Vierzehntes Kapitel.
Der Zug pustete durch die graue Vorfrühlingslandschaft. Märzsturm griff mit wuchtigen Händen nach den Rauchwolken und zerriß sie in dünne Streifen, die er über den blaßblauen Himmel jagte. Der große Fluß, endlich von seinen Eisketten befreit, war in unbändigem Freiheitsdrang über die Ufer getreten, überschwemmte die Ebene, die, farblos in die Fluten übergehend, einem einzigen ungeheueren Meer glich. Mürrische Kiefern streckten sich verschlafen, warfen die winterlichen Nadeln ab, schlanke Birken, noch unbelaubt und dennoch frühlingsduftig und frisch in ihren weißen Gewändern, reckten sich der liebkosenden blassen Sonne entgegen. Am Horizont durchschnitt in scharfer Zickzacklinie ein Schwarm Wildenten die Luft.
Lene beugte sich weit aus dem Kupeefenster; seltsam wehmütige Freude erfüllte sie ganz. Wie schön war doch die Heimat, von einer trostlosen, bitteren Schönheit, die sich einem mehr ins Herz stahl, als gesegnetere, süden-begnadete Gegenden. Auch ein wenig bang war ihr zumute; nach anderthalb Jahren fuhr sie zum erstenmal heim. Die Mutter war mit Ilse, die im Winter krank gewesen, in den Süden gereist, und Lene sollte sie daheim ersetzen. Sie verließ ungern Berlin, doch fühlte sie, auch ihr würde eine kurze Rast wohltun; Johannes und seine Freunde hatte ihre Arbeitskraft redlich ausgenützt; jede Stunde des Tages hatte eine Beschäftigung mit sich gebracht. Savin war über ihre Abreise empört gewesen; hatte prophezeit, sie werde sich vom trägen Bourgeoisleben einfangen lassen, womöglich heiraten, zumindest verändert, unbrauchbar wiederkommen.
Lene lächelte, als ihr dies einfiel. Das letzte Jahr hatte sich mit seinen Erlebnissen und Bildern in ihre Seele eingebrannt. Träumerisch versuchte sie die stärksten Eindrücke zurückzurufen; Bilder, Stimmungen kehrten wieder, so lebendig, daß sie völlig vergaß, wo sie sich befand.
Der erste Mai in Berlin; strahlender Sonnenschein, ein tiefblauer Himmel. »Kaiserwetter«, sagte ein behäbiger Bürger zu seiner Frau, vergessend, daß dieser Tag einem anderen Herrscher geweiht war, dem enterbten, einzig berechtigten Herrscher der Welt, dem Volke, das sich alljährlich einmal seiner Herrscherwürde bewußt wird. Die Linden entlang kam der Zug, endlos, unübersehbar, Kopf an Kopf. Organisation folgte auf Organisation, die Hände, deren Arbeit die Welt schafft und erhält, ruhten; nicht wie sie am Sonntag ruhen, gedankenlos, trägmüde; nein, mit einer gewissen Würde und Kraft, mit dem Bewußtsein ihrer Macht ruhten sie an diesem, ihrem eigenen Feiertag. Lene entsann sich einer Gruppe, die sie besonders ergriffen hatte – die der »Scheuerfrauen«. »Frauen«, das Wort klang wie Hohn auf diese Geschöpfe angewandt. Unförmige, gebeugte, vom Rheumatismus verkrümmte Wesen, erschöpfte bleiche Gesichter, aufgequollene Leiber schleppten sich mit schweren Schritten dahin, rotblaue, gesprungene Hände hingen matt herab. Und dennoch, auch in diesen müden Augen lag ein Feiertagsglanz, leuchtete Machtbewußtsein; heute waren sie nicht einzelne, überarbeitete, unterernährte Arbeitstiere, heute hatten sie ihren Platz gefunden, waren ein Teil der gewaltigen Masse geworden, deren Forderungen und Hoffnungen zum lenzlichen Himmel aufgeschrien. Organisation um Organisation, Menschen um Menschen, alle von einem Gefühl beseelt, von einem Gedanken getragen. Und an der Spitze des Zuges wehend im Wind das Symbol des Martyriums, das Symbol der Hoffnung, der großen Vereinigung – die rote Fahne.
Das Symbol des Martyriums! Ein Winterabend kam Lene in den Sinn, den sie mit Johannes und Anatol bei Boris Isralew verbracht hatte. Sie waren in der Dämmerung rauchend um den kleinen Ofen gesessen und Boris, der sich wohler fühlte als gewöhnlich, hatte von der russischen Arbeiterbewegung, von ihren Führern und Helden gesprochen.
»Erzähle Lene von Deinem Leben im Gefängnis, das macht dieser unerfahrenen Seele einen ungeheuren Eindruck,« sagte Johannes.
»Ich war ja nur vier Jahre in der Schlüsselburg,« meinte Boris ausweichend.
»Nur vier Jahre!« rief Lene.
»Wissen Sie denn nicht, daß viele unserer Kameraden zwanzig und vierundzwanzig Jahre gefangen waren?« Und nun erzählte er. Vor ihren Augen ragte die trostlose Festung auf der öden Nevainsel auf, von schwerem Nebel eingehüllt, ein Ort des Grauens, des Wahnsinns und des Todes. Aber auch ein geheiligter Ort. Hinter diesen undurchdringlichen Mauern, in Einzelzellen, führten die Besten des russischen Landes ein gefoltertes Leben. Etliche zerbrach die Schwere des Schicksals, die ewige Einsamkeit verwirrte ihren Geist, andere starben freiwillig, um ihren Gefährten zu helfen, auf schauerliche Art. Die meisten jedoch bewahrten sich Kraft und Mut, auch wenn ihre Körper zugrunde gingen. »Die frommen Katholiken des Mittelalters,« meinte Boris, »glaubten, die Heiligkeit der Klöster entsühne die sündige Welt, und die Gebete der Mönche und Nonnen verdichteten sich zu einem Schleier, der schützend zwischen Gottes Zorn und den Menschen schwebte. Was im Mittelalter die Klöster gewesen sind, das waren für Rußland die Gefängnisse. Diese Orte der Qual und des stummen Heldentums entsühnten das Land und bewahrten die Idee vor dem Tode. An der unendlichen Liebe, an der heißen Freiheitsglut unserer Märtyrer entzündeten sich Hunderte von jungen Kämpfern. Jeder Gefangene war eine heimliche Fackel, die die Nacht erhellte und den Weg zur Zukunft wies.«
»Deshalb wird auch Rußland, das Land der höchsten Leiden, das Reich der Zukunft sein, aus dem Licht in alle Länder der Erde dringen wird,« bemerkte Johannes leise.
»Ex oriente lux,« sagte Anatol. »Einmal ist dort das Licht schon aufgeflammt, doch gelang es den Feinden, es zu verlöschen. Lodert es abermals empor, dann wird es so gewaltig sein, daß es alle Länder überschwemmen und die Nacht endgültig vertreiben wird.«
Der Gymnasialprofessor war selbst auf den Bahnhof gekommen, um seine Tochter abzuholen. Er deuchte Lene gealtert, verdrossener denn sonst, obschon er anscheinend über das Wiedersehen erfreut war. Im ersten Augenblick waren beide befangen, standen einander fremd gegenüber. Eine junge Frau stieg aus dem anstoßenden Kupee, Herr Selder grüßte ehrerbietig, half ihr die Tasche aus dem Abteil nehmen und war über die Ablenkung sichtlich froh.
Gemächlich schritten Vater und Tochter durch die Straßen, Herr Selder fragte nach Gustav, erzählte von Ilse und der Mutter. Lene antwortete schier mechanisch. Staunend betrachtete sie die Gebäude, wie klein und eng doch alles war. Ihr schien, als sei die ganze Stadt zusammengeschrumpft.
»Wer war die schöne Frau, die Du auf dem Bahnhof gegrüßt hast?« fragte sie, als eine kleine Verlegenheitspause entstand.
»Die junge Gräfin Stramwitz. Graf Heinz hat vor einem Jahr geheiratet. Leider hat er sich eine Italienerin ausgesucht, seine Eltern waren darüber verzweifelt. Diese Rassenmischung heutzutage ist eine böse Sache. Es kommt ein fremdes Element in ein rein deutsches Haus. Sie hat auch einen ganz verrückten Namen, Gioia, oder so etwas ähnliches.«
»Das bedeutet ›Freude‹, wie hübsch!«
»Es gibt doch bei uns schöne Mädchen genug,« fuhr der Gymnasialprofessor fort, ohne ihren Einwand zu beachten. »Wohlerzogene deutsche Mädchen, geeignetere Mütter für den künftigen Majoratsherrn, als diese Fremde. Ich würde meinen Kindern niemals gestatten, einen Nichtdeutschen zu heiraten.«
»Armer Vater,« dachte Lene, »Deine Kinder werden Dich nicht fragen.«
Sie waren daheim angelangt. Als Lene die Zimmer durchschritt, vermeinte sie nie fortgewesen zu sein. Alles war unverändert. Das rote Plüschalbum lag noch immer auf dem großen Tisch in der Wohnstube, der Mutter Nähkorb stand daneben. Auch die Menschen waren die gleichen, hier in der kleinen Stadt war die Zeit stehen geblieben. An den Kaffeetischen wurden noch immer die alten Themen erörtert: Dienstbotennot, Verlobungen, Hochzeiten, Geburten und Todesfälle. Man las die »Gartenlaube« oder die »Woche«, blieb von jedem politischen Ereignis unberührt, freute sich höchstens, wenn ein neuer Kaiserenkel geboren wurde.
Eine Woche nach ihrer Ankunft begegnete Lene dem alten Pastor. Er ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu. »Der ist auch kleiner geworden,« dachte das Mädchen, die verhutzelte alte Gestalt betrachtend.
Der alte Mann fragte nach Johannes, konnte nicht genug von seinem Lieblingsschüler hören. »Die jetzigen Schüler machen mir gar keine Freude; ich glaube, sie lachen mich heimlich aus,« meinte er wehmütig, »ich verstehe auch die heutige Jugend nicht mehr.«
Wieder einer, sagte sich Lene ungeduldig, den der Fortschritt stört. Doch schämte sie sich dieses Gedankens, da der alte Mann fortfuhr: »Sie hat gar keine menschlichen Ideale mehr. Zu meiner Zeit haben wir mit siebzehn und achtzehn Jahren für die Freiheit und die Menschenrechte geschwärmt, wenn wir auch später brave Spießbürger geworden sind. Heute glaubt die Jugend an Militarismus und Handel. Dazu ist sie so egoistisch geworden, so verständnislos. Und diesen nüchternen Köpfen soll ich Liebe predigen. Freilich, sie kommen auch nie in meine Predigt. Aber daran mag ich schuld sein; ich bin wohl zu langweilig.«
Die gütigen alten Augen sahen so ehrlich betrübt drein, daß Lene sich schwor, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen.
»Wie ist denn die Jugend in der großen Stadt, mein Kind?« fragte er. »Sie kennen bestimmt viele von Johannes Freunden.«
Sie waren unterdessen unbemerkt beim Pfarrhaus angelangt. Der alte Mann zog Lene in den kleinen Garten. Sie setzten sich auf eine Bank in die Sonne, ein uralter Schäferhund humpelte hinkend herbei und rieb den Kopf gegen die Knie seines Herrn.
Lene erzählte von Johannes und den Freunden; sie wurde eifrig. Seit einer Woche durfte sie zum erstenmal reden, ohne vorerst jedes Wort reiflich zu überlegen. Der alte Pastor hörte interessiert zu, nickte beistimmend mit dem weißen Kopf. »Ihr nennt es Sozialismus,« meinte er schließlich, »wir haben es Christentum genannt. Es kommt wohl auf dasselbe heraus. Gott ist die Liebe und die Liebe ist Gott. Wohl uns, wenn wir diesen schlichten Satz erfassen können. Aber«, die alte Stimme wurde jählings hart und schneidend, »was haben wir aus dem Christentum gemacht? Einen Mantel, um unsere Verbrechen zu decken, eine Fahne, unter der wir gegen die heiligsten Gebote sündigen. Die Händler haben den Tempel geschändet und an das Kreuz, von dem sie den Heiland gerissen haben, schlagen sie die Armen. Wann wird der Herr kommen und die Verruchten austreiben?«
Der alte Mann hatte sich erhoben. Plötzlich war jede greisenhafte Schwäche von ihm abgefallen, die kleine Gestalt schien zu wachsen und eine seltene Würde anzunehmen.
Das Mädchen blickte ihn teilnehmend an und dachte: »Merkwürdig, wie er doch jetzt dem alten Abraham Löw, dem Rabbiner, gleicht.«