Fünfzehntes Kapitel.

Im kleinen Pfarrhausgarten stand der hübsch gedeckte Kaffeetisch mit der altmodischen dickbäuchigen silbernen Zuckerdose und den kleinen, zierlichen Meißener Täßchen, die noch von des Pastors Mutter stammten. Der alte Mann trippelte mit kleinen Schritten geschäftig hin und her, schnitt von seinen geliebten Rosenstöcken die schönsten Blüten und legte sie, nachdem er sorgsam die Dornen entfernt hatte, auf das blendend weiße Tischtuch. Lene Selder saß in einem tiefen Korbsessel und sah lächelnd seinem Treiben zu.

»Jetzt ruhen Sie sich aber aus, Herr Pastor,« sagte sie schließlich. »Alles ist wunderschön und Sie dürfen sich nicht müde machen, bevor der Besuch kommt.«

Der alte Mann legte ihr eine schöne Rose auf den Schoß. »Zum Dank, daß Sie gekommen sind, um mir zu helfen. Die arme, fremde, kleine Frau wird sich freuen, jemanden zu finden, mit dem sie französisch sprechen kann. Mit ihrem Deutsch hapert's immer noch ein wenig.«

Er setzte sich neben Lene. »Seien Sie recht freundlich zu der jungen Frau, ich glaube, das arme Kind fühlt sich hier sehr verlassen und fremd. Ich kümmere mich ja nicht um das Geschwätz der Leute, aber man hört doch so allerlei.«

»Wie ist Heinz Stramwitz auf die Idee verfallen, eine Italienerin zu heiraten?«

»Er hat sie in Florenz kennen gelernt. Die Großmutter der jungen Frau war eine weitläufige Verwandte der Stramwitz.«

Die alte Haushälterin kam eilfertig gelaufen, ihr freundliches rotes Gesicht glühte vor Aufregung: »Die Herrschaften kommen!« rief sie atemlos ....

Der alte Pastor ging seinen Gästen entgegen, während er sie begrüßte, betrachtete Lene die beiden mit Interesse. Heinz Stramwitz hatte sich wenig verändert, das war noch dasselbe herrische, arrogante Gesicht, der gleiche kalte Blick. Seiner hohen, gutgewachsenen Gestalt fehlte jede Biegsamkeit. Wie er mit dem alten Mann spricht! dachte Lene empört. Diese liebenswürdig herablassende Art, wie zu einem Untergebenen. Dann fiel ihr Blick auf die junge Frau. Gioia, Freude, wie der Name zu ihr paßte! Alles an dieser schlanken Gestalt schien Lebensfreude zu atmen, die warmschimmernden rotbraunen Haare, die großen, leuchtenden braunen Augen, der frische rote Mund. »Armes Kind,« meinte Lene bei sich, »was tust Du in unserer nüchternen, farblosen Gegend?«

Gioia Stramwitz schien ein wenig befangen. Artig, wie ein schüchternes Kind, beantwortete sie des alten Pastors Fragen. Sie sprach fehlerlos deutsch, doch redete sie langsam, etwas stockend, als ob sie die Worte suchen müsse. Heinz Stramwitz begrüßte Lene höflich, erkundigte sich nach Friedrich und Gustav.

Die Stimmung am Kaffeetisch war eine frostige, unbehagliche, das Gespräch stockte stets von neuem und der alte Pastor warf Lene hilfesuchende Blicke zu. Diese wandte sich an die junge Frau. »Vielleicht sprechen Sie lieber französisch, Gräfin?« Sofort leuchteten die braunen Augen auf. »Sie sprechen französisch? Wie schön! Da können wir richtig miteinander plaudern.«

»Du sollst Dich doch endlich daran gewöhnen, deutsch zu sprechen, Gioia!« warf ihr Mann etwas ungeduldig ein.

Sie blickte fast ängstlich zu ihm auf. Der alte Pastor legte sich ins Mittel: »Kommen Sie, Graf, Sie wollten ja meine Bienenstöcke sehen; wir lassen die beiden Damen hier.«

Heinz Stramwitz folgte dem alten Mann in die Richtung des Hofes, und Gioia wandte sich lebhaft in französischer Sprache an Lene. »Woher können Sie französisch? Und weshalb habe ich Sie noch nie gesehen?«

Lene lächelte über den Eifer der jungen Frau. »Französisch kann ich noch aus meiner Schulzeit; es ist auch danach. Was Ihre zweite Frage anbetrifft, ich bin seit anderthalb Jahren zum erstenmal wieder daheim.«

»Wo leben Sie?«

»In Berlin.«

»Waren Sie je in Italien?«

»Nein.«

»Schade, ich möchte so gerne mit jemanden zusammenkommen, der Italien kennt und liebt.« Heißes Heimweh klang aus der weichen Stimme und Lene fragte teilnahmsvoll: »Sehnen Sie sich sehr in Ihre Heimat zurück?«

»Mein Gott, wie sehr! Hier ist es ja auch sehr schön,« warf sie halb erschrocken ein, besorgt, die Heimatsliebe des Mädchens verletzt zu haben. »Aber alles ist so farblos, so kalt. Und dieser endlose Winter! Ich bin ganz verzweifelt geworden, als ich die Sonne so lang nicht sah. Auch diese große, graue Ebene ist so traurig. Bei uns gibt es freundliche Landschaften, so blau, mit weich verschwimmenden Hügeln; hier ist alles scharf und kantig, genau wie die Menschen!« Abermals blickte sie verlegen zu Lene auf: »Verzeihen Sie, ich wollte nichts Böses über Ihre Landsleute sagen.«

Lene lachte. »Sie dürfen es ruhig tun, auch ich finde die Leute hier entsetzlich. Haben Sie viele Bekannte?«

Gioia nickte betrübt. »Sehr viele, Heinz hat ja so unzählige Verwandte. Wir haben viel Besuch und ich weiß nie, was ich mit den Leuten reden soll; Kinder habe ich keine, ich weiß vom Berliner Hofleben nichts und anderes interessiert sie nicht. Mir tun die Leute leid, ihr Leben ist so arm, und es gibt doch so viel Schönes auf der Welt!«

»Schönes?« Lene hatte das letzte Jahr ihres Lebens so viel Elend und Not, Häßlichkeit und Ungerechtigkeit gesehen, daß ihr diese Behauptung recht gewagt klang.

»Ja, natürlich, Bilder, schöne Bauten, Gärten, ein Sonnenuntergang, der San Miniato in Gold taucht, wie ein Märchenschloß. Und Musik und Farben und frohe Menschen.«

Lene runzelte die Stirn. »Und an die vielen Menschen, die nichts Schönes im Leben haben können, an die Armen denken Sie gar nicht, Gräfin?«

Gioia wurde still. »Halten Sie mich für einen schlechten Menschen?« fragte sie mit kindlichem Ernst. »Das macht das Leben hier ja noch viel trauriger. Wie die Menschen leben! Ganze Familien in eine Stube gepfercht, und arbeiten von sechs Uhr früh bis spät abends. Und wie die Gutsbesitzer ihre Leute behandeln, wie die Sklaven, Heinz ...« Sie brach ab, wurde dunkelrot und fuhr dann hastig fort: »Ich möchte mich so gerne mit den Leuten auf dem Gut anfreunden, ihnen helfen, aber sie sind entsetzlich mißtrauisch gegen mich, voller Ehrfurcht, sie sprechen zu mir, als ob ich ein höheres Wesen wäre. Und dann kann ich schlecht Deutsch, da fällt es mir doppelt schwer, den Leuten begreiflich zu machen, daß ich sie lieb habe und nicht dulden will, daß ihnen Unrecht geschieht.«

Mit nachsichtiger Überlegenheit hatte Lene zugehört; ein gutes, liebes Kind, dachte sie. Der Ton jedoch, mit dem Gioia die letzten Worte sprach, ließ sie aufhorchen. Sie wollte etwas erwidern, aber in diesem Augenblick kehrten die beiden Männer zurück.

»Eine Musterbienenwirtschaft hat der Herr Pastor,« bemerkte Heinz Stramwitz gnädig. »Wenn das Gesindel hier nicht so faul wäre, könnte es sich auf diese Art eine hübsche Summe machen.«

Lene ärgerte der hochmütige Ton, sie wollte etwas entgegnen, der alte Pastor jedoch schien dies zu erraten. Er legte ihr begütigend die Hand auf den Arm. »So, Lenchen, jetzt kommt der Tugend Lohn,« er kramte in seinen weiten Taschen und zog eine Schachtel Zigaretten hervor. »Die kleinen Mädchen von heute rauchen ja alle.«

»Bitte, geben Sie mir auch eine,« bat Gioia. Ihr Mann machte ein ärgerliches Gesicht. »Das ist bei uns nicht Sitte, liebes Kind,« bemerkte er schroff.

»Ich meine, es ist keine so große Sünde, ein wenig Rauch in die Luft zu blasen,« begütigte der Pastor.

Gioia warf ihm einen dankbaren Blick zu und sagte in ihrer hübschen, stockenden Art: »Ich wollte Sie etwas fragen, Herr Pastor. Der kleine Sohn unseres Müllers ist krank, er soll in der Sonne liegen. Wo kann ich hier einen guten, weichen Liegestuhl bekommen? Ich habe schon vergeblich in allen Geschäften gesucht.«

»Meine Frau posiert auf die Menschenfreundin,« meinte Heinz Stramwitz spöttisch, »das wird ihr schon vergehen, wenn sie erst sieht, wie undankbar das Gesindel ist. Man darf die Leute nicht verwöhnen, sonst werden sie frech. Aber meine Frau will das nicht einsehen. Sie macht bei jedem kranken Knechtskind Geschichten, als ob es sich um unsereins handeln würde. Dabei schadet es doch wirklich nichts, wenn so ein schmutziger Fratz daraufgeht, die Leute kriegen ja ohnehin jedes Jahr ein anderes, wie die Kaninchen.«

Lene war nicht mehr zu halten. »Würden Sie von Ihren eigenen Kindern auch so sprechen, Graf Stramwitz?« fragte sie mit zornbebender Stimme.

Er sah sie verblüfft an: »Das ist doch ganz etwas anderes, Fräulein Selder.«

Lene blickte verstohlen nach Gioia. Die junge Frau war ganz blaß geworden, sie biß sich in die Unterlippe und warf ihrem Mann einen haßerfüllten Blick zu. Das liebe, gute Kind dürfte gar nicht so zahm sein, dachte Lene schadenfroh, die wird dem braven Heinz noch recht unbequem werden.

Der alte Pastor streichelte beschwichtigend die schmale, weiße Hand der jungen Frau: »Ich werde Ihnen den Liegestuhl verschaffen, Gräfin.«

Gioia hielt die gütige alte Hand fest. »Sagen Sie nicht ›Gräfin‹, lieber Herr Pastor, und auch Sie, Fräulein Selder, nennen Sie mich Gioia. Sie beide sind die ersten wirklichen Menschen, die ich hierzulande getroffen habe!«

Peinliches Schweigen folgte diesem Ausbruch. Dann begann der alte Mann hastig von gleichgültigen Dingen zu sprechen. Als der Wagen vorfuhr, bat Gioia Lene, sie recht bald zu besuchen. »Schon morgen, kommen Sie zum Mittagessen und bleiben Sie den ganzen Nachmittag.«

Als die beiden fortgefahren waren, setzte sich der alte Pastor mit einem Seufzer der Erleichterung neben Lene.

»Die Frau gefällt mir,« meinte sie.

Er nickte; sein freundliches, runzliches Gesicht wurde traurig: »Armes Kind! Armes Kind!« –

»Du scheinst verrückt geworden zu sein, Gioia,« herrschte Heinz Stramwitz seine Frau an, als der Wagen die Chaussee entlang rollte, »Du vergißt, daß diese Leute nicht zu unserem Kreis gehören. Der alte Pastor ist ein braver Mann, und auch Herr Selder ist höchst ehrenhaft, aber immerhin, es sind doch Bürgerliche. Mit denen ist man hierzulande nicht so intim!«

»Sie gefallen mir jedenfalls viel besser, als Deine Verwandten und Freunde,« entgegnete Gioia trotzig.

»Ich sage ja nicht, daß Du mit ihnen nicht liebenswürdig sein sollst, aber Du kannst doch nicht das Gefühl haben, daß sie zu uns gehören,« meinte er etwas milder, »ihr im Ausland nehmt die Sache leider viel zu leicht. Bei uns hingegen versteht man den nötigen Abstand zu wahren.«

Sie hatte seine letzten Worte nicht beachtet. »Zu uns gehören,« wiederholte sie nachdenklich, »ich gehöre ja auch nicht zu euch, Heinz.«

»Als meine Frau gehörst Du in unseren Kreis. Außerdem brauchst Du nicht gar so bescheiden sein. Auch Deine Familie ist von gutem, alten Adel. Die Forragianis wurden bereits im fünfzehnten Jahrhundert geadelt. Und dann noch eines: Diese Lene Selder soll in Berlin in einem unmöglichen Milieu verkehren, Sozialisten, Juden, Anarchisten und wie diese Leute heißen mögen. Ich möchte nicht, daß Du Dich von ihren Ideen beeinflussen läßt. Ich weiß, es gilt auch bei einigen unserer Kreise für modern, liberale Ansichten zu haben, ich jedoch dulde das in meinem Hause nicht. Es hat noch kein Mitglied der Familie Stramwitz gegeben, das sich Liberalismus zuschulden kommen ließ, und es soll auch keines geben.«

Gioia schwieg. Daheim angelangt eilte sie in ihren kleinen Salon. Über dem Flügel hing ein großes Bild von Florenz. Mit heimwehschweren Augen betrachtete sie die schlanken Türme, die in den sonnigen Himmel strebten, die sanften Hügel, welche die Stadt einrahmten. Dann warf sie durchs Fenster einen schier feindseligen Blick auf die große Ebene. Ja, sie haßte dieses Land, haßte seine Gräue und Eintönigkeit, und auch die Menschen haßte sie, diese harten, kantigen Menschen mit ihren beschränkten Ideen, ihrem törichten Hochmut. »Ich gehöre nicht zu euch,« schluchzte sie auf, das Gesicht in die Hände vergrabend, »werde nie zu euch gehören, und will es auch nicht.«

Sie sank aufs Sofa und weinte bitterlich. Über ihr lächelte im sonnigen Glanz Florenz, die Stadt der Blumen und der Helle, in das dunkelnde Zimmer.