Sechzehntes Kapitel.

Tannenduft durchzog das Haus, im Wohnzimmer schmückte Frau Selder den Weihnachtsbaum, während Friedrich in einen Lehnstuhl hingelümmelt von seiner Garnison erzählte. Gustav, Johannes und Lene waren am vorhergehenden Abend eingetroffen; Herr Selder hatte diesmal auf einem »trauten Weihnachtsfest« bestanden, das alle im Elternhaus vereinigte. Bis auf Friedrich, der sich äußerst gut mit dem Vater verstand, waren sie widerstrebend gekommen. Lene, die einen besonderen Grund hatte, den Eltern etwas Liebes zu erweisen, hatte die beiden jungen Männer mit vieler Mühe überredet, mit ihr zu fahren.

Nun saßen sie alle drei in Lenes Zimmer. Gustav gähnte laut. »Eine teuflische Einrichtung, diese Familienfeste. Was haben eigentlich die Eltern davon, wenn wir uns nun hier langweilen? Daß Du herkamst, Lene, begreife ich noch, Du willst Deine letzte christliche Weihnacht feiern.«

Lene lachte, dann wurde sie ernst. »Wenn ich daran denke, wie sehr ich die Eltern kränken werde, ist mir gar nicht heiter zumute.«

»Warum tust Du es dann; hast Du eine solche Leidenschaft für Anatol?«

Sie gab ihm keine Antwort, starrte in die Schneeflocken hinaus, die ein heftiger Wind gegen das Fenster peitschte. Leidenschaft schien bei ihrer Liebesgeschichte wirklich keine Rolle gespielt zu haben. Sie hatten sich derart aneinander gewöhnt, daß sie sich das Leben nicht mehr anders vorstellen konnten. Die ganze Sache war höchst einfach und prosaisch gekommen. Vor drei Wochen saß sie bis spät in die Nacht bei Anatol, der ihr einen Artikel in die Schreibmaschine diktierte; als sie sich erhob, um heimzugehen, meinte er: »Es ist wirklich langweilig, daß Du immer fortgehen mußt; bisweilen fällt mir in der Nacht etwas ein, das am Morgen noch erledigt werden müßte, dann bist Du natürlich nicht da.«

»Daran ist leider nichts zu ändern.«

Er schaute sie nachdenklich an. »Bist Du eigentlich schon einundzwanzig?«

»Ja, seit Ostern. Weshalb?«

»Du bist also Dein eigener Herr?«

»Gott sei Dank!«

»Dann sehe ich wirklich keinen Grund, weshalb wir nicht heiraten sollten.«

Sie starrte ihn an. »Heiraten?«

»Warum bist Du so erstaunt? Wir vertragen uns gut, ich kann mir keine bessere Sekretärin vorstellen, außerdem bist Du recht nett.«

»Aber ...«

»Entschließe Dich, Lene,« drängte er, »es ist wirklich schon spät.«

»Du könntest mir wenigstens sagen, daß Du mich lieb hast und mir einen Kuß geben,« meinte sie vorwurfsvoll.

»Verzeih, das hab' ich ganz vergessen, das versteht sich ja auch von selbst.« Er küßte sie auf die frischen roten Lippen, seine Augen irrten von ihrem Gesicht zu dem Manuskript: »Du hast Dich schon wieder vertippt, dort, in der zweiten Zeile.«

Nein, er war kein leidenschaftlicher Bräutigam, aber wenn Lene an ihn dachte, wurde ihr dennoch froh ums Herz. Er war ihr bester Freund und der Mensch, dessen unbeugsamen Willen und zähe Arbeitskraft sie am meisten bewunderte. Da beide wußten, Lenes Eltern würden in diese Heirat niemals einwilligen, hatten sie beschlossen, sich im Januar trauen zu lassen und es erst als vollzogene Tatsache der Familie Selder mitzuteilen.

Johannes und Gustav erfuhren die Verlobung bereits am nächsten Tag. Gustav nahm die Ankündigung mit seiner gewohnten Ruhe auf. »Um so besser, dann werde ich wieder ungestört arbeiten können.« – –

Johannes Stimme unterbrach Lenes Gedanken. »Nun ist Savin schon in Rußland.«

»Ja, schade, daß er fortfuhr. Er hätte ebensogut in Berlin bleiben können.«

»Er wollte die deutsche Nüchternheit loswerden, wieder einmal revolutionäre Luft atmen.«

»Hoffentlich bleibt er nicht zu lang fort.«

Gustav dehnte sich: »Ich gehe schlafen, das ist ja nicht zum Aushalten vor Langweile.«

Die ganze Familie war um den Christbaum versammelt, auch Ilse mit ihrem Mann und den zwei Kindern hatte sich eingefunden. Lene war still und ein wenig gedrückt, Gustav verbarg nur mit Mühe seine Langeweile. Herr Selder sah sich mit stolzer Rührung im Kreis der Seinen um. »So hat uns das heilige Fest wieder alle vereint. Wie schön ist doch der Gedanke, daß an diesem Abend in unserem Vaterland allüberall der Christbaum brennt und aller Herzen des Herrn gedenken.«

»Es gibt auch etliche hunderttausend Einwohner, die keine Christen sind,« bemerkte Gustav mit unnötiger Genauigkeit.

Der Gymnasialprofessor warf ihm einen strafenden Blick zu. »Ich spreche nur von unseren Volksgenossen, die anderen zählen nicht.«

Friedrich hatte sich Lene genähert. »Die Mutter erzählte mir, Du seiest mit der jungen Gräfin Stramwitz sehr befreundet. Du könntest mich mitnehmen, wenn Du das nächstemal dort Besuch machst. Ich kenne ja ihren Mann.«

»Gioia lernt nicht gerne fremde Leute kennen.«

»Gioia, Du nennst sie Gioia? So intim seid ihr? Du bist doch klüger, als ich dachte, verstehst gute Verbindungen anzuknüpfen. Vielleicht laden sie Dich einmal nach Berlin ein. Sie führen ein großes Haus, sogar der Kronprinz verkehrt bei ihnen.«

Ilse klagte halblaut ihrer Mutter. »Adolf hat so viel Ärger mit seinen Untergebenen. Die Leute werden täglich frecher. Das macht ihn furchtbar nervös. Und gerade jetzt, wo ich das Kind erwarte ...«

Johannes hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und betrachtete die Szene. »Trauliche Weihnachten!« Wie fremd waren sich doch alle diese Menschen, wie wenig verstanden sie einander. Er gedachte der vielen Weihnachtsabende, die er in diesem Haus verbracht hatte. Stets war es das gleiche gewesen, erzwungene Feststimmung. Die alte Kindertraurigkeit befiel ihn. So hatte er als kleiner Knabe in einer Ecke gehockt, fremd unter Fremden. Draußen im Leben, wo es Arbeit gab, kannte er dieses Gefühl nicht mehr, dort hatte er seinen Platz gefunden, hatte die Menschen gefunden, zu denen er gehörte.

Die Männer der Familie hatten sich zusammengesetzt, Ilse und Frau Selder spielten mit den Kindern. Lene hatte unbemerkt das Zimmer verlassen. Einzelne Worte drangen zu Johannes herüber. Er hörte Friedrichs schnarrende Stimme: »Disziplin ... Ordnung halten ... Die verdammte rote Bande ...« Und Adolfs heiseres Organ: »Mit Maschinengewehren dreinfahren ...« »Unser Kaiser wird schon mit ihnen fertig werden,« das war der Gymnasialprofessor ... »Ja, Mama, die kleine Annie kann schon ganz richtig singen, ich habe sie den Weihnachtspsalm gelehrt ... Willst Du ihn nicht Großmama vorsingen, mein Herzchen?« Friedrich wurde warm: »Dieser verdammte faule Friede! Deutschland geht daran zugrunde. Und die anderen Nationen werden immer übermütiger. Wir brauchen einen frisch fröhlichen Krieg, dann ...« Die kleine Annie hatte sich aufgestellt, sie hielt die Händchen gefaltet und sang mit ihrer schrillen dünnen Kinderstimme: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«