten auf ihn nieder. »Schurke!« »Verräter!« »Spion!« »Saujud! Schlagt ihn tot!«
Der diensthabende Offizier trat vor. »Fesselt ihn!«
Der Mann wurde abgeführt.
Die Arbeit nahm ihren Fortgang; Gedröhn, Gerassel, eilende Schritte, Rufe, schrille Pfiffe erfüllten den Bahnhof. In der Nacht schleppten pustende Lokomotiven überfüllte Wagenreihen nach dem Osten.