Siebzehntes Kapitel.
Wenn sich der Bergbach dem Abhang naht, über den er als tosender Wasserfall in die grausige Tiefe stürzt, so eilen die kleinen Wellen, treiben eine die andere mit wilder Hast vorwärts, springen über Stein und Geröll, als könnten sie es nicht erwarten, in die fremde unheimliche Tiefe zu stürzen, als riefe sie das Verderben mit lockender Stimme, trügerisches Glück vorspiegelnd, mit sanften Worten Tod und Unheil verschleiernd. Und die kleinen Wellen hasten und jagen, ahnen nicht die Gefahr, ermuntern einander zu immer rascherem Lauf und stürzen hinab, ehe sie sich's gewahr geworden. – –
Derart flogen die Jahre, angezogen von einem unbekannten entsetzlichen Grauen, das in Nacht verborgen auf sie lauerte. Bisweilen zuckte freilich ein Blitz durch die Wolken und wies auf den steil abfallenden Hang, dann warnten einige, die weiser waren, als die andern: wir treiben dem Verderben zu! Die meisten jedoch lachten ihrer und verspotteten sie als Träumer, die am hellen Mittag Gespenster sehen.
Boris Isralew gehörte zu diesen verlachten Propheten. »Seht ihr denn nicht, daß wir uns täglich mehr der Katastrophe nähern?« pflegte er den Freunden zu sagen, »glaubt ihr das Rüsten der Völker, das Hetzen der Presse bedeute nichts, sei belangloses Spiel? Arbeitet, arbeitet, klärt die Massen auf, reißt die Giftblume, die sich Patriotismus nennt, mit der Wurzel aus. Merkt ihr denn nicht, ihr Narren, wie sie in allen Beeten aufwuchert und mit ihrem schwülen Duft die Gehirne der Menschen verwirrt und betäubt?«
Auch Savin schrieb ähnliches aus Rußland: »Es bereitet sich ein Verbrechen vor, das ungeheuerlichste der Weltgeschichte. Unsere Regierung fühlt das Nahen der Revolution, sie wird mit allen Mitteln das Volk ablenken. Wir tun, was wir können, arbeitet auch ihr. Jede Stunde ist von unermeßlichem Wert.«
Die Freunde lachten: »Ihr seid verrückt, ihr Russen. Noch nie stand der Gedanke des Internationalismus auf so festen Füßen. Glaubt Ihr denn wirklich, ein Arbeiter würde gegen den anderen Arbeiter ziehen? Wenn es nottut, ist im Verlauf weniger Stunden in allen Ländern der Generalstreik proklamiert, dann können die Herrscher sich gegenseitig bekriegen, wenn sie es wollen, kein Arbeiter tut mit!«
Am überzeugtesten verfocht Philipp Schermann diese Ansichten, wenn sie im kleinen Kreise zur Sprache gebracht wurden. »Ihr kennt den deutschen Arbeiter nicht, scheint gar nicht zu wissen, welche Kulturhöhe er erreicht hat. Er läßt sich nicht mit faulen Schlagworten fangen, wie dies beim Romanen oder im Osten der Fall sein könnte. Außerdem unterschätzt ihr unsere Führer; kein einziger würde für Kriegskredite stimmen.«
Kerner schüttelte den grauen Kopf. »Der Führer bin ich nicht so sicher. Seit einiger Zeit weht ein ›deutscher‹ Wind durch ihre Reden, auf die Arbeiter jedoch kann man sich verlassen. Der Gegensatz zwischen den Klassen hat sich in den letzten Jahren ungeheuer verschärft; niemals wird das Proletariat für die Herren in den Krieg ziehen. Es wird nur noch einen einzigen Kampf ausfechten – seinen eigenen.« – –
So kamen der Sommer mit Glut und Duft, der Winter mit glitzernder Kälte; mit rasender Schnelligkeit drehte sich das Rad der Zeit, Minute peitschte Minute dem Verderben entgegen.
Der kleine Freundeskreis hatte sich wenig verändert. Lene und Anatol waren verheiratet, und ein kleiner schwarzäugiger Knabe lärmte durch ihre bescheidene Wohnung. Johannes hatte sein Studium beendet und eine Praxis begründet, die ihm allerdings wenig eintrug, da er meist arme Leute zu Patienten hatte. Gustav hatte sich in der Gelehrtenwelt einen guten Namen errungen. Er war noch immer der alte Bücherwurm und vergrub sich nach wie vor in seinen einsamen Zimmern. Friedrich hatte nach der Schwester Heirat völlig mit ihr gebrochen, seine Empörung war grenzenlos und sein ganzes Bestreben darauf gerichtet, vor den Regimentskameraden zu verbergen, daß er eine Schwester habe, die Frau Silberblatt hieß. Er war es auch, der den Zorn der Eltern gegen die ungeratene Tochter stets von neuem bestärkte und darauf bestand, daß ihr die Rückkehr ins Elternhaus verboten werde. Der Gymnasialprofessor freilich brauchte hierzu nicht erst aufgestachelt zu werden, und Frau Selder fügte sich auch hierin seinen Wünschen, wie sie sich ja ihr ganzes Leben gefügt hatte, doch stand in jedem ihrer Briefe an Gustav schüchtern, als Postskriptum, die Frage: »Wie geht es Lene?«
Seit einem halben Jahr war der kleine Kreis um ein Mitglied größer geworden. An einem Dezemberabend hatte es an Lenes Wohnungstür geklingelt, und als sie öffnen ging, stand Gioia Stramwitz auf der Schwelle. »Darf ich bei Euch bleiben?«
»Ja, selbstverständlich, aber ...«
Gioia hielt Lenes Hand fest: »Frag' nicht viel, ich bin totmüde, nimm mich auf. Wir lassen uns scheiden.«
»Na endlich!« rief Lene etwas taktlos und zog die Freundin in das behagliche Wohnzimmer. Allmählich erfuhr sie die ganze Geschichte. »Ich ertrug es nicht länger,« erzählte die junge Frau, die schmal und blaß geworden war. »Konnte nicht mehr mit ansehen, wie Heinz mit seinen Leuten umging. Kannst Du Dir vorstellen, daß er sie schlug – mit dem Stock? Und wenn ich eine Einrede wagte, hieß es: ›Das ist mein Haus, hier geschieht, was ich will!‹ Und dann immer die versteckten und offenen Vorwürfe der Familie, daß ich noch keinen Sohn habe. ›Das schöne Gut, wer soll es denn einmal übernehmen?‹«
»Armes Kind!«
»Ich habe die Zähne zusammengebissen, redete mir ein, es sei meine Pflicht, bei Heinz zu bleiben. Dann aber geschah etwas, über das ich nicht mehr hinwegkommen konnte. Unser Vorarbeiter hatte eine nette, junge Frau, ein liebes, zartes Geschöpf. Die beiden Leute waren so glücklich miteinander, und als die kleine Frau ein Kind erwartete, ging sie immer mit einem ganz verklärten Gesicht umher. An einem Abend, es war ein furchtbares Wetter, Regen und Sturm, kam der Vorarbeiter zu meinem Mann und bat ihn, um den Arzt zu schicken, bei seiner Frau hätten die Wehen begonnen.
›Bei diesem Wetter meine Pferde anspannen und zwei Stunden laufen lassen?‹ schrie Heinz den Mann an. ›Sie sind wohl verrückt geworden?‹ Der Mann blieb ganz ruhig, ich sah, wie ihn die Angst um seine Frau quälte. ›Sie ist eine schwache Frau,‹ sagte er, ›ich bitte den gnädigen Herrn recht herzlich. Frau Gräfin, Sie sind immer gut zu uns gewesen, helfen Sie uns jetzt.‹
Nun baten wir beide, der Mann mit Tränen in den Augen, ich zitternd vor unterdrückter Empörung. Heinz geriet in Zorn: ›Euere Weiber werfen ja wie die Hündinnen!‹ schrie er. ›Heute abend kommt mir kein Pferd aus dem Stall.‹ Und er klingelte und befahl dem Kutscher zu sagen, er solle darauf achten, daß kein Pferd angespannt werde. Lene, des Mannes Gesicht! Diese hilflose Wut, diese Verzweiflung! Ich ging mit ihm zu seiner Frau. Es war eine schreckliche Nacht. Gegen Morgen gebar die Frau ein kleines totes Kind, und eine Stunde darauf starb sie selbst. Der Mann war ganz still, er sagte kein Wort. Nur einmal, als er an mir vorbeikam – ich weinte in einer Zimmerecke –, streichelte er meinen Arm und sagte: ›Weinen Sie nicht, Sie haben alles getan, was Sie konnten, und für die Frau ist es besser, tot zu sein. Der Herr hätte uns ohnehin entlassen, und wo hätten wir so schnell Arbeit gefunden? Die Gutsherren nehmen nicht gern eine Familie mit einem kleinen Kind, weil die Frau dann nicht zur Arbeit gehen kann.‹
Am Vormittag kam Heinz mich holen. Die Stube war voller Menschen, Frauen waren gekommen, um die Tote zu sehen. Ich war wie von Sinnen. Als Heinz eintrat, zeigte ich auf das Bett und schrie ihm ›Mörder!‹ zu. Und als er mich anherrschte, verlor ich den letzten Rest von Selbstbeherrschung. ›Du willst einen Sohn von mir, Du Verbrecher!‹ schrie ich, ›Du wirst mich nicht mehr anrühren. Ich werde Dich beim Gericht anklagen, Du Mörder! Du Mörder!‹
Die Leute drängten sich um uns. ›Komm' nach Haus, Gioia,‹ sagte er erschrocken.
›Ich werde nie mehr Dein Haus betreten.‹ Ich wandte mich an die Leute: ›Gebt nicht zu, daß er mich anrührt.‹
›An die Arbeit, Gesindel, oder ihr seid alle entlassen!‹ brüllte Heinz. Und die Leute schlichen scheu hinaus, bis auf ein paar alte Frauen.
Ich bin auch nicht mehr ins Schloß zurückgegangen. Die Mutter des Müllers hat mich bei sich aufgenommen. Jetzt ist die Scheidung eingeleitet. Meine Eltern sind über mich empört und wollen nicht, daß ich zu ihnen zurückkehre. Da habe ich an Dich gedacht, Lene. Ihr wollt doch die Verbrecher, die Mörder vernichten, nehmt mich auf. Ich muß die tote Frau rächen und die anderen unzähligen Opfer.«
Als Lene den Freunden von Gioia erzählte, nickte Boris Isralew befriedigt. »Aus diesem Holz werden die Fanatiker geschnitzt. Sie soll nur bei uns bleiben. Ich werde darauf achten, daß sie keine unnötigen Dummheiten macht.«
Gioia fügte sich leicht in den Kreis ein. Sie war zu jeder Arbeit bereit, und Anatol, der es verstand, alle Fähigkeiten der Menschen auszunützen, entdeckte gar bald, daß die junge Frau eine vorzügliche Rednerin war. Der lodernde Haß ihrer Worte riß die stumpfsten Zuhörer mit, in kurzen Sätzen reihte sie Bild an Bild, Ungerechtigkeit an Ungerechtigkeit, bis im Saal ein ungeheuerliches Gemälde von Knechtung, Unrecht und Menschenleid aller Augen erfüllte und sich unauslöschlich in die Gehirne einbrannte.
»Die verkörperte Revolution,« meinte ein junger Maler, der sich den Freunden angeschlossen hatte, »so müßte man sie malen. Mit dem rotleuchtenden Haar, das wie Flammen aufloht. Alles ist an ihr Leben, Bewegung, treibender Haß.« –
Sie hatten sie alle lieb gewonnen, freuten sich ihrer Lebenskraft, ihrer Glut. Einem jedoch deuchte sie eine Offenbarung – Johannes. Ihre freudige Lebenslust schien ihm eine erwärmende Flamme. Jede Verzagtheit, jede Mutlosigkeit verging in ihrer Nähe. Die grauen Kinderjahre, das Gefühl der Einsamkeit, die ihn bisweilen noch bedrückten, verschwanden aus seinem Gedächtnis, eine farbenfrohe, leuchtende Welt tat sich ihm auf, ihm war, als habe er endlich die sonnige, beseligende, lang gesuchte Heimat gefunden.
»Sie ist gerade das Richtige für unseren Träumer,« meinte Lene erfreut zu ihrem Mann, »sie wird ihn aufrütteln.«
»Er schaut sie an, wie ein Kind den Weihnachtsbaum,« lachte Anatol, »mit ganz verklärten Augen.«
Johannes aber, der stille und verschlossene, wagte kein Wort, bis sie einmal abends nach einer Versammlung heimgingen. Vor Lenes Wohnung machten sie Halt. Plötzlich erfaßte ihn übermächtig die Sehnsucht nach dieser Frau und ihm war, als müsse er sterben, wenn sie jetzt von ihm ginge. Er hielt ihre Hand fest. »Gioia, geh nicht zu den anderen, komm' mit mir, Du gehörst mir.«
Sie schwieg einen Augenblick. – Da brach alle Sehnsucht des Heimatlosen, alles Verlangen des Einsamen in stammelnden Worten aus ihm hervor. Ungelenke, fast kindische Sätze der Leidenschaft, der Liebe. Und abermals wiederholte er, wie um es sich selbst zu versichern: »Du gehörst mir!«
»Das weißt Du erst jetzt?« fragte sie leise. Nicht nur die Worte, der ganze Ton der warmen Stimme gaben ihm Antwort.
Er schlang in der Dunkelheit die Arme um sie, und so strebten sie nach seiner kleinen Stube. Von draußen dufteten die Linden herein. Ein leiser Wind bewegte den Vorhang am offenen Fenster.
In Sarajewo war der österreichische Thronfolger ermordet worden. »Was geht das uns an? Ein Habsburger weniger,« meinte Philipp Schermann gelassen. Aber Anatol war anderer Ansicht. »Ein günstiger Vorwand für die Kriegspartei.«
»Bei uns ist sie viel zu schwach, um Unheil zu stiften,« behauptete der andere überzeugt, »sie schreit, rasselt mit dem Säbel und wagt doch nichts zu tun, weil sie ganz genau weiß, sie hat im Fall einer Kriegserklärung das ganze Volk gegen sich.«
»Aber in den anderen Ländern,« meinte Lene sorgenvoll.
»England ist aus Vernunftsgründen gegen den Krieg,« entgegnete Frau von Reuter, die, den kleinen Emanuel auf den Knien, am Fenster saß, »es weiß genau, welch ungeheuerer materieller Schaden ihm daraus erwachsen würde.«
»Und in Frankreich sind die Sozialisten zu mächtig, außerdem haben sie dort einen Mann, der die Massen in der Hand hält. Jaurès wird mit allen Kräften den Krieg verhindern.«
Der alte Abraham Löw saß zusammengekauert in einer Ecke. Seit dem Mord von Sarajewo hatte ihn tiefe Traurigkeit befallen. Er schwieg unentwegt, schien die an ihn gerichteten Worte nicht zu hören, starrte mit entsetzten Augen in die Ferne, als ob er dort etwas Furchtbares erblicke.
Ein herrlicher Sommertag strahlte mit sonnenbegnadeter Glut über Berlin. Lene deckte den Tisch und seufzte ein wenig über Anatols Unpünktlichkeit. Boris Isralew, den die Sonne aus dem Zimmer gelockt hatte, stand am Fenster, auch Abraham Löw hatte sich wie gewöhnlich zum Mittagessen eingefunden. »Mir scheint, es werden Extrablätter verkauft,« sagte Boris, »die Leute rotten sich zusammen. Ich werde eines holen gehen.«
»Nein, Boris, Sie sollen nicht die vielen Treppen steigen, Anatol muß ja gleich kommen, dann werden wir alles erfahren.«
»Böses bereitet sich vor,« murmelte Abraham Löw in seiner Ecke.
Die Tür wurde aufgerissen, Anatol erschien, atemlos vom eiligen Gang, sehr blaß. »Jaurès ist ermordet worden!«
»Jaurès!«
Ein Glas entfiel Lenes Händen und zerscherbte auf dem Fußboden. »Unmöglich! ... Wann? ... Wer hat es getan?« ... Fragen überstürzten sich. Dann verstummten alle. Schwere Furcht, böse Ahnungen lasteten über der kleinen Stube. Und plötzlich erhob der alte Mann in der Ecke seine Stimme, sie klang dumpf und verzweifelt. »Wehe, es stehen Fackeln im Winde und leuchten durch die Nacht. Die eine große, hellstrahlende hat der Sturm verlöscht, und die anderen zittern und brennen schwächer und schwächer. Wehe, auch sie werden verlöschen. Nacht bricht herein und treibt aus die Helle. Nacht herrscht allerorten, und durch das Dunkel schreit der Jammer zum ehernen Himmel auf!«